Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 2 der  Predigtreihe „Die Kirche“




Liebe Gemeinde!

      „Kirche“ und „Heiligkeit“ – wie reimt sich das? Auf der einen Seite gehören diese beiden Begriffe aufs Engste zusammen: wo sonst, wenn nicht im Zusammenhang mit Religion und Kirche fiele es uns überhaupt ein, von etwas oder jemand „Heiligem“ zu sprechen?! Auf der anderen Seite fallen uns an diesem Punkt sicher genauso viele, wenn nicht mehr Fragen, Probleme und Widersprüche ein wie letzten Sonntag, als wir über die Einheit der Kirche nachgedacht haben.
      
      Johann Wolfgang Goethe hat einmal gesagt: „Die Kirchengeschichte ist ein Mischmasch von Irrtum und Gewalt.“ Und eben darum erscheint die Kirche oft genug alles andere als „heilig“! Denn dieses Wort „heilig“, es ist in unserer Sprache verbunden mit dem Aspekt der Reinheit, der Feierlichkeit, ja der Vollkommenheit. „Ein bisschen heilig“ – das gibt es ebenso wenig wie „ein bisschen schwanger“. Dieses Wort ist im Grunde genommen nicht steigerbar. Man sagt nicht: dieses und jenes ist „heiliger“ als etwas anderes. Merkwürdigerweise hat die katholische Begrifflichkeit gleichwohl die Rede vom „Allerheiligsten“ herausgebildet. Ich glaube dennoch, sogar dadurch wird dies nicht außer Kraft gesetzt, dass es letztlich nur die Alternative gibt: heilig oder nicht heilig.
      
      So wird der Begriff denn inzwischen auch in unserer Alltagssprache verwendet: da sagen wir: dieses oder jenes ist mir heilig, und wir meinen: da lasse ich nichts dran; da darf es wirklich nichts und niemanden geben, der das zum Verschwinden bringt, in irgendeiner Form antastet oder auch nur von ferne infragestellt. Wo dieses Wort verwendet wird, da gilt die Parole: keine Diskussion, keine Kompromisse!
      
      Wenn aber nun dieses Wörtchen eine Neigung zum Vollkommenen hat, dann reibt sich der Anspruch auf Heiligkeit der Kirche umso mehr mit der Wirklichkeit. Und so hat die Kirche diesen Begriff auch selber weiterentwickelt, um den Widerspruch abzuschwächen. Doch haben gerade hier die  Konfessionen ziemlich unterschiedliche Wege eingeschlagen: da es anerkanntermaßen schwer fällt, einen Vollkommenheitsanspruch für die Gesamtheit aller Kirchenmitglieder plausibel zu machen, ist die katholische Kirche den Weg gegangen, dieses Prädikat der Heiligkeit in besonderer und exklusiver Weise auf solche Menschen anzuwenden, von der die Kirchenleitung der Meinung ist, sie seien als herausragende Vertreterinnen und Vertreter des christlichen Glaubens allen anderen vor Augen zu stellen. Nicht selten sind es Menschen, die sogar ihr Leben für ihren Glauben gelassen haben. Sie werden dann durch den Papst „heiliggesprochen“, und dazu gibt es sogar noch eine Art Vorstufe: die Seligsprechung. Heilige werden sodann verehrt und sogar als eine Art Vermittlungsinstanz zwischen Mensch und Gott bei Gebeten in Anspruch genommen: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder...“
      
      Pädagogisch betrachtet liegt hier ein äußerst nützliches Instrument vor, mit dessen Hilfe die Kirche den Glauben konkretisieren und aktualisieren kann. Denn hier bekommt der Glaube in Gestalt besonders beispielhafter Glaubensvorbilder ein Gesicht. Wer hätte vor einigen Jahrzehnten wohl gedacht, wie populär dieses Verfahren heute sogar in unseren mitteleuropäischen Breiten wieder werden würde. Schnelllebig, wie wir in unserer Zeit es sind, kann es Vielen mit Selig- oder Heiligsprechungen bisweilen gar nicht schnell genug gehen: ich habe noch gut die Rufe nach dem Tod Johannes Pauls des Zweiten im Ohr: „Santo subito!“ – Heiligsprechung sofort! – möglichst unter Umgehung aller üblichen Fristen!
      
      Demgegenüber wirkt der Protestantismus einmal mehr farblos und ärmlich. Wir haben in unserer Theologie über Jahrhunderte hinweg die Aufhebung der Differenz zwischen dem Heiligen und dem Profanen so erfolgreich vorangetrieben, dass vom Heiligen bald überhaupt nichts mehr übriggeblieben ist! Die Kritik an der Heiligenverehrung hat dazu geführt, dass über eine lange Zeit hin der Begriff des Heiligen in der evangelischen Kirche stark in den Hintergrund trat. So stehen wir nun vor einer Verengung des Begriffes der Heiligkeit im Katholizismus und zugleich vor seiner Verdrängung im Protestantismus. Erst in letzter Zeit, sicher mitveranlasst durch Impulse aus der Ökumene, werden wir Protestanten wieder offener dafür. Das dann aber umso mehr. Denn wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir zugeben: auch bei uns gibt es längst Leute, die geradezu den Status von „Heiligen“ im katholischen Sinne haben: „klassisch“ sicher Martin Luther, aus jüngerer Zeit etwa Dietrich Bonhoeffer oder Martin Luther King – vorbildliche Menschen, die häufig und wohl nicht zufällig genauso wie vieler der katholische Heiligen auch als Märtyrer für ihren Glauben geendet sind. Viele Evangelische würden übrigens dabei auch etwa eine Mutter Theresa mitzählen – ungeachtet dessen, dass sie ja nun katholischer Konfession war! An solchen Stellen hat die Ökumene tatsächlich ihre Spuren hinterlassen!
      
    Aber so sehr man auf der einen Seite mit Blick auf solche „Heilige“ eine gewisse Renaissance dieses Begriffes feststellen kann, so sehr muss man auf der anderen Seite mit Nachdruck festhalten: diese von uns verehrten „Heiligen“, gerade die „modernen Heiligen“ – sie werden kaum als genuine Vertreter der Kirche wahrgenommen, so dass ihre Heiligkeit auf die der gesamten Kirche hinwiese. Eher ist es andersherum: sie erweisen sich als heilig gerade im Unterschied oder gar im Gegensatz zur Kirche, die insgesamt eher als unheilig empfunden wird.

    Demnach helfen uns auch solche „Lichtgestalten“ unseres Glaubens nicht wirklich über die Schwierigkeiten hinweg, die dieses Attribut „heilig“ im Zusammenhang ausgerechnet mit der Kirche aufwirft. Was also tun?

    Liebe Gemeinde: wie immer, wenn wir einer solchen Schwierigkeit gegenüberstehen, tut ein Blick in die „Urkunde“ unseres Glaubens gut, in die Heilige Schrift. Dort ist das „Heilige“ in der Tat das Ausgesonderte, das, was einem normalen Umgang entzogen ist. Und der Aspekt der Reinheit, ja der Vollkommenheit schwingt dabei tatsächlich mit. „Heilig“ – das ist geradezu das göttliche Prädikat schlechthin: „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll!“ So hören wir es in der Geschichte der Berufung des Propheten Jesaja.

    Aber das eigentlich Erstaunliche kommt erst jetzt: an dieser Heiligkeit Gottes sollen die Menschen Anteil erhalten. So gilt Israel als Gottes heiliges Volk, und wie wir in der Lesung hörten, bezeichnet der 1. Petrusbrief später die Kirche so. Im Neuen Testament werden die soeben entstandenen christlichen Gemeinden mit diesem Prädikat „heilig“ versehen. Paulus schreibt zum Beispiel „an alle Heiligen“ in dieser oder jener Stadt! Damit können nur die dort jeweils lebenden Gemeinden gemeint sein. Doch jetzt wird es spannend, denn wenn man nun weiterliest, was Paulus diesen Gemeinden so alles zu sagen hat, dann wird man feststellen: die waren jedenfalls zum Teil alles andere als „rein“, „vorbildlich“, von „vollkommen“ mal ganz zu schweigen. Da kann Paulus etwa die Korinther zusammenstauchen und als geradezu asozial im Umgang mit den Schwachen in ihrer Mitte an den Pranger stellen – obwohl er sie zuvor als „Heilige“ angesprochen hat und dies auch nicht wieder zurücknimmt. Wie passt das zueinander?

    Gerade der Beginn des 1. Korintherbriefes kann uns hier Aufschluss geben: dort steht die Anrede „Heilige“ direkt neben der Anrede „Geheiligte in Christus Jesus“. Das sind offensichtlich Wechselbegriffe. Nun ist das Wort „Geheiligte“ ja aber eine Passivform: das heißt: die so Angeredeten sind in den Wirkungsbereich des Heiligen eingetreten, nicht weil sie so vorbildliche Dinge getan hätten, sondern weil Gott sie dort hineingestellt hat. In diesem kleinen Wörtchen haben wir den Kern des christlichen Glaubens verdichtet vor uns: dass nämlich wir Menschen vor Gott überhaupt nicht mit Verweis etwa auf unsere Leistungen und Errungenschaften bestehen können, sondern deshalb, weil er den Schritt auf uns zu macht und uns dessen würdigt, ein solches Prädikat wie das der Heiligkeit tragen zu dürfen. Das ist so, wie wenn ein wirklich großmütiger Mensch zu uns sagt: Ich liebe dich! Und zwar ungeachtet der meist sehr unvollkommenen, widersprüchlichen – ja bisweilen sogar richtig böswilligen  Signale, die von uns so ausgehen.

    Damit ist klar: die „heilige Kirche“ zu sein, das ist nichts, was auf unser eigenes moralisches Konto ginge. Es ist vielmehr etwas, wozu Gott uns macht. In diesem Sinne hat das Wort Eingang in das Glaubensbekenntnis gefunden, und zwar gemäß der biblischen Sprache gerade nicht als Bezeichnung besonders herausragender Einzelpersonen, sondern in der Tat als Kollektivbegriff für die Kirche insgesamt. Natürlich war man nicht so naiv anzunehmen, jeder einzelne Christ habe eine derart saubere Weste, dass er für diese Bezeichnung gerade stehen könnte. Im Hintergrund steht vielmehr der Gedanke: Gott erklärt uns für heilig, so wie er uns für gerecht erklärt, obwohl wir es von uns aus allzu häufig leider gar nicht sind. Kraft seiner Gnade tut er das, ebenso wie er uns zu seinen Kindern erklärt und dies ja nun auch nicht wieder rückgängig macht, wenn wir dem nicht gerecht werden. Nun aber haben wir natürlich die Aufgabe, diesem Prädikat der Heiligkeit in unserer Lebensführung als Einzelne und als Kirche insgesamt zu entsprechen, so gut wir können.

    Ich möchte noch einen Moment lang bei diesem Aspekt bleiben, dass die Heiligkeit uns durch die Bibel nicht individuell, sondern kollektiv als Mitgliedern der Kirche zugesprochen wird. Nicht wahr: in unserer Gesellschaft meint so Mancher seinen Glauben ja nur so leben zu können, indem er sich von der Kirche eher distanziert, so nach dem Motto: in so einem Verein mit der Geschichte – da mach ich nicht mit. Ich habe meinen eigenen Glauben! Da ist der Glaube dann geradezu per definitionem etwas Individuelles, weil man nicht alles unterschreiben kann, was mit dem Glauben der Kirche insgesamt zu tun hat.

    Ich habe demgegenüber die Befürchtung, in dieser Haltung artikuliert sich etwas, das ich zwischen Überheblichkeit und Überforderung ansiedeln würde. Zur Überheblichkeit: da ist dann der Einzelne der Auffassung, selber soviel besser dazustehen, als die Kirche in seinen Augen dasteht. Haben wir, hat irgendwer unter uns Anlass zu dieser Auffassung? Wer vom Versagen der Kirche spricht, muss der nicht auch von seinem je eigenen Versagen sprechen? Zumal kollektives Versagen ja auch immer nur durch das Versagen Einzelner zustande kommt.

      Und zur Überforderung: „Ich habe meinen eigenen Glauben“ – das scheint zunächst viel Raum für persönliche Akzentsetzungen zu eröffnen, während man auf der anderen Seite so manchen Ballast nicht mitschleppen muss. Aber dann ruht der Glaube eben auch immer nur auf den eigenen Schultern. So eine selbstgewählte Existenz als „Glaubens-Single“ kann höchst anstrengend werden. Ich möchte jedenfalls für mich festhalten: ich empfinde die Kirche nach wie vor und immer wieder neu als meine geistliche Heimat. Auch wenn ich wie vermutlich jeder von Ihnen gewisse Passagen sowohl der Bibel als auch des Glaubensbekenntnisses eher für unwichtig oder gar für anstößig und ärgerlich halte: ich möchte aus Respekt vor all denen, die da vor mir ihren Glaubensweg in der Kirche gegangen sind, diese Dinge lieber stehen lassen, als jetzt alles zu sezieren zu beginnen. So wie ich ja auch bei mir zuhause in der Familie mit Rücksicht auf die anderen Familienmitglieder Manches hinnehme, was ich persönlich mir wohl eher anders wünschen würde. Und die anderen Mitglieder meiner Familie bringen mir diese Haltung zum Glück auch entgegen!
      
      Wir müssen nicht alles und jedes selber erfinden. Ich denke, es tut gut, sich in Texten, Liedern und Gebräuchen zu bergen, die andere vor mir erfunden haben. Selbst wenn mir einige davon jetzt fremd sind – vielleicht kommt ja noch der Tag, wo sie ihre Bedeutung auch für mich erschließen? Ich meine, hier dürfen wir sehr gelassen und hoffnungsvoll sein! Gerade weil unsere Heiligkeit nicht auf uns selbst beruht, sondern uns von außen, von Gott zugesprochen wird!
      
      Nun ist mir jedoch noch etwas wichtig: die „heilige Kirche“ – das könnte so klingen, als sei die Kirche eigentlich schon nicht mehr so ganz von dieser Welt. Durch dieses Prädikat veranlasst, öffnet sich hier eine Dimension, die über alles Irdische hinausweist. Und das stimmt ja auch: wo sich die Aktivität der Kirche im Innerweltlichen erschöpft, da riskiert sie, ihr Spezifikum zu verlieren. Wenn sie sich als Verein wie jeder andere auch gebärdet, dann riskiert sie, in die Bedeutungslosigkeit zu fallen.
      
      Und doch gilt zugleich: so sehr die Kirche nicht von dieser Welt sein darf, so sehr ist sie ganz und gar und ohne Abstriche in dieser Welt, hat ihre Aufgabe an dieser Welt und für diese Welt. Ausgerechnet „der“ protestantische „Heilige“ des vergangenen Jahrhunderts, Dietrich Bonhoeffer, hat größten Wert darauf gelegt, Kirche dürfe niemals Selbstzweck sein, sie müsse vielmehr „Kirche für andere“ sein, wenn sie ihr Wesen und, so füge ich hinzu, ausgerechnet ihre Heiligkeit nicht verfehlen will. Nur so tut sie es ihrem Herrn gleich, der ja auch in dieser Welt und für sie da war, ohne Kompromisse und irgendwelche Abstriche.
      
      Es gibt ja immer wieder Bestrebungen, die Kirche auf einen ominösen Bereich des „Religiösen“ festlegen und beschränken zu wollen. Das ist dann ein rein nach innen gerichteter Gottesdienst, vielleicht noch Kulturpflege, Kaffeetrinken und schöngeistige Gedanken. Aber eine Außenwirkung in die Gesellschaft hinein wird allein damit noch nicht erzielt. So verstanden, ist Religion nach dem berühmten Wort von Karl Marx dann tatsächlich das „Opium des Volkes“, und als solches wollen die Diktatoren aller Zeiten Religion und Kirche denn auch gern haben. Sie maßen sich an, Religion und Kirche einen Ort zuzuweisen, an dem sie sich gewissermaßen austoben dürfen. Aber wenn sie in die Öffentlichkeit hinein wirken wollen, so legen sie ihnen Fesseln an.
      
      Aber nicht nur bei Diktatoren, nein: auch bei uns regt sich ja bisweilen Ärger über kirchliches Wirken in der Öffentlichkeit:  gerade mit kritischen kirchlichen Stellungnahmen zu Problemen der Politik ist das bekanntlich so eine Sache. Kürzlich haben wir dies anlässlich der Neujahrspredigt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann wieder erlebt, in der sie kritisch zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan Stellung nahm. Die Meinungen über diese Stellungnahme gehen in unserer Bevölkerung weit auseinander. Aber nun bitte ich Sie, einmal genau zu überlegen: warum sind wir für oder gegen das, was Bischöfin Käßmann da gepredigt hat? Diejenigen, die der Predigt kritisch gegenüberstehen, frage ich: ist das so, weil Sie grundsätzlich der Meinung sind, zu dieser Frage solle sich jemand im Bischofsamt nicht äußern? Oder kritisieren Sie die Predigt, weil Sie den Sachverhalt, um den es dabei geht, anders sehen? Meine Vermutung ist ja: wir sind meist dann kritisch gegenüber politischen Äußerungen von der Kanzel, wenn wir deren Meinung nicht teilen. Und dann sagen wir schnell: von der Kanzel wollen wir keine Politik hören. Aber wenn wir inhaltlich hinter dem stehen, was da gesagt wird, werden wir diese Grundsatzmeinung nicht so schnell vertreten!
      
      Oder wir machen den Unterschied, dass wir sagen: die Kirche soll sich aus dem politischen Tagesgeschäft heraushalten, aber sie darf und soll zu grundsätzlichen ethischen Fragestellungen Position beziehen. Ja da ist uns gerade das Hin und Her und der große Pluralismus in der Evangelischen Kirche oft viel zu wenig aussagekräftig, und so Mancher sehnt sich nach der Eindeutigkeit, mit der die katholische Kirche zu manchen Fragen sehr unverblümt Stellung nimmt: zur Frage der Abtreibung oder zu bestimmten Fragen der Bioethik etwa.
      
      Aber ist das eigentlich immer so einfach, die Grenze festzulegen: wo geht es um grundsätzliche ethische Fragestellungen und wo ums politische Tagesgeschäft? In der Tat, da kann es peinlich, ja geschmacklos werden: wenn ich von einer Kanzel etwa hören würde: „Gott ist für das Dosenpfand“, dann wäre das so. Wir tun gut daran, Gott nicht für jede Einzelfrage der Politik in Anspruch nehmen zu wollen. Aber bei der Frage des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan geht es ja nun schon um etwas Grundsätzlicheres.
      
      Ich sehe die Sache so: Ich bin mit Bischöfin Käßmanns Predigt an einigen Stellen nicht glücklich, weil sie zwar richtige Grundeinsichten formuliert, diese aber in der konkreten Herausforderung allein nicht sehr hilfreich sind. So sagt sie etwa: „Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan.“ – Wer wollte diesen Satz schon bestreiten wollen? Aber was trägt sein Zitat für sich genommen denn für Afghanistan heute aus? Der nötige Primat zivilen Aufbaus wird allenthalben betont. Doch damit ist die Frage des Waffeneinsatzes leider noch nicht beantwortet. Friedfertigkeit alleine sichert den Frieden eben auch nicht unbedingt, in einem Land wie Afghanistan schon gar nicht. Und schon müssen wir eintreten in die mühsame Abwägung vieler Aspekte, die die Sache so schwierig machen. Mit einem kategorischen Bischofswort ist es da leider nicht getan.
      
      Daraus ergibt sich eine erste Anforderung an kirchliche Worte zu politischen Fragen: sie müssen auf solider Sachkenntnis und umfassender Abwägung aller Faktoren basieren. Daran mangelt es bei uns bisweilen. Ich wurde im vergangenen Jahr in dieser Hinsicht aus der Gemeinde heraus für einige Aussagen im Zusammenhang mit der globalen Finanzkrise kritisiert. Vermutlich zu Recht, und ich muss mir das gesagt sein lassen und künftig sorgfältiger sein.
      
      Eine weitere Anforderung: wer sich zu gesellschaftlichen Fragen äußert, sollte ernst damit machen, dass wir in der evangelischen Kirche keine Unfehlbarkeit kennen! Was meine ich damit? Nun, in der theologischen Theorie halten wir alle diesen Grundsatz sehr hoch. Aber man staunt dann bisweilen doch, mit welcher Emphase wir gewisse Meinungen so vertreten, als seien sie das Gotteswort in Reinkultur. Und in der Tat geht von der Situation der Kanzelrede ja auch ein „Flair“ aus, das sich etwa von einer Bundestagsrede durchaus unterscheidet. Hier gibt es zum Beispiel keine „Gegenrede“! Das dürfen wir nicht ausnutzen, um lediglich Meinungen so zu vertreten, als seien sie Gottes Wort gleichsam senkrecht von oben, so wohlbegründet diese Meinungen auch sein mögen.
      
      Nun lege ich jedoch Wert darauf: unter diesen Voraussetzungen sind Worte zu politischen Fragen auch in der Kirche und auf der Kanzel nicht nur legitim, sondern können regelrecht geboten sein! Die Heiligkeit der Kirche, um die es uns ja heute geht, kann durch unbedachte und manipulative Rede Schaden nehmen, wohl wahr! Sie kann aber auch durch Schweigen im falschen Moment und durch den galanten und so bescheiden erscheinenden Rückzug in die Innerlichkeit Schaden nehmen, das ist ebenso wahr! Die Schwierigkeit und immer neue Herausforderung besteht darin, zu wissen, was von beidem wann angesagt ist und was nicht! Um die Mühe, diese Aufgabe immer wieder neu anzugehen, werden wir nicht herumkommen! –
      
      Liebe Gemeinde, die heilige Kirche – auch als Protestanten haben wir allen Anlass, sie wiederzuentdecken. Geheiligt sind wir, durch Gott als zu ihm gehörig erklärt. Merken Sie, wie groß, wie bedeutend das ist? Wir erhalten an dem größten, schönsten Attribut Anteil, das Gott selber auszeichnet! Eine schier unglaubliche Gabe ist das, was uns hier zuteil wird. Und damit verbunden eine nicht weniger große Aufgabe ergibt sich daraus! Gott helfe uns, ihr immer wieder neu gerecht zu werden! Amen.