Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 3 der Predigtreihe
„Geistliche Heimat? Oder verzichtbarer Ballast? – Die Kirche“



 

Liebe Gemeinde!

      Erinnern Sie sich? Im ersten Teil meiner Predigtreihe, da hatte ich die 4 Kennzeichen der Kirche, so wie sie seit dem Bekenntnis von Nizäa-Konstantinopel von allen Kirchen anerkannt werden, kurz genannt: ich sagte: die Kirche ist wesenhaft eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Beim dritten dieser Kennzeichen bleiben wir dann meist hängen: wie bitte? Katholisch?? Das soll auch für uns gelten, die wir evangelisch sind, und das heißt doch gerade: nicht katholisch? Und im übrigen heißt es im Bekenntnis, so wie wir es vorhin nach Nr. 854 im Gesangbuch gesprochen haben, doch auch nicht: „katholisch“, sondern „christlich“! Warum dann jetzt diese Begriffsverwirrung?
      
      Nun, so leid’s mir tut, aber: der ursprüngliche griechische Wortlaut des Bekenntnisses formuliert hier eindeutig: es heißt: „katholisch“, nicht „christlich“. Wie gehen wir mit dieser eindeutigen Feststellung um? Werden wir hier am Ende als evangelische Christen blamiert?
      
      Nein, liebe Gemeinde, ganz und gar nicht. Höchstens dafür, dass die evangelischen Übersetzer des Bekenntnisses nicht den Mut hatten, das Wort „katholisch“ stehen zu lassen! Denn was bedeutet dieses Wort denn? Es bedeutet soviel wie: „allgemein“, „universal“, „das Ganze betreffend“. Und ich wiederhole, was auch bei den ersten beiden Teilen der Predigtreihe immer wieder wichtig war: im Bekenntnis geht es nicht in erster Linie um die eine oder die andere sichtbare Ausprägung der Kirche, sondern um die Kirche, wie sie grundsätzlich sein soll, wie wir sie glauben. Glauben und schauen ist bekanntlich Zweierlei. Das wird beim Thema „Kirche“ immer wieder überdeutlich!
      
      Und nun lege ich großen Wert auf die Feststellung: „katholisch“, so wie das Wort im Bekenntnis vorkommt, ist nicht Dasselbe wie „römisch-katholisch“! „Römisch-katholisch“ als eine Konfessionsbezeichnung ist vielmehr im Grunde ja gerade wieder eine Einschränkung des wahrhaft Katholischen.
      
      Dass gerade die Römisch-katholische Kirche dann jedoch den Anspruch erhebt, nur in ihr gelange die geglaubte Kirche des Bekenntnisses zu einer vollgültigen Verwirklichung, der gegenüber die anderen Konfessionen dann doch leider nur sozusagen die hinteren Ränge einnehmen diese Tatsache ist allerdings aus evangelischer Sicht wirklich traurig. Zumal dabei die reformatorischen Kirchen bei dieser Platzverteilung noch hinter den orthodoxen platziert werden und ihnen lediglich den Status zugebilligt wird, sie seien „kirchliche Gemeinschaften“! Das tut schon etwas weh!
      
      Vom heutigen Sprachgebrauch her wäre es vielleicht am treffendsten, man würde das Wort „katholisch“ im Bekenntnis durch das Wort „ökumenisch“ ersetzen, bezeichnet dieses doch etwas ganz Ähnliches wie das Wort „katholisch“: den gesamten bewohnten Erdkreis nämlich. Aber verlieren wir uns hier nicht zu sehr in Wortklaubereien. Soviel werden wir jedenfalls sagen müssen: die Kirche ist durchaus wesenhaft „katholisch“, sie hat einen universalen Zug, weiß sich zu allen Menschen gesandt. Dem entspricht dann in der Praxis, dass die Kirche seit ihren Ursprüngen „missionarisch“ ist, das heißt sie geht nach außen und versucht andere Menschen zu gewinnen. Dieser Wesenszug sollte allen christlichen Konfessionen wichtig sein.
      
      Wobei sich hier in unserer Zeit durchaus Widerspruch meldet: dieses Wort „Mission“ ist zum Reizwort geworden. Ich habe etwas dazu im neuen Gemeindebrief geschrieben, der Ende des Monats erscheinen wird. Ist von „Mission“ die Rede, so wittert man verbohrte Fundamentalisten, ja eifernde Fanatiker, die andere Menschen mit subtilem oder gar offenem Druck für eine Überzeugung über den Tisch ziehen wollen. Und die Missionsgeschichte ist in der Tat nicht frei von solchen Charakteren, die wahrlich kein Ruhmesblatt für die Kirche waren.
      
      Und doch ist sie zugleich – und ich meine: noch viel mehr! – voll von solchen  Charakteren, die andere für den christlichen Glauben begeistern konnten, weil sie selber davon so begeistert waren, dass sie ihn einfach mit anderen teilen mussten, nach dem Motto: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
      
      In der Lesung aus der Apostelgeschichte, die wir vorhin hörten, wird uns der Apostel Petrus als ein solcher Mensch präsentiert: dermaßen erfüllt ist er von seinem Glauben, dass ihn auch die Drohgebärden der religiösen Autoritäten nicht davon abhalten konnten, seinen Glauben weiterzusagen. „Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ – so hieß es aus dem Munde des Petrus.
      
      Liebe Gemeinde: hier ist die  Weitergabe des Glaubens, die „Mission“, kein Akt einer ungeliebten Pflicht, die aus Gehorsam gegenüber einem „Missionsbefehl“ nun mal erfüllt werden muss... Nein, die Mission, der wir hier begegnen, ist Ausdruck dessen, dass wir Menschen gerade mit dem, was uns am tiefsten bewegt und erfüllt, nicht gerne alleine bleiben, sondern es mit anderen teilen wollen.
      
      Ich glaube, dass kirchliche Mission da, wo sie wirklich erfolgreich war, immer unter diesem Aspekt der Begeisterung erfolgt ist. Dass wir mit Blick auf die Bibelstelle aus dem Matthäusevangelium, wo Jesus seine Jünger in die Welt sendet, vom „Missionsbefehl“ sprechen, ist geradezu eine Verzerrung dieser ursprünglichen Begeisterung, die einer glaubwürdigen Mission immer zueigen war und noch ist.
      
      Das aber hat mit Fundamentalismus oder gar mit Fanatismus nicht das Geringste zu tun, im Gegenteil. Es ist das Natürlichste auf der Welt und zeugt von einem zutiefst sozialen Wesen, das mit anderen teilen zu wollen, was einen am tiefsten bewegt.
      
      An dieser Stelle möchte ich die landläufige Art der Betrachtung mal herumdrehen: mich befremden diejenigen modernen Charaktere viel mehr, die in all ihrer Coolness nichts mehr weiterzusagen haben. Ob sie wirklich noch so erfüllt von etwas sind, wie es die ersten Christen waren? Die waren es so sehr, dass sie es einfach mit anderen teilen, ja anderen mit-teilen mussten! Wer diese Haltung kritisiert, der wird mir gerade suspekt: hat er eigentlich noch etwas, das er überhaupt mitteilen könnte? Oder ist er am Ende deshalb gegen die Mission, weil da gar nichts mehr ist, das ihn erfüllt? Dann wäre er zuhöchst bemitleidenswert.
      
      Oder aber er hat durchaus etwas, das ihn erfüllt, aber er möchte damit lieber alleine bleiben, statt es zu teilen, statt es mitzuteilen. Auch das mag es geben – aber ist diese Haltung dann nicht zutiefst asozial, egoistisch und selbstgenügsam?
      
      Sagen wir es andersherum: der missionarische Impuls des christlichen Glaubens erweist diesen als zutiefst sozial, am Mitmenschen interessiert und offen für Neues – so wahr beim Vollzug der Weitergabe des Glaubens sich eben nicht nur für den etwas ändert, der diesen Glauben empfängt, sondern auch für den, der ihn weitergibt! So sagte der deutsche Missionar Wilhelm Mensching, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts im afrikanischen Ruanda tätig war, einmal den so schönen und zugleich bedeutungsschweren Satz: „Ich ging nach Afrika, um zu lehren. Belehrt kam ich zurück.“
      
      Gegen eine weitverbreitete Vorstellung, für die Mission hauptsächlich autoritäre Indoktrination ist, versuchen heutige Missionswerke wie etwa die Vereinte Evangelische Mission in Wuppertal, für die ich selber ja früher in Afrika tätig war, den Vollzug der Mission ganz strikt dialogisch zu verstehen – bis dahin, dass inzwischen sämtliche Leitungsebenen international besetzt sind und etwa ich damals nicht nur in Ruanda einen ruandischen Chef hatte, sondern außerdem noch in Deutschland einen weiteren, und zwar einen kongolesischen. Der weiße Mann der sich als Einzelkämpfer mit dem Tropenhelm seinen Weg durch den Urwald zu den armen Negern bahnt, ist ein Klischee Vergangenheit. Wobei ich diese Leute gar nicht im Nachhinein schlecht machen möchte. Aber wenn sie ihre Sache gut gemacht haben, dann immer mit Respekt für die Adressaten ihrer Botschaft und mit dem Ziel, letztlich mit ihnen eine gleichberechtigte Gemeinschaft zu bilden. Der Name unseres Missionswerkes ist Programm: „United in Mission“ – „Vereint zur Mission“. Von der in diesem Konzept praktizierten Partnerschaftlichkeit könnte sich so manche nicht-kirchliche Zusammenarbeit eine Scheibe abschneiden!
      
      Wobei ich Ihnen sofort zugebe: das ist enorm anstrengend, auf diese Weise „Katholizität“ in der Kirche in die Tat umsetzen zu wollen! Wo Menschen unterschiedlicher Kulturen und Wertesysteme aufeinander treffen, da stellt sich nicht sofort Verständnis und Übereinstimmung ein! Auch der Glaube entfaltet nicht immer sofort und automatisch seine Kraft als einigendes Band, das solche Unterschiede ganz locker zu überbrücken imstande wäre! Leider nein!
      
      Ja seien wir doch mal ganz ehrlich: andere Faktoren sind meist viel wirksamer als der Glaube im Hinblick darauf, ob wir einen Menschen als uns nahe oder fremd empfinden. Mal etwas plakativ formuliert: ein deutscher Atheist dürfte mir in aller Regel wesentlich näher stehen als ein Christ aus Papua-Neuguinea.
      
      Ich erinnere mich an einen katholischen Kollegen von mir, der hatte einen ausländischen Kaplan. Dieser Kaplan verbrachte nicht wenig Zeit mit einigen seiner hier lebenden Landsleuten, die im Hinblick auf ihren Glauben eher gleichgültig und desinteressiert waren.  Mein katholischer Kollege spürte, dass der Kaplan diesen seinen Landsleuten näher stand als ihm, und er fragte sich, ob er zu diesem Kaplan wohl ein wirklich vertrauensvolles Verhältnis aufbauen könnte, so wie man es bei Menschen desselben Glaubens doch erwarten sollte. Sehr optimistisch war er nicht und brachte seine Skepsis einmal auf die anschauliche, aber zugleich auch irgendwie sehr traurige Formel: „Ach weißt du: Blut ist immer dicker als Weihwasser.“
      
      Ich weiß genau, was er mit diesem Satz meint. Er betrifft auch wahrlich nicht allein die katholische Kirche, sondern die evangelische eher noch mehr. Gleichwohl möchte ich ihm nicht so einfach Recht geben. Immerhin weiß ich auch, dass mein katholischer Mitbruder im Laufe der Jahre ein sehr gutes Verhältnis zu diesem Kaplan gewinnen durfte. Und von meinen eigenen Erfahrungen in Afrika her kann ich sagen: dieser im Hinblick auf die prägende Kraft des Glaubens ja sehr resignative Satz ist nicht die ganze Wahrheit. Ich weiß mich vielen Menschen in Afrika enger verbunden als etlichen Menschen hierzulande. Und da spielt es in der Tat eine Rolle, dass ich mit so Manchem hier eben keine gemeinsame Glaubensbasis habe, mit Manchem dort dagegen sehr wohl.
      
      Wir brauchen sowohl auf persönlicher als auch auf gesamtkirchlicher Ebene vermutlich einfach sehr viel Zeit, um die Kirche als völkerverbindende Gemeinschaft zu entdecken und mit Leben zu füllen. Auch von Rückschlägen sollten wir uns dabei nicht über Gebühr irritieren lassen. In einer mehr und mehr globalisierten Welt sind wir gerade als Christen gefordert, näher aneinander zu rücken. Und gerade weil diese globalisierte Welt sich zumindest in Teilen an ganz anderen Grundsätzen orientiert, als sie vom christlichen Glauben her vertretbar sind, sind wir als Christen aller Kontinente aufgerufen, gemeinsam die Stimme zu erheben, etwa wenn es um Fragen der Menschenrechte geht.
      
      Soviel jedenfalls ist sicher: der Grundsatz der Katholizität der Kirche erinnert uns immer wieder daran: Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie – ich nenne es mal so: nach vorne hin offen ist, wenn sie neue Menschen gewinnen will, die ihrerseits natürlich auch Manches mitbringen, das wiederum der Kirche ein neues Gesicht geben wird.
      
      Noch einmal anders gesagt: die Katholizität der Kirche, ihr missionarischer Charakter: all dies steht dafür, dass die Kirche keine geschlossene Gesellschaft ist, sondern sich über neue Gesichter freut, ganz egal woher diese auch kommen mögen, und die damit zugleich zugibt: sie ist noch nicht am Ziel ihrer Existenz angekommen, sondern sie ist eine Kirche auf dem Wege.
      
      Damit ergibt sich aber ein weiterer Gedanke: eine „Kirche auf dem Wege“, eine „Kirche im Aufbruch“, wie wir das im nächsten Gemeindebrief nennen werden, sie ist grundsätzlich keine „fertige“ Kirche. Und zwar in keiner einzigen der vielfältigen Bedeutungsnuancen, die dieses Wort „fertig“ in unserer Alltagssprache haben kann:
      
      Zunächst ist sie keine Kirche, die nurmehr rückwärtsgewandt existierte. Natürlich hat sie ihr Fundament in Ereignissen der Vergangenheit – darüber werden wir am kommenden Sonntag unter dem Stichwort der „Apostolizität“ nachdenken. Aber es steht immer noch etwas für sie aus. Deshalb lebt sie stets in Erwartungshaltung. Sie singt nicht nur „Alle Jahre wieder“, so als gehe es bei ihr sowieso immer nur um die zyklische Wiederkehr des längst Bekannten, sondern sie singt auch: „Wir warten dein, o Gottes Sohn.“
      
      Wobei wir gerade an diesem Punkt wohl ehrlicherweise zugeben müssen: in der Praxis verhält es sich meist genau umgekehrt. Plakativ formuliert: im Vergleich zu „Wir warten dein, o Gottes Sohn“ ist „Alle Jahre wieder“ das bekanntere und volkstümlichere Kirchenlied. Aber, liebe Gemeinde, soviel ist sicher: wo wir als Kirche keine Erwartung mehr an Gottes Zukunft haben, da sind wir im Grunde bereits geistlich tot. Da haben wir mit der Vergänglichkeit und mit all den Zweideutigkeiten, in denen wir leben, unseren Frieden gemacht. Da ist von Hoffnung nichts mehr zu spüren. Wenn es uns bisweilen so geht, dann sollte es gut tun, wieder im ganz strengen Sinne daran zu denken, dass wir „katholisch“ sind, will sagen: dass Gott etwas für das Ganze dieser Welt vorhat und damit noch lange nicht am Ziel ist!
      
      Zugleich können aus dieser Einsicht Impulse für eine aktive, den Menschen von heute und morgen zugewandte Kirche ausgehen. Für eine im besten Sinne missionarische Kirche, die es, um mit Petrus zu sprechen, „einfach nicht lassen kann, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“
      
      Schließlich sollte sich aus allem Gesagten ergeben, dass die Kirche auch niemals definitiv „fertig“ sein kann, in dem Sinne, wie wir dieses Wort in unserer Umgangssprache gern verwenden: mit allen Kräften am Ende. Das mag zwischenzeitlich so sein, aber dann dürfen wir umso mehr darauf vertrauen, dass Gott diesen Zustand wieder verändern wird, so wie es schon in wunderschönen Worten beim Propheten Jesaja heißt: „Die auf den HERRN harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jesaja 40,31)
      
      So ist das wahrhaft Katholische etwas, das immer über den status quo hinausweist, etwas, das immer mehr erwartet, als schon vorfindlich ist.
      
      Es stimmt schon, dass die Kirche ihre so verstandene Katholizität nicht immer ausstrahlt. Weder im Kleinen in der Ortsgemeinde noch im Großen. Wenn man etwa an das desolate Bild denkt, das der in sich so zerstrittene Weltrat der Kirchen momentan bietet, dann können einem tatsächlich die Tränen kommen.
      
      Doch genau an diesem Punkt dürfen wir dieses Kennzeichen der Katholizität auch als eine Quelle der Hoffnung verstehen, so nach dem Motto: so „fertig“ ihr als Kirche auch immer wieder sein mögt, Gott hat noch viel mit euch vor; seine Geschichte mit euch ist noch lange nicht zuende. Lasst euch aufs Neue von ihm ansprechen; fasst neuen Mut und erzählt die Botschaft weiter. Ihr werdet sehen: das wird nicht folgenlos bleiben.
      
      Liebe Gemeinde: wer sich so von Gott rufen lässt, wer sich so von ihm in Bewegung setzen lässt und den Glauben auf die eine oder andere Weise weitergibt, der hat allen Grund, sich „katholisch“ zu nennen – ganz unabhängig davon, welcher Kirche er nun angehört. Denn so verstanden ist dieses Wort nicht länger ein Zankapfel zwischen den Konfessionen, sondern tatsächlich ein Ehrentitel für die Kirche insgesamt! Amen.