Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 2 der Predigtreihe „Wunder“



 

      „Es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: „Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!“ Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: „Geht hin und zeigt euch den Priestern!“ Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.
    Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter.
    Jesus aber antwortete und sprach: „Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?“ Und er sprach zu ihm: „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“

Liebe Gemeinde,
    100 % vollbrachtes Wunder – 10 % erreichtes Ziel: so könnten wir unsere heutige Wundergeschichte, die zweite im Rahmen meiner Predigtreihe, kurz und knapp zusammenfassen. Und schon sind wir mittendrin in dem erstaunlichen Zusammenhang, der mich veranlasst hat, gerade diese Geschichte in der Predigtreihe zu berücksichtigen: landläufig würde man doch wohl sagen: vollbrachtes Wunder = (ist gleich) erreichtes Ziel! Da, wo ein Mensch die Fesseln seiner quälenden Krankheit abstreifen darf, wo er zurückfindet in ein normales Leben, statt in der erzwungenen Isolation unter anderen Lepra-Infizierten dahin dämmern zu müssen – da ist ein Wunder geschehen und eben damit ist zugleich das lang ersehnte Ziel erreicht! Beides fällt zusammen! Warum in aller Welt sollte es je auseinander treten? Lassen Sie uns mit dieser Frage im Hinterkopf unseren Predigttext genauer ansehen:

    alles beginnt, mit Verlaub, wie eine 08/15-Wundergeschichte. Ich spare mir jetzt und hier jegliche Erwägung dazu, was wohl der historische Hintergrund dieser Heilung der 10 Aussätzigen gewesen sein mag. Fast wie im Vorübergehen wird die Geschichte zunächst erzählt. Die Elemente sind ähnlich wie in der Geschichte Markus 1,40-45, die wir im ersten Teil der Predigtreihe gehört haben: dort ist es einer, hier bei Lukas 17 sind es 10 Aussätzige, also mit Lepra Infizierte, die                                          Jesus um Hilfe bitten. Er spricht ein Wort; die 10 Männer werden gleichsam im Handumdrehen gesund.

      Die Beiläufigkeit, mit der das Wunder erzählt wird, ist im Verhältnis zu seiner Bedeutung geradezu provozierend. 10 Langzeitkranke von jetzt auf gleich wieder fit – als ob das gar nichts wäre! Zumal sie ja nicht nur physisch gesund geworden sind; nein: sie sind nun auch wieder sozial integriert, „gesellschaftsfähig“ sozusagen!
      
      Aber darauf scheint es Lukas nicht anzukommen; sonst wäre die Geschichte hier zuende; beschlossen höchstens noch mit allgemeinem Jubel über den Wundertäter. So kommt es aber gerade nicht; es geht vielmehr weiter mit dem zweiten Teil, und der ist alles anderes als 08/15.                                                                                                                                                                                    

    Jesus schickt die 10 Geheilten zu den Priestern, um sich dort an zuständiger Stelle ihre Heilung offiziell bestätigen zu lassen. Nur nach dieser „Gesundschreibung“, wie ich es nennen möchte, haben sie außer der physischen Wiederherstellung auch ihre Wiedereingliederung in die Gemeinschaft des Volkes erreicht. Denn Lepra galt, wie wir es schon beim letzten Mal hörten, als Verunreinigung, die soziale Ächtung nach sich zog, zumal sie mit hoher Ansteckungsgefahr einherging. „Unrein, unrein!“ – so mussten die Aussätzigen rufen, wenn jemand sich ihnen näherten; sie mussten also gewissermaßen ihre eigene Isolation auch noch aktiv betreiben! Und dieses Wort „unrein“ deutet es bereits an: Lepra galt zu allem Überfluss auch noch als eine besondere Strafe Gottes. Daher die soziale Ächtung. Und sie musste folglich sozusagen von Amts wegen durch einen Priester wieder aufgehoben werden, wo tatsächlich jemand von der Lepra geheilt worden war.

    Nach diesem „Pflichttermin“, zu dem Jesus die 10 geschickt hat, gehen 9 von ihnen vermutlich zurück zu ihren Familien, Freunden, in ihre Heimatdörfer und Häuser. Einer schlägt zunächst den Weg zurück zu Jesus ein. – Bei welcher der beiden Gruppen wären wir, wäre jeder Einzelne von uns wohl zu finden gewesen? Allein die Größenverhältnisse der beiden Gruppen lassen uns hier wohl gar keine wirkliche Alternative empfinden! 9 zu 1 – so dass man bei dem einen eigentlich schon gar nicht von einer „Gruppe“ sprechen kann!
    
    Und ich gebe ehrlich zu: ich kann das Verhalten der 9 schon gut nachvollziehen! Endlich gesund – nach vielleicht jahrelangem Siechtum, verbunden mit erniedrigender sozialer Ächtung! Und die Gesundheit kommt ja nicht etwa langsam und stetig zurück, durch konsequente Anwendung einer am Ende doch erfolgreichen Therapiemethode. Auf so was kann man sich einstellen und sein eigenes Verhalten bewusst kalkulieren. Und auch die Familie und die Freunde können sich auf alles einstellen, haben sie doch gewiss immer wieder Nachricht vom kontinuierlichen Fortschreiten der Heilung erhalten. Und dann bekommt am Ende der Arzt, wenn er einen als geheilt entlassen hat, vielleicht eine wie auch immer geartete Aufmerksamkeit, zumindest einen Dankesbrief oder Ähnliches. So mag das oft gehen.

    Aber alles das ist hier doch völlig anders: gänzlich unerwartet tritt Jesus auf den Plan, und genauso unerwartet ereignet sich die Heilung! Wer kann es einem so Geheilten denn übel nehmen, wenn der alles andere hintanstellt oder auch verdrängt gegenüber der Rückkehr und Heimkehr zu den nächsten Angehörigen?! Hat denn ausgerechnet Jesus dafür kein Verständnis? Legt er wirklich Wert auf solche Artigkeiten? Fast hört man ihn ja förmlich den berühmt-berüchtigten Satz sprechen, den wir alle früher einmal aus dem Munde unserer Eltern gehört haben, wenn wir ein Geschenk bekommen hatten und dann nur noch darauf fixiert waren, statt uns zunächst erst mal an den Schenkenden zu wenden: dann erklangen doch gerne diese Worte, die sich wohl seit Generationen kaum verändert haben: „Wie sagt man?“

    Nun, Jesus spricht diese Worte nicht, aber zu dem einen Geheilten, der wieder kommt, spricht er andere Worte, und die deuten doch an, dass es ihm nicht einfach um Artigkeiten aus dem Knigge für bürgerliches Wohlverhalten geht: „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“

    Liebe Gemeinde, diese Worte begegnen uns aus Jesu Mund in den Evangelien gleich mehrfach, aber gerade an dieser Stelle hier in Lukas 17 hätte ich sie nicht erwartet. In der Regel ist es so: jemand Krankes vertraut ganz fest auf Jesus, er heilt ihn und lobt seinen Glauben, der ihm geholfen habe, von Jesus geheilt zu werden. So ähnlich ist es auch in der Geschichte unserer heutigen Lesung aus Markus 2, wobei da noch das erstaunliche Phänomen hinzutritt, dass der dort erwähnte Glaube ja gar nicht der des Gelähmten war, der daraufhin geheilt wurde, sondern dort geht es um den Glauben seiner Freunde, die ihn ungeachtet aller Hindernisse zu Jesus gebracht haben, eben weil sie ganz fest daran glauben, dass er ihren kranken Freund heilen würde. Aber egal: insgesamt gilt bei allen diesen Geschichten: der Glaube an Jesus, das Vertrauen darauf, dass er einen Kranken heilen wird, ist es, das ihn dazu bringt, die Heilung dann auch wirklich zu vollziehen.

    Mit Verlaub: das ist hier doch etwas anders: 10 Aussätzige schreien aus der gebotenen Entfernung, Jesus möge sie heilen. Ist das der „Glaube“, der wie in den anderen Geschichten die Heilung nach sich zieht? Ich denke, in den Augen Jesu eher nicht, denn dann hätte er seinen Satz doch auch an alle 10 richten müssen! Tut er aber nicht; nein: der Satz fällt viel später, als eben die 9 über alle Berge sind. Der eine, der zurückkommt, er allein bekommt diese Worte von Jesus gesagt: „Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“

    Der Glaube, so wie Jesus hier von ihm spricht, ist also ganz offensichtlich nicht einfach das Vertrauen auf die Heilung. Denn nichts deutet darauf hin, wieso dies bei dem einen etwas anderes gewesen sein sollte als bei den restlichen 9. Nicht in seiner Hoffnung auf Jesu Heilfähigkeit unterscheidet sich der eine von den 9. Umso mehr jedoch unterscheidet er sich von ihnen darin, wie er mit dieser Heilung umgeht, was er daraufhin macht. Kurz gesagt: die 9 sehen lediglich das, was ihnen da zuteil wurde; der eine sieht den, der es ihm zuteil hat werden lassen! Für die 9 ist nur die Gabe wichtig, die Hilfe; für den einen ist es darüber hinaus der Geber, der Helfer. Was trägt dieser Unterschied aus?

    Darf ich es in einem kleinen Wortspiel einmal so sagen: der eine ist im Gegensatz zu den 9 nicht allein darauf aus, etwas von einem anderen zu „beziehen“, sondern vielmehr darauf, mit diesem anderen „in Beziehung“ zu treten.

    So verstanden, ist der Glaube geradezu das Gegenteil dessen, wofür wir ihn oft halten: da denken wir: wo das Wissen aufhört, da fängt der Glaube an. Nein, gerade umgekehrt ist es: der Glaube schaut hinter die Kulissen; er gibt sich nicht mit dem zufrieden, was er kriegen kann, sondern sucht die Beziehung zur „Quelle“ der Gabe, zu dem, der es ihm gibt.

    Solch ein Glaube ist das glatte Gegenteil der Konsummentalität, die wir häufig so stark verinnerlicht haben. Da heißt es: nimm mit, was du kriegen kannst, egal woher – einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul! Der Glaube lässt demgegenüber eine Dimension in unserem Leben aufleuchten, die ansonsten nur allzu leicht völlig hinten runterfällt: die Dimension der Dankbarkeit.

    Lassen Sie uns hier einen Moment lang innehalten: Dankbarkeit – das ist zunächst etwas, das – ich nenne es mal so: das Leben verlangsamt. Wer für etwas Empfangenes dankt, der geht tatsächlich gewissermaßen einen Schritt zurück, genau wie der eine Geheilte aus unserer Geschichte. Der nimmt sich, bevor er nun daran geht, das Empfangene zu genießen, die Zeit, an den Ursprung der Gabe zu gehen. Und das sollte nun in der Tat nicht einfach eine lästige Pflichtaufgabe aus dem Knigge sein.