Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 5 der Predigtreihe „Die Kirche“




Liebe Gemeinde!
    Nachdem wir nun 4 Sonntage lang über das Wesen der Kirche ausgehend von einem Bekenntnis der frühen Kirchengeschichte nachgedacht haben, sollen heute die Reformatoren im Blickpunkt stehen, also diejenigen, die ein genuin evangelisches Kirchenverständnis begründet haben.

    Natürlich war die evangelische Ausprägung der Lehre von der Kirche auch vorher immer mit im Blick. Als evangelischer Christ und Pfarrer kann ich ja gar nicht anders darüber reden. Aber heute wollen wir einmal sehen, wohin die Reformatoren die Lehre von der Kirche zugespitzt haben – und was wir heute, immerhin wiederum mehr als 500 Jahre später, damit anfangen können.

    Während die Alte Kirche, wie wir im Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel sehen, 4 Kennzeichen der Kirche nennt, schwankt die Reformation an dieser Stelle: mal werden mehr Kennzeichen der Kirche genannt, mal weniger. Das kann zufällig so sein – schließlich haben die Reformatoren keine systematische Lehre von der Kirche verfasst, sondern je nach Anlass mal dieses, mal jenes an der Kirche betont. Und doch ist es insgesamt eben doch nicht ganz zufällig, wie sie mit dieser Frage umgegangen sind. Ich will versuchen, das zu zeigen:

    Die berühmteste und geradezu klassisch evangelische Formel dafür, was die Kirche sei, finden wir in der wohl bedeutendsten Bekenntnisschrift der Reformationszeit, dem Augsburger Bekenntnis von Philipp Melanchthon, dem vielleicht engsten Mitarbeiter Martin Luthers, aus dem Jahre 1530, in seinem 7. Artikel. Dort heißt es, die Kirche sei „die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden.“

    Der erste Eindruck, der sich bei mir einstellte, als ich diese Definition von Kirche vor vielen Jahren während meines Studiums zum ersten Mal hörte, ist mir noch sehr deutlich vor Augen: das ist ja wirklich eine Definition, wie man sie sich wünscht: kurz, präzise, eindeutig. Nur 2 Merkmale werden hier angegeben, die die Kirche zur Kirche machen: unverfälschte Predigt und korrekter Vollzug der Sakramente. Wenn man dann noch weiß, dass die Reformation die Zahl der Sakramente gegenüber der katholischen Kirche von 7 auf 2 reduziert hat, auf Taufe und Abendmahl nämlich, wirkt das Ganze noch übersichtlicher.

    Wobei sich natürlich sofort zugleich auch der Widerspruch meldet: der korrekte Vollzug der Sakramente, also von Taufe und Abendmahl, mag ja noch einigermaßen klar feststellbar sein. Aber: wie ist das denn mit der „reinen“, unverfälschten Predigt? Ist das so leicht feststellbar, ob eine Predigt das Evangelium „rein“ verkündigt oder nicht? Vor allem: wer sollte in der Lage sein, zweifelsfrei über diese Frage zu befinden? Schließlich hat gerade die evangelische Kirche ja kein „Lehramt“ im Sinne der katholischen Kirche, keinen Papst, der solcherlei Fragen eindeutig klären könnte. Formal betrachtet mag die „reine Predigt des Evangeliums“ zwar ein griffiges Zeichen der Kirche sein, inhaltlich bleibt dabei aber noch Vieles offen.

    Trotz dieser Bedenken meine ich: es bleibt dabei: die Definition der Kirche nach dem 7. Artikel des Augsburger Bekenntnisses ist kaum zu schlagen, was ihre Knappheit und Übersichtlichkeit betrifft. Und das ist nun doch kein Zufall, sondern Absicht:

    In dieser Knappheit, in dieser Beschränkung auf lediglich 2 Merkmale drückt sich der Respekt der Reformatoren davor aus, dass wir Menschen die Wirklichkeit Gottes und dann auch seiner Gemeinde grundsätzlich immer nur andeutungsweise und sozusagen „stammelnd“ zum Ausdruck bringen können. Luther kann sogar noch knapper von der Kirche reden: „Wo das Wort ist, da ist die Kirche.“ Punkt, aus – mehr braucht es nicht – sind doch bei Lichte besehen auch die Sakramente nichts Anderes als Gottes Wort in sichtbarer Gestalt.

    Alle Reformatoren waren sich darin einig, dass die Kirche gar nicht allzu genau definiert, und das heißt ja: abgesteckt werden kann: sie ist ein „durchmischter Körper“, wie man das genannt hat. Es ist so, wie wir es vorhin in der Lesung aus Matthäus 13 gehört haben: da blühen der Weizen und das Unkraut nebeneinander und durcheinander – und unsereiner weiß gar nicht unbedingt, was nun der Weizen und was das Unkraut ist. Nur Gott weiß das und wird eines Tages Unkraut und Weizen voneinander trennen. Aber noch ist dieser Zeitpunkt nicht gekommen. Noch gilt, was wiederum Luther, aber auch die anderen Reformatoren mit Nachdruck vertreten haben: „Die Kirche ist verborgen“; „Die Heiligen sind versteckt“.

    Weil das so ist, darum kann die Wirklichkeit der Kirche in der Reformation mit so knappen, fast dürren Worten beschrieben werden. Damit ist natürlich ein enormer Verzicht verbunden: ein Verzicht auf klerikale Ansprüche, auf die Deutungshoheit, was denn nun in jeder Situation als „das“ Christliche und damit Kirchliche zu gelten habe und was nicht.

      Und dieses Prinzip, dieser enorme Verzicht wirkt bis in unsere Zeit und Kirche nach: unsere Kirche versteht sich ja als so genannte „Volkskirche“, und das heißt: in ihr können und sollen höchst unterschiedliche Ausprägungen des Glaubens, höchst unterschiedliche Frömmigkeitsstile und Theologien nebeneinander existieren dürfen. Es wird dem Urteil der Gläubigen anvertraut, wo sie sich sozusagen einloggen und wo nicht. Wer in der evangelischen Kirche Mitglied ist oder werden will, der wird ja so gut wie gar nicht auf seinen Glauben hin „überprüft“. Was er in dieser Hinsicht mitbringt, wird akzeptiert, ob er nun konservativ oder progressiv ist, „rechts“ oder „links“ oder wie wir es auch nennen würden. Ja die Evangelische Kirche im Rheinland hat vor einigen Jahren dezidiert die so genannte „Kirchenzucht“ faktisch abgeschafft, jedenfalls den Ausschluss vom Abendmahl, der bis dahin zwar auch so gut wie nicht mehr praktiziert wurde, aber immerhin noch als theoretische Möglichkeit gegeben war, für den Fall, dass man meinte, einem Kirchenmitglied die kirchliche Gemeinschaft aufkündigen zu sollen.
      
      Ja sogar was die Amtsträger, auch uns Pfarrerinnen und Pfarrer betrifft, ist unsere Kirche von einer enormen Freiheit geprägt, was die Bandbreite theologischer Meinungen angeht, die in ihr vertreten werden. Was auf der einen Seite sehr angenehm ist, auf der anderen wiederum auch wieder ziemlich problematisch wirkt: die Volkskirche erscheint so stark liberalisiert, dass man uns nicht selten vorwirft, unsere eigene Profillosigkeit zu betreiben, und das auch noch ziemlich „erfolgreich“. Denn wo das Prinzip gilt: „Anything goes“ – „Alles ist möglich“, da gewinnt eine Organisation gerade nicht klare Konturen, sondern wird zum Allerweltsverein. Sollte das jedoch wirklich das Wesen der Kirche Jesu Christi sein? So fragen heute zum Beispiel die Freikirchen oder auch kirchliche Basisgruppen, die es satt haben, zu den Problemen unserer Zeit ständig kirchliche Verlautbarungen zu hören, die über ein „einerseits – andererseits“ nicht hinauskommen. Und wie das dann so ist: die einen wollen die Kirche frommer, die anderen politischer, wieder andere esoterischer oder auch ganz einfach „cooler“, wie das heute so heißt.
      
      Liebe Gemeinde, nicht erst heute gibt eine allzu knappe und unpräzise Definition dessen, was „Kirche“ sei, Anlass zu solchen Einsprüchen. Schon bei den Reformatoren bahnt sich das an, und ich gebe Ihnen zwei Beispiele dafür: Martin Luther war im Unterschied zur katholischen Kirche, von der er sein Kirchenverständnis ja abheben wollte, gerade nicht daran interessiert, das menschliche Handeln, die so genannten „guten Werke“, zu einem Kriterium echter Kirchlichkeit zu erheben. Er hatte die katholische Kirche mit ihrer Lehre, die guten Werke seien notwendig zur Erlangung der göttlichen Gnade, ja gerade als repressiv und versklavend kennen gelernt und wollte sich davon nun absetzen.
      
      Doch schon der spätere Philipp Melanchthon und auch Johannes Calvin, die beide den Übergang zur „zweiten Generation“ der Reformatoren markieren, sahen die Gefahr, die mit Luthers Haltung verbunden war: sie lässt mit ihrer Betonung der unsichtbaren Kirche die Bedeutung der sichtbaren Kirche allzu stark zurücktreten. Wollte die evangelische Kirche in der damaligen Zeit an Gewicht gewinnen, so war dies wohl kaum möglich, indem sie ständig darauf hinwies, sie sei ein „durchmischter Körper“ mit Unkraut neben dem Weizen. Die Leute wollen Klarheit, und so musste die Kirche stärker Flagge zeigen; sie musste vor allen Dingen den Mut und den Willen zur aktiven Gestaltung ihrer Gesellschaft entwickeln. Das hat Johannes Calvin in Genf bekanntlich getan – zum Teil in einem Maße, das dann doch wieder problematisch wurde, weil es den Glauben erheblich moralisierte und „Kirchenzucht“ bei jedweder Gelegenheit zur Anwendung brachte.

      Auch in einer weiteren Hinsicht ist der Unterschied von der ersten Generation der Reformatoren zur zweiten deutlich zu fassen, und auch dabei erging es der Reformation nicht anders als so mancher anderen geistesgeschichtlichen Bewegung vor ihr oder auch nach ihr: zu Anfang, wenn die Begeisterung über eine solche Bewegung noch gleichsam wie von selbst die Leute Feuer und Flamme sein lässt, da braucht man keine aufwändigen Definitionen, Strukturen, Formen. Da versteht man sich praktisch von selbst.
      
      Kurze Zeit später, wenn die ersten Begeisterungsstürme verweht sind, muss man sich dann daran begeben, dauerhaftere Strukturen anzupeilen, will man nicht riskieren, dass die Bewegung eine kurze Episode bleibt. Und dann findet eine Fixierung dessen statt, was doch ursprünglich frei im Raume schwebte. Es findet eine Verrechtlichung dessen statt, was doch zunächst auf dem spontanen Konsens der Beteiligten beruhte. Diese Mechanismen finden wir schon innerhalb des Neuen Testamentes – wenn wir etwa vergleichen, was der 1. Korintherbrief über die Kirche sagt, und was dann der 1. Timotheusbrief dazu ausführt.
      
      Genauso im Zeitalter der Reformation: schon die zweite Generation der Reformatoren sah sich genötigt, stärker in festen Strukturen zu denken, als das noch für Martin Luther notwendig gewesen war. Salopp gesagt: die Kirche merkte einmal mehr in ihrer Geschichte: der Jüngste Tag und damit die erwartete Wiederkunft Christi ließ doch noch auf sich warten, und so musste man sich auf Dauer hier auf Erden irgendwie einrichten – das jedoch erfordert nun mal möglichst stabile Strukturen, Ämter, Zuständigkeiten, Regelungen usw. – bis dahin, dass unsere Evangelische Kirche im Rheinland heute eine so genannte „Rechtssammlung“ hat, die in 2 dicken Ordnern -zig Gesetzestexte vereinigt. Man kann nur hoffen, dass es noch Leute gibt, die da wirklich den Durchblick haben!
      
      So stehen wir also heute in unserer rheinischen Kirche da: inhaltlich-theologisch weit gefächert, so dass ein klares Profil bisweilen kaum mehr erkennbar ist, dafür jedoch formaljuristisch-strukturell enorm „entwickelt“, wenn ich das mal so nennen darf.
      
      Beides hat Gründe, wohl auch durchaus gute Gründe. Und doch sollten wir beides auch mit einem wachsam-kritischen Auge betrachten: beginnen wir mit einem Blick auf die Verrechtlichung vieler Aspekte des kirchlichen Lebens. Zunächst einmal haben klare rechtliche Regelungen den großen Wert, dass sie einen sicheren Rahmen bieten, innerhalb dessen man sich bewegen kann. Sie wehren ständiger Willkür und tragen so zur Gerechtigkeit bei. An manchen Stellen dagegen wirken sie weltfremd und verkomplizieren Dinge, die besser laufen könnten, wenn es gewisse Vorschriften nicht gäbe.
      
      Dazu ein Beispiel: wenn jemand die Gemeinde wechseln möchte, muss er dies bei seiner bisherigen Gemeinde sowie seiner Wunschgemeinde beantragen. Beide Presbyterien müssen sich einverstanden erklären, und dann muss noch der Kreissynodalvorstand des jeweiligen Kirchenkreises zustimmen. Ja und wenn die neue Gemeinde in einem anderen Kirchenkreis liegt als die alte, müssen 2 Kreissynodalvorstände zustimmen! – Dieses Verfahren lässt sich nicht abkürzen, und so dauert es bisweilen mehrere Monate, bis ein solcher Gemeindewechsel vollzogen ist. Welcher Sinn sollte dahinter stecken? Auf diese Weise bekommt die Kirche das Image eines äußerst schwerfälligen Apparates. Wollen wir das?
      
    Mich betrübt es immer, wenn ich bei Leuten, die der Kirche eher fern stehen, aber sogar auch bei solchen, die sich zu ihr halten, merke: sie nehmen „Kirche“ zu einem großen Teil als einen solchen Apparat wahr und nicht in erster Linie als eine Gemeinschaft von Menschen, die durch den Glauben an Christus verbunden sind. Gerade in Deutschland und da besonders in den so genannten Landeskirchen ist das Denken stark ausgeprägt, demzufolge die Kirche eine Institution ist, die Funktionäre hat, uns Pfarrerinnen und Pfarrer, die für dieses und jenes zuständig sind. Fast schon logisch, dass unsereins ein „Pfarramt“ bekleidet. Es wäre geradezu ein Wunder, wenn dann nicht auch alsbald der berühmte „Amtsschimmel“ zu wiehern anfinge...

      Dies alles hat seine Ursprünge schon in der Zeit der Reformatoren, als das so genannte „landesherrliche Kirchenregiment“ definiert wurde. Ich hoffe dennoch, wir merken, dass sich hier ein Denken Bahn bricht, das mit dem 7. Artikel des Augsburger Bekenntnisses nicht mehr viel zu tun hat, wo sich „Kirche“ durch und durch geistlich definiert, nämlich – wir hörten es: durch die reine Predigt des Evangeliums und den entsprechenden Vollzug der Sakramente. Ich meine, wir haben es bitter nötig,  etwas von dieser geistlichen Dimension der Kirche wiederzugewinnen. In der Öffentlichkeit kommen wir häufig anders rüber!
      
      Aber auch zum äußerst breiten inhaltlich-theologischen Spektrum unserer Kirche möchte ich etwas sagen, wohl wissend, welches Glatteis ich damit betrete: zunächst: ich bin froh, einer Kirche anzugehören, in der ich eine enorme Freiheit habe, was mein theologisches Denken und mein Predigen anbetrifft. Wenn solche Freiheit jedoch dazu führt, dass viele Menschen bis weit in die Kirche hinein kaum noch in der Lage sind zu sagen, was eigentlich „evangelisch“ ist, dann müssen wir uns als Kirche fragen lassen, ob uns das recht sein kann. Ich meine, hier wird es für uns heute kritisch.
      
      Viele von Ihnen werden es noch wissen: im vergangenen Jahr, als der Streit um die theologische Bedeutung des Kreuzes Jesu Christi auch bei uns in Bonn einigen Wirbel verursachte, da hatte ich einige Mühe, gewisse Positionen noch als evangelisch anzuerkennen: solche Positionen, die es ablehnten, im Kreuz Jesu noch in irgendeiner Form Gottes versöhnendes Handeln an uns Menschen zu erblicken. Hier sah ich tatsächlich die „reine Predigt“ des Evangeliums massiv in Gefahr.
      
      Wir werden nicht um die anstrengende Aufgabe herumkommen, immer wieder neu danach zu fragen: ist diese „reine Predigt“ gewährleistet, oder ist sie es nicht mehr? Auch wenn wir für die Kirche anerkennen, dass sie ein mit Unkraut und Weizen durchmischter Körper ist: dies darf nicht dazu führen, dass uns diese Fragen vollständig egal werden. Natürlich will ich keine inquisitorische Kirche, die alle Predigerinnen und Prediger nach Schema F trimmt. Ich sagte ja, wie wichtig mir unsere Freiheit in dieser Hinsicht ist. Dies darf nun aber nicht dazu führen, dass uns die Wahrheitsfrage egal wird, noch dazu an entscheidenden Punkten unseres Glaubens.
      
      Und ich sehe heute im Unterschied zu früheren Zeiten viel mehr das Problem, dass wir gar nicht mehr so stark um die Wahrheit streiten, sondern dass wir es fast zu gut gelernt haben, uns fast mit ein wenig Desinteresse aneinander vor allem gegenseitig in Ruhe zu lassen. Das war vor einigen Jahrzehnten bekanntlich sehr anders: da wurde gestritten auf Teufel komm raus, da gab es noch „rechts“ und „links“. Und so beschwerlich Manches damals auch war: es signalisierte ein echtes Ringen um die Wahrheit. Mag sein, dass damals häufig der Respekt vor dem Vertreter einer anderen Meinung fehlte. Aber es wurde gerungen, mehr als heute. Und ich meine: das gereicht der Kirche eher zur Ehre, als wenn sie nur noch nach dem Prinzip verfährt: Ich bin ok, du bist ok, wir sind ok. Denn das klingt in meinen Ohren eher so: Mach, was du willst, du bist mir eh egal. Dies aber darf niemals die Devise der Kirche Jesu Christi werden!
      
      Wobei ich es schon bemerkenswert finde, dass der Artikel 7 des Augsburger Bekenntnisses ohne jede Forderung nach Einigkeit in der Kirche in bezug auf ethische Fragen auskommt. Wie schon angedeutet, dem späteren Melanchthon und auch Calvin war das zuwenig. Sie erwarteten schon einen eindeutigen Konsens auch im Hinblick auf bestimmte Prinzipien der Lebensführung von den Kirchenmitgliedern.
      
      Ich meine: an dieser Stelle ist große Vorsicht geboten. Allzu schnell verwechseln wir unsere persönlichen Meinungen zu Fragen aus Politik und Gesellschaft mit dem Wort Gottes. Was Gott zur Hartz-4-Debatte sagen würde, ob er die Bundeswehr umgehend aus Afghanistan abziehen würde, ob er für oder gegen eingetragene Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare eintreten würde usw. usf. – wer von uns könnte das jeweils mit dem Siegel der Gewissheit sagen?
      
      An solchen Stellen bin ich froh, keine „Hirtenbriefe“ alten Stils zu bekommen oder gar weitergeben zu müssen, wo uns ein „Kirchenoberer“ sagt, was die Herde zu meinen hat. Diese Fragen sind wichtig, aber wir werden Antworten nur finden, wenn wir dazu einen Diskurs führen, an dem jeder sich beteiligen kann, bei dem wir uns freilich so ernsthaft wie möglich an den Grundlagen unseres Glaubens orientieren sollten. Nichtsdestoweniger kann es da häufig zu unterschiedlichen Meinungen auch unter Christen kommen. Das auszuhalten und dabei sogar gegebenenfalls als Kirche an Eindeutigkeit zu verlieren, ist mir nach wie vor lieber als solche Eindeutigkeiten, die sich im Nachhinein meist weniger als eindeutig evangelisch denn als Produkte gerade vorherrschender Stimmungen erweisen.
      
      Natürlich wird es hier und da zu entscheiden sein, wie sich unsere Kirche zur einen oder anderen Frage des Tagesgeschehens verhält. Und da kann es selbstverständlich vorkommen, dass ich feststelle: ich unterliege mit meiner Meinung. Was mich dann ärgert, ist zu sehen, wie schnell so Mancher dann mit seinem Kirchenaustritt droht: der eine tut das, weil er gegen die Ermöglichung der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ist, der andere meint, einer Kirche nicht mehr angehören zu können, die Militärseelsorger beschäftigt. Jemand will die Kirche verlassen, weil sie sich seiner Meinung nach nicht eindeutig genug gegen alle Gentechnik ausspricht; wieder jemand anders erwägt seinen Austritt, weil die Kirche für seine Auffassung immer nur die Rolle des Bremsklotzes gegenüber allem technischen Fortschritt einnimmt.
      
      Zum einen sehen wir hier die Wahrheit des bekannten Sprichwortes: Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Zum anderen fordere ich diejenigen, die in eine der gerade genannten Gruppen oder in andere, vergleichbare Gruppen unzufriedener Kirchenmitglieder gehören, auf, sich ernsthaft die Frage zu stellen: ist die Frage, um die es mir geht, wirklich eine solche, die so stark das Zentrum des Glaubens betrifft, dass ich ihretwegen einen Grund habe, meine Glaubensgemeinschaft zu verlassen und, ich sage es einmal sehr deutlich: mich von meinen Schwestern und Brüdern zu trennen? Habe ich wirklich Anlass, diese ultima ratio, diese letzte aller Möglichkeiten anzusteuern? Glauben Sie bitte nicht, auch ich litte nicht immer wieder an meiner Kirche! Aber ich meine, wir sollten es uns mit so einem grundsätzlichen Schritt nicht zu leicht machen!
      
      Nein, es steckt schon eine Menge Weisheit darin, dass Melanchthon in Artikel 7 des Augsburger Bekenntnisses eine so kurze, knappe Definition dessen gibt, was Kirche ist. Übereinstimmung in jeder Einzelfrage ethischen Handelns ist jedenfalls kein Kriterium, das hier zu nennen wäre. Damit gründet man Konventikel, heute würde man vielleicht auf Neudeutsch sagen: „Pressure Groups“, aber keine Kirche.
      
      Liebe Gemeinde, in 5 Predigten sind wir einen Weg abgeschritten, um uns zu fragen, was zur Kirche gehört, damit sie Kirche Jesu Christi ist. Wir sahen: es fällt gar nicht so leicht, das immer genau zu sagen. Gleichwohl gibt uns schon die Alte Kirche einen „Rahmen“ mit: die Kirche ist eine einzige, sie ist heilig, sie ist „katholisch“, will sagen: geht tendenziell in Richtung auf die ganze Erde, und sie ist gegründet in den Aposteln. Die Reformation erkennt diese 4 Kennzeichen der Kirche an, kann das Thema aber auch variieren und hat dies insbesondere durch die 2 Kennzeichen getan, die das Augsburger Bekenntnis nennt: reine Predigt des Evangeliums und entsprechender Vollzug der Sakramente Taufe und Abendmahl.
      
      Im Neuen Testament wiederum, in der Apostelgeschichte, Kapitel 2, Vers 42, ist wiederum von Viererlei die Rede, wenn es da von den ersten Christen heißt: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Sie merken: da ist schon Vieles grundgelegt, was später im Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel und auch bei Melanchthon wiederkehrt.
      
      Aber es ist in Apostelgeschichte 2 noch von einem Element die Rede, das bisher noch gar keine Rolle spielte, aber unbedingt eine zentrale Rolle spielen muss: vom Gebet. Kirche ist, und das möchte ich ans Ende der Predigtreihe stellen, immer eine Gemeinschaft von Menschen, die sich im Gebet an Gott wenden: mit Lob und Klage, mit Dank und Bitte. Damit gibt die Kirche zu erkennen: wir sind uns niemals selbst genug. Wir wissen um unseren Ursprung, der außerhalb unser selbst liegt, und wir wollen uns als offen nach vorn erweisen, so dass wir Gottes Wort für unsere Zukunft erwarten.
      
      Eine Kirche, die nur noch sich selbst verwaltet, hat sich im Grunde schon aufgegeben. Sie ist verzichtbarer Ballast. Ebenso wie eine Kirche, die sich lediglich in Aktionismus verzettelt: ihr wird bald die Luft ausgehen. Eine Kirche hingegen, die ihre Ohren und Herzen für Gottes Wort öffnet und den Kontakt mit ihm sucht – eine solche Kirche kann geistliche Heimat sein; eine solche Kirche hat Zukunft. Ich wünsche uns, solch eine Kirche zu sein und zu bleiben. Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.