Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

PDF download

Liebe Schwestern und Brüder,
wie betont man etwas, das besonders wichtig ist? Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Man kann etwas an die erste Stelle setzen. In Rhetorik-Kursen beispielsweise lernt man häufig, die wichtigste Aussage der Rede an den Anfang zu stellen, also an die Stelle, wo der Zuhörer noch aufmerksam ist. Das ist besser, als wenn man erst lange Ausführungen macht, um schließlich am Ende - wenn viele schon schlafen - das Ergebnis zu präsentieren.  Man kann aber auch andererseits Dinge, die besonders wichtig sind, ans Ende setzen. In der Musik sind beispielsweise die Schlussätze eines Oratoriums immer besonders pompös. Das weiß der Hörer und fiebert dem entsprechend oft dem Schlusssatz entgegen, in dem noch mal alle bisherigen Motive aufgenommen und feierlich aufgelöst werden.  Man kann aber eine Sache auch dadurch betonen, dass man sie ins Zentrum stellt. Kirchen wurden früher in der Mitte eines Dorfes gebaut, das kann man heute noch sehr schön auf der Insel Walcheren in Holland sehen, wo auch heute noch viele Kirchen das Zentrum des Dorfes bilden und die Straßen teilweise strahlenförmig vom Kirchplatz ausgehen. Die höchste Punktzahl bei einer Zielscheibe erreicht man in der Regel dadurch, dass man genau in die Mitte trifft.
Warum erzähle ich ihnen das? Wenn man sich das eben gesungene Lied "Gelobet seist du Jesu Christ"  einmal näher betrachtet, kann man erkennen, dass auch der Dichter dieses Liedes, Martin Luther, eines dieser Betonungsschemata verwendet hat. Durchsucht man die Strophen nach bestimmten Stichworten, kommt man zu
einer interessanten Beobachtung. Das Stichwort "freuen"  in der ersten Strophe ("des freuet sich der Engelschar"), taucht noch einmal auf, und zwar in der Letzten: "Des freu sich alle Christenheit". Zufall? Ganz sicher nicht. Denn vergleicht man die zweite und vorletzte Strophe miteinander, fällt ebenfalls die Wiederholung eines Stichwortes auf. "In unser armes  Fleisch und Blut" findet seine Entsprechung in der 6 Strophe in den Worten: "Er ist auf Erden kommen arm". Also kein Zufall!  Schon gar nicht, wenn man nach diesem System die 3 und 5. Strophe betrachtet.  Und nun die Frage an Sie: Welches Stichwort taucht in beiden Strophen auf: Antwort: Welt "Den aller Welt Kreis nie beschloss - ein Gast in der Welt hier ward". Somit bleibt nur noch eine Strophe übrig: die vierte! Und folglich hat Martin Luther von den eben vorgestellten Möglichkeiten, etwas zu betonen, die dritte Variante gewählt. Er hat den Kern, die wichtigste Aussage seiner Dichtung,  in die Mitte seiner Strophen gestellt. Darum lassen Sie uns diese Strophe nun gemeinsam singen.

Lied 23,4

Wenn Sie diese Strophe genau betrachten, kann ihnen auffallen, dass auch sie noch einmal versucht eine Mitte zu bilden dadurch, dass zwei Stichworte in der ersten und letzten Zeile einen Rahmen bilden. In der ersten Zeile heißt es: „Das ewig Licht geht da herein“, Und in der letzten Zeile taucht das Stichwort erneut auf: „und uns des Lichtes Kinder macht.“ Wenn man es nun nicht 100% genau nimmt, lautet die Aussage, die in der Mitte des Liedes steht: es leucht wohl mitten in der Nacht. Eine scheinbar paradoxe Aussage. In der Mitte der Nacht, dort, wo der Abstand zur Abendsonne ebenso weit ist bis zum Sonnenaufgang am Morgen, an diesem dunkelsten Punkt bricht ein Licht auf. Insofern würde dieses Lied auch gut in die Christnacht und in die Christvesper passen, für die sie in der Tat als Wochenlied vorgesehen sind, wenn zum Teil auch nur als Alternative.  In der Mitte der Nacht leuchtet ein Licht auf. Nicht irgendein Licht: es ist das ewige Licht, ein Licht, das die, die es trifft verwandelt und selbst zu Kindern des Lichtes macht. Das ist das wunderbare, kaum fassbare Botschaft der Weihnacht: Gottes Licht der Liebe leuchtet auf in der Dunkelheit unserer Welt. Mit dem Stichwort "Welt" stoßen wir erneut auf eine Paradoxie,  einen Widerspruch, eine scheinbar nicht zu vereinende Aussage in diesem Lied. Um sie zu erkennen, lassen Sie uns die beiden einanderzugeordneten Stropen 3 und 5 einmal singen.  

Lied 23,3+5

Der, der von der Welt nicht umschlossen werden kann, dieser allmächtige, unfassbare Gott liegt im Schoss der Maria. Der, der zu groß ist für diese Welt, wird  - so Strophe 5 -  ein Gast in ihr. Diese Aussagen sind logisch eigentlich nicht miteinander vereinbar. Etwas, das größer ist als etwas anderes, kann in diesem nicht einkehren.Und doch bekennt die Weihnachtsbotschaft gerade dies gegen alle menschliche Vernunft. Auch wenn unser menschlicher Verstand es nicht fassen will, ist es gerade diese Botschaft, die verkündet und gepriesen werden soll. Und die widersprüchlichen, paradoxen Aussagen hören nicht auf: Das wird deutlich, wenn wir die 2 und die 6 Strophe singen.

Lied 23,2+6

Der reiche Gott wird arm, nimmt unser armes Fleisch und Blut an, um -  so die sechste Strophe -  uns im Himmel reich zu machen  und den Engeln gleich zu verwandeln.. Dass jemand durch Armut andere reich machen kann, ist eine Aussage, die wohl die wenigsten in unserer Welt verstehen und glauben können. Aber eben dies geschieht an Weihnachten. Diese ganzen Strophen, liebe Gemeinde, die wir gerade von der Mitte des Liedes ausgehend gesungen haben,  beschreiben das Wunder der Menschwerdung Gottes. Ein Wunder, das mit unserem Verstand nicht zu begreifen ist. Das wird auch an die vielen mühsamen Formulierungen in unseren Glaubensbekenntnissen deutlich, an deren Worte Luther sich mit seiner Dichtung anlehnt. Gott von Gott, Licht von Licht - haben wir eben gebetet - wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater. Alle diese Worte kreisen um dieses Wunder in der Krippe, ohne es richtig in Worte fassen zu können. Und so bleibt die einzige Aufgabe, die der Mensch tun kann, Gott für dieses Wunder zu preisen. Der Lobpreis Gottes steht am Beginn dieser Geburt des Kindes. Gelobet seist du Jesus Christ heißt es zu Beginn der ersten Strophe. Und die, die sich hier so sehr freuen, sind die Engel im Himmel. Von ihnen geht die Botschaft aus mit dem Ziel, dass sich alle Christenheit freue und Gott in alle Ewigkeit dankt, womit sich der Kreis mit der letzten Strophe schließt. Dieses Lied, das man wegen des "Kyrieleis" am Ende einer jeden Strophe zu der Gruppe der "Leisen" zählt, ist das älteste Weihnachtslied unseres Gesangbuches und auch das älteste von den drei Weihnachtslieder, die Martin Luther gedichtet hat. Die erste deutsche Textfassung findet sich um 1380. An sie hat Luther sich mit seiner Umdichtung angeschlossen.  Hieß die erste Strophe früher "Gelobet seist du Jesus Christ, daß du heut geboren bist", womit die Betonung auf die Zeit, das heute, das Weihnachtsfest gelegt wird, dichtete Luther: "dass du Mensch geworden bist", womit er gleich das Thema des ganzen Liedes nennt: Gott wird Mensch.

Dieses Lied,das Martin Luther vermutlich in der Adventszeit des Jahres 1523 gedichtet hat, hat sich all die Jahre
hindurch im Unterschied zu anderen Kirchenliedern der Reformationszeit sprachlich nicht verändert. In einfachen Sätzen und Aussagen, die in ihrer Widersprüchlichkeit einfach nebeneinander gestellt werden und stehen gelassen werden, wird Gott für seine unbegreifliche Liebe gepriesen. Dieses Lied ist ein einziger großer Lobgesang. Daran ändert auch nichts, dass jedes Lied mit einem „Kyrieeleis“ endet. Kyrieeleis oder auch Kyrie eleisson empfinden viele Menschen in unserer Kirche weniger als Lobgesang, sondern viel mehr als eine Art Klage. „Herr, erbarme dich!“
Dazu passend gibt es Gottesdienstformen in unserer Kirche, die diese Worte Kyrie eleisson als Abschluss  eines Sündenbekenntnisses singen, um dann, nach einem Gnadenspruch, das Gloria in Exceslsis als Lobgesang erklingen zu lassen. Wenn dies so richtig wäre,  dann gäbe es einen weiteren Widerspruch in unserem Lied. Aber dem ist nicht so: Sondern dieses Lied macht deutlich, was das Kyrie bzw. das Kyrie eleisson, seinem Wesen nach ist: keine Klage, sondern Lobgesang. Darum haben wir eben auch eine besondere Form des Kyries gesungen, um eben dies deutlich zu machen. Auch mit dem Kyrie lobt und preist die Gemeinde Gott, nämlich als den Herrn, der kommt, um sich unserer zu erbarmen. So lassen sie uns in diesen Jubelgesang einstimmen, indem wir noch die 1. und die 7. Strophe miteinander singen.  Und er Friede Gottes... Amen