PDF download

 

Liebe Gemeinde,
dieses alte Adventslied „Nun komm, der Heiden Heiland“, von Martin Luther, zu dem wir gerade eine Choralbearbeitung  von Johann Sebastian Bach gehört haben, ist eine wirkliche Zumutung, und das gleich in mehrerer Hinsicht.  Zum einen ist es eine musikalische Zumutung, besonders dann, wenn wir uns die viele Musik vor Augen halten, die wir in der Adventszeit hören: Sind wir ehrlich: die meisten Lieder, die heutzutage während der Adventszeit an unser Ohr dringen, sind fröhliche Lieder, wie ja auch die ganze Adventszeit sich mittlerweile in eine fröhliche Zeit verwandelt hat, in der gute Stimmung herrscht, man Weihnachtsmärkte besucht, Plätzchen backt und allerlei Süßigkeit zu sich nimmt. Der ehemals besinnliche, strenge, asketische Charakter der Adventszeit, in der man früher fastete, um sich auf Weihnachten vorzubereiten, ist uns schon lange abhanden gekommen, und mit ihm auch der Bezug zu manchen Adventsliedern, die einen eher melancholischen, nachdenklichen, anbetenden Charakter haben. Und eben zu diesen Liedern zähle ich auch das Lied Martin Luthers: „Nun komm, der Heiden Heiland“. Dieses Lied geht zurück auf einen alten Weihnachtshymnus, der dem Bischof Ambrosius von Mailand im 4. Jahrhundert zugeschrieben wird.  Wenn Sie nun nicht wissen, was ein Hymnus ist, kann man das zumindest für Ambrosius ganz leicht erklären: Für Ambrosius war ein Hymnus ein Lobpreis Gottes, der einer ganz strengen Systematik folgte: Nämlich 8 Strophen, die jeweils aus 4 Versen bestanden mit jeweils 8 Silben. Wer‘ s nicht glaubt,  kann mit dem lateinischen Original auf den Blättern den Test machen. Und auch die ursprüngliche Melodie dieses Hymnus bringt,  dies klar zum Ausdruck. Hören wir einmal in diese alte Melodie,  die uns in einer Abschrift aus dem Jahre 1000 nach Christus überliefert ist, hinein.
[Spiel des alten Hymnus]
Merken Sie diesen rezitativen Charakter des Stückes,  diese Art Sprechgesang, die uns heutzutage völlig fremd erscheint, weil sie fast ohne Schnörkel oder musikalische Spielerei auskommt? Bei diesen alten Hymnen steht nicht die Melodie im Vordergrund, sondern die Melodie dient ganz dem Text. Das ist fremd. Wenn wir heute diesen Hymnus als Adventslied singen würden, seine Schlichtheit und Klarheit es wäre eine Zumutung für unsere Ohren.  Aber nicht nur für unsere. Schon Martin Luther muss der Meinung gewesen sein, dass dieser Sprechgesang der Gemeinde nicht einfach so zugemutet werden kann. Darum hat er diesen alten Gesang geschickt verändert, so dass er zu einem Lied wurde, ohne dabei die Schwerpunktsetzung des Gesangs zu verändern.Wie macht er das? Mit ein paar kleinen Tricks.
1. Die 8 Silben pro Vers, reduziert Luther auf 7,  wodurch der rezitierende Charakter des Hymnus schwindet. Statt der drei gleichen Noten zu Beginn, finden sich nur noch zwei.
2. Lehnt sich Luther in den ersten 3 Zeilen sehr stark an das Orginal an, agiert er in der vierten Zeile völlig frei und gestaltet sie wie die erste Zeile. Dadurch wird der Gesang leicht singbar und zeigt eine größere Geschlossenheit.
3. Die entscheidenden Signalwörter des Originals, die durch hohe Noten betont werden (Gentium = Völker, Virginis = Jungfrau, Miretur = Wunder, partus = Geburt),werden auch in Luthers deutscher Version betont:  durch einen Quartsprung,  durch eine zu seiner Zeit ungewohnten punktierten Note oder auch durch die höchste Note im Vers. Damit wird deutlich, liebe Gemeinde: Auch bei Luther dient die Melodie,  auch wenn sie liedhafter geworden ist, ganz dem Text. Darum kann ein solches Lied niemals als Begleitmusik beim Plätzchen backen gesungen werden.  Ein solches Lied zwingt einen dazu innezuhalten und Text wahrzunehmen.
 
Womit wir bei dem zweiten Grund sind, warum dieses Lied eine Zumutung ist: der Text. Luther hat dieses Lied 1523 gedichtet, also in der Zeit,  in der er viele Lieder gedichtet hat  Vergleicht man nun diese Lieder Luthers mit unserem Lied, muss man ohne Zweifel sagen,  dass das Lied „Nun komm, der Heiden Heiland“ von der Dichtung her, nicht zu Luthers besten Liedern gehört, Ganz im Gegenteil:  Verglichen mit anderen Liedern Luthers ist es stellenweise eine grausige Dichtung, nach dem Motto „Reim dich oder ich fress dich!“ Ein Beispiel gefällig? Schauen Sie sich einmal die 5 Strophe auf dem Zettel an bzw. die dritte im Gesangbuch: „Sein Lauf kam vom Vater her und kehrt wieder zum Vater!“  Sie merken: Da stimmt etwas mit der Betonung der Silben nicht so ganz. Und dieses Phänomen zeigt sich an mehreren Stellen im Lied. „... und fuhr hinunter zu der Hoell und wieder zu Gottes Stuehl.“ Wie kommt es dazu,  dass der sonst in der Dichtkunst so versierte Luther hier so seltsam dichtet? Hat er einen schlechten Tag gehabt? Wohl kaum. Nein, der Grund liegt wohl eher darin, dass Martin Luther hier nicht wie bei anderen Liedern frei gedichtet hat, sondern versucht hat, ganz eng mit seiner Übersetzung am Original des Textes von Ambrosius zu bleiben.  Warum macht er das?  Der Grund hierfür führt zum dritten Punkt warum dieses Lied eine Zumutung ist, nämlich aus theologischen Gründen.  Martin Luther, der in vielen seiner Lieder, seine reformatorische Wandlung zum Thema macht, greift mit diesem Lied auf einen alten Hymnus zurück, in dem Ambrosius die Lehre von der Gottgleichheit Christi preist. Diese Lehre war zur Zeit des Ambrosius nicht unumstritten. Ein gewisser Arius war aufgetreten und wollte in Christus nicht mehr sehen als ein Geschöpf Gottes, wenn auch das höchste unter allen Geschöpfen, aber eben doch nur ein Geschöpf.  Ambrosius hingegen trat für die Lehre der Kirche ein und bezeugte, dass Jesus „von der Jungfrau geboren sei“ ein Wunder vor aller Welt. Wissen Sie noch,  was wir eben im Nicänischen Glaubensbekenntnis miteinander  bezüglich unseres Glaubens an Jesus Christus bekannt haben, dem Bekenntnis, das zur Zeit des Ambrosius entstand?
Wahrer Gott vom wahren Gott,  gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater.
Und nun schauen Sie einmal in die zweite und dritte Strophe des Liedes, die in unserem Gesangbuch rausgefallen sind. Am besten wir singen diese ungewohnten, fremden Strophen einmal:

Nicht von Mannsblut noch von Fleisch /
allein von dem heiligen Geist/
Ist Gott‘s Wort worden ein Mensch /
und blüht ein Frucht Weibs Fleisch.
Der Jungfrau Leib schwanger ward /
doch bleib Keuschheit rein bewahrt
Leucht erfar manch Tugend schon /
Gott da war in seinem Thron.

Diese Strophen bringen eigentlich inhaltlich nichts Neues gegenüber der ersten. Sie stellen nur noch weiter das heraus, was schon die erste zum Ausdruck brachte: Christus ist von Gott geboren.  Diese Aussage ist Ambrosius
wichtig. Und indem nun Martin Luther in seinem neuen Lied diesen alten Hymnus neu und in Deutsch vertont, macht er deutlich dass auch er mit seiner neuen Lehre auf dem Boden der altkirchlichen Bekenntnisse steht. Das war wichtig zu betonen, gegenüber seinen Kritikern, aber auch gegenüber seinen Nachfolgern, der Gemeinde. Und diese Botschaft war Martin Luther so wichtig, dass er auch Abstriche machte in seiner Dichtung. Hauptsache diese eine, die wichtigste Botschaft kommt zum Erklingen: Der, der kam und der wiederkommen soll, der, nach dessen Kommen sich alle Welt sehnt, ist Christus, Gott in Menschengestalt.

Für viele Menschen ist diese Botschaft heute eine Zumutung. Denn Christus, das ist und bleibt für viele das kleine Kind in der Krippe, über das man an Weihnachten allerlei schöne, kleine, süße phantasievolle Geschichten lesen und erzählen kann. Wenn wir ihn so sehen, dann wär Jesus nur ein Kindermärchen! Jesus, das ist für viele Menschen ein guter Mensch, der uns antreibt und ermutigt, anderen Gutes zu tun, weswegen um die Weihnachtszeit immer ein gewaltiger Spendenmarathon stattfindet, auch von Organisationen, die nichts mit dem christlichen Glauben zu tun haben. Aber wenn Jesus nur ein guter Mensch war, dann wäre er nur ein Weltverbesserer, ein Moralapostel unter vielen.  Aber wenn dieses Kind in der Krippe der Heiden Heiland ist also der, durch den Gottes Liebe allen Menschen auf Erden sichtbar wird, der zur Hölle niederfährt und wieder auf zum Vater, dessen Licht der Liebe so sehr in der Krippen in unser Leben leuchtet, dass das Dunkel in unserem Leben nicht mehr drein kommen kann, dann wäre unser Glaube an ihn das Wichtigste unseres Lebens. Dann müssten wir uns nach seinem Kommen sehnen, nicht nur an Advent, sondern alle Tage unseres Lebens. Und der Friede Gottes... Amen 

Predigten aus den Jahren 2004 bis 2016 finden Sie im Archiv