Teil 1 der Predigtreihe
„Geistliche Heimat? Oder verzichtbarer Ballast? – Die Kirche“



 

Liebe Gemeinde!

      „Jesus verkündete das Reich Gottes – aber gekommen ist die Kirche!“ Dieser berühmt gewordene Satz des Theologen Alfred Loisy spiegelt bis heute das Gefühl nicht weniger Menschen im Hinblick auf das, was sie mit dem Begriff „Kirche“ verbinden. Salopp gesagt: diese Bewegung namens Christentum ist gestartet wie ein Tiger – und gelandet wie ein Bettvorleger. Große Erwartungen wurden geweckt – aber häufig nicht eingelöst oder sogar in ihr Gegenteil verkehrt. Theorie und Praxis sind eben Zweierlei.
      
      Jesus – dieser Name hat bis heute einen guten Klang; er steht für Menschenfreundlichkeit, Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit. Die Kirche dagegen wird weithin als schwerfällige Institution wahrgenommen, mit einer häufig mehr als zweifelhaften Geschichte und einer zuhöchst unsicheren Zukunft, wenden sich doch jedenfalls in unseren Breiten nach wie vor mehr Menschen von ihr ab als zu ihr hin. Wobei ich hier schon einwenden möchte: vielleicht stimmt ja weder das eher positive Jesusbild noch das eher negative Kirchenbild vieler Leute. Vielleicht haben sie von Jesus manches irritierende Element noch gar nicht wahrgenommen und umgekehrt bei der Kirche manches sehr anerkennenswerte Element auch nicht!
      
      Für mich jedenfalls war diese Feststellung über das zumeist nicht so gute Bild der Kirche in unserer Öffentlichkeit Anlass, die Kirche einmal zum Gegenstand einer Predigtreihe zu machen. Ich habe dabei für die 5 Sonntage der Reihe folgende Einteilung gewählt: an den ersten 4 Sonntagen sollen die 4 Attribute im Zentrum stehen, die im Nicänischen Glaubensbekenntnis der Kirche beigelegt werden: sie sei, so heißt es dort und so haben wir es vorhin gesprochen: „eine“ „heilige“ „katholische“ und „apostolische“ Kirche. (Ich weiß: es heißt in unserem Sprachgebrauch beim 3. Attribut nicht „katholisch“, sondern „christlich“ – dazu im 3. Teil der Reihe mehr!) Am 5. und letzten Sonntag der Reihe werde ich dann das Kirchenverständnis der Reformation zum Gegenstand machen.
      
      Heute in Teil 1 geht es also um die „eine“ Kirche, wir könnten auch sagen: um die ungeteilte, in Einheit existierende Kirche. Und kaum dass dieser Gedanke in der Luft liegt, höre ich uns in Gedanken schwer seufzen: Ja wenn das doch nur so wäre! Das glatte Gegenteil ist doch der Fall! In der Wirklichkeit gibt es „die“ Kirche doch gar nicht! Es gibt lediglich „Kirchen“ im Plural! Bei uns in Deutschland klassisch die katholische und die evangelische Kirche. In anderen Ländern ist die Vielfalt, um nicht zu sagen: die Verwirrung noch größer. Und auch wenn die ökumenische Bewegung in den letzten hundert Jahren Beachtliches geleistet hat, so haben wir doch gerade in den letzten Jahren den Eindruck: irgendwie sind wir in eine Sackgasse geraten, und es geht nicht weiter vorwärts.
      
      Ja zum Teil geht es zurück, insbesondere zwischen der evangelischen Kirche und manchen orthodoxen Kirchen: wenn da im Ökumenischen Rat der Kirchen seit einigen Jahren die Orthodoxen sich nicht mehr in der Lage sehen, richtige „Gottesdienste“ gemeinsam mit den Vertretern reformatorischer Kirchen zu feiern, sondern lediglich „Gebete“ gemeinsam abzuhalten, und wenn kürzlich ein hochrangiger Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche ankündigte, seine Kirche werde die Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland abbrechen, weil letztere bekanntlich seit wenigen Wochen von einer Frau als Ratsvorsitzender repräsentiert wird.
      
      Nun mag man darauf hinweisen: auch diese irritierenden Dinge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ökumene Enormes erreicht hat: wo man sich noch vor Jahrzehnten mancherorts geradezu feindselig gegenüberstand, spielt die konfessionelle Differenz heute zum Beispiel bei Kindern und Jugendlichen praktisch keinerlei Rolle mehr. Wir feiern gemeinsam Gottesdienste – wie etwa am kommenden Mittwoch wieder –, man sucht sich den Ehepartner nicht mehr unter Berücksichtigung seiner Kirchenzugehörigkeit aus, unsere Gemeindegruppen und Chöre sind bunt gemischt, und in unserer Sommerkinderchorfreizeit waren etwa genauso viele Katholiken wie Protestanten mit; ja auf meinen Konfirmandenwochenenden habe ich auch katholische ehrenamtliche Helfer, und umgekehrt höre ich, beim katholischen Zeltlager seien einige der Leiter evangelisch. Gut, kann ich da nur sagen: machen wir weiter so!
      
      Aber es ist nicht damit getan, dass wir jetzt solche Bilanzen aufstellen über die Dinge, die sich fraglos verbessert haben und die, wo eher Stillstand oder gar Rückschritte zu verzeichnen sind. Und selbst wenn es denn tatsächlich eines Tages gelingen sollte, die eine Kirche auf organisatorischer Ebene zu verwirklichen, bestünde trotzdem kein Anlass, sich selbstzufrieden zurückzulehnen und hinter dieses Wörtchen von der „einen Kirche“ im Glaubensbekenntnis ein selbstzufriedenes Häkchen zu machen.
      
      Nein, liebe Gemeinde, die Einheit der Kirche wird auf immer eine Aufgabe für uns sein. Denn sie ist ja nicht ausschließlich, ja gar nicht mal in erster Linie ein Phänomen, das nur das Verhältnis zwischen den Konfessionen beträfe. Sie ist auch Herausforderung an eine Gemeinde vor Ort. Wir als Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst haben zum Beispiel immer wieder die Aufgabe zu sehen, wie wir die Einheit unserer beiden Pfarrbezirke leben wollen. Strukturell ähnlich verhält es sich da, wo unterschiedliche Sichtweisen oder Prioritätensetzungen innerhalb einer Gemeinde aufeinanderprallen. Nehmen Sie die Diskussion über die Äußerungen der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan, bei dem sich übrigens ganz schnell die alte Diskussion über die Friedensethik aus den 80er Jahren wieder meldet. Nehmen Sie die Diskussion darüber, welche Haltung die Kirche zur Homosexualität einnehmen sollte. Oder nehmen Sie eine nur vermeintlich weniger brisante Frage: unsere gottesdienstliche Liturgie und der dort möglicherweise gegebene oder eben für überflüssig gehaltene Reformbedarf.
      
      Dies alles und manches mehr sind Punkte, wo es mit der Einheit der Kirche nicht unbedingt weit her ist. Ständig müssen wir uns da fragen: geht es um Dinge, die es mir wert sind, eine harte Diskussion zu führen, möglicherweise sogar mit der Stellungnahme: wenn dies und das nicht so oder so läuft, kann ich hier nicht länger mitmachen? Oder geht es um Dinge, wo ich sagen muss: ich habe da zwar diese oder jene Meinung und halte dieses oder jenes für geboten, aber ich kann auch damit leben und es akzeptieren, wenn es anders läuft?
      
      Mein Verdacht ist ja: bisweilen neigen wir Menschen sehr dazu, uns mit unseren je eigenen Meinungen zu schnell zum allgemeinen Maßstab zu machen. Und der Protestantismus hat dies in seiner Geschichte leider allzu oft und allzu schnell getan. So haftet uns nicht zu Unrecht im ökumenischen Gespräch das Image einer Tendenz zum Sektierertum an. Ist es nicht ein Jammer, dass die Reformation, kaum dass sie sich ereignete, schon in 2 Flügel zerfallen musste, die einander unversöhnlich gegenüberstanden? Wenn man das Marburger Religionsgespräch von 1529 zwischen Martin Luther und Ulrich Zwingli näher betrachtet, wird man sehen: über 14 Punkte konnten sie sich einigen. Nur der 15. war strittig, und auch das nur an einem Detail, nämlich an der Frage, ob beim Abendmahl in Brot und Wein Christus leiblich anwesend sei oder nicht. Aber dieser Streit ging so tief, dass man zwar höflich, aber doch unversöhnlich auseinanderging und künftig getrennt blieb. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts fanden Lutheraner und Reformierte hier und da wieder zusammen, und erst im vergangenen Jahrhundert, im Jahre 1973, brachte die Leuenberger Konkordie die volle Kirchengemeinschaft innerhalb der reformatorischen Kirchen in Europa!
      
      Nun ist mir klar, dass wir hier nicht einfach mathematisch argumentieren können: 14 gegen 1. Natürlich kann ein Punkt so bedeutend sein, dass er alles andere nichtig erscheinen lässt. Gleichwohl frage ich mich: hat man damals ernsthaft bedacht, was alles verloren ging, weil man sich an dieser Frage auseinanderdividierte? War der Gewinn, den man durch das eigene Beharren meinte verzeichnen zu können, das Opfer der nun verlorenen Gemeinschaft wert?
      
      Und ich frage analog heute: sind die strittigen Fragen insbesondere um das kirchliche Amt und wiederum das Abendmahl es wert, dass wir im evangelisch-katholischen Miteinander auf die Gemeinschaft am Altar verzichten? Wo wir doch unsere Taufe und damit unsere jeweilige Zugehörigkeit zum einen Leib Christi wechselseitig anerkennen? Die evangelische Kirche ist bekanntlich der Meinung: wir sind zum Abendmahl mit der katholischen Kirche bereit, sehr gerne bereit sogar, und laden unsererseits katholische Christen zu unserem Abendmahl ein. Die katholische Kirche sieht das anders – wobei es in der Praxis inzwischen durchaus hier und da sozusagen „Durchlässigkeiten“ gibt. Aber wir wissen: offiziell geht an dieser Stelle nach wie vor gar nichts. Die entsprechenden Diskussionen gerade jetzt, im Vorfeld des diesjährigen Ökumenischen Kirchentages in München, lassen hier nichts an Deutlichkeit mangeln.
      
      Und dabei ergibt sich gewissermaßen als ungewollte Begleiterscheinung immer ein für uns Protestanten etwas missliches Bild, an dessen Korrektur mir liegt: wir erscheinen in dieser Debatte leicht als die, für die alles geht, die eben alles und jeden zum Altar einladen – im Unterschied übrigens zu unserem „Urahn“ Martin Luther, der da eben ungleich strenger war, wie wir oben sahen. Und so wirken wir hier etwas unernsthaft. Die katholische Position wirkt zwar strenger, aber eben zugleich auch ernsthafter, nach dem Motto: die haben Mut zur Sperrigkeit und sind auch mal unbequem. Die Protestanten hingegen agieren so nach dem Motto: „anything goes“, alles ist möglich. Und sie dokumentieren damit auf verräterische Weise, dass ihnen am Abendmahl eben offensichtlich doch gar nicht soviel liegt.
      
      Liebe Gemeinde, ich verwahre mich mit Nachdruck gegen diesen Eindruck! Es ist ja gerade nicht so, als nähmen wir an gewissen Dingen im Katholizismus keinen Anstoß: gerade am Papsttum und seinem Anspruch auf Unfehlbarkeit in gewissen Situationen, die er selbst als solche definieren kann, an der Art und Weise, wie im Katholizismus Amtsträger und Laien einander gegenübergestellt werden, an der Verweigerung der Frauenordination, am Pflichtzölibat für Pfarrer und sicher noch an Manchem mehr. Das sind Dinge, die uns in der Tat enorm belasten und die uns Protestanten alles andere als gleichgültig sind! Aber – und das ist das Entscheidende – wir machen davon nicht unsere Bereitschaft zur Gemeinschaft am Altar abhängig! Sie hat für uns einen Stellenwert, der so hoch ist, dass wir an ihr festhalten, ungeachtet mancher eminent belastender Frage, die da zwischen unseren beiden Konfessionen im Raume steht.
      
      Es ist im Grunde wie in der Familie: da ist ja nun auch immer mal wieder dicke Luft, und es kann nicht jeder gut mit dem anderen. Bisweilen steht auch wirklich Gravierendes dauerhaft zwischen den Mitgliedern. Aber sollten deshalb künftig alle nur noch getrennt essen? Ist nicht die Tischgemeinschaft gerade angesichts unserer gesammelten menschlichen Unvollkommenheiten wichtig und nötig, als Wegzehrung für uns alle, weil wir eben doch – ob wir es anerkennen oder nicht – letztlich gemeinsam unterwegs sind? Wo gäbe es das, dass erst dann miteinander gegessen und getrunken wird, wenn sich alle einig sind? Sollten wir einander nicht zumindest Gastfreundschaft gewähren? Ich gebe es gern zu: an dieser Stelle schmerzt mich die harte katholische Haltung sehr. Ich freue mich daran, dass es dabei im Einzelfall enorm großzügige und auch mutige Ausnahmebeispiele gibt, aber die offiziell gültige Situation macht mir zu schaffen.
      
      Wir werden die Differenzen zwischen katholischer und evangelischer Theologie nicht so schnell aus der Welt schaffen. Die Vorstellung einer so genannten „Konsensökumene“, derzufolge man nur lange genug miteinander reden müsse, bis alle Unterschiede hinfällig werden, hat sich für mein Empfinden als unrealistisch erwiesen. Ich kann mir Ökumene nur als Existenz in so genannter „versöhnter Verschiedenheit“ vorstellen. Sofern wir unsere Taufe wechselseitig anerkennen, leuchtet mir nicht ein, warum unsere Gemeinschaft am Altar ausgeschlossen bleiben sollte.
      
      Natürlich kann es Situationen geben, wo der Gedanke an die Einheit der Kirche dem eines klaren Zeugnisses unterzuordnen ist. Für die Bekennende Kirche im Nationalsozialismus war diese Situation gegeben. Interessanterweise sind da aber in der Regel, soweit ich weiß, nicht die Konsequenzen gezogen worden, die ansonsten bei Kirchenspaltungen eine Rolle spielten: dass man sich geweigert hätte, den Gegner als Mitglied der Kirche anzuerkennen, dass man ihm die Altargemeinschaft verweigert hätte. Mein Großvater war damals Pfarrer der Bekennenden Kirche, und sein Kollege in derselben Gemeinde gehörte zur Glaubensbewegung Deutsche Christen. Die Einheit der beiden war faktisch in vieler Hinsicht nicht mehr gegeben; offiziell hat sich mein Großvater dennoch nicht von dem anderen losgesagt.
      
      Vor allem aber frage ich: eine solche Situation, wo um des Glaubens willen die Verweigerung der Gemeinschaft nötig wäre – sollte die wirklich heute bei uns zwischen den Konfessionen gegeben sein? Sind wir uns dessen bewusst, was wir preisgeben, wenn wir daran festhalten? Steht das, was wir gewinnen, in einem vertretbaren Verhältnis dazu?
      
      Vielleicht finden wir das beste und früheste Beispiel für solche „versöhnte Verschiedenheit“ in der Urkunde unseres Glaubens, im Neuen Testament. Denn soviel sei uns zum Trost gesagt: bereits dort ist es mit der gelebten Einheit der Kirche nicht immer weit her. Lesen Sie mal alles, was im Galaterbrief aus der Sicht des Paulus über sein Verhältnis zum Apostel Petrus berichtet wird! Vergleichen Sie mal die Aussagen des Paulus zur Gerechtigkeit Gottes mit denen des Jakobus. Und so weiter! Der Neutestamentler Ernst Käsemann hat provozierend, aber wohl durchaus mit einigem Recht gesagt: „Der neutestamentliche Kanon begründet nicht die Einheit der Kirche, sondern die Vielzahl der Konfessionen.“ Unter diesem „Dach“ haben also viele Formen kirchlichen Lebens und kirchlicher Lehre Platz. Sie mögen und sollen in spannungsvollem Gespräch miteinander stehen, aber sie sind gerufen, gemeinsam unter diesem Dach zu bleiben.
      
      Wie das Neue Testament sich die eine Kirche vorstellt, das wird ganz besonders deutlich da, wo diese als „Leib Christi“ bezeichnet wird. Diesen gibt es naturgemäß ja nun auch nur einmal; es kann ihn gar nicht im Plural geben, ebenso wenig wie es Christus im Plural geben kann. Dieser Leib, so hörten wir in der Lesung aus 1. Korinther 12, besteht jedoch aus vielen Gliedern. Und hier kommt die Vielfalt zum Zuge: vom Auge ist da die Rede, vom Geruch, also von der Nase, von der Hand, von den Füßen. Alle haben sie ihre je eigene Funktion, ihre Stärke, aber auch ihre Schwäche, ich könnte auch sagen: ihre Unzuständigkeiten. Jeder bringt etwas mit, aber niemand alles. Und so bilden sie nur in ihrer Zusammengehörigkeit und in ihrem Zusammenwirken den Organismus, den Leib Christi.

      Und jeder nimmt Anteil am Ergehen des anderen; keiner hat das Recht, sich über den anderen zu erheben. Ja besonders diejenigen Glieder werden hervorgehoben, die am ehesten verzichtbar erscheinen. Von wegen: das kann jeder von uns nachvollziehen, der vielleicht schon mal mit dem kleinen Zeh irgendwo hängen geblieben ist. So was kann bekanntlich das Wohlergehen des ganzen Menschen erheblich beeinträchtigen!
      
      Aber genau an diesem Punkt, liebe Gemeinde, wo wir 1. Korinther 12 mal so richtig durchdeklinieren, da sollten wir ehrlicherweise zugeben: so toll auch immer ein Gemeindeleben vor Ort funktionieren mag, ja soviel ökumenischen Fortschritt es auch immer geben mag – selbst wenn auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens entsprechende Durchbrüche erzielt werden sollten: was Paulus hier beschreibt, wird wohl niemals ungetrübte Realität unter uns werden. Ebenso wie auch der gesündeste Organismus früher oder später mal von einem Virus erfasst wird, der das Zusammenspiel der Organe durcheinanderbringt. Paulus entwirft hier eine Vision, so wie es sein sollte. Aber man muss nur lesen, was er zum Beispiel gerade in seinem 1. Korintherbrief an etlichen Stellen über das Gemeindeleben in Korinth erzählt, dann weiß man, dass die Wirklichkeit christlicher Gemeinden zur Theorie leider immer nur bestenfalls ansatzweise passt.
      
      Ich finde diese Feststellung jedoch durchaus nicht etwa entmutigend, im Gegenteil: mir ist eine realistische Bestandsaufnahme lieber als Schönfärberei. Allerdings verbunden mit einer solchen Vision, wie Paulus sie ja auch bringt. Vergessen wir bitte nicht: wenn wir heute die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ im Munde geführt haben, dann haben wir keine Tatsachenbeschreibung geliefert, sondern ein Glaubensbekenntnis gesprochen. Und der Glaube hat ja die Eigenschaft, dass er immer über das faktisch Gegebene hinausgreift, dass er eine Vision vor Augen hat. Er formuliert das, was uns von Gott erwartet. Dem sollen wir natürlich als Menschen zu entsprechen versuchen, so gut wir können. Insofern sind alle ökumenischen Bemühungen und natürlich ebenso alle Bemühungen um ein gutes Gemeindeleben vor Ort sicherlich zu begrüßen und zu fördern und auch zu fordern! Aber unser Glaube reicht immer weiter als das, was wir vor Augen haben und selber schaffen können. So nehme ich die Rede von der einen Kirche zugleich als eine Verheißung: das ist es, was Gott für uns will, und als eine Aufgabe: tut, was ihr könnt, um davon möglichst viel in die Tat umzusetzen.
      
      Mit dieser Aufgabe wiederum lässt Gott uns nicht allein. Wir sind aufgefordert, für die Einheit der Kirche zu beten, Gott um seine Hilfe bei allen unseren diesbezüglichen Bemühungen zu bitten. Letztlich ist diese Bitte eine solche, bei der wir zu Gott rufen, er möge uns selber unseren Platz in seiner Gemeinde zeigen, unsere je eigene Stärke, aber auch unsere je eigene Grenze. So dass wir einander als Einzelne und als Kirchen in unserer Verschiedenheit als Glieder des einen Leibes anerkennen und gedeihlich zusammenwirken können. Vielleicht merken Sie: da gibt es eine Menge zu erbitten! Aber auch zu tun! Für jeden. Amen.

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