Teil 4 der Predigtreihe „Wunder“

 

    „Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüber zufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein.

    Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

    Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!

    Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“

Liebe Gemeinde,
    „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen!“ – Mit diesen Worten entlässt Jesus bisweilen Menschen, an denen er ein Wunder vollbracht hat. Eine solche Geschichte hörten wir vor 2 Wochen. Der feste Glaube an den Wunder vollbringenden Gott, der wurde uns dabei vor Augen gehalten.

    Und letzten Sonntag, da wurden wir mit einer Geschichte konfrontiert, in der genau dieser Glaube fehlte, so dass Jesus daraufhin, wie es hieß: „nicht eine einzige Tat tun konnte“.

    Unsere heutige Geschichte setzt noch einmal einen ganz anderen Akzent. Nicht „Dein Glaube hat dir geholfen“ könnte hier die Quintessenz sein, sondern fast genau umgekehrt: „Ich, Jesus, habe dir zum Glauben verholfen, den du, Petrus, selbst gerade nicht mitgebracht hattest.“ Lassen Sie uns versuchen, das Besondere dieser heutigen Geschichte aufzuspüren!

    Zunächst ist es so, dass es heute nicht um ein Heilungswunder geht. Und es geht auch nicht darum, dass Jesus eine Situation vorfindet und dann darauf reagiert. Nein, es wird ausdrücklich festgestellt, dass er selbst hier gewissermaßen der Strippenzieher ist: Er „trieb seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren.“ Wir dürfen vermuten, dass er die ganze Szene bewusst eingefädelt hat, dass er wusste, was nun kommen würde, und dass er all das regelrecht bewusst herbeigeführt hat. Warum er das getan hat? Ich komme auf diese Frage noch zurück.

    Es wird stürmisch auf dem See. Wobei die Geschichte bei dieser Feststellung keinen Moment lang verharrt. Sie führt anders als die Geschichte, die wir in der Lesung gehört haben, auch nicht etwa aus, wie nun aufgrund des Sturms die Panik an Bord ausbricht. Nein, der ganze Akzent liegt darauf, dass die Panik ausgerechnet angesichts dessen ausbricht, der sich anschickt, zum Retter in der Not zu werden!

    An dieser wie an manchen anderen Stellen der Bibel, speziell der Wundergeschichten, sollten wir uns nicht allzu lange bei der Frage aufhalten, was da wohl genau historisch hinterstecken mag. Umso mehr sollten wir uns jedoch fragen: kennen wir solche Situationen nicht auch aus unserem eigenen Leben: wo unsere Sorgen, unsere Angst und Panik sich weniger gegen das richten, was uns wirklich bedroht, als gegen den letzten rettenden Strohhalm, der uns noch bleibt!

    Wie ist das denn häufig, etwa wenn in meinem Leben etwas im Argen liegt und sich endlich mal jemand ein Herz fasst, um mich darauf hinzuweisen? Reagiere ich da nicht häufig genug so, dass ich dem Problem gerade nicht ins Auge schauen will, sondern nun all meine Unsicherheit in Befremden, ja Aggression gerade demjenigen gegenüber verwandle, der den Mut hatte, dieses heikle Thema anzusprechen?! So nehme ich ähnlich wie die Jünger weder die Gefahr als Gefahr noch den Retter als Retter wahr. Und dann wird es in der Tat schwierig, wie mir Rettung überhaupt noch zuteil werden soll! Ich selber bringe die Voraussetzungen dazu ja gerade nicht mit!

    An diesem Punkt beginnt unsere heutige Geschichte im besten Sinne des Wortes tröstlich zu werden. Das vermeintliche Gespenst wendet sich ja nun nicht etwa beleidigt ab, sondern es ergreift das Wort: „Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!“

    „Ich bin’s“ – liebe Gemeinde, das ist im neutestamentlichen Sprachgebrauch mehr als nur eine Formel zur Selbstvorstellung. Wenn Jesus so redet, dann schwingt da all das mit, was wir insbesondere aus dem Johannesevangelium kennen: Ich bin – der gute Hirte; das Brot des Lebens; der rechte Weinstock; die Tür; das Licht der Welt, ja sogar: der Weg und die Wahrheit und das Leben. Vollmundiger kann Jesus eigentlich gar nicht von sich sprechen. Aber das Neue Testament überliefert diese Zitate ja nun nicht als Ausdruck des Größenwahns eines außer Kontrolle geratenen Angebers. Sondern in ihnen spricht sich die Grunderfahrung aus, die die Christenheit seit ihren Anfängen mit Jesus gemacht hat: hier ist einer, auf den können wir uns felsenfest verlassen; bei dem finden wir alles, was wir brauchen; ja er ist die Rettung schlechthin.

    Einer im Jüngerkreis lässt sich dies alles sofort sagen, während die anderen noch völlig überwältigt von der Szene im Boot verharren. Das ist Petrus. Typisch – so möchte man meinen: Petrus ist ja immer sozusagen der „Frontmann“ der Zwölferschar. So auch hier. Und nicht nur, dass er die Rettung begreift, die da im wahrsten Sinne des Wortes auf alle im Boot zukommt; nein: er will nun seinerseits Schritte hinaus aufs Wasser wagen – auf das Wasser, das sie eben noch alle zu verschlingen drohte, das ihm nun jedoch, nachdem er Jesus auf ihm kommen sieht, keine Angst mehr macht: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser!“

    Immerhin: Petrus rennt nicht einfach los. Er überlässt Jesus die Initiative, ihn zu rufen. – Also: formvollendeter kann man es ja gar nicht tun, und das in einer so hochdramatischen Situation! Man spürt genau, wie viel dem Evangelisten Matthäus daran gelegen ist, Petrus hier als ein Beispiel ohnegleichen erscheinen zu lassen! Und Jesus erfüllt dem Petrus seinen Wunsch: er ruft ihn zu sich auf den See.

    Nun aber kommt erneut ein starker Wind, Petrus erschrickt und beginnt gleich schon wieder zu sinken. – Und auch das ist wiederum typisch für den Frontmann der Zwölferschar. Zuerst immer vorneweg mit großen Sprüchen und tatsächlich auch großer Einsatzbereitschaft – dann jedoch auch ein ums andere Mal derjenige, der vor der ersten Gefahr einknickt, der mithin vom einen Extrem in nullkommanichts ins andere zu fallen pflegt! So liest sich unsere heutige Geschichte ganz ähnlich wie zum Beispiel die von der Nacht, in der Jesus gefangengenommen wird: die Jünger zerstreuen sich in höchster Not in alle Winde; als einziger wagt es wiederum Petrus, zum hohepriesterlichen Palast vorzudringen. Dann aber die berühmte Geschichte mit der Magd, die Petrus als Jünger Jesu identifizert, was ihn dazu bringt, gleich dreimal seinen Herrn zu verleugnen. Daraufhin kräht der Hahn, und Petrus bleibt nichts, als nur noch bitterlich über sich selber zu weinen. –

    Ich kann Ihnen sagen, und das habe ich von hier aus schon mehrfach getan: ich liebe ihn, diesen Simon Petrus! Genauso, wie wir ihn hier und anderswo in der Bibel erleben: in seiner gesammelten Widersprüchlichkeit, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, draufgängerisch und feige bis in die Knochen, erst vorlaut vor strotzendem Selbstbewusstsein, und dann sprachlos vor Angst. Er ist so schön geradeheraus in allem, was er tut, so total authentisch – ob es nun rühmlich für ihn ist oder gerade nicht. Mir sind solche Licht-und-Schatten-Typen lieber als die in der ewigen Grauzone, von denen man im Grunde gar nichts sagen kann, weder Gutes noch Schlechtes. Diese gesichtslosen Leute, die vor lauter Angst, einen Fehler zu begehen, lieber ständig passiv verharren und höchstens irgendwann mal mit der Masse laufen, wenn die sich endlich bewegt. Wobei dann die Richtung bekanntlich ja gar nicht unbedingt die richtige sein muss...

    Natürlich ist es so, dass jemand wie Petrus nicht immer auf der Höhe agiert, die ihn auch in unserer Geschichte zunächst kennzeichnet. Er hält dieses Niveau nicht, sondern stürzt im wahrsten Sinne des Wortes ab.

    Aber nun kommt das Entscheidende: wo Petrus, der doch gerade noch seinen festen Willen bekundet hat, seinem Herrn auf dem Wasser entgegenzugehen – wo er also sofort wieder diesen Mut verliert und nur noch den Ruf „Herr, hilf mir!“ auszustoßen imstande ist: da wendet sich Jesus eben nicht seinerseits enttäuscht von Petrus ab. Im Gegenteil: da reicht er ihm die Hand, ergreift ihn und steigt mit ihm ins Boot.

    Hier, liebe Gemeinde, liegt bei Petrus eben kein fester Glaube an Jesu Wundermacht vor. Er scheint ihn einen Augenblick lang zu haben – aber gleich darauf ist es damit schon wieder vorbei. Dennoch honoriert Jesus den zaghaften Anfang, und er honoriert auch das Risiko, dem Petrus sich ja aussetzt. Darf ich es so sagen: er schafft Vollendung, wo Petrus nur Stückwerk zustandegebracht hatte.

      Und erneut denke ich: auch das kennen wir doch aus unserem Leben! Ich persönlich jedenfalls würde für mich durchaus einiges an gutem Willen in Anspruch nehmen. Auch dies, dass ich es mit dem Glauben immer wieder versuche. Aber dann kenne ich auch die Erfahrung, wie es mir den Boden unter den Füßen wegzieht, wie ich die guten Vorsätze, die ich einst gefasst habe, eben doch nicht durchhalte, bisweilen tatsächlich schon beim ersten „starken Wind“, der da aufkommt. Und da tut es wirklich gut zu wissen: gerade in solch einer Situation darfst du mit der ausgestreckten Hand Jesu rechnen!

    Dabei lässt Jesus die Schwäche des Petrus nicht unkommentiert: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Jesus würde sich schon wünschen, dass Petrus es einmal hinbekäme, einen mutig beschrittenen Weg auch wirklich zuendezugehen. Aber dieser Wunsch hat eben doch nicht dazu geführt, dass Jesus angesichts der so ganz anderen Realität Petrus nun fallen lässt. Im Gegenteil: er wendet sich ihm zu.

    Und wieder sind wir bei der so unglaublich tröstlichen Botschaft der Bibel: Gott fügt sich nicht menschlicher Logik; er würdigt vielmehr die zarten Anfänge, die kleinen Initiativen, den guten Willen – selbst wenn es häufig leider dabei bleibt. Unsereiner hat dann das Gefühl des Scheiterns; Gott dagegen tritt als der auf, der kraft seiner Wundermacht die Dinge in die Reihe bringt.

    Dass wir uns nicht falsch verstehen: die Botschaft der Geschichte ist nicht etwa die: „Auf euren Glauben kommt’s am Ende eh nicht an; der Wunder schaffende Gott macht das schon“, nein: das wäre zuwenig ernsthaft. Wohl aber lautet die Botschaft: „Wenn du es versuchst mit dem Vertrauen auf Gott, aber die harte Wirklichkeit der Welt dir dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen  droht: dann kannst du dich auf Gott verlassen! Dann tut er sogar „Wunder wider Erwartung“. Wobei das Wunder dann vielleicht sogar weniger dies ist, dass da einer auf dem Wasser geht, als dies, dass Jesus uns tatsächlich ein ums andere Mal seine Hand entgegenstreckt, obwohl wir gerade kein Vertrauen zu ihm unter Beweis gestellt haben.

    Was könnte, so fragte ich eingangs, der Grund dafür sein, dass Jesus diese ganze Geschichte selber so minutiös einfädelt? Dass er offensichtlich selber gewollt und es betrieben hat, dass alles so kommt? Nun, ich habe den Eindruck: Jesus stellt seine Jünger auf die Probe. Er will wissen, wie es um ihren Glauben steht. Und er will ihnen seinen Beistand erweisen. Was wiederum ihren Glauben stärken soll. Es geht also nicht um einen makabren „Test“, bei dem Jesus mit der Todesangst seiner Jünger spielt. Wohl aber geht es ihm darum, den Jüngern ein eindrucksvolles Zeichen seiner Wundermacht zu geben. Aber dies wiederum nicht, weil Jesus sich selber mal so richtig inszenieren wollte. Nein, sondern damit die Jünger daraufhin umso bewusster ihr Leben auf dem Fundament ihres gestärkten Glaubens aufbauen und künftige Herausforderungen umso besser bestehen können – wissen sie doch nun, auf wen sie bauen können, gerade wenn sie selber nichts Tragfähiges mitbringen.

    Liebe Gemeinde, so endet denn unsere Geschichte mit dem Bekenntnis der Jünger im Boot: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“ Dieses Bekenntnis kommt aus tiefstem Herzen. Es wurde möglich, weil Menschen die Erfahrung gemacht haben: auch da, wo unsereiner jeden Halt verliert, ist Jesus derjenige, der ihn uns gibt. – Ich wünsche uns allen: nicht dass uns die Stürme und Bedrohungen des Lebens alle erspart bleiben, wohl aber dies, dass auch wir in alledem immer wieder diese Erfahrung machen: gerade da, wo wir nichts mehr zuzusetzen haben, ja wo uns alle Hoffnung abhanden zu kommen droht, da streckt uns Jesus seine Hand entgegen und richtet uns auf. Dann werden auch wir dieses Bekenntnis mitsprechen können: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“ Amen.

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