Lied „ein feste Burg“, Strophe 1-4 (neue Melodie)
Liebe Gemeinde,
wir fürchten uns. Die Furcht betrifft nicht weniger als das nackte Leben, die Bestätigung im Leben und die erhaltenden Grundbedingungen. Wir fürchten uns in dieser Welt. Sie ist eine Bedrohung. Sie bedrängt uns. Von den Ereignissen, die uns zugetragen werden, werden wir zutiefst verunsichert. Das, was jeden Tag passiert, scheint schier kein Ende zu nehmen: Gewalt, Terror, Fanatismus, Kontrollverlust. Das Schrecken scheint allgegenwärtig; und auch wenn es in Deutschland noch lange nicht in den Ausmaßen zu erkennen ist, wie in anderen geschundenen Ländern, nehmen wir teil. Wir sind diese Welt. In dieser Welt fürchten wir uns.
Martin Luther teilt diese Grunderfahrung des Lebens mit uns. Es waren andere Zeiten: die Pest in Wittenberg, der Tod von Weggefährten, die Bedrohung durch die Türken, die Schwärmer, die Papisten. Für Luther ist eindeutig, dass in Bedrohungen solcher Dimensionen nur die Hilfe Gottes wirksam sein kann. Wir haben es gerade gesungen. Die Welt ist bedroht vom „alten Feind, mit Ernst erst jetzt mein“. Er ist der „Teufel“, der „Fürst der Welt“. Wir fürchten uns davor, siehe in der 4. Strophe: „Leib, Hab, Frau, Kind, Ehre“ zu verlieren. Egal, von welcher Not wir jetzt betroffen sind, Gott wir uns helfen. Er ist eine feste Burg, auf die wir vertrauen.
Martin Luther wählt für sein Lied einen Textbezug zu Psalm 46: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht. […] Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.“ (Psalm 46,1.2.12) Fasse ich dieses Lied grob zusammen, findet sich in den 4 Strophen der Ablauf des Psalms wieder: die bedrängenden Feinde; Gottes schützende Gegenwart, sein Sieg.
Martin Luther schreibt dazu einen Text und eine Melodie. Es soll das Lied werden, welches auf Wege und Abwege zu internationaler Bekanntheit kam. Kampflied, Schlachtlied, Triumphgesang, das Lied der evangelischen Kirche wird man es nennen. Bildliche Worte wie „Wehr und Waffen“, grausame Rüstung“, das „Reich“ machen es schwer, dieses Lied aus den Traditionen von Militärherrschaften, nationalistischen Gesinnungen und parteilichen Traditionen zu befreien. Ich persönlich, die ich diese Traditionen nicht am eigenen Körper miterlebt habe, und diesem Lied als dem „weltbekannten“ evangelischen Lied begegne, habe es vielleicht einfacher, es von der kriegerischen Metaphorik zu lösen und es in den Bereich des Glauben zurück zu holen. Ich lese das Lied nicht von „Burg, Wehr und Waffen“ aus, sondern von dem Satz „So fürchten wir uns nicht“ in Strophe 3. Es geht um den Feind-den rechten Streiter: 2./3. Strophe „wir sind gar bald verloren- es soll und doch gelingen“. Die Welt kann uns „das Fürchten lehren, aber mit Gott fürchten wir uns nicht so sehr.“
Pfarrer Dr. Thomas Hübner aus Köln predigte vor einigen Jahren über den Begriff des Fürchtens. Diese Gedanken stelle ich Ihnen nun vor: Neben der Furcht des Menschen in der Welt gibt es eine zweite Frucht, die heute kaum noch erwähnt wird, die aber in der Bibel eine prominente Stellung einnimmt: Die Gottesfurcht. Wenn Martin Luther schreibt „wir fürchten uns mit Gott“, meint er den alten und fast verloren gegangenen Begriff der Gottesfurcht.
Was ist die Gottesfurcht?
Wenn wir das Alte Testament aufschlagen, finden wir viele Stellen, wo es um die Gottesfurcht geht. Gottesfurcht bewirkt bei dem Menschen Gehorsam gegen Gottes Gebote: »So halte nun die Gebote des Herrn, deines Gottes, daß du auf seinen Wegen wandelst und ihn fürchtest« (5. Mose 8,6). Gottesfürchtige Menschen gelten als zuverlässig: »Sieh dich aber unter dem ganzen Volk um nach redlichen Leuten, die Gott fürchten, wahrhaftig sind und dem ungerechten Gewinn feind. Die setze über sie als Oberste« (2. Mose 18,21). Durch die Gottesfurcht gelangt der Mensch zu einem entsprechenden Lebenswandel in Weisheit und zur Gotteserkenntnis: »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. « (Psalm 111,10). In der Gottesfurcht des Menschen drückt sich sein Vertrauen zu und seine Geborgenheit bei Gott aus: »Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten« (Psalm 103,13).
Alle diese Erfahrungen beschreiben ein Verhältnis vom Menschen zu Gott. Die Gottesfurcht hat etwas mit mir und Gott zu tun. Ich fürchte mich vor Gott, und zeige ihm damit mein Vertrauen. Ich fürchte mich vor Gott und mir wird ein Weg durchs Leben gezeigt. Kann es denn sein, dass diese innere Haltung sich auch auf das äußere Leben überträgt? Wie verändert die Gottesfurcht unsere Furcht in der Welt von der ich anfangs sprach?
Die Gottesfurcht im Alten Testament
Das Alte Testament stellt die Gottesfurcht als eine Erfahrung dar, die den Menschen beruhigt. Wer gottesfürchtig lebt, verliert seine Furcht in der Welt. Diese Erfahrung macht z.B. der Psalmbeter von Psalm 46; dem Psalm des Lutherliedes. Dort heißt es: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge.“ Diese Erfahrung des Aufgehobenseins bei Gott scheint auch den größten Nöten standzuhalten. Sofort fallen mir Namen und Persönlichkeiten ein, die als Märtyrer in der Nazizeit in voller Glaubensüberzeugung hingerichtet wurden. Die starken, unbeirrbaren Briefe von Dietrich Bonhoeffer, sind Vielen von Ihnen im Gedächtnis. Die Gottesfurcht bewirkt demnach, dass die Furcht in der Welt Ihren Schrecken verliert.
Die Gottesfurcht im Neuen Testament
Was schreibt der Apostel Paulus über die Gottesfurcht? Im Römerbrief lesen wir: »Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich« (Römer 11,20)!
Paulus warnt davor, die Gottesfurcht zu verlieren. Wer sich dieses Geschenkes nicht immer wieder bewußt macht, den wird die Welt wieder umschlingen. Wir sind als Menschen angewiesen darauf, Gott zu fürchten. Unser eigener Mut wird nicht reichen, die Welt zu bezwingen. Mit Gott an unserer Seite, mit seinem Geschenk an uns, erhalten wir Sicherheit.
Die Gottesfurcht bei Martin Luther
Eindrücklich hat der Reformator Martin Luther (1483-1546) seine Vorstellung von der Gottesfurcht 1527 beschrieben: »›Gottesfurcht‹ heißt eigentlich ›Gottesdienst‹. [...] in Einfalt ist es nichts anderes als Gott innerlich mit dem Herzen und nach außen mit der Lebensart zu dienen, welches darinnen besteht, daß man ihn in Ehren halte und vor ihm eine Scheu bewahre, indem man nichts tut und läßt, ohne zu wissen, ob es ihm wohlgefalle«. Auch Luther deutet das Wort „Gottesfurcht“ im Sinne des Alten und Neuen Testaments als Vertrauen in Gott. Es ist ein beständiger Dienst an Gott, ihn zu fürchten. Alles, was man tut, tue man, um ihm wohlzugefallen. Diese Sicht findet sich auch in den Zehn Geboten in seinem Kleinen Katechismus wieder. »Das erste Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Was ist das? Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.« Wer vor Gott seine Scheu bewahrt, und ihm mit Ehr-Furcht täglich begegnet, der schützt sich selbst vor einer törichten Selbstsicherheit. Ich wünschen Ihnen und mir, dass wir diese Erfahrung der Gottesfurcht mit in diese Tage und Monate nehmen. Die Furcht vor Gott erlöst uns Menschen von der Furcht in dieser Welt.
„Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all’ unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen“ (Philipper 4,7)
[Anmerkung: Die Gedanken zur „Gottesfurcht“ verdanke ich Pfarrer Dr. Thomas Hübner, in seinem Leitartikel „Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!«, Gemeindebrief 33/100, Ev. Kirchengemeinde Rondorf, S.3-11, 2011.]

Wir singen nun die rhythmisch komplizierte Urfassung des Liedes „Ein fest Burg ist unser Gott“. Sie wurde von der geglätteten, bekannteren Melodie längst verdrängt. Diese wurde allerdings erst im 18. Jahrhundert geschrieben. Vorher herrschte eine unantastbare Autorität von Text UND Melodie Martin Luthers. Wahrscheinlich ist diese Bedeutsamkeit einer der Gründe, dass die Herausgeber des Evangelischen Gesangbuches im Rheinland entschieden haben, beide Fassungen abzudrucken.
In der ursprünglichen Melodie von „Ein fest Burg…“ finden sich Gemeinsamkeiten mit anderen Lutherliedern. Sie hören vielleicht die Ähnlichkeit zur Melodie von „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ heraus. Auch bei sonstigen Stilmitteln bleibt sich Martin Luther treu: alle Phrasen enden auf Dreiklangstönen; in einer Melodiezeile wird ein ganzer Oktavraum durchschritten; die 2. Liedzeile wird zum Schluss wiederaufgegriffen; es gibt fanfarenhafte Tonwiederholungen.
Bei der rhythmisierten Form der Melodie waren mit Sicherheit Textstellen wie „der alt böse Feind“ 3. Zeile von Bedeutung. Auch werden Sie einzelne Veränderungen der Tonhöhen entdecken. Lassen Sie uns nun die Liedmelodie singen, die Luther gekannt und geschaffen hat.
Lied 362, 1,3,4 ein feste Burg (alte Melodie, rhythmisiert)

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