Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 1 der Predigtreihe „Eltern und Kinder in der Bibel“: Abraham und Isaak



Liebe Gemeinde,
    „Eltern und Kinder in der Bibel“ – dazu lässt sich wahrlich eine Menge sagen. Schönes und Schreckliches. Von inniger Harmonie bis zum katastrophalen Zerwürfnis ist alles dabei. Schließlich ist die Bibel das Buch des prallen Lebens! Sie weiß um die Brisanz, die im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ganz grundsätzlich drinsteckt.
      Darum gibt sie beiden ein Gebot mit: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden!“ – so heißt es im 5. Gebot (oder je nach Zählung im 4.! – 2. Mose 20,12) an die Adresse der Kinder formuliert. Übrigens: gemeint sind die erwachsenen Kinder im Hinblick auf ihre Eltern im Seniorenalter! Aber dieses Verhalten schon von klein auf einzuüben, dürfte ganz im Sinne des Gebotes liegen.
      Umgekehrt wird aber auch ein Gebot ausgesprochen: „Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn!“, so schreibt der Apostel Paulus an die Epheser (Epheser 6,4) – dort zunächst nur an die Väter gerichtet, aber wiederum denke ich, es ist richtig, dieses Gebot auch den Müttern gesagt sein zu lassen. Wir haben hier also ein Thema, bei dem eine Predigtreihe aus dem Vollen schöpfen kann. Ich will versuchen, das wenigstens ansatzweise zu tun.
    Den Anfang freilich soll heute eine Geschichte zwischen Vater und Sohn machen, die einen Vater an die Grenze seiner Vaterliebe führt, ja die so unglaublich anmutet, dass sie zu allen Zeiten auch Unverständnis und Empörung hervorgerufen hat. Es geht um Abraham, den Stammvater des Volkes Israel, und um seinen einzigen Sohn Isaak. Ich lese 1. Mose 22,1-18:
    „Gott versuchte Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
    Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem Gott ihm gesagt hatte.
    Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
    Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.
    Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo aber ist das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
    Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
    Da rief der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
    Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. Und Abraham nannte die Stätte „Der HERR sieht.“ Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht.
    Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.“
Liebe Gemeinde,
    vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich wie mir: ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll mit meiner Verstörung über diese Geschichte: ein Vater, der den Befehl akzeptiert, seinen Sohn rituell zu ermorden; ein Gott, der einen solchen Auftrag erteilt – zwar ausdrücklich, wie es zu Beginn heißt, nur um diesen Vater zu „versuchen“, also auf die Probe zu stellen, um seine bedingungslose Loyalität zu testen sozusagen – aber was heißt hier schon „nur“: dieser Umstand macht das Ganze ja kaum besser: was soll das für ein Gott sein, der solche hochmakabren Tests durchführt?
      Vor allem wenn man um die Vorgeschichte weiß: Abraham und seine Frau Sara waren bis ins hohe Alter hinein kinderlos geblieben. Dann hatte Gott sie losgeschickt in ein ihnen unbekanntes Land. Und er hatte ihnen zwei Versprechen mitgegeben: seinen Segen, also seinen Schutz in allen Lebenslagen, und dann: ein Kind, einen Nachkommen, aus dem dann wiederum weitere Nachkommen hervorgehen sollten, so dass schließlich Gottes Volk daraus erwachsen würde.
      Nun jedoch muss Abraham ja förmlich den Eindruck bekommen: mit dieser Verheißung ist es aus und vorbei: ohne Isaak keine weiteren Nachkommen und erst recht kein großes Volk.
      An dieser Stelle macht sich für mich eine weitere Irritation in der Geschichte fest, die in meiner Wahrnehmung die allergrößte ist: die Geschichte wird total mechanisch erzählt: Gott ruft Abraham, der meldet sich zur Stelle. Gott gibt ihm einen schier ungeheuerlichen Auftrag, und Abraham packt seine Sachen samt Isaak und macht sich auf. Kein Wort des Erstaunens, von Rückfragen oder gar flammendem Protest ganz zu schweigen!! Im Gegenteil: eiskalt lügt Abraham sogar noch die Knechte an, die er zunächst mitgenommen und dann zurückgelassen hatte. Sie hätten ihn ja sicher an seinem grausigen Vorhaben zu hindern versucht. „Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.“ So sagt er zu ihnen, wohl wissend, dass er etwas ganz Anderes mit Isaak vorhat. Dieses Hindernis in Gestalt der Knechte wäre also schon mal beseitigt. Sehr geschickt ist das, was Abraham hier tut – und zuhöchst gruselig: all seine Vatergefühle erscheinen wie ausgeknipst. – So etwas wie das, was Abraham hier tut, würden wir „Kadavergehorsam“ nennen, und dieses Wort hat völlig zu Recht keinen guten Klang in unserer Sprache!
      So drängt sich förmlich der Gedanke auf, Abraham sei von vornherein alles andere als ein guter Vater; so sehr erinnert sein Verhalten an das eines klassischen Befehlsempfängers und Vollstreckers. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, schickt Abraham sich an, etwas zu tun, das wir nur als Verbrechen der perversesten Art verstehen könnten: ein Kind ermorden – gerade die letzten Tage haben uns das in den Nachrichten ja wieder einmal auf erschütternde Weise vor Augen geführt. Und hier ist es auch noch das eigene Kind! Sollte ausgerechnet Abraham, der Stammvater der drei monotheistischen Religionen, in diese Kategorie Mensch gehören, für die uns das Wort „Mensch“ ja fast nur noch mit Schwierigkeiten über die Lippen kommt? Wobei wir ja gerade wieder haben lernen müssen: in diese Kategorie des Kindermörders können tatsächlich sogar solche Menschen gehören, die nach außen hin den braven Familienvater darstellen! Das Bild von Dr. Jekyll und Mr. Hide kommt uns in den Sinn – mit „normalen“ Kategorien ist all das wohl nicht mehr zu beschreiben.
      Liebe Gemeinde, diese Geschichte ist in höchstem Maße verstörend, ja. Aber Sie werden sich denken können, dass ich es nicht bei dieser Charakterisierung Abrahams belassen möchte. Zum einen sollten wir nicht überhören, dass Abraham ganz dezidiert von Gott angesprochen wird auf Isaak als auf „deinen einzigen Sohn, den du liebhast“. (Vers 2) Gerade weil Gott hier stets alle Fäden in der Hand hält (und sei es auf geradezu gruselige Art und Weise!), ist auch diese Äußerung aus seinem Munde ernst zu nehmen.
      Und weiter: Es ist gerade die völlig ungerührte Art der Berichterstattung, die mich veranlasst, das Geschehen nochmal von einer ganz anderen Warte aus anzuschauen. Das Interesse des Erzählers gilt offensichtlich nicht den Emotionen, sondern ausschließlich dem, was Abraham hier tut. Geradezu absurd mutet es ja auch an, dass selbst von Isaak nicht die geringste Gefühlsregung überliefert wird, als sein Vater sich anschickt, das grausame Werk zu vollenden. Nein, es heißt schlicht und – in der Tat! – ergreifend: Abraham legte das Holz auf den Altar und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Man wird wohl kaum annehmen dürfen, Isaak habe das alles brav mitgemacht. Aber darum geht es dem Erzähler nicht. Das heißt aber auch: wir dürfen aus der Tatsache, dass Abrahams Gefühle in der gesamten Geschichte nicht geschildert werden, nicht schließen, er habe keine gehabt!
      Nein, liebe Gemeinde: wer hier allzusehr psychologisiert, wird an dieser Geschichte nur scheitern können. Fragen wir also: was ist die Absicht des Erzählers? Ich verstehe ihn so: er will Abraham als den Prototyp des Menschen zeigen, dem die Erfüllung des Gebotes, das Gott ihm gibt, über alles andere geht. Gegenüber seiner Bindung an Gott sind, mit Verlaub, auch alle familiären Bindungen zweitrangig. Hier, in dieser Geschichte, spinnt sich also der rote Faden dessen weiter, was für Abraham seit Beginn seiner Geschichte gilt und was der Apostel Paulus einmal so auf den Begriff bringt: „Abraham hat geglaubt auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war.“ (Römer 4.18)
      Das gilt im Hinblick darauf, dass er sich im hohen Alter auf den Weg an ein unbekanntes Ziel macht; es gilt im Hinblick auf Gottes Versprechen, er werde ihm und seiner Frau Sarah sogar in dieser letzten Lebensphase noch einen Sohn schenken und damit die Perspektive auf eine unzählbar große Nachkommenschaft, und es gilt auch und sogar in unserer Geschichte: wenn Gott mir etwas befiehlt, dann kann ich darauf bauen, dass das richtig ist, was er von mir will. Und dann frage ich nicht lange nach, sondern mache mich ans Werk.
      In der Tat bleibt der Anstoß, dass dieses Verhalten wie Kadavergehorsam anmutet. Das Entscheidende ist aber, wem gegenüber Abraham diese Haltung einnimmt: nicht irgendeinem Menschen gegenüber, sondern mit Blick auf Gott! Dessen Auftrag mag er nicht verstehen, ja gegen diesen Auftrag mögen sich alle seine Empfindungen sträuben, aber von diesem Auftraggeber weiß er, was Paul Gerhardt in einem seiner Kirchenlieder schön mit den Worten ausdrückt: „Er hat noch niemals was versehn in seinem Regiment. Nein, was er tut und lässt geschehn, das nimmt ein gutes End.“
      Mit dieser Feststellung verbunden ist nun aber gleich eine weitere: gerade weil sich Abrahams durch nichts zu erschütternder Gehorsam auf niemand anderen als auf Gott bezieht, darf er sich ansonsten aber auch wirklich auf niemand anderen beziehen! Hier wird jedem Kadavergehorsam gegenüber Menschen gerade eine Absage erteilt! Und das übrigens einschließlich des „Gehorsams“ gegenüber all dem, was unsereiner sich selbst immer wieder als richtig einredet und aus diesem höchst fragwürdigen Grunde für unbedingt geboten hält!
      Und damit sind wir endlich bei uns und unserer Lebenswelt angekommen – die im Grunde die ganze Zeit schon im Hintergrund gestanden hat, nun aber doch noch eigens bedacht sein soll. Gerade unsere Lebenswelt im Verhältnis von Eltern und Kindern. Mal etwas provokativ an uns Eltern gerichtet: ich fürchte ja, gerade wir, die wir jeden Gedanken an ein Kindesopfer als völlig pervers von uns weisen würden, stehen ihm in unserer Lebenspraxis bisweilen näher, als wir es je für möglich halten würden:
      meinen wir nicht häufig und mit manchmal erschreckender Selbstverständlichkeit, wir wüssten besser als unsere Kinder, was gut für sie ist und was nicht? Etwa was ihren Freundeskreis angeht, später die Partnerwahl oder die Berufsausbildung? Ist das nicht auch eine Art, unsere Kinder zu „opfern“ – unseren eigenen Idealen nämlich, denen sie sich bitteschön zu fügen haben? Haben Staatschefs nicht schon ganze Generationen junger Männer im wahrsten Sinne des Wortes „geopfert“, indem sie sie in Kriege geschickt haben, die hauptsächlich ihrer eigenen Eitelkeit entsprangen?
      Mir ist bewusst: wir sind hier an einem heiklen Punkt. Denken Sie bitte nicht, ich blickte dabei nur auf andere, aber nicht auch auf mich selbst als Vater! Und ich bin mir auch durchaus dessen bewusst, dass wir als Eltern die Pflicht haben, uns für das Wohl unserer Kinder zu interessieren – auch im Hinblick auf ihren Freundeskreis, ihren Partner oder ihre Partnerin und ihren beruflichen Werdegang. Natürlich soll uns das alles nicht gleichgültig sein! Und ich weiß auch, dass das große Problem militärischer Einsätze, die unweigerlich „Opfer“ nach sich ziehen, nicht einfach dadurch gelöst werden kann, dass man da gar nichts tut und so seine Hände in der sprichwörtlichen „Unschuld“ wäscht.
      Aber wir sollten immerhin anerkennen, dass sich in allen diesen genannten Problemkreisen und sicher noch in vielen weiteren diese Frage meldet: wenn wir da auf andere Menschen Einfluss nehmen: tun wir es aus berechtigtem Interesse an ihnen, an diesen Menschen? Oder bedienen wir damit hauptsächlich unser eigenes Ego – und sei es um den Preis, dass wir dabei diese anderen Menschen „opfern“? In diesen Tagen gerade war ja wieder die Rede von dem sprichwörtlichen „Bauernopfer“, das unsereiner bisweilen zu bringen pflegt, um damit vom eigenen Versagen abzulenken!
      Liebe Gemeinde, ich weiß, wie brisant diese Fragen sind und wie wohl abgewogen eine Stellungnahme da jeweils zu sein hat. Aber soviel sollten wir anerkennen: wir, die wir ein „Menschenopfer“ empört weit von uns weisen würden, wir sind bei genauerem Hinsehen häufig viel näher daran, ein solches zu bringen, als wir es wohl selber für möglich halten!
      Und an dieser Stelle gleicht Abraham uns gerade nicht! Denn er tat das, was er sich zu tun anschickte, ja gerade nicht aus Eigeninteresse! Nein, alles andere als das! Ihm geht es von A bis Z um die Erfüllung des Willens Gottes! Das mutet in der Tat einen Moment lang absurd an, menschenverachtend. Aber wie es dann schlussendlich kam, das wissen wir ja.
      Natürlich stellt sich im Hinblick auf uns hier und heute jetzt noch eine entscheidende Frage: ist es vorstellbar, dass Gott auch jemandem von uns jemals eine solche Prüfung auferlegt, dass er auch uns einem solchen „Test“ unterzieht und also auch heute noch solche Befehle erteilt?
      Glauben Sie mir: ich habe lange mit mir gerungen und tue es im Grunde noch, wie ich diese Frage beantworten soll! Auf der einen Seite möchte ich klar und deutlich sagen: ich kann mir Derartiges nicht vorstellen. Würde heute jemand zu mir kommen und mir berichten, er habe einen solchen Auftrag von Gott erhalten, dann wäre meine Reaktion klar, und Sie können sie sich vorstellen: Ich würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen und den Betreffenden zum Arzt schicken oder am besten gleich die Polizei rufen.
      Nein, ich kann als Maßstab des göttlichen Willens nichts Anderes gelten lassen als das, was ich an Geboten und Anweisungen in der Bibel finde. Und selbst da würde ich noch sehr genau hingucken und vermutlich enorm gewichten. Weil wir auch da um die Frage nach Zeitgebundenheit und jeweiligem Kontext nicht herumkommen. Und leitendes Kriterium dabei kann für mich nur sein, dass durch das zur Debatte stehende Verhalten das Leben gefördert wird sowie Friede und Gerechtigkeit und ein gutes zwischenmenschliches Miteinander. In alledem hat ein Auftrag, wie Gott ihn Abraham gibt, einfach keinen Platz. So gesehen kann ich nur sagen: Ich kann mir keine Situation vorstellen, wo diese Geschichte mir realistisch und sozusagen wiederholbar erschiene.
      Aber so wichtig, ja unausweichlich mir diese Gedanken sind, so sehr möchte ich doch auch das ernstnehmen, was mir an der Geschichte dieser „Opferung Isaaks“, die zwar drohte, aber dann doch nicht stattfand, bleibend wichtig erscheint. Zunächst: wenn wir heute oft ein Gottesbild haben, demzufolge Gott immer „lieb“, ausschließlich nett und freundlich ist, so werden wir hier eines Anderen belehrt – und ich möchte auch sagen: eines Besseren. Denn ein immer nur „lieber Gott“ hätte unserer leider allzu häufig alles andere als „lieben“ Welt nichts entgegenzusetzen. Und das hielte ich für noch viel schlimmer als die Vorstellung eines manchmal auch dunklen, unverständlichen, ja sogar auch eines „bösen“ Gottes.
      Ich jedenfalls möchte keinen widerspruchsfreien Gott. Keinen, über den angesichts des Leides in der Welt immer sofort gesagt wird: der kann da nichts für. Na toll – aber dann kann er auch nicht darauf einwirken! Es nicht beseitigen! Um es mit einem Wortspiel zu sagen: dieser Gott wäre vielleicht nicht anstößig, er gäbe aber auch keinerlei Anstoß. Er wäre ständig unzuständig; da wo das abgrundtief Böse in den Blick rückt, hätte er nichts zu sagen. Auf diesen „Gott“, liebe Gemeinde, können wir verzichten. Ein Gott ohne Ecken und Kanten wäre ein zahnloser Tiger, so ein Schoßhündchen nach dem bekannten Motto: „Der macht nichts, der will nur spielen.“ Doch, liebe Gemeinde: der macht was! Der macht auch mal Ärger; der macht uns auch einiges Kopfzerbrechen und auch – „Herzzerbrechen“, ja. Aber was wir in der heutigen Geschichte, so irritierend sie auch sein mag, geradezu überdeutlich sehen: all dies macht Gott nur vorläufig; endgültig gilt etwas Anderes: Gottes Liebe, sein Erbarmen, seine Gnade.
      Damit bin ich beim letzten Gedanken, den ich hier nur andeuten möchte, weil er uns im letzten Teil der Predigtreihe noch intensiv beschäftigen wird. Und dieser Gedanke führt uns über die Geschichte von heute, ja über die gesamte Abrahamsgeschichte hinaus: Wir sahen ja schon, dass der Titel, den man unserer heutigen Geschichte meist gibt, eigentlich gerade nicht passt: „Die Opferung Isaaks“. Denn eine solche findet ja gar nicht statt; Gott erspart sie dem Abraham in letzter Sekunde. Er sagt ihm vielmehr: „Nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.“ Damit hat Abraham die Prüfung bestanden.
      Es gibt inzwischen Theologen, die daraus den Schluss ziehen, der Gedanke an ein solches Opfer sei grundsätzlich abwegig. Es solle grundsätzlich nicht stattfinden, weil es auch niemand brauche.
      Dazu meine ich Zweierlei: zunächst: interessanterweise wird in der Geschichte aus 1. Mose 22 ja nicht auf ein Opfer verzichtet. Nicht wahr: sie hätte doch wunderschön zuendegehen können, indem nach dem Eingreifen des Engels Vater und Sohn sich überglücklich in die Arme gefallen wären, und der ganze Schrecken wäre vorbei! „Opfer – nein danke!“ – so könnte es in dicken Lettern über alledem geschrieben stehen. Aber es kommt anders: plötzlich entdeckt Abraham den Widder im Unterholz – wie praktisch! Ihn opfert er; ein Opfer gehört somit zu dieser Geschichte konstitutiv hinzu.
      Und das Zweite ist noch viel wichtiger: was haben wir in der Lesung aus Römer 8 vorhin gehört: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?!“ (Römer 8,32)
      Also: was Gott dem Abraham erspart hat, das hat er sich selbst auferlegt! Das hat er sich selbst also gerade nicht erspart! Das scheint also wohl doch nötig gewesen zu sein, bitter nötig sogar, denn sowas macht man nicht aus Quatsch und Dollerei! Wieder so ein irritierender Gedanke, den wir heute nicht vertiefen können: die Bibel ist zutiefst davon überzeugt, dass das Heil der Menschen nicht durch einen Fingerschnipp zustande kommen kann, sondern dass es dazu schon etwas mehr braucht – etwas, das mit Leben und Tod zusammenhängt. Insofern sind wir mit dem Befehl zur Opferung des Sohnes schon im richtigen Film! Aber, um im Bilde zu bleiben: noch sind wir nicht im entscheidenden Teil des Films! Der richtige Teil ist der, in dem Gott selbst das tut, das erleidet und durchschreitet, was er Abraham erspart.
      So ist diese Geschichte von Abraham und Isaak am Ende doch eine Geschichte, die nach vorn blickt: Gott hat sein Versprechen nicht vergessen, aus Abraham und Sara ein großes Volk zu machen. Abraham seinerseits hat sein Vertrauen auf Gott auch nicht vergessen. Alles war er bereit zu tun, um daran festzuhalten. Er hat seine Prüfung bestanden.
      Ich denke, genau so wie Gott Abraham geprüft hat, wird er uns nicht prüfen. Vielleicht aber anders, wer weiß. Ausschließen kann es niemand, und der Gedanke kann in der Tat Angst machen. Es hat schon seinen Sinn, wenn wir im Vaterunser beten: „Und führe uns nicht in Versuchung!“ –
      Wobei wir zugleich aber auch darauf vertrauen dürfen: Gott prüft uns nur im Rahmen dessen, was wir an Prüfung bestehen können. Wenn wir uns an Abraham insofern ein Beispiel nehmen, dass wir genau so fest auf Gottes Zusagen vertrauen, wie er es tat, dann haben wir das Maximum dessen getan, was wir tun können. Das bedeutet aber auch: wir erkennen den Unterschied zwischen Gott und uns, zwischen seinem Willen und unserem Willen, an. Diese Aufgabe ist keine Kleinigkeit. Aber an sie sollten wir uns schon machen. Das sollte Gott uns wert sein. Und ganz nebenbei denke ich: unsere Kinder und unser Verhältnis zu ihnen – all das kann davon eigentlich nur profitieren! Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.