Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 1 der Predigtreihe „Du sollst (nicht)…“ – Vom Segen und Fluch der Gebote in der Bibel

Liebe Gemeinde,
    „Du sollst!“ – und „Du sollst nicht!“ – für nicht wenige Menschen liegt hier Kern und Stern der Religion, Kern und Stern auch des christlichen Glaubens. Vor Jahren sagte mir mal ein Konfirmandenvater zu Beginn der Konfirmandenzeit seines Sohnes: „Ja, er soll das machen. Er soll wissen, was sich gehört. Es soll ja schließlich mal ein anständiger Mensch aus ihm werden!“ – Dieser Vater sprach natürlich mit etwas ironischem Unterton, aber er meinte das schon ernst, was er da sagte. Was versprach er sich wohl vom Konfirmandenunterricht für seinen Sohn? Ich vermute: dass er gewisse Lebensregeln kennenlernen und reflektieren sollte, die vielzitierten „christlichen Werte“. Wenn unsere Gesellschaft auch sonst das Meiste in puncto Kirche inzwischen kritisch sieht; hier erblickt sie nach wie vor etwas Wichtiges, Schützenswertes und der Weitergabe Würdiges.
Ein anderer Zugang zum selben Phänomen: es ist ja frappierend: selbst in unserer Zeit einer aufs Ganze gesehen immer stärker werdenden Entkirchlichung wird die Stimme kirchlicher Vertreter nach wie vor gern gehört – wahrlich nicht überall, aber in bestimmten Zusammenhängen: in den großen ethischen Debatten unserer Zeit. Keine Talkshow zur Sterbehilfe ohne Margot Käßmann, kein Deutscher Ethikrat ohne Wolfgang Huber, kein Forum zu Fragen sozialer Gerechtigkeit ohne Nikolaus Schneider. Wenn es darum geht, was wir als Einzelne und insbesondere als Gesellschaft tun oder lassen sollen, werden wir von der Kirche gefragt und gehört! Ob dann das, was wir sagen, auch praktisch umgesetzt wird, ist noch etwas ganz Anderes, aber zunächst finde ich es erstaunlich, dass man uns da tatsächlich anfragt!
Machen Sie sich bitte den Unterschied klar: Wenn wir die Botschaft vom gnädigen Gott in die Öffentlichkeit bringen wollen, dann lockt das, etwas platt gesagt, keinen Hund hinterm Ofen hervor – obwohl es sich dabei praktisch um den Kern der evangelischen Theologie handelt. Wenn wir über die Bedeutung des Kreuzes Christi räsonnieren, schlägt uns sogar bis weit in die Kirche hinein große Skepsis, ja Ablehnung entgegen – obwohl das Kreuz Christi immerhin das zentrale Symbol unserer Kirche darstellt! Sollten wir es wagen, lautstark detailliert über die Lehre der göttlichen Dreieinigkeit nachzudenken, würden sich die Leute die Ohren zuhalten – obwohl das immerhin ein zentrales Dogma der christlichen Lehre ist. Und so weiter. Aber wenn es um Ethik geht, um moralisches Handeln, dann sind wir gefragt! Insofern liege ich mit dem Thema meiner Predigtreihe doch eigentlich voll im Trend, oder?! Gut gewählt, finde ich – oder etwa nicht?
Liebe Gemeinde, vielleicht werde ich Sie an dieser Stelle enttäuschen. Und zwar gleich aus mehreren  Gründen: zum einen: ich halte die Ethik, die Moral, die viel beschworenen „Werte“ und damit auch die Gebote nicht für den Kern des christlichen Glaubens. Den sehe ich vielmehr da berührt, wo es um die Frage geht, wie Gott mit uns Menschen dann umgeht, wenn wir an seinem Gebot scheitern – was vielleicht viel häufiger geschieht, als wir es selber wahrhaben wollen! Und ich sehe weiter den Kern des christlichen Glaubens da berührt, wo es um die Frage geht, wie wir Menschen gleichsam im Gefolge Gottes aufgerufen sind miteinander dort umzugehen, wo Scheitern und Versagen im Raume stehen, ja wo das Böse selber ungeschminkt sein Gesicht zeigt. Natürlich berühren diese Fragen wiederum den Bereich von Ethik, von Moral. Aber es geht dann eben nicht einfach um eine Anleitung zum Wohlverhalten, sondern um Phänomene wie Schuld, Strafe und Vergebung.
Ein weiterer Grund, warum ich nicht einfach auf den skizzierten Zug aufspringen will, der heute fast der einzige zu sein scheint, mit dem wir in die Öffentlichkeit gelangen können, liegt sodann darin, dass mir Kirche immer dann suspekt ist, wenn sie versucht, den Eindruck zu erwecken, als sei sie moralisch besonders versiert und hochrangig. Es ist ja schön, wenn man hier und da den Eindruck gewinnen kann: Ja, der Kirche und ihren Vertretern dürfen wir Vertrauen entgegenbringen, das andere Einrichtungen und ihre Repräsentanten längst verspielt haben. Aber umso tiefer ist dann der Fall, wenn wir leider auch bisweilen feststellen müssen: Wir von der Kirche taugen zumindest nicht immer und uneingeschränkt als Beispiele für die Moral, die als besonders christlich gilt. Denken Sie etwa an die Missbrauchsgeschichten der jüngeren Vergangenheit! Nicht als sollten wir uns nicht hohe Maßstäbe in puncto Moral auferlegen! Aber es ist nun mal so: auch unsereiner lebt nicht von seinen guten Werken, sondern von der Gnade Gottes gegenüber dem Sünder! Wir selber und unser Verhalten sind jedenfalls mit Sicherheit nicht die Basis unserer Verkündigung! Das wäre so unevangelisch wie nur was!
Und ein dritter Grund: die Bibel und in ihrem Gefolge die christliche, jedenfalls die evangelische Theologie, kennt die Gebote nicht nur als einen Segen für uns Menschen. Vielleicht waren und sind Manche unter Ihnen ja sofort irritiert gewesen, als sie den Titel meiner Predigtreihe gehört haben: „Vom Segen und Fluch der Gebote in der Bibel“, so habe ich ihn genannt.
Ja was soll das denn heißen, mögen Sie fragen: Gottes Gebote – ein Fluch für uns Menschen? Wie das? Sie sind doch gegeben, um das Leben hier auf Erden zu fördern, um Regeln aufzustellen, die uns bei seiner Bewältigung helfen sollen?! Was soll die Rede vom Fluch an dieser Stelle? All das ist doch ein Segen.
Das ist natürlich alles ganz richtig. Aber es ist doch nicht die ganze Wahrheit. Denjenigen unter uns möchte ich sehen, der schon bei den 10 Geboten sagen könnte: Kein Problem für mich; das habe ich alles befolgt, vollständig und lückenlos. Ich konnte schon deshalb nicht so sprechen, weil es genügend Situationen gibt, wo ich mich ernsthaft frage: Was musst du denn nun tun oder lassen, um das Gebot zu erfüllen? Ich bin mir gar nicht immer sicher, was konkret da immer gemeint ist: etwa wenn es darum geht, den Feiertag zu heiligen, nicht begehren zu sollen, meine Eltern zu ehren, nur einen Gott zu haben und so weiter.
Und dann gibt es außerdem Situationen, wo wir doch klar wissen: das Gebot sagt es so, aber du hast das Gegenteil getan. Manchmal trotzig-rebellisch, manchmal eher verschämt und mit schlechtem Gewissen. Eins jedenfalls ist dann immer der Fall: das Gebot tritt uns in so einer Situation gleichsam gegenüber und hält uns den Spiegel vor: Sieh her: so solltest Du handeln – und so hast Du gehandelt! Da fungiert das Gebot also als unser Ankläger, als eine Art Staatsanwalt. Sowenig man als Angeklagter solche Leute besonders liebt, sowenig wird man das Gebot Gottes lieben, wenn es diese Rolle einnimmt!
Aber genau dies ist die entscheidende Rolle, die dem Gebot Gottes jedenfalls gemäß reformatorischer Theologie zukommt. Das nennen wir den „theologischen Gebrauch des Gesetzes“: da klagt es uns an, dass wir es nicht vollständig und ganzen Herzens befolgt haben. Daneben spricht die reformatorische Theologie noch vom „politischen Gebrauch des Gesetzes“. Das wiederum bedeutet: Gott hat uns sein Gebot gegeben, um das menschliche Zusammenleben so erträglich wie möglich zu gestalten. Diese letztere Rolle des Gebotes ist die, an die jeder in der Regel zuerst denkt. Aber für die reformatorische Theologie steht der andere, der „theologische Gebrauch“ als der noch viel wichtigere im Raume. Und da ist klar, dass die Kategorie des Fluches ins Spiel kommt. Denn etwas, woran ich letztlich immer scheitere, kann mir nicht zum Segen, sondern muss mir zum Fluch werden. So ähnlich wie wenn ein Schüler einen bestimmten Numerus clausus erreichen muss, der ihm auch ständig vor Augen steht – aber er schafft ihn nicht, sei es aus Unvermögen, oder weil er zuwenig arbeitet, oder aus einer Kombination von beidem. Jedenfalls steht ihm ständig der Maßstab vor Augen, an dem er scheitert. Kein schöner Anblick!
Nun soll durch diese Lehre vom „theologischen Gebrauch des Gesetzes“ dieses Gesetz, seine einzelnen Gebote nicht etwa schlecht geredet werden! Damit werden wir uns im Laufe der Predigtreihe noch eingehend befassen. Aber das Ganze soll sogleich in einen Kontext gestellt werden, der eben nicht in irgendeinem Wolkenkuckucksheim, sondern sozusagen im prallen Leben besteht. Wo es Gebote gibt, gibt es auch den Verstoß dagegen.
Nehmen wir zur Verdeutlichung dieser Erfahrung gleich die Geschichte, in die die Gabe der 10 Gebote durch Gott an Mose in der Bibel eingebettet ist: Mose steigt auf den Berg Sinai; dort gibt Gott ihm die Gebotstafeln; er steigt wieder hinab – und was sieht er schon von weitem: sein Volk, wie es auch noch unter Führung seines eigenen Bruders Aaron um das selbstfabrizierte Goldene Kalb tanzt! Na toll – wo doch gleich das erste der soeben empfangenen Gebote bekanntlich lautet: „Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ – Und ehe Mose seinem Volk die Gebot überhaupt nahebringen kann, zerschmeißt er vor Wut die Tafeln am nächsten Felsen. (Nachher bekommt er sozusagen die Zweitauflage, aber zunächst ist es eben bedeutsam, wie konfliktgeladen die Geschichte dieser Gebote losgeht! Und so erweist sich die biblische Geschichte, über deren Historizität ich nicht urteilen möchte, an dieser wie an anderen Stellen doch als zutiefst realistisch, ja: erfahrungsgesättigt! Der beschriebene „theologische Gebrauch des Gesetzes“ begleitet dessen Geschichte also von Anfang an.)
Diese Erfahrung kann Menschen an den Geboten Gottes verzweifeln lassen, gerade diejenigen, die es ernst damit meinen und doch merken: ich werde ihnen nicht gerecht. Martin Luther war ein Mensch, dem das so ging. Er durfte dann einen Ausweg aus seiner tiefen Lebenskrise finden. Das ist heute nicht unser Thema; mir liegt aber sehr daran, gleich am Anfang der Predigtreihe die Brisanz der Gebote deutlich zu machen. Wer sie so gern beschwört, womöglich noch mit einem Seufzer darüber, wie wenig sie doch in unserer verlotterten Gesellschaft gehalten würden, den möchte ich bitten, einmal in sich selber hineinzuschauen und sich zu fragen, ob er selber eigentlich vor allem Anlass hat, anderen die Gebote vorzuhalten – oder ob er sie sich nicht vielmehr selber einmal wie einen Spiegel vorzuhalten sollte – und zwar wie einen Spiegel, in dem er selber vermutlich auch nicht wirklich vorteilhaft rüberkommt?!
Wenn ich heute die 10 Gebote zum Predigttext erklärt habe, dann sicherlich nicht, um sie jetzt im Schnellverfahren eines nach dem anderen durchzuhecheln in der Meinung, sie dann ausgelegt zu haben. Nein, aus diesen 10 Geboten, die ja ein Destillat der über 600 Gebote der jüdischen Torah bilden, könnten wir alleine schon mehr als eine Predigtreihe machen. Dennoch möchte ich zumindest auf einen Aspekt an diesen 10 Geboten eingehen, den ich besonders wichtig finde, der aber zugleich immer wieder besonders umstritten ist.
Wenn ich meine Konfirmanden frage, welche der 10 Gebote sie für besonders wichtig halten und welche sie demgegenüber eher etwas weiter hinten auf der Skala platzieren würden, dann fällt die Antwort eigentlich immer ähnlich aus: wichtig ist so ein Gebot wie „Du sollst nicht töten!“. Da wird wohl niemand von uns widersprechen. Jedenfalls im Grundsatz nicht. (Denn, soviel sei gleichsam in Klammern immerhin angemerkt: je nachdem ist selbst dieses Gebot im Einzelfall nicht so unumstritten, wie man meinen sollte!)
Wenn ich aber nun umgekehrt frage, welche Gebote wohl eher nach hinten auf die Rangliste der Wichtigkeit gehören, ja welche vielleicht ganz verzichtbar sein könnten, dann werden dort häufig die ersten 3 Gebote hingeordnet:
Ich bin der HERR, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen, das du anbetest und dem du dienst.
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen.
Wie kommt es zu dieser Platzierung? Nun, ich vermute, bewusst oder unbewusst legen die Konfirmanden folgenden Maßstab an die Gebote an: Sie fragen: Was für ein Schaden entsteht, wenn das Gebot nicht beachtet wird? Und da drängt sich doch der Eindruck auf: es entsteht überhaupt kein Schaden, wenn gerade diese 3 Gebote nicht befolgt werden! Soll doch, frei nach Friedrich dem Großen, jeder nach seiner Façon selig werden!
Ja von dieser Feststellung ist es nicht mehr weit bis zu der nächsten, die erhebliche Kritik gerade an diesen 3 Geboten übt: zeigt sich hier nicht ein Gott, der menschlich-allzumenschliche Züge trägt, indem er wie ein Kleinkind alles und jeden nur für sich haben will, keine Instanz neben oder gar über sich gelten lassen will? Ja zeigt hier nicht gerade der intolerante, selbstherrliche Monotheismus seine Fratze, die in der Moderne eigentlich nichts mehr verloren hat, zumal sie nur Streit und Krieg befördern kann, statt auf echten Frieden hinzuwirken?!
In einer Zeit des Multikulti-Betriebs scheinen Gebote, die den einen Gott schützen wollen, nicht mehr viel bedeuten zu können. Und doch sollten wir so eine Feststellung nicht zu schnell treffen, wie ich meine. Zunächst gilt es, schlicht und einfach zur Kenntnis zu nehmen: die ersten 3 Gebote dürften doch wohl nicht zufällig ganz am Beginn der Gebotsreihe überhaupt stehen. Was am Beginn steht, ist immer wichtig, zumindest in den Augen des Verfassers. Im Grunde variieren diese 3 Gebote ja die eine Absicht: den einen Gott in seiner Einzigartigkeit zu schützen. Und wenn diese Absicht gleich zu Beginn der prägnantesten Zusammenfassung der Gebote im Alten Testament sogar in dreifacher Form vorkommt, dann hat der Verfasser darin mit Sicherheit etwas Wichtiges, ja etwas sehr Wichtiges, gesehen.

Und da geht es sicher nicht nur um Egomanie eines Gottes, der sich hier als infantil eifersüchtiges Kleinkind entpuppt. Ich möchte 3 kurze Anläufe nehmen, um den Sinn gerade dieser 3 Gebote in unserer Zeit zu entfalten:
Erstens: Das erste Gebot beginnt anders als alle anderen ja gar nicht als Gebot. Sondern da wird eine Zusage in den Raum gestellt: „Ich bin der HERR, dein Gott.“ Ich sehe hier gleichsam das Vorzeichen vor der Klammer, innerhalb derer alle dann folgenden Gebote stehen. Und dann bedeutet das Folgendes: „Ich habe mich für euch, für dich, Israel, als der erwiesen, der da war, als ihr niemand anderen hattet. Ich habe euch aus der Sklaverei befreit und führe euch auf eurem Weg. Deshalb, weil ich längst etwas Unvergleichliches für euch getan habe, darf ich nun auch von euch etwas fordern: haltet mir die Treue, so wie ich sie euch gehalten habe. Im Grunde fordere ich gar nichts von euch, ja es sollte überhaupt keiner Forderung bedürfen, sondern eure Dankbarkeit sollte euch von selber veranlassen, genau das zu tun, was ich euch hier sage.“
Merken Sie, liebe Gemeinde, wie der Ton sich hier ändert: nicht mehr eine Forderung wie aus dem Nichts steht im Raum, sondern die Erinnerung an Gottes Wohltaten an Israel. Ob nicht auch wir, jeder für sich und wir alle gemeinsam, Anlass haben, Gott für das zu danken, was er uns in unserem Leben als Einzelne wie als Gemeinschaft an Gutem erwiesen hat? Wer das erkennt, der braucht das Gebot im Grunde gar nicht mehr.
Ein zweiter Anlauf, der sich aus dem ersten fast von selber ergibt: Wer „andere Götter“ zu brauchen meint, der gibt indirekt zu erkennen, dass er dem einen doch nicht vollständig vertraut. Genau das aber dürfen wir – selbst wenn wir es nicht immer so empfinden mögen. Was Gott Israel in der Vergangenheit Gutes getan hat, das will er ihm auch weiterhin Gutes tun. So kann man durchaus, wie ich es auch schon gelesen habe, das Gebot auch so übersetzen: „Ich bin der HERR, dein Gott, und deshalb brauchst du gar keine anderen Götter neben mir.“
Schließlich ein dritter Anlauf: Entsteht wirklich kein Schaden, wo diese ersten drei Gebote vernachlässigt werden? Diese Frage können wir beantworten, wenn wir uns vor Augen halten, was denn konkret solche „anderen Götter“ sein könnten:
Ich finde es ja schon interessant, dass in Afrika, wo ich mich ja ein wenig auskenne, viele Menschen die Ankunft des christlichen Glaubens als echte Befreiung empfunden haben, weil der Glaube, dem sie bislang verpflichtet waren, einen Ahnenkult umfasste, der wie eine ständige Bedrohung auf ihnen lastete. Ständig mussten die Ahnen, die verstorbenen Vorfahren, die aber höchst lebendig aus dem Jenseits auf das Diesseits einwirkten, durch Opfer zufrieden gestellt werden. Es ist einfach nicht wahr, wenn heute gern so getan wird, als seien die so genannten Naturreligionen durchweg menschenfreundliche Erscheinungen. Im Gegenteil: zumindest teilweise wurde vielmehr der christliche Glaube so empfunden, und zwar im Gegensatz zu den traditionellen Kulten! Umso lieber wandten sich die Menschen dann dem neuen Glauben zu!
Und heute? Bei uns? Unser Problem dürften weniger irgendwelche versteckten Altäre sein, auf denen wir irgendwelchen „anderen Göttern“ Opfer darbringen würden. Aber wenn ich die „Götter“ unserer Zeit beschreiben sollte, dann käme da durchaus etwas zusammen: die Karriere, der Erfolg, dem so mancher die eigene Gesundheit sowie seine Mitmenschen und seine Lebensfreude opfert; das „Schneller – höher – weiter“ in verschiedenen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft, dem wir alles andere unterzuordnen bereit sind; das Mithaltenwollen um jeden Preis.
Und bisweilen, da werden „andere Götter“ nach wie vor ziemlich konkret auf den Thron gehoben – bedenken wir: es ist noch längst keine hundert Jahre her, da ließ sich in Deutschland jemand als Heilsbringer, ja wie ein Gott verehren – und was war das Ergebnis? Mord und Totschlag, die Zerstörung von Ländern und Völkern.  Ja, liebe Gemeinde: das ist das Fatale, so pflegt das zu gehen: wo der eine Gott durch einen Menschen ersetzt wird, da geht es nicht gut aus! Diese ersten 3 Gebote, sie halten den kategorialen Unterschied zwischen Gott und Mensch aufrecht, und wir Menschen werden durch sie in unsere Schranken gewiesen. Vielleicht mögen wir diese 3 Gebote ja genau deshalb häufig nicht: weil wir als Menschen beleidigt sind, wenn uns jemand solche Schranken auferlegen will? Begreifen wir doch: dies geschieht zu unserem Nutzen, es geschieht gerade, um unser Überleben zu ermöglichen! Weil die Bibel nämlich um unsere durchaus zweideutige und gefährliche menschliche Natur weiß!
Womit ich zum Schluss wieder beim „theologischen Gebrauch des Gesetzes“ bin, beim Gebot als dem Spiegel, den Gott uns vorhält. Ja, da kann unsereiner erschrecken, wenn er in diesen Spiegel blickt. So mancher, gerade wenn er es ernst meint, gerät dann an den Rand der Verzweiflung, wie Martin Luther vor 500 Jahren.
Aber genau hier spricht Gott ein weiteres Wort: kein richtendes, verdammendes Wort, kein Wort des Fluches, sozusagen aus dem Spiegel des Gebotes heraus, sondern ein gnädiges, ein liebendes, ein vergebendes Wort, das er an uns als seine Kinder richtet. Ein Wort, mit dem er Ja zu uns sagt, ungeachtet all unseres Versagens gegenüber seinem Gebot, ungeachtet auch dessen, dass wir die ersten 3 Gebote leider immer wieder missachten und ihm, Gott, nicht den ihm allein zukommenden Stellenwert einräumen.
So hat Gottes Gebot seinen Ort; es ist ein wichtiges, unerlässliches Wort Gottes. Aber es ist nicht sein letztes Wort an uns und über uns. Gott sei Dank! Amen.