Teil 3 der Predigtreihe „Wunder“



„Und er ging von dort weg und kam in seine Vaterstadt, und seine Jünger folgten ihm nach. Und als der Sabbat kam, fing er an, zu lehren in der Synagoge. Und viele, die zuhörten, verwunderten sich und sprachen: Woher hat er das? Und was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und solche mächtigen Taten, die durch seine Hand geschehen?

Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich über ihn.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause. Und er konnte dort nicht eine einzige Tat tun, außer dass er wenigen Kranken die Hand auflegte und sie heilte.

Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und er ging rings umher in die Dörfer und lehrte.“

Liebe Gemeinde,
unsere heutige soeben gehörte Geschichte ist gewissermaßen der Kontrapunkt zu der des vergangenen Sonntags. Hieß es dort noch: Steh auf geh hin: dein Glaube hat dir geholfen –, so ist hier vom Unglauben der Leute die Rede, der offensichtlich die Wundertätigkeit Jesu nachhaltig negativ beeinflusst, so dass ihm nichts mehr gelingt und kein Wunder geschieht. Fast wie in einem Wortspiel heißt es stattdessen: Und er wunderte sich über ihren Unglauben.

Das hätte wohl so Mancher nicht erwartet: dass Jesus, wie es hier heißt: „keine einzige Tat dort tun konnte“, dass dem großen Wundertäter ausgerechnet in seiner Heimatstadt also gewissermaßen die Hände gebunden sein sollen. Salopp gesagt: auswärts ist er erfolgreicher; das „Heimspiel“ misslingt auf ganzer Linie. Wie kommt das?

Bevor ich dieser Frage weiter nachgehe, noch eine interessante Beobachtung: diese Worte Markus 6,1-6, sie haben keinen Eingang in die Menge derjenigen Bibeltexte gefunden, die in 6 Jahrgängen geordnet uns Pfarrern als Predigttexte vorgeschlagen werden. Ich habe folglich noch nie über sie gepredigt; sogar im Internet findet man nur sehr Spärliches dazu. Warum mag das so sein? Nun, meine persönliche Vermutung: gerade weil diese „Geschichte des ausbleibenden Wunders“, wie ich sie in der Ankündigung der Predigtreihe genannt habe, eben nicht gut ins Bild des Wundertäters Jesus passt, hat man sie lieber außen vor gelassen.

Dazu passt eine weitere Beobachtung: das Markusevangelium ist ja vermutlich das älteste der 4 biblischen Evangelien. Wie an vielen Stellen deutlich zu merken ist, hatten Matthäus und Lukas es offensichtlich als eine Quelle vorliegen, als sie ihre Evangelien verfassten. Und sie bieten auch beide jeweils die Geschichte der Predigt Jesu in seiner Heimatstadt Nazareth. Aber als es dazu kommt, dass die Leute aus Nazareth Jesus ablehnen, da scheuen sowohl Matthäus als auch Lukas doch davor zurück, diese Feststellung zu treffen, die Markus überliefert: nämlich dass Jesus dort keine einzige Wundertat vollbringen konnte. Diesen Satz bringen sie beide nicht. Bei Matthäus heißt es stattdessen: „Er tat dort nicht viele Wunder wegen ihres Unglaubens.“ (Matthäus 13,58) „Nicht viele“ statt „keine einzige“, das heißt doch: Matthäus mildert die harte Aussage des Markus ab. Und Lukas erwähnt überhaupt nichts Dergleichen. – Ein Jesus, der auf einmal, warum auch immer, nicht mehr in der Lage sein sollte, Wunder zu tun – das „widerspricht der ... Anschauung von Jesu unbegrenzter Allmacht“, so die Schlussfolgerung des Neutestamentlers Eduard Schweizer. Umso wichtiger, dass wir die Feststellung bei Markus ernst nehmen! Wir können sicher sein, dass sie, gerade weil sie etwas geradezu Skandalöses formuliert, ursprünglich zu dieser Geschichte hinzugehört hat.

Aber nun zurück zu unserer Ausgangsfrage: warum kann Jesus auf einmal kein Wunder tun, ausgerechnet in seiner Heimatstadt Nazareth? Das scheint zu tun zu haben damit, wie er zuhause empfangen wurde: mit Ablehnung; ausgerechnet das Heimspiel misslingt komplett. Und wir kennen alle das Sprichwort, das geradewegs aus dieser Geschichte hervorgegangen ist: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland.

Diese Erfahrung musste also nicht erst und nicht alleine Jesus machen. Warum ist das so, dass jemand in seiner heimatlichen Umgebung häufig nicht den Erfolg erzielt, den er anderswo geradezu mühelos bekommt? Dort müsste man doch am besten wissen, mit wem man es zu tun hat!

Nun vermute ich, der Misserfolg ereignet sich nicht, obwohl die Leute einen zuhause besonders gut kennen, sondern gerade weil sie einen zuhause besonders gut kennen. Noch genauer: weil man zuhause ja immer schon in einer bestimmten Rolle bekannt ist, die freilich meist eine ganz andere ist als die, in der man dann plötzlich auftritt. Ich will Ihnen das an einem Beispiel von mir selber erläutern: als meine Familie und ich 1994 aus Rwanda wieder in Deutschland waren und wir uns fragten, wie es nun wohl beruflich mit uns weitergehen sollte, da wurde in meiner Heimatgemeinde, der Johanneskirchengemeinde in Düsseldorf, eine Pfarrstelle frei. Das wäre natürlich interessant gewesen; ich hatte dort ja quasi schon einen Fuß in der Tür... Meine Gedanken gingen hin und her. Aber, ehrlich gesagt, nicht sehr lange. Und eine nicht unerhebliche Rolle dabei spielte die Erinnerung an folgendes schon eine ganze Weile zurückliegendes Erlebnis: ich war etwa 18 Jahre alt und fuhr in Düsseldorf mit der Straßenbahn. Ich war so groß und – fast – schon so breit wie heute. Und da spricht mich auf einmal eine Dame an, die ich als ein Mitglied der Seniorengruppe meines Vaters, der ja auch Pfarrer war, identifizierte. Diese Dame – übrigens maximal 1,60m groß! – wendet sich also mir zu und sagt laut und deutlich, so dass es die gesamte Straßenbahn hört: „Ach sind Sie nicht der kleine Zimmermann?“ – Na wunderbar! Es gluckste und kicherte um mich herum, und ich weiß schon gar nicht mehr, wie ich aus dieser Nummer wieder rausgekommen bin! – Jedenfalls war mir 1994 schnell klar: auf diese Stelle bewirbst Du Dich gerade nicht! Ein Leben lang „der kleine Zimmermann“? Nein danke!

Und nun will es die zufällige Stichwortassoziation, dass Jesus sozusagen genau Dasselbe gesagt bekommt: Ist er nicht der Zimmermann? Und das heißt in diesem Fall: der Handwerker aus der Firma seines Vaters, einer wie alle anderen auch! Seine Mutter und seine Brüder sind namentlich bekannt! So nach dem Motto: ach ja, mit dessen Bruder ist mein Jüngster schon zur Schule gegangen. In der Familie, da ging’s auch manchmal ganz schön hoch her, das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung sagen! – Anders gesagt: diesen Jesus, den kennen wir samt seinen Angehörigen; der fabriziert Möbel; die haben zuhause eine Schreinerwerkstatt! Und so einer tritt jetzt plötzlich als Prediger auf?! Das geht ja wohl gar nicht! Jesus, nun überheb Dich mal nicht, fall mal nicht aus der Rolle! – Das ist die klare Botschaft, die er hier gesagt oder doch wenigstens zu verstehen gegeben bekommt. Dabei mögen die kleinen nachbarschaftlichen Nickeligkeiten wieder hochkommen und der unausgesprochene Gedanke bei den Leuten: von dem lasse ich mir gar nichts sagen; den kenn’ ich doch noch, wie er als kleiner Steppke aus Müllers Gärtchen die Äpfel geklaut hat!

So ist das ja leider viel zu oft bei uns: hat einer einmal eine Rolle, ist er in einer bestimmten Funktion oder Position bekannt, dann wird er immer nur darauf festgenagelt. Fast tröstlich, dass das offensichtlich schon Jesus so ergangen ist. Ausgerechnet in seiner Heimatstadt kriegt er in seiner göttlichen Mission kein Bein auf die Erde!

Das aber hat nun Konsequenzen für seine Wundertätigkeit: Jesus ist von jetzt auf gleich nicht mehr in der Lage dazu. Die Wunder Jesu – ob sie sich nun ereignen oder nicht, das scheint etwas damit zu tun zu haben, was für eine Beziehung zwischen Jesus und den Menschen am jeweiligen Ort herrscht. Trifft er auf Akzeptanz und Vertrauen – die Bibel nennt das „Glauben“ –, dann kann er Wunder vollbringen. Trifft er im Gegenteil dazu auf Desinteresse, Skepsis, Ablehnung – biblisch heißt das „Unglauben“ –, dann „geht“ einfach auch kein Wunder.

Woraus nun freilich nicht folgt: überall da, wo kein Wunder stattfindet, liegt es nur am mangelnden Glauben. Nein, so einfach ist es nicht. Es gibt auch Situationen, da ereignet sich trotz Glaubens kein Wunder; da bleiben Fragen offen. Dennoch bitte ich Sie, sich heute darauf einzulassen, was unsere Geschichte feststellt: dass der Glaube, das Sich-Einlassen auf Jesus und seine Wundertätigkeit durchaus miteinander zusammenhängen.

Im heutigen 3. Teil der Predigtreihe, in der 3. Wundergeschichte stoßen wir also erneut auf das offensichtlich sehr wichtige Phänomen: Jesus tut Wunder niemals „einfach so“, schon gar nicht inszeniert er sich selbst als eine Art antiker Showstar, der mal hier und da mit dem Finger schnippt, und schon dreht sich die Welt andersherum. Nein: alles kommt auf die Art und die Qualität der Beziehung an, die ihn mit dem jeweils betreffenden Menschen verbindet, anders gesagt: alles kommt auf den Glauben oder Unglauben an, der ihm, Jesus, entgegengebracht wird. Nochmal anders gesagt: alles kommt darauf an, ob jemand offen dafür ist, Jesus in einer neuen, bislang noch nicht gekannten Rolle kennenzulernen, oder ob er lediglich bereit ist, in Jesus das bzw. den zu sehen, den er immer schon in ihm gesehen hat.

Und dies dürfen wir ruhig auf Gott insgesamt beziehen: immer da, wo jemand sich ihm mit der Haltung zuwendet: den kenne ich; die Begegnung mit ihm ist gewissermaßen ein „Déjà-vu-Erlebnis“, da wird nichts draus werden, jedenfalls nichts Bemerkens- und Erzählenswertes. Und gerade der Auftritt in der Heimat wird natürlich allzu leicht als ein solches „Déjà-vu“ – zu deutsch „schon gesehen“ empfunden.

Anderswo ist Jesus noch das sprichwörtlich unbeschriebene Blatt; dort herrscht noch eine gespannte Erwartungshaltung ihm gegenüber. Und schon nehmen die Begegnungen mit ihm eine andere Wendung: da können sich plötzlich Wunder ereignen!

Mir fällt Zweierlei an alledem auf, das ich für sehr nachdenkenswert halte: zum einen: im ersten Augenblick mögen wir vielleicht enttäuscht sein, wenn wir hier wahrnehmen: es gibt Situationen, da sind dem Wundertäter gleichsam Fesseln angelegt. Wir hätten ihn vielleicht tatsächlich erst einmal lieber als den großen Zauberer, der in jeder Situation völlig unabhängig vom Verhalten der Leute um ihn herum seine Kunststücke zeigt.

Aber ich glaube, im zweiten Augenblick werden wir es gerade besonders zu schätzen lernen, was die Bibel uns von Jesus berichtet: er tritt nicht auf als jemand, der sein Programm quasi automatisch abspult, ohne Rücksicht auf die konkrete Situation um ihn herum, so als wäre unsereiner lediglich Staffage, Objekt seines Handelns. Vielmehr nimmt er uns als Partner, als Dialogpartner ernst, und unsere Einstellung zu ihm ist für sein Handeln nicht etwa belanglos, sondern hat entscheidende Bedeutung! Wir werden dadurch regelrecht gewürdigt, mit ihm in Beziehung zu treten, und unsere Reaktion auf diese Würdigung bestimmt darüber mit, wie es weitergeht zwischen Jesus und uns. Wollen wir uns diese Würdigung entgehen lassen?

Und ein Weiteres fällt mir auf: in dem, was Jesus hier erörtert, geht es um eine Grundhaltung unsererseits gegenüber dem Leben überhaupt und gegenüber anderen Menschen: begegnen wir ihnen mit der Einstellung: na, den kenn’ ich ja durch und durch; da kann eh nichts Neues mehr kommen? Oder haben wir unsere Antennen wirklich auf “Empfang“ gestellt: Ich habe schon soviel von dir gehört. Nun bin ich gespannt darauf, dich selbst zu erleben – vielleicht gerade unter der Bedingung, dass ich dich schon früher und unter anderen Umständen gekannt habe?

Wer immer und überall nur „déjà-vu-Erlebnisse“ erwartet, der gibt damit zu erkennen, dass er im Grunde keine Erwartungen mehr an das Leben hat. Ja und der wird dann auch konsequenterweise nur noch „déjà-vu-Erlebnisse“ haben, der wird sich tatsächlich ständig bestätigt finden in seinen nicht vorhandenen Erwartungen, ganz nach dem berühmten Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung: ich muss alles nur lange genug schlecht und sinnlos reden – irgendwann wird es das dann auch. Wer dagegen mit echten Erwartungen ins Leben geht, gerade der wird sich auch auf „wunderbare“ Erlebnisse im wahrsten Sinne des Wortes freuen dürfen.

Vom Glauben, liebe Gemeinde, heißt es in der Bibel an einer Stelle, wo der Apostel Paulus von Abraham schreibt: Abraham „hoffte, wo nichts zu hoffen war.“ (Römer 4,18) Das ist ein Wesenszug des christlichen Glaubens: auch und gerade da die Hoffnung nicht zu verlieren, wo nach menschlichem Ermessen wirklich nichts mehr dafür spricht, sie zu behalten. An die Adresse der Leute aus Nazareth gerichtet müsste das in etwa heißen: Auch wenn Ihr meint, Jesus noch so gut zu kennen: haltet Euch offen dafür, dass er mehr und Anderes ist als das Klischee, das Ihr Euch von ihm macht. Wenn Ihr in Euren Klischees verharrt, dann – ja dann braucht Ihr Euch auch nicht zu wundern, wenn Euch kein Wunder widerfährt! Ihr habt ihm ja schon von vornherein gleichsam den Boden entzogen.

Aber eigentlich ist nicht diese pessimistische Feststellung die Botschaft unserer Geschichte. Im Grunde wird sie von Markus doch nur deshalb überliefert, weil er uns davor bewahren will, dass es uns genauso ergeht wie den Leuten von Nazareth. Indirekt, durch diese Geschichte des ausbleibenden Wunders hindurch ruft er uns zu: Macht es anders als die Leute von Nazareth! Haltet Euch offen für Jesus! Meint nicht, Ihr wüsstet ja eh schon alles, was er tun und lassen kann und wird. Rechnet vielmehr mit ihm; hofft auch da, wo menschlich gesprochen nichts mehr zu hoffen ist! Und seid gewiss: eine solche Hoffnung wird Gott nicht ohne Antwort lassen! Ja eine solche Hoffnung ist es, die Wunder nach sich zieht! Amen.

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