Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 5 der Predigtreihe „Wunder“




    „Jesus fing an, zu den Hohenpriestern und Schriftgelehrten in Gleichnissen zu reden: „Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs hole. Sie nahmen ihn aber, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort.

    Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. Und er sandte noch einen andern; den töteten sie.

    Da hatte er noch einen, seinen geliebten Sohn; den sandte er als letzten auch zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg.

    Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. Habt ihr denn nicht dies Schriftwort gelesen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen“?

    Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie dieses Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.“


Liebe Gemeinde,
    der verworfene Stein, der zum Eckstein wird – das ist ein Wunder vor unseren Augen! Darüber möchte ich mit Ihnen im letzten Teil der Predigtreihe nachdenken. Weil ich glaube, dass sich letzten Endes von dem, worum es in diesem kleinen Psalmzitat aus Markus 12 geht, alle Wundergeschichten, von denen wir zuvor gehört haben, in ihrer Bedeutung erschließen.
    
      Zunächst jedoch müssen wir feststellen: in der Geschichte, die diesem letzten Teil der Predigtreihe zu Wundergeschichten im Neuen Testament zugrunde liegt, haben wir es überhaupt nicht mit einer solchen zu tun. Was Jesus hier erzählt, ist vielmehr die ziemlich schreckliche Geschichte eines Weinbergbesitzers, der eigentlich, soweit wir sehen, ein ganz normaler friedliebender Mann ist, dann aber unter dem Eindruck massiver Gewalt selber zum Gewalttäter wird. „Ein Mann sieht rot“ – an diesen Film mit Charles Bronson musste ich dabei unwillkürlich denken. Dort geht es um einen braven Architekten, dessen Frau und seine Tochter vergewaltigt werden. Die Frau stirbt an den Folgen, und die Tochter ist schwer traumatisiert; da wird er zum brutalen Rächer, der Kriminelle aller Art verfolgt.

    Was machen wir mit einer solchen biblischen Geschichte? Die irgendwie völlig unrealistische Züge trägt: sollte sich ein Weinbergbesitzer das bieten lassen: dass da seine Pächter zunächst zu Gewalttätern und dann zu Mördern an seinen eigenen Leuten werden, ohne dass er einschreitet – zunächst jedenfalls? Welcher auch nur halbwegs zurechnungsfähige Mensch würde seinen einzigen Sohn zu solchen Leuten schicken? Die Geschichte wirkt nicht gerade nachvollziehbar!

      Und dann ist auch noch dies sehr eindeutig: dieser Weinbergbesitzer ist niemand anderes als Gott selber. Sollte er auch so eine Wendung durchmachen: zunächst geradezu naiv in seinem immer neuen Vertrauen darauf, die Weingärtner, seine Pächter, würden nun bald mit ihrer Gewalt aufhören – und dann plötzlich die Kehrtwendung hin zum blutigen Rächer?
      
      Weiter: wenn wir Gott als den Weinbergbesitzer identifiziert haben, dann fällt es auch nicht sehr schwer, zu sagen, wer die anderen Beteiligten sind: es handelt sich beim Weinberg um Gottes Volk Israel, bei den Weingärtnern um die Führer des Volkes und bei den Dienern des Besitzers um die Boten, die Gott immer wieder zu seinem Volk geschickt hat: die Propheten, die bekanntlich in der Tat mit ihrer Botschaft meist auf taube Ohren stießen. Ja und hinter dem Sohn verbirgt sich natürlich niemand anders als Jesus selbst – so dass man dieses sein Gleichnis durchaus als eine Art Leidens- und Todesankündigung hören kann, ja muss, die Jesus hier mit Blick auf sich selbst loslässt.
    
      Und damit sind wir bei der wohl größten Schwierigkeit der Geschichte: sie kann leicht antijudaistisch aufgefasst werden, nach dem Motto: da die jüdischen Autoritäten Jesus abgelehnt, ja sogar seinen Tod herbeigeführt haben, wird dem Volk Israel nun im Handumdrehen die Gotteskindschaft entzogen und „anderen“ übereignet – und als diese anderen empfand sich lange Zeit die christliche Kirche, die glaubte, sich von diesen „Christusmördern“ absetzen und womöglich noch die göttliche Strafe an ihnen selber vollziehen zu sollen. – Dass diese Auffassung bekanntlich furchtbare „Blüten“ getrieben hat, sollte eigentlich keiner Erläuterung bedürfen. Leider bedarf sie dessen aber offensichtlich doch – wenn heutzutage gewisse Leute kirchlich rehabilitiert werden, die sich mit der Leugnung der nationalsozialistischen Judenvernichtung einen traurigen Namen gemacht haben...
      
      Was also machen wir mit dieser schwierigen Geschichte? Ich meine, es gibt durchaus einen Weg, sie sinnvoll und konstruktiv zu hören: als Ermutigung nämlich, wenn wir manchmal den Eindruck gewinnen: auf Erden geht es ja tatsächlich zu wie in diesem Gleichnis: wer nur stark, dreist, ja skrupellos genug ist, der triumphiert über alles, was man „rechtschaffen“ und „legitim“ nennen könnte. Also, so die naheliegende Konsequenz: mitmachen, möglichst noch dreister, noch skrupelloser, um nicht selber eines Tages unter die Räder zu kommen.
      
      Hier sagt uns das Gleichnis: Nein! Es mag eine Zeit lang so aussehen, aber letzten Endes wird Gott die Gewalttäter zur Rechenschaft ziehen und sein Recht durchsetzen. Er ist kein Weichei, mit dem man machen könnte, was man will. Und das zeigt ausgerechnet die Geschichte dessen, den die Bibel Gottes Sohn nennt: der geht eben auch nicht den Weg der Dreistigkeit und der Skrupellosigkeit, sondern den Weg der Zuwendung zu den Menschen, den Weg der Erniedrigung. Aber nicht in dem Sinne, als sei er auf diesem Wege nicht auch durchsetzungsfähig. Oh ja, er setzt sich durch: genau dafür stehen die Wunder, die Jesus vollbringt und von denen wir in den vergangenen Wochen einige stellvertretend für alle unter die Lupe genommen haben.
      
      Aber nun könnte jemand ja auf die Idee kommen und sagen: na schön und gut, aber es gibt gleich 2 massive Gründe, warum mich diese ganzen Wunder dann doch nicht so sehr beeindrucken:
      
      Zum einen: sie sind doch allesamt nur vorläufiger Natur! Da mag jemandem Heilung von einer schweren Krankheit zuteil werden, vielleicht sogar ein Zurückholen ins Leben, nachdem er bereits gestorben war. Ein Petrus mag tatsächlich Schritte auf dem Wasser getan und Jesus als den erlebt haben, der für ihn auch mal die Naturgesetze außer Kraft setzt. – Ich weiß, dass die Historizität dieser Wunderberichte umstritten ist, doch nehmen wir mal an, es war so! – Was aber hat sich dadurch grundsätzlich für diese ganzen Menschen geändert? Auch wer in den Genuss einer Heilung durch Jesus gekommen war, ist eines Tages gestorben, vielleicht nach einer noch viel übleren Krankheit mit viel schmerzhafterem Verlauf als bei der Krankheit, von der Jesus ihn geheilt hatte! Was hat es Petrus gebracht, auf dem Wasser zu gehen? Die kirchliche Tradition berichtet von seinem späteren Märtyrertod am Kreuz. So erwecken die Wunder, wenn man sie denn überhaupt ernst nimmt, doch eigentlich nur den Eindruck einer schönen Episode, nach der es dann genauso weiterging wie zuvor. Fragen wir also: was ist durch Jesu Wunder nachhaltig gewonnen?
      
      Zum anderen: im alles entscheidenden Moment, da scheinen dem großen Wundertäter Jesus doch die Hände gerade gebunden gewesen zu sein! Als es für ihn als Kreuz ging, da ereignete sich doch gerade kein Wunder; da ereilte ihn ein überaus brutales Schicksal, das in nichts glimpflicher verlief als das der unzähligen anderen Opfer, die eine blutige Spur durch die Weltgeschichte ziehen! „Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen!“, so spotten die römischen Henker unter dem Kreuz, und sie haben Recht! Da hängt er und schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Also noch einmal die Frage: Was ist durch die Wunder, die Jesus getan hat, nachhaltig gewonnen?
      
    An dieser Stelle, liebe Gemeinde, wo diese bedrängende Frage im Raume steht, da wird mir der Psalmvers wichtig, den Jesus ans Ende seines Gleichnisses stellt: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen!“ Das heißt doch: wenn Menschen etwas oder jemanden verwerfen, dann bedeutet das vor Gott noch lange nichts. Er kann das ganz anders wollen und dann auch in die Tat umsetzen. Was dann wiederum ein Wunder ist, und zwar eines, das nicht mehr in irgendeiner Form rückgängig gemacht werden kann! Das Bild des „Ecksteins“ steht dafür gut: es bedeutet Solidität, Stabilität, Unzerstörbarkeit.

    Zunächst freilich müssen wir sehen: beim Psalm 118 geht es um einen Menschen in Lebensgefahr, der dann allerdings vor dem Tod bewahrt wird! Dafür dankt er Gott, indem er dieses Bild vom verworfenen, dann jedoch durch Gott an entscheidender Stelle platzierten Stein entwickelt!

    In unserer Geschichte greift das Bild noch weiter: „Verworfensein“ bedeutet hier „ermordet worden sein“, und „zum Eckstein werden“ heißt nichts weniger als „von den Toten auferstehen“! So dass mitten in der Leidensankündigung bereits Ostern am Horizont aufleuchtet.

    Machen wir uns an dieser Stelle klar, dass die Evangelien natürlich nach der Ostererfahrung und aufgrund der Ostererfahrung geschrieben worden sind. Das gilt auch für das Markusevangelium. So dass für den Evangelisten dieses Wort Jesu nicht nur eine kühne Zukunftshoffnung zum Ausdruck brachte, sondern für den Kern der Botschaft steht, die die Jünger nach dem schrecklichen Karfreitagsgeschehen veranlasste, unter Einsatz ihres eigenen Lebens wieder unter den Leuten aufzutreten und genau das zu predigen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen!“

    Und das heißt: dieses „Wunder vor unsern Augen“ ist eben nicht nur Episode, sondern definitiv! Es hat Bestand; es hat die Wirklichkeit dieser unserer Welt ein für alle Mal von Grund auf verändert! Und deshalb, von diesem definitiven Wunder her, erhalten alle vorläufigen Wunder, die sich hier und da ereignen, ihrerseits eine neue Qualität. Sicher, sie haben nicht den Bestand wie das Osterwunder, aber in ihnen dokumentiert sich bereits das, was zu Ostern und von Ostern her definitiv wird, dies nämlich, dass „der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden ist.“

    Und noch Eines ist ganz wichtig: gerade weil der verworfene Stein nun zu höchsten Ehren gelangt ist, wird er in seiner Eigenart gleichsam ins Recht gesetzt. Anders gesagt: gerade Jesus, der in seinem Leben so ganz andere Maßstäbe zur Geltung gebracht hat als die, die allgemein als erfolgreich angesehen werden, gerade er wird mit seinem Handeln von Gott definitiv bestätigt. Jesu Einsatz für andere und schließlich und endlich sein Weg ans Kreuz – also sämtlich Dinge, die Jesus als den totalen Verlierer erscheinen lassen, oder mit den Worten unseres heutigen Textes gesprochen: als untauglichen, verworfenen Stein: sie werden zum Eckpfeiler dessen erklärt, was Gott will.

    Womit zumindest andeutungsweise auf Jesu Tod noch ein ganz neues Licht fällt: er war nicht etwa ein „Betriebsunfall“, geschuldet allein der destruktiven Energie der Mörder, nein: das war Gottes Weg mit Jesus, uns allen zugut. Dieser Aspekt wird in Markus 12 nicht groß entfaltet, aber aufleuchten tut er auch hier, und es erscheint sinnvoll, ja nötig, darauf hinzuweisen in einer Zeit, in der selbst kirchliche Theologen davon manchmal nichts mehr wissen wollen.

    Ein letzter Gedanke: Jesu Worte und Taten, die ihn äußerlich betrachtet so jämmerlich haben scheitern lassen, sie werden also durch Ostern definitiv und damit nachhaltig ins Recht gesetzt. Nun gut! Wie aber steht es damit, dass im Gegenzug die Weingärtner durch den „rot sehenden“ Weinbergbesitzer gnadenlos umgebracht werden? Ist das nötig? Wie steht es um Gottes Vergebungsbereitschaft ihnen gegenüber? Ich gebe Ihnen gern zu, dass mir die Vorstellung dieses großen Gemetzels grausig ist und bleibt. Und ich hoffe, dass das am Ende doch eher eine verbale Übertreibung als die nackte Realität ist. Was ich aber daran auf jeden Fall festhalten möchte – mit einem Wort des Apostels Paulus gesagt: Gott lässt sich nicht spotten. Was der Mensch sät, das wird er ernten. (Galater 6,7) Es geschieht viel so unglaublich Böses, dass man darüber einfach nicht mit einem lockeren Augenzwinkern hinweggehen kann. Wenn wir von Gott erhoffen, dass er den verworfenen Stein zum Eckstein macht, dann sollten wir jedenfalls auch dies von ihm erhoffen, dass er Gerechtigkeit zwischen Tätern und Opfern schafft und dass er sich auch an dieser Stelle als durchsetzungsfähig erweist.

    Liebe Gemeinde: „Wunder gibt es immer wieder“ – so habe ich die Predigtreihe überschrieben. Ich bin in der Tat davon überzeugt, dass es sie gibt. Im Kleinen, Verborgenen, wo sie erst mal entdeckt werden wollen – aber auch im Großen, wovon so Mancher bis heute etwas zu erzählen vermag: Wunder der Heilung in medizinisch aussichtsloser Situation; Wunder der Versöhnung zwischen erbitterten Gegnern; Wunder der Bewahrung in höchster Gefahr – und Manches mehr. Diese Wunder ereignen sich freilich alle im Rahmen unseres irdischen Lebens, das klaren Grenzen unterworfen ist und früher oder später auf den Punkt zuläuft, an dem wir merken: endgültig, definitiv kommen wir hier nicht ans Ziel. Um mit dem Hebräerbrief zu sprechen: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebräer 13,14)

    Nun aber ruft Jesus uns zu: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen!“ Durch dieses – ich nenn’s mal so: „Ur-Wunder“, „Erz-Wunder“ stehen nun all die anderen in einem neuen Licht: sie sind nicht mehr Episode, sondern gleichsam der „Vor-Geschmack“ auf das definitive Wunder, das sich zu Ostern Bahn gebrochen hat und eines Tages uns allen gelten soll. Noch sind wir nicht soweit. Aber wir dürfen es schon jetzt von Zeit zu Zeit „aufleuchten“ sehen. Halten wir also Augen, Ohren und vor allem Herzen auf für Gottes wunderbares Wirken an uns – schon jetzt und hier! Amen.