Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

 „Schöpfung so herum – oder andersherum?“

Teil 1 der Predigtreihe „Widersprüche in der Bibel“

 

Liebe Gemeinde,
    „Widersprüche in der Bibel“ – gibt es die? Für die einen darf es sie nicht geben, zumindest nicht in letzter Konsequenz. Da mag uns Manches spannungsvoll erscheinen, aber das ist dann eben unserer menschlichen Begrenztheit geschuldet. Der Glaube bräche doch wie ein Kartenhaus in sich zusammen, wenn sich bereits in seiner Grundlage, seiner „Ur-Kunde“, Ungereimtheiten fänden, echte Widersprüche, die nicht auflösbar wären. Aber er muss nicht zusammenbrechen. Denn die biblische Botschaft ist Gottes Wort, und das heißt: sie ist letzten Endes überall eindeutig, klar und als solche verbindlich. Schließlich ist sie unzähligen Menschen zu der Orientierung schlechthin geworden.
    Für die anderen sieht das ganz anders aus: „Aus der Bibel kann man ja alles herauslesen“, so sagen sie. Die Bibel widerspricht sich praktisch Seite für Seite, so sind sie überzeugt. Sie ist Menschenwort, durch und durch. Und taugt deshalb in der Tat gerade nicht als Glaubensgrundlage. Also: weg damit. Schließlich sind mit Verweis auf die Bibel nicht zuletzt auch Kriege geführt, Menschen unterdrückt und ermordet worden.
    Ich persönlich teile weder die eine noch die andere Meinung. Zunächst meine ich: es gilt zu unterscheiden: nicht alles, was in der Bibel widersprüchlich anmutet, ist bei genauerem Hinsehen wirklich widersprüchlich. In der Tat ist Manches erklärbar durch die jeweilige Perspektive dessen, der da schreibt, durch historische Umstände und Manches mehr. Und so können sich Texte, die zunächst völlig gegensätzlich zu sein scheinen, am Ende durchaus als ähnlich erweisen.
      Allerdings bin ich des weiteren dann doch davon überzeugt: es gibt auch echte Widersprüche in der Bibel, solche, die durch keine Interpretation aufgelöst werden können. Es ist vielleicht gerade ein Zeichen echten Respektes gegenüber der Bibel, das anzuerkennen, statt auf Biegen und Brechen Vereinbarkeit zwischen verschiedenen Texten herstellen zu wollen, die ganz einfach nicht vereinbar sind.
      Und dann zögere ich nicht hinzuzufügen: es gibt nicht nur Widersprüche in der Bibel, sondern diese „Heilige Schrift“ enthält durchaus auch „unheilige“ Elemente. Bei gewissen Versen kann es für mein Empfinden nur heißen: „Nein! So nicht! Das ist nicht nur nicht Gottes Wort, sondern auch als Menschenwort ist es untauglich!“ Wobei ich gleich hinzufügen möchte: Ein solches Urteil verdankt sich nicht einfach menschlichem Scharfsinn, sondern in aller Regel bereits der Bibel selber. Bisweilen, so meine ich, werden wir durch die Heilige Schrift selber veranlasst, gewisse Passagen in ihr selber als unheilig zu entlarven!
      All diese Phänomene: falsche und echte Widersprüche in der Bibel sowie auch der Versuch, zur tatsächlichen biblischen Botschaft sogar durch innerbiblische Hindernisse hindurchzudringen und in alledem eine für uns hier und heute angemessene und segensreiche Lektüre der Heiligen Schrift zu gewinnen – all dies soll in meiner diesjährigen Predigtreihe eine Rolle spielen.
      Meine große Hoffnung dabei ist folgende: die Bibel möge sich auch in allen Schwierigkeiten, die sie uns bereitet, immer neu als höchst lebendiges und zutiefst reiches Buch erweisen, auf das zu hören sich lohnt. Wir dürfen und sollen uns von ihr auch mal irritieren lassen; wir müssen auch nicht immer alles an ihr verstehen und uns zueigen machen. Wir sollten aber vor allem immer die feste Hoffnung behalten: dieses „Buch der Bücher“, diese Heilige Schrift hält unendlich Wichtiges und „Nahrhaftes“ für uns bereit.
      Und das tut sie bereits von ihren ersten Kapiteln an, mit denen wir uns heute beschäftigen wollen. Von der Erschaffung der Welt haben wir gehört, genauer: gleich 2 Berichte darüber. Damit beginnt die Bibel. Und was wird uns da erzählt?
      Zunächst, in 1. Mose 1, da ist alles fein säuberlich eingeteilt: 6 Tage benötigt Gott, um alles zu erschaffen, vom Licht, das er von der Finsternis scheidet, so dass sich Tag und Nacht ergeben, über Himmel und Erde, durch die er Wasser und Trockenes voneinander scheidet, weiter über Pflanzen, Himmelskörper, Tiere des Wassers und der Luft, dann Landtiere und schließlich die Menschen, von vornherein erschaffen als Mann und Frau. Am siebten Tag ruht Gott.
      Dieser erste Schöpfungsbericht fällt durch verschiedene Eigentümlichkeiten auf, deren ich nur einige nennen möchte: das Schema der Woche mit 6 Arbeitstagen und einem Ruhetag klang bereits an; in diesem Zusammenhang findet sich am Ende eines jeden Tages die Wendung: „Da ward aus Abend und Morgen der 1., 2., usw. Tag.“ Ab dem 3. Tag schließt sich die Wendung an: „Und Gott sah, dass es gut war.“ Und nach Tag 6 heißt es zusammenfassend sogar: „Und siehe, es war sehr gut.“
    Weiter: der Schöpfer heißt konsequent „Gott“, und er erschafft seine Kreaturen, indem er sie ins Leben ruft – „Schöpfung durch das Wort“ nennen wir das in der Theologie. Die Sprache des Berichtes hat etwas Ermüdendendes; dieselben Wendungen kehren ein ums andere Mal wieder. Zugleich wirkt das Ganze eben auch durch und durch strukturiert, wie an der Schnur gezogen.
    Dann aber 1. Mose 2: Der zweite Schöpfungsbericht klingt völlig anders: zunächst heißt der Schöpfer konsequent „Gott der HERR“. Im Hebräischen steht hier der Gottesname, den die Juden nicht aussprechen. Häufig setzen sie da, wo dieser Name in der Bibel auftaucht, stattdessen das Wort „Adonaj“, und genauso hat Luther es in seiner Übersetzung auch gemacht. Weiter finden wir eine völlig andere Reihenfolge der Schöpfungswerke vor als im ersten Bericht: es wird sogar ausdrücklich betont, dass noch keine Pflanzen erschaffen worden waren, da erschafft „Gott der HERR“ den Menschen, der sich später als Mann entpuppt. Und wie erschafft er ihn? Aus Erde vom Acker. Hier klingt der Beruf des Töpfers an. Danach pflanzt Gott der HERR den Garten Eden, wobei 2 Bäume besonders hervorgehoben werden: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Auch werden 4 Flüsse genannt, von denen uns zumindest Euphrat und Tigris bis heute aus der Gegend des Irak bekannt sind.
    In diesen Garten Eden wird der Mensch nun hinein gesetzt. Gott der HERR jedoch hält es für keine gute Idee, ihn dort allein zu lassen. Eine „Gehilfin“ soll er bekommen, und der Schöpfer erschafft wiederum aus Erde alle Tiere, die sich jedoch sämtlich nicht als Gehilfin für den Menschen zu eignen scheinen. Erst als Gott der HERR den Menschen gleichsam in Narkose versetzt und aus seiner Rippe eine Frau „baut“ – wie auch immer wir uns das vorzustellen haben! –, da ist das Ziel erreicht: der aus seiner Narkose erwachte Mensch ordnet sie als „Männin“ sich selber als „Mann“ zu, womit er die Bezogenheit der beiden hebräischen Wörter für „Mann“ und „Frau“ aufeinander zum Ausdruck gebracht hat. – Soweit diese kurze Skizze der beiden Schöpfungsberichte.
    Liebe Gemeinde, ich meine: wer auch immer diese beiden Berichte völlig unvoreingenommen liest, muss förmlich zu der Überzeugung kommen, dass sie nicht einfach deckungsgleich sind. Sämtliche Versuche in diese Richtung scheitern daran, dass die Berichte selber sich nicht im Geringsten um Deckungsgleichheit bemühen. Es ist mit Händen zu greifen, dass hier zwei gänzlich verschiedene Schriftsteller am Werke sind. Wer diese beiden Berichte übereinanderbringen will, der tut ihnen Gewalt an! Hier gilt das, was der jüdische Theologe Pinchas Lapide auf den sehr nachdenkenswerten Satz gebracht hat: „Entweder man nimmt die Bibel wörtlich oder man nimmt sie ernst!“
    Aber erst jetzt wird es für meine Begriffe so richtig interessant: Denn ich unterstelle mal: auch als die Bibel zusammengestellt wurde, als also vor weit mehr als 2000 Jahren jemand dieses 1. Buch Mose verfasst hat, da dürfte es aufgefallen sein, wie unterschiedlich in diesen beiden Berichten von der Erschaffung der Welt geredet wird. Hätte nun damals die Absicht darin bestanden, ein lupenreines Bild von der Abfolge des Schöpfungsvorgangs zu geben, dann hätte man ja unmöglich diese beiden Berichte gleich hintereinander bringen können! Man hätte sich für einen von beiden entscheiden müssen – ich vermute mal, das wäre dann der erste Schöpfungsbericht gewesen, denn die Forschung ist sich recht einig, dass er der jüngere der beiden Berichte ist, in dem sich nicht zuletzt eine fortgeschrittene Stufe naturwissenschaftlicher Erkenntnis spiegelt. Immerhin berichtet er eine Reihenfolge der Entstehung der Lebewesen, die heutiger Erkenntnis erstaunlich nahe kommt: von den Pflanzen über die Fische und Vögel bis hin zu Landtieren und schließlich zu den Menschen!
    Aber die Endredaktoren des Alten Testaments haben offensichtlich kein Interesse daran gehabt, nun lediglich die für ihre Zeit neueste naturwissenschaftliche Theorie zu überliefern. Nein, sie haben beide Schöpfungsberichte, die einander im Hinblick auf so viele Details diametral widersprechen, nacheinander, fast möchte man sagen: nebeneinander gestellt. Warum wohl?
    Meine Vermutung: weil sie gar nicht hauptsächlich an naturwissenschaftlichen Erklärungen interessiert waren, dafür jedoch umso mehr an theologischer Wahrheit, also daran, wie hier verschiedene Menschen zu unterschiedlichen Zeiten ihre Existenz von Gottes Wort her gedeutet haben. Wie zeigt sich nun dieses Phänomen in den beiden Schöpfungsberichten?
    Ich möchte dafür die beiden Passagen näher in den Blick nehmen, die uns vielleicht die größten Schwierigkeiten machen, die aber vielleicht auch am interessantesten sind: die Passagen nämlich, in denen es um die Erschaffung und Beauftragung der Menschen geht.
    Im ersten Bericht, wie gesagt, da werden Mann und Frau gleichzeitig erschaffen. Zunächst klingt das für einen antiken Text in unseren Ohren ja enorm fortschrittlich. Die Gleichberechtigung der Geschlechter scheint hier bereits gleich zu Anfang der Bibel grundgelegt. Einfach toll in heutigen Ohren, oder?
    Irgendwie scheint sich diese Grundlegung aber wohl nicht durchgesetzt zu haben, im Judentum nicht und auch nicht im Christentum, wenn wir die Geschichte betrachten. Warum nicht?
    Na klar, da gibt es ja noch den zweiten Schöpfungsbericht! Und der scheint im Handumdrehen alles kaputtzumachen, was ein Kapitel zuvor gerade erreicht worden war: hier haben wir plötzlich den Mann als erstes Schöpfungswerk, die Frau ganz am Ende aus ihm heraus  erschaffen, und dann noch mit der Aufgabe, seine „Gehilfin“ (1. Mose 2,18) zu sein. Na toll! – Wäre es nicht doch besser gewesen, der zweite Schöpfungsbericht, also der vermutlich ältere und mit Sicherheit archaischere, wäre dem Rotstift eines gestrengen Redaktors zum Opfer gefallen? Aber wahrscheinlich waren diese Redaktoren ja wieder mal alles Männer, die vermutlich ihre sehr eigenen Interessen hatten, diesen Text eben doch weiter zu überliefern, nicht wahr?! Und bis heute dürfte es gar nicht so wenige Männer geben, die sich darüber ins Fäustchen lachen, oder?! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
    Nun sind die Aussagen der Bibel zum Verhältnis der Geschlechter zueinander ja eigentlich erst Thema des nächsten Teils meiner Predigtreihe. Aber schon hier kommt dieses Thema zur Sprache, und ich meine: wenn wir genau hinhören, dann geht es hier viel subtiler zu, als wir zunächst vielleicht meinen.
    Allein diese lapidare Feststellung aus dem Munde des Schöpfers: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (1. Mose 2,18) Könnte man das nicht etwa so hören: „So einen wie diesen Menschen, diesen Mann, kann man einfach nicht alleine lassen! Der kommt einfach nicht gut zurecht! Wenn der niemanden an seiner Seite hat, na dann: gute Nacht!“ So dass die „Gehilfin“, um die es dann geht, überhaupt nicht mehr als untergeordnet da steht, sondern eher als die entscheidende Kraft, die dem Mann sein Überleben allererst ermöglicht!
    Und was die Reihenfolge der Erschaffung der beiden angeht: vielleicht haben Sie schon mal den berühmten Kommentar dazu gehört, der da lautet: „Als Gott den Mann schuf, übte sie nur.“ – Ob wir das nun besonders witzig finden oder nicht, ob wir nun meinen, damit sei die Aussageabsicht des zweiten Schöpfungsberichtes gut erfasst oder nicht – soviel jedenfalls steht fest: auch in 1. Mose 2 werden die beiden Geschlechter einander zugeordnet und aufeinander bezogen. Hierarchien werden hier nicht festgeschrieben, weder so herum noch andersherum. Ich finde hier jedenfalls nicht einen so großen Widerspruch, wie er oft behauptet wird.
      Eine weitere wichtige Aussage zur Erschaffung der Menschen finden wir wiederum im ersten Schöpfungsbericht: Mann und Frau werden erschaffen „zum Bilde Gottes“, wie es heißt. Es ist lange und viel darüber spekuliert worden, worin diese Gottebenbildlichkeit des Menschen wohl bestehen mag. Am ehesten dürfte sie dann richtig erfasst sein, wenn wir bedenken, dass von ihr im unmittelbaren Zusammenhang dessen die Rede ist, dass Gott den beiden Menschen den Auftrag gibt, über die anderen Kreaturen zu herrschen und dadurch wie göttliche Gesandte auf der Erde zu wirken. Ähnlich war es in der Antike bekannt, dass Könige in Gebieten ihres Reiches, wo sie nicht persönlich anwesend waren, ein Bild von sich aufstellten, um auf diese Weise dort präsent zu bleiben.
    Nun mögen wir genau an dieser Stelle seufzen und resigniert feststellen: genau mit diesem Herrschaftsauftrag ist ja vielleicht der größte Irrweg eröffnet worden, den wir Menschen überhaupt je beschritten haben! Ruiniert hat unsereiner diese Erde und ihre Kreaturen! Sollte das Gottes Auftrag gewesen sein? Und war es wirklich gut von Gott, uns Menschen so eine Aufgabe anzuvertrauen? Oder anders gefragt: War es wirklich gut von den Menschen, die diesen ersten Schöpfungsbericht verfasst haben, sich so als Ebenbild Gottes zu verstehen? Haben sie damit nicht einen Höhenflug angetreten, mit dem sie ihr Handeln mehr und mehr aus der Kontrolle verloren haben?
    Kaum ein Bibeltext wirkt heutzutage fataler, tragischer als dieser Herrschaftsauftrag aus dem ersten Schöpfungsbericht. Aber auf einmal reiben wir uns vielleicht die Augen: da lesen wir im zweiten Schöpfungsbericht auch von einem Auftrag an den Menschen, aber der klingt doch sehr anders als der im ersten: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ (1. Mose 2,15)
    „Bebauen und bewahren“ – wie könnte man die Aufgabe, die unsereiner in Zeiten der durch uns selber zuhöchst bedrohten Schöpfung hat, besser formulieren?! Und das ausgerechnet im zweiten Schöpfungsbericht, der in puncto Gleichberechtigung zumindest spontan so altbacken anmutete!
    Wobei ich an dieser Stelle wiederum eine Lanze für den Herrschaftsauftrag des ersten Schöpfungsberichtes brechen möchte: er entstammt eben nicht einer Zeit, die auf eine durch uns Menschen zerstörte Schöpfung blickt, sondern ich höre aus ihm die Stimme von Menschen, die noch eine Ahnung davon haben, wie lebensfeindlich die Natur eben auch sein kann. Wo der Löwe dem Bauern die Schafe reißt und die Sicherheit seines Dorfes bedroht, wird dieser Bauer ihm anders begegnen als der Tourist, der denselben Löwen aus dem Safarijeep heraus beobachtet und nachher dem World Wildlife Fund aus Dankbarkeit eine Spende macht!
      An dieser Stelle, liebe Gemeinde, da muten die Aufträge, die Gott dem Menschen gibt, vielleicht zunächst widersprüchlich an, aber bei genauerem Hinsehen und unter Berücksichtigung des historischen Kontextes relativiert sich das für meine Begriffe enorm.
      Gemeinsam haben beide Aufträge jedenfalls dies, dass sie dem Menschen eine besondere Rolle im Ganzen der Schöpfung zuweisen. Mit dieser Rolle muss der Mensch sorgsam umgehen, wohl wahr. Aber das wird er nur können, wenn er sie zunächst einmal annimmt und anerkennt. Dies zu unterstreichen, ist vielleicht nicht ganz überflüssig in einer Zeit wie heute, wo Mancher meint, wir entkämen dem Missbrauch, der mit dem Herrschaftsauftrag getrieben wurde und wird, nur dadurch, dass wir ihn ganz ad acta legten und den Menschen lediglich als eine Kreatur unter vielen begreifen. Das jedoch dürfte kaum zielführend sein.
      Und so kann ich Ihnen nur sagen: Ich bin sehr froh, dass uns die Bibel beide Schöpfungsberichte überliefert! Gerade dadurch, dass wir sie beide gleich zu Anfang unserer Bibel vorfinden, können wir gleich Mehreres lernen, was für die Bibel insgesamt von Wichtigkeit ist:
      Zunächst: sie will kein naturwissenschaftliches Lehrbuch sein. Ja, sie nimmt offenkundige Widersprüche in der Reihenfolge der Erschaffung der Lebewesen ohne Weiteres in Kauf. Worum es ihr geht: uns beeindruckende Zeugnisse dessen weiterzugeben, wie Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen Voraussetzungen ihr Leben im Horizont ihres Glaubens an Gott gedeutet haben. Die Autoren der Bibel sind davon überzeugt: hier sprechen sich Grundlagen unserer Existenz aus, Erfahrungen der Führung durch Gott, die eben nicht nur Menschen in der Vergangenheit gegolten haben, sondern die uns heute ebenso gelten.
      Sodann: beide Berichte, je auf ihre eigene Weise, nehmen die Existenz des Menschen als Mann und Frau wahr und ordnen beide Geschlechter einander zu. Der erste tut dies wohl kürzer, knapper und vermeintlich eindeutiger. Der zweite gibt mehr Raum zu unterschiedlichen Interpretationen. Beide aber sagen uns: diese beiden können nicht ohneeinander, und sie sind von Gott füreinander geschaffen.
      Schließlich: wir Menschen haben, ob wir wollen oder nicht, eine besondere Position innerhalb der Schöpfungswerke. Uns gilt die Berufung, einen Blick für das Ganze der Schöpfung zu haben, ordnend und gestaltend einzugreifen, und dies immer mit dem Ziel: Leben zu fördern und so Gottes Schöpfung zu achten. Auch hier werden wir wiederum feststellen müssen: beide Berichte reden von dem Auftrag, den Gott uns Menschen gibt, auf sehr unterschiedliche Weise. Aber beide reden davon und nehmen uns in die Pflicht.
      Ein letztes Wort: Bei diesen beiden Schöpfungsberichten machen ja vielleicht auch Sie die Erfahrung, die sich mir aufgedrängt hat: in der einen Hinsicht, vielleicht was die Zuordnung der Geschlechter angeht, da spricht mich die Botschaft des ersten Berichtes spontan eher an – in der anderen Hinsicht, etwa in bezug auf den Auftrag Gottes an den Menschen, ist es der zweite Bericht. Wie gut also, dass die Bibel beide Berichte bringt! Und vielleicht wird es zu einem anderen Zeitpunkt oder für jemand anderen genau umgekehrt sein. Unterschätzen wir die Weisheit nicht, die die Redaktoren der Bibel immer wieder unter Beweis gestellt haben, indem sie vermeintlich oder vielleicht auch mal wirklich Widersprüchliches in die Heilige Schrift aufgenommen haben!
      Und es spricht für die Seriosität der Bibelüberlieferung, dass diese Widersprüche immer sozusagen mitgeschleppt wurden – auch da, wo sie sicher für den einen oder anderen ein Ärgernis dargestellt haben. Wir mögen uns da an so Manchem reiben – und das werden wir in den kommenden Teilen der Predigtreihe gewiss auch tun. Wir müssen auch nicht zu allem und jedem Ja und Amen sagen. Aber letzten Endes kann unser Glaube daran nur reifen und Profil gewinnen. Das wäre eine segensreiche Lektüre der Heiligen Schrift.  Amen.

 

 

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.