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Nun sind wir mitten drin in der Weihnachtsgeschichte. „So merket nun das Zeichen recht“- mit diesen Worten begann die 5 Strophe des wohl berühmtesten Weihnachtsliedes Martin Luthers, das überhaupt für einige Jahrhunderte das bekannteste evangelische Weihnachtslied war, das sich schnell in Europa und der ganzen Welt verbreitete und in andere Sprachen übersetzt wurde. Seine eingängige Melodie wurde Vorlage für viele andere Lieder und Variationen. „So merket nun...!“ Haben Sie eigentlich gemerkt, dass Martin Luther uns mit den ersten 5 Strophen dieses mitten hineinnimmt in die Weihnachtsgeschichte. Denn diese ersten 5 Strophen sind die in wunderbare Dichtung gefasste Botschaft des Engels aus der Weihnachtsgeschichte. Ganz nah bleibt Martin Luther mit seiner Dichtung am Text der Weihnachtsgeschichte, wie der Evangelist Lukas sie uns überliefert hat.
„Euch  ist  heute  der  Heiland  geboren,  welcher  ist  Christus,  der  Herr.“
Und  Luther  dichtet:
Euch ist ein Kindlein heut geboren... Es ist der Herr Christ unser Gott.“
Vielleicht hat sich der ein oder andere eben gewundert, dass das Evangelium so mitten in der Erzählung endete. Dabei endete es gar nicht dem Lesen, denn die 5. Strophe ist ja fast eine wortwörtliche Fortführung, dessen was der Engel in der Weihnachtsgeschichte sagt:
„So merket nun dies Zeichen recht, die Krippe, Windelein so schlecht da findet ihr das Kind gelegt, das alle Welt erhält und trägt.“
Und haben wir gemerkt, dass in diesen ersten fünf Strophen des Liedes uns sprachlich wirklich der Engel begegnet. Darum haben wir heute Abend diese ersten Strophen nicht gemeinsam gesungen,  damit wir noch einmal neu merken: Es ist die Botschaft des Engels aus der Weihnachtsgeschichte, die uns hier - wie dir Hirten damals – erreicht.  Aber „Botschaft“: Dieses Wort lässt sich nur unschön singen. Weswegen Martin Luther das alte Wort für Botschaft wählte: Mär. Dieses Wort Mär war schon zu Luthers Zeiten ein wenig aus der Mode und verschwand nur wenige Jahrzehnte nach Luthers Tod gänzlich als Bezeichnung für eine wichtige Botschaft, eine wahre Erzählung. Heute kennen wir es nur noch im negativen Sinn, als Bezeichnung für eine erfundene, eine Lügengeschichte. „Der erzählt uns eine Mär“ – „Das ist alles nur ein Märchen“ Und damit stellt uns die sprachliche Entwicklung  dieses Wortes vor die wichtige Frage: Ist die Botschaft von Weihnachten, ist das, was die Engel den Hirten verkünden, die entscheidende Mär oder nur eine Mär, ist es die Nachricht, die einen aufmerken lassen muss, oder nur ein Märchen,  dass wir unseren Kindern erzählen und vorspielen, bis sie groß sind, und dann auch den Glauben an das Christkind  zusammen mit dem Nikolaus und dem Osterhasen begraben?
Wenn diese Botschaft aber mehr ist als eine alte Mär, wenn es keine Fakenews ist, sondern eine wirkliche Botschaft Gottes, dann müsste man sich wie die Hirten aufmachen, hingehen und nachsehen, was sich da zugetragen hat, was dran ist an dieser Geschichte, und ob diese Geschichte wirklich so wundersam ist, wie sie angekündigt wird. In Luthers Lied geschieht dies jedenfalls. Ab der 6. Strophe singt nicht mehr der Engel, sondern die Gemeinde. Sie schlüpft in die Rolle der Hirten und macht sich gesanglich und fröhlich auf, um zu entdecken, was uns in dieser Nacht geschenkt wurde. Machen also auch wir uns auf, indem wir die beiden nächsten Strophen singen.

Strophe 6+7

Ich hatte es schon im Gemeindebrief geschrieben. Luther hat für dieses Lied eine eigene Melodie geschaffen, die durch die Achtelpause und Achtel zu Beginn eines jeden Verses einen tänzerischen Charakter erhält.  Seltsamerweise verändert sich jedoch die Melodie seit der Barockzeit leicht aber nicht unwesentlich. Die Achtelpausen und Achteln zum Auftakt weichen gleichmäßigen Viertelnoten. Durch diese Veränderung verliert das
Lied seinen tänzerischen Charakter und wird ruhiger und damit auch besinnlicher. Vielleicht haben ja die im Lied nun folgenden Strophen zu dieser Entwicklung dazu beigetragen. Denn in den folgenden Strophen geht es weniger darum, sich aufzumachen, als vielmehr darum, innezuhalten, diesen seltsamen Gast aufzunehmen, ihn zu betrachten, und das dieses Kind aus der Krippe im Stall herauszunehmen, um es in das eigene Herz zu betten. „Ach mein herzliebes Jesulein, mach dir ein rein sanft Bettelein, zu ruhen in meins Herzens Schein, dass ich nimmer vergesse dein.“ Man spürt an diesen Zeilen,  wie sehr Luther doch auch von der Mystik geprägt war, jener Glaubensrichtung, in der das stille andächtige Betrachten Gotteseinen Schwerpunkt hat. Für diese Art der Betrachtung benötigt man Zeit, also etwas, was wir heutzutage kaum noch haben, was man vielleicht auch daran erkennen kann, dass manche unter ein wenig erschrocken waren, als sie beim Betrachten des Programms merkten, dass wir heute in der Tat alle 15 Strophen des Liedes singen. Wir nehmen uns die Zeit und die Ruhe. Luther hatte noch Zeit! Und darum findet er die Ruhe,  sechs Strophen lang dieses Kind in der Krippe zu betrachten. Und weil er es so lang und inniglich betrachtet, erkennt er das Wunder, was sich mit diesem Kind verbindet: Der Schöpfer aller Dinge, macht sich klein, wird gering, liegt auf dürrem Gras, von dem Rind und Esel aß. Wir sind beeindruckt und gerührt, wenn Politiker Flüchtlingsunterkünfte besuchen, oder gar in menschenunwürdigen Zeltstädten einen Tag verbringen. Die Botschaft von Weihnachten ist noch viel beeindruckender und anrührender: Der König der Welt, den man sich wie einen richtigen König auf Samt und Seide gebettet vorstellen könnte, liegt auf grobem Heu, und das aus eigenem freiem Willen,  um uns Menschen ganz nah zu kommen. Dieses Bild eines Gottes, der die Regeln jeglicher Etikette sprengt, höfische Protokollarien missachtet, und sich uns Bedürftigen zur Seite stellt, gilt es zu betrachten, zu betrachten und unvergesslich in unsere Seele aufzunehmen, damit wir nicht hart und unmenschlich werden, wenn all die anderen Bilder in unsere Seele dringen: Aleppo, Berlin und all die vielen anderen Bilder von Terror und Angst. Diese Bilder sind Bilder von Zerstörung und Hass, wer sich ihnen lang genug aussetzt, gerät in Gefahr,  abzustumpfen oder selbst mit Hass erfüllt zu werden. Viel wichtiger als die vielen Bilder der vielen Schreckensnachrichten, ist darum das Bild der
einen guten Nachricht, die Gott uns bringt. Frieden kann nur dort entstehen, wo man bereit ist wie Gott, Grenzen zu überschreiten,  sich nicht für zu hoch zu erachten,  anderen Menschen, auch den Geringsten zu dienen.
Nehmen wir darum dieses Bild des Kindes in der Krippe tief in uns auf, indem wir andächtig diese Strophen
singen.

Strophen 8-13

Genug des Verweilens. Die andächtige Betrachtung des Kindes in der Krippe kommt erst dann zum Ziel, wenn sie uns wieder in Bewegung bringt. Nichts ist schlimmer als fromme Menschen, die im eigenen Saft schmoren und sich nur um ihre eigene Seligkeit drehen. Das Bild in der Krippe will uns nicht der Welt entziehen, sondern in die Welt senden, so wie auch die Hirten zurück gekehrt sind ihren Alltag, singend und lobend, um jedem von diesem Frieden zu erzählen, den sie mit diesem Kind in der Krippe gefunden haben. Wer das Kind in der Krippe erkannt hat, wer diesen Christus in sein Herz aufgenommen hat, der muss fröhlich sein, der muss aller Trauer trotzen, der muss – wie Luther es sagt – singen und springen.  Und die Kinder eben in der Christvesper in der Jesus-Christus-Kirche sind in der Tat zu diesem Lied gesprungen und haben getanzt. Nun werde ich mit ihnen jetzt nicht durch die Kirche tanzen, aber ich hoffe doch,  dass der folgende, deutlich flotter gespielte und gesungene doppelchörige Satz von Orgel und Bläsern uns innerlich so in Bewegung bringt, dass wir aus diesem Gottesdienst heute Abend herausgehen, und wie die Hirten irgendjemandem, der uns heute oder in den nächsten Tagen und Wochen begegnet, etwas von diesem Frieden bringen, den uns Gott in diesem Kind in der Krippe schenkt. Und dass wir dieses Bild von dem Kind in der Krippe nicht vergessen, dass es in unseren Herzen bleibt, als eine Kraft die uns trägt, uns und alles, was uns in der Welt noch an Schwerem und Schrecklichem  begegnet,  und  dass es  uns  leuchtet,  dann  wenn  sich  Dunkelheit  über  unser  Leben  legt. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne .in Jesus Christus.
Amen

 

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