Liebe Gemeinde, lassen Sie uns einsteigen in die Liedpredigt, in dem wir die erste Strophe gemeinsam singen:
Lied 183 „Wir glauben all an einen Gott“ (Strophe 1)
Dieses Lied schrieb Martin Luther 1524. Die Melodie ist eher unbekannt und langatmig. Keine Notenzeile wiederholt sich. Und auch die Hilfestellung, dass alle Strophen unter den Noten abgedruckt sind, ermöglich keinen spontanen feierlichen Gesang. Entscheidet man sich als Pfarrer, das Credo im Gottesdienst singen zu lassen, nimmt man eher EG 184. Luthers Lied kommt, meiner Meinung nach, besondere Beachtung im Gesangbuch zu nicht auf Grund der Melodie, sondern wegen seines Textes. Luther macht in diesem Lied das öffentliche Bekenntnis der Masse zu einem persönlichen Bekennen des eigenen Glaubens.
Schon in der ersten Strophe beschreibt er Gott zusätzlich als gütigen und fürsorgenden Vater, so wie er es auch im kleinen Katechismus tut. Dort heißt es: „Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat…, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit:… Das ist gewißlich wahr.“ (M. Luther, Kl. Katechismus)
Luther nutzt also dieses Lied dazu, den bekannten Text des Glaubensbekenntnisses mit seinen Überzeugungen anzureichern. Wie würde unser Lied klingen, wenn wir im Credo einige Verse für uns zur Verfügung hätten? Das wäre ein interessantes Projekt. Doch wenden wir uns vor allen Änderungen und Ergänzungen erst einmal dem Text des Apostolischen Glaubensbekenntnisses zu, den Luther zu Grunde legt, und den wir jeden Gottesdienst sprechen. Es ist lang, an Stellen missverständlich, und scheinbar wirr zusammen gebastelt. Welche Sätze fügen Sie dem Bekenntnis im Stillen hinzu oder lassen Sie weg, wenn Sie im Gottesdienst mitsprechen? „Eine Konsenslösung auf einem großen Kongress“, würde man heute abwertend sagen. Welcher Aspekt dieses Textes ist mir beim wöchentlichen Sprechen wichtig?
Es ist zunächst die Gliederung des Bekenntnisses.
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Es besteht, aus drei Artikeln:1 I. Artikel: »Ich glaube an Gott, den Vater«; II. Artikel: »und an Jesus Christus«; III. Artikel: »Ich glaube an den Heiligen Geist«.
Diese Dreiteilung war nicht immer so. Die Urform des christlichen Bekenntnisses, war zunächst 1 Satz: »Jesus (Christus) ist Herr« (Apostelgeschichte 16,31; Römer 10,9; 1. Korinther 12,3; Philipper 2,11). Egal welches Bekenntnis man anschaut, Es geht in den ursprünglichen Bekenntnissen der Christenheit immer um Jesus Christus. Es geht also um unseren heutigen 2. Artikel „Ich glaube an Jesus Christus.“ Dieser Artikel ist der wichtigste und sprachlich auch längste. Auf ihn beziehen sich die beiden anderen Artikel. So heißt es z.B. zu Beginn: „wir glauben an den Vater.“ Gemeint ist Gott, der Vater Jesu Christi. Im dritten Artikel bekennen wir uns zur Vergebung der Sünden, wie sie uns Jesus zugesprochen hat. Wir glauben an die Auferstehung der Toten, die mit seiner Auferstehung eine Dimension in unserem Denken erhielt. Und wir glauben an die Gemeinschaft der Heiligen, d.h. die Gemeinschaft der Getauften, die in der Tradition Jesu getauft werden.
Auch sprachlich kommt die Bedeutung des 2. Artikels zum Vorschein, in den Zeiten der Verben. Zunächst im Perfekt „eingeborenen, empfangen, geboren, gelitten, gekreuzigt, gestorben, hinabgestiegen, auferstanden, aufgefahren“; dann folgt ein Verb im Präsens, in der Gegenwart – »er sitzt zur Rechten Gottes« – und der II. Artikel endet in der Zukunft: »von dort wird er kommen«!

Der 2. Artikel des Glaubensbekenntnisses ist also weit mehr als eine Biographie einer historischen Person. Jesus Christus geht uns an bis in die Gegenwart. Das Glaubensbekenntnis mit dem Fokus auf den zweiten Artikel zu sprechen, öffnet mir den Blick auf Jesus Christus, der weit mehr war als ein Wunderheiler. Von seinen wunderhaften heilenden Taten wird überhaupt nichts gesagt. Taufe und Abendmahl, unsere Sakramente, kommen im Credo gar nicht vor. Seine herausragenden sozialen Kompetenzen wie die Zuwendung zu Kindern, Armen, Sündern, Geächteten werden nicht erwähnt.
Ich als Glaubende werde also bei diesem Bekenntnis nicht gezwungen, biographische Fakten über das Tun und Lassen eines Helden u bezeugen. Von mir wird viel Höheres verlangt: Ich bekenne mich zu meinem persönlichen Bezug zu Gottes Sohn. Martin Luther ergänzt beim 2. Artikel in seinem Lied diese Überlegung durch die Worte „im Glauben“…“ist ein wahrer Mensch geboren durch den Heiligen Geist im Glauben“ sola fide- allein im Glauben- ist dieses Bekenntnis zu Gottes Sohn Wirklichkeit.
Jesus Christus, mein Herr; lasse ich ihn als Herrn zu?  „Jesus Christus ist mein Herr!“ ist eine Formel, die mich selbst relativiert. Es ist mein Bekenntnis zu dem Sohn Gottes, der mich ins rechte Licht gerückt hat. Er zeigt mir durch sein Wort, wo ich inne halten sollte. Jesus Christus eröffnet mir, dass ich mich entscheiden muss zwischen dem Geld oder Gott als meinem Richtungsweiser. Er verweist permanent auf Gott, seinen Vater, damit ich mich vom ewigen Kreisen um mich selbst löse. Spreche oder singe ich also das Glaubensbekenntnis mit Blick auf den zweiten Artikel, fordere ich mich beständig heraus, mein Reden auf seine Redlichkeit zu befragen. Bin ich da, wo Paulus steht? »Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, daß Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet.« (Römer 10,9) Oder bin ich noch auf dem Weg diese Worte aus dem 4.Jh. mit meinem eigenen Christsein abzuwägen?
SINGEN WIR VON EG 183 DIE ZWEITE STROPHE
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Das ursprüngliche Glaubensbekenntnis mit einem Artikel erweiterte sich bereits im Neuen Testament zum dreigliedrigen Bekenntnis. Diese Form wurde nach einer Legende von Ambrosius in der katholischen Kirche jedoch aufgelöst. Hier wurden 12 Artikel gezählt.

I.    Artikel
1     Ich glaube an Gott, den Vater,
den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

II.    Artikel
2     Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
3     empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
4     gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
5     hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
6     aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
7     von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

III.    Artikel
8     Ich glaube an den Heiligen Geist,
9     die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
10     Vergebung der Sünden,
11     Auferstehung der Toten
12     und das ewige Leben. Amen.

Vielleicht wollte man damit die unhistorische Bezeichnung Apostolisches Glaubensbekenntnis belegen. Mit diesen nun 12 Artikeln ist mit einem Schlag der ganze Absatz über Jesus Christus nicht mehr Mittepunkt des Bekenntnisses. Der letzte Absatz über die Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen etc. erhält damit gleich große Bedeutung. Martin Luther stellte sich gegen diese Gleichstellung von Kirche und Evangelium. Er wandte sich dem neutestamentlichen dreiteiligen Credo zu. „Als wäre der Glaube aufs allerkürzeste in so viel Worte gefaßt: ›Ich glaube an Gott Vater, der mich geschaffen hat; ich glaube an Gott den Sohn, der mich erlöset hat; ich glaube an den Heiligen Geist, der mich heilig macht.‹ Ein Gott und Glaube, aber drei Personen, darum auch drei Artikel.« schreibt Luther in seinem großen Katechismus. Und er verfasst in dem Lied die drei entsprechenden Strophen.
In der dritten Strophe ersetzt Luther die für ihn anstößige „heilige katholische Kirche“ mit der „ganz Christenheit auf Erden“. Den Heiligen Geist charakterisiert er wir Paulus als Tröster und Gabenspender. Inhaltlich bleibt diese Strophe sehr stark hinter dem zurück, was Luther ansonsten über den dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses aussagt. Vielleicht liegt es an der begrenzten Notenzahl in dem Lied, vielleicht liegt es auch an den vielen Elementen, die der dritte Glaubensartikel neben dem Heiligen Geist noch weiter aussagt. Ich möchte diese dritte Strophe des Liedes um Luthers Text aus dem Kl. Katechuismus ergänzen. Dort heißt es zum Heiligen Geist: „Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“ (M. Luther, Kl. Katechismus)
Martin Luther betont, dass erst der Heilige Geist es möglich macht, Jesus Christus als den Herrn zu akzeptieren. Erst durch den dritten Artikel bekommt der zweite Artikel sein Gewicht. Für Luther ist klar: Erst mit dem Glauben an jesus, den Christus, ist der Geist gottes in den Menschen wirksam. Wir vertrauen darauf, dass die Lebenswirklichkeit, die uns Jesus Christus offenbart hat, auch an uns offenbart wird. Und dieses Vertrauen sprechen wir in einem Geist aus. Wir vertrauen darauf, dass Jesus mit uns verbunden ist; weit über seinen Tod hinaus. Dieses Vertrauen ist nichts Theoretisches, sondern es ist unser praktisch gelebter Glaube. Gottes Geist hilft uns dabei, dieses Vertrauen heute zu leben. In seinem Geist leben und sind wir. Durch seinen Geist sind wir in der Lage, Jesus, den Herrn zu nennen. (1. Kor 12,3)
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Luther nutzt dieses Lied, um sein ganz persönliche Bekenntnis zu notieren: Gott, als der fürsorgende Vater; Jesus Christus, der Erlöser und schließlich Gottes Geist, der uns miteinander verbindet. Den persönlichen Glauben im Hinterkopf behaltend, erscheint es dann nicht mehr abwegig, den gesamten Text des apostolischen Glaubensbekenntnisses mit all seinen Unklarheiten und historischen Wirrungen laut mit zu sprechen. Es handelt sich bei diesem Bekenntnis aus dem 4. Jh. um eine Konsenslösung, die sich bis heute erhalten hat. Luther ist damit vollauf zufrieden und schreibt 1535: „Das Apostolische Glaubensbekenntnis »haben wir nicht gemacht noch erdacht, die Vorväter auch nicht, sondern wie eine Biene den Honig aus mancherlei schönen, lustigen Blümlein zusammensucht, so ist dieses Bekenntnis aus den lieben Propheten- und Apostelbüchern, das ist: aus der ganzen Heiligen Schrift, fein zusammengefaßt« (Martin Luther, Ein Sermon auff das fest der heiligen Dreifaltigkeit, Predigt Nr. 27 vom 23. Mai 1535 (hg.v. Georg Buchwald und Oskar Brenner), in: WA (Anm. 1) 41. B., Weimar 1910, S. (270-279) 275 Zeilen 29-33)
Genauso fein zusammgenfasst wie das gesprochene Apostolische Glaubensbekenntnis, finden wir das Glaubensbekenntnis mit der nun uns bekannten melodie in einer Strophe. Ich fand es im reformierten Gesangbuch und ich lade dazu ein, dass wir singen nun einmal alle drei Artikel in der abgedruckten einen Strophe zum Abschluss. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all’ unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen“ (Philipper 4,7)

Grundzüge dieser Predigt sind den folgenden Werken entnommen:
- T.Hübner, Leitartikel»Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den heiligen Geist.« in Gemeindebrief 30/89, Ev. Kirchengemeinde Rondorf, 2008, 3-21.
- W. Pannenberg, Das Glaubensbekenntnis ausgelegt und verantwortet vor den Fragen der Gegenwart, Hamburg 1972.

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