Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 2 der Predigtreihe „Eltern und Kinder in der Bibel“:
Jakob und seine Söhne



Liebe Gemeinde,
    was meinen Sie: wie müssen die Menschen beschaffen sein, die Gott sich auswählt, um mit ihnen seine Geschichte mit der Menschheit zu schreiben? Vielleicht meinen Sie, das müssten wohl schon ganz besondere Menschen sein, besonders integre Menschen vielleicht, Menschen mit hoher Moral, sozusagen „Helden der Mitmenschlichkeit“, leuchtende Vorbilder im Glauben und in der Liebe. Nun, das alles wäre sicher sehr erstrebenswert. Aber längst nicht jeder, den Gott erwählt, erfüllt diese Bedingungen. Nehmen wir beispielsweise Jakob, den dritten der sogenannten „Erzväter Israels“ Abraham, Isaak und Jakob: er ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein ziemlich fragwürdiger Charakter: einer, bei dem neben gewissen Anteilen an „Licht“ auch jede Menge „Schatten“ zu finden ist – sollte es also eines Beweises dafür bedürfen, dass Gott seine Geschichte gerade mit solchen Menschen schreibt, bei denen im Leben nicht alles glatt läuft, dann wäre Jakob sicher hervorragend geeignet, diesen Beweis gleichsam zu verkörpern!
    Seine frühen Jahre überspringe ich dabei, obwohl es auch da viel zu erzählen gäbe: von diesem trickreichen Muttersöhnchen, das seinen etwas grobschlächtigen, aber durchaus gutmütigen und rechtschaffenen Zwillingsbruder Esau um den Vorrang des Erstgeborenen betrügt; oder von dem jungen Mann, der auf einmal selber Opfer eines trickreichen Betruges wird, indem ihm bei seiner Hochzeit die Schwester seiner Braut förmlich untergejubelt wird. All das ist hochspannend, ernst und unterhaltsam zugleich.
    Aber im Rahmen der Predigtreihe zu Eltern und Kindern wollen wir uns heute auf den Teil der Jakobsgeschichte beschränken, in dem er selber als Vater in Erscheinung tritt, als Vater von gleich 12 Söhnen – und übrigens einer Tochter (die leider häufig übergangen wird, so wie ich mir das in der Tat bei einer Schwester inmitten von 12 Brüdern auch zuhause ungefähr vorstelle…:)!) In der Lesung vorhin haben wir gehört, wie Jakob mit seinen Söhnen umging – vielleicht sind Sie ja mit mir einig, wenn ich sage: Jakobs pädagogische Fähigkeiten sind nur mit einem Wort angemessen zu beschreiben: mit dem Wort „katastrophal“!
    Einen seiner vielen Söhne – Josef – hätschelt er von vorne bis hinten, und zwar weil er der Erstgeborene seiner geliebten Frau Rahel ist. Die anderen, älteren Kinder sind von seiner anderen und leider kaum geliebten Frau Lea oder aber von Zilpa und Bilha, den Mägden seiner Frauen. Die Brüder sowie die Schwester Dinah rangieren in ihrer Wichtigkeit also weit hinter Josef. (Nebenbei bemerkt: es ist wohl schon aus diesem Grunde ganz gut, dass wir inzwischen im jüdischen und auch im christlichen Kontext die Praxis der Polygamie abgeschafft haben! Dieses Problem Jakobs haben wir seither immerhin nicht mehr!)
      Jakob jedenfalls bevorzugt Josef nach Strich und Faden, kauft ihm ein kostbares Gewand – und die anderen, älteren Söhne bilden die Masse, die den Vater offensichtlich nicht sonderlich interessiert. (Benjamin, den jüngsten Bruder, lasse ich hier mal außer acht.) Was den Vater an seinen älteren Söhnen interessiert, ist vor allem dies, dass sie ordentlich arbeiten! Und um genau das sicherzustellen, hat Jakob sich noch was ganz Besonderes ausgedacht: er schickt Josef zu ihnen, damit er sie kontrolliere, ob sie ihre Arbeit auch ordentlich erledigen! Der kleine Bruder als Spitzel, der dem Papa berichten wird, wie die Großen ihren Job machen – na da kommt Freude auf; das hat den Brüdern gerade noch gefehlt!
    Schon zuvor hatte Josef sie genervt und provoziert: mit seinen Träumen, in denen er stets die Hauptrolle hatte und sie die Nebenrollen spielen durften, die „Folie“ gewissermaßen, von der sich der große Held dann abhob. Sogar Jakob waren diese Träume nachher nicht mehr ganz geheuer – wir haben es vorhin in der Lesung gehört. Dass er selber durch seine Verhätschelung Josefs dessen übersteigertem Selbstbewusstsein praktisch den Boden bereitet hat – auf den Gedanken ist Jakob allerdings nicht gekommen! Jetzt, als Josef den Arbeitskontrolleur gibt, ist das Maß für die Brüder voll: sie wollen nur noch eins: ihn loswerden, ihn ein für alle Mal aus dem Weg räumen!
    Um die weitere Geschichte nur kurz zu skizzieren: den Plan, Josef umzubringen, scheuen die Brüder sich dann doch in die Tat umzusetzen. Sie verkaufen ihn an eine Karawane, die ihn ihrerseits als Sklave in Ägypten verkauft. Dort hat Josef zunächst großes Glück: er kommt ins Haus des hohen Regierungsbeamten Potiphar. Dessen Frau macht ihm Avancen, die er jedoch nicht erwidert. Das wiederum veranlasst die Frau, Josef zu beschuldigen, er habe sie belästigt. Josef wird ins Gefängnis geworfen. Nachdem er dort gegenüber Mitgefangenen seine Gabe der Traumdeutung unter Beweis gestellt hat, darf er eines Tages dem Pharao dessen Träume deuten. Josef erkennt, dass Gott den Pharao im Traum warnen will: es werden 7 gute Jahre kommen, dann aber 7 schlechte Jahre. Auf Jahre der überreichen Ernte werden Jahre des Mangels folgen, und deshalb sollten Speicherscheunen gebaut und die Überschüsse der ersten 7 Jahre dort gelagert werden, damit Ägypten während der schlechten 7 Jahre darauf zurückgreifen kann.
    Der Pharao ist froh über diesen weisen Ratschlag. Er hört darauf und passt seine Politik den Herausforderungen seiner  Zeit an. (Als ich das während der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst nochmals las, musste ich übrigens seufzen und dachte bei mir: würden die heutigen Nachfolger des Pharao an der Spitze des Staates Ägypten diese Ausrichtung ihrer Politik an den Erfordernissen der jeweiligen Gegenwart doch nur genauso gut hinbekommen…!) Im Handumdrehen ernennt der Pharao Josef zu seinem 2. Mann im Staate, und dieser organisiert nun in den guten Jahren das Sparprogramm für die schlechten Jahre.
    Als die Hungerjahre kommen, ist Ägypten also bestens gewappnet – anders als die Nachbarvölker, darunter das Volk Israel. Und so kommt es, dass Josefs Brüder nach Ägypten ziehen, um dort Getreide zu kaufen. Josef erkennt sie – sie ihn dagegen nicht. Nach einem längeren Verwirrspiel und dem, dass Josef seine Brüder ernstlich sozusagen „testet“, ob sie immer noch so hartherzig sind, wie sie es ihm gegenüber anfangs waren. Er findet nun jedoch heraus, dass sie sich stark verändert haben, dass sie insbesondere viel Mitmenschlichkeit und Verantwortungsbewusstsein entwickelt haben. Daraufhin gibt er sich ihnen zu erkennen und versöhnt sich mit ihnen. Am Ende lässt er den alten Vater Jakob nach Ägypten holen, wo er noch einige Zeit in Ruhe, Frieden und auch Wohlstand leben kann. Bevor er stirbt, segnet er jeden seiner Söhne. Er wird seinem Wunsch gemäß durch seinen Lieblingssohn Josef in Israel bestattet.
    Liebe Gemeinde: Jakob hat in seinem Leben viel falsch gemacht. Daran lässt die Bibel keinerlei Zweifel. Interessanterweise kann ich dabei freilich so gut wie gar nicht erkennen, dass er dafür moralisch groß kritisiert würde. Erst recht wird nirgends die Frage aufgeworfen, ob er aufgrund all seiner Verfehlungen die Verheißung verlieren könnte, die Gott ihm einst in der Kontinuität seines Großvaters Abraham gegeben hat!
    Allerdings kommt Jakob wahrlich nicht ungeschoren mit all seinem Versagen davon. Machen wir uns bitte klar: nach dem Verkauf Josefs an die Karawane müssen die Brüder dem Vater Jakob ja irgendetwas erzählen als Erklärung dafür, dass Josef nicht mehr bei ihnen ist, denn genau zu ihnen hatte Jakob ihn ja geschickt. Und was denken die Brüder sich aus? Sie lassen förmlich all ihre Aggressionen an Josefs kostbarem Gewand aus, an diesem besonderen Geschenk, das der Vater ihm einst gemacht hatte: sie wälzen es im Staub der Wüste, besudeln es mit dem Blut eines dazu eigens geschlachteten Ziegenbocks und lügen Jakob vor, Josef sei – „leider“!?! – von einem wilden Tier zerrissen und gefressen worden. Wie muss diese Nachricht auf den Vater gewirkt haben? So sehr er als Vater auch massiv versagt haben mag: hier tut er mir unendlich leid. Jahrelang muss er in der Annahme leben, sein Lieblingssohn sei tot, grausam ums Leben gekommen.
      Als dann im weiteren Verlaufe der Geschichte auch noch Josefs kleiner Bruder Benjamin, der also auch ein Sohn Rahels war, von den Brüdern mit nach Ägypten genommen werden muss, als demnach also Jakob auch noch seinen zweiten „Lieblingssohn“ hergeben muss – da macht er eine Belastungsprobe durch, die ich selbst dem größten Versager in der Vaterrolle nicht wünschen könnte.
      Wir sehen also: Jakob macht Fehler, und er wird dafür bestraft. Aber am Ende renken sich die Dinge wieder ein – eigentlich muss man sagen: auf wunderbare Art und Weise renken sie sich ein, und aus Jakobs Perspektive war eigentlich gar nicht mehr damit zu rechnen. Josef bringt das gegen Ende der ganzen Geschichte in einem schönen Satz auf den Punkt, wenn er zu seinen Brüdern sagt: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. (1. Mose 50,20) – Etwas abgewandelt hätte er zu Jakob sagen können: Du hast Vieles falsch gemacht – auch als Vater, in der Tat. Du hast aber auch deinerseits gelitten, hast die Konsequenzen deiner Fehler tragen müssen. Und am Ende hat Gott die Dinge wieder hingebogen und vor allem: er hat seine Verheißung an dich erfüllt! – Dieser Bilanz möchte ich nun noch weiter nachgehen:
      Zunächst: ich höre diese Bilanz als ungemein tröstlich! Weil ich denke, darin kann ich mich selber als Vater gut wiederfinden. Und ich hoffe, viele von uns können das. Nicht wahr: Fehler als Eltern machen wir alle. Im Rückblick denke ich oft: So Manches war da alles andere als gut. Hier warst du zu streng, dort zu milde. Hier hattest du zu wenig Zutrauen zu deinem Kind; dort hast du wichtige Dinge gar nicht mitgekriegt. Hier hast du überreagiert; dort bist du untätig geblieben, wo du gebraucht worden wärest. Was hast du bisweilen Angst um dein Kind gehabt… Was hätte da nicht alles passieren können!! Hier und da, nach einigen Beinahekatastrophen, da musste ich mir ehrlich eingestehen: es hätte auch alles anders, sprich: furchtbar ausgehen können. Es kam aber doch anders, und ich hoffe, es wird auch weiterhin immer anders kommen…
    Bei Jakob ist es ja sogar so, dass Gott sich manche seiner offenkundigen Fehlleistungen gerade zunutze macht, indem er sie für seine Geschichte mit den Menschen braucht: etwa Josefs Träume ganz zu Anfang: in ihnen spiegelt sich die einseitige Bevorzugung Josefs durch seinen Vater; wie sonst hätte er auf die Idee kommen können, er sei derjenige, vor dem einmal alle Familienmitglieder niederknien würden? Aber genau das geschieht am Ende ja! Josef hat also einen regelrecht prophetischen Traum gehabt. Durch dieses Ende wird die pädagogische Fehlleistung Jakobs zwar um keinen Deut besser, aber hier erweist sich das alte Sprichwort als wahr, wo es heißt: „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.“
    Und diese Erfahrung darf doch auch so mancher unter uns zum Glück immer wieder machen: da arbeiten wir uns an unseren Kindern förmlich ab. Und doch – oder gerade deswegen?! – besteht plötzlich aller Anlass zu der Befürchtung, sie würden das Leben gerade nicht meistern. Ich möchte nicht wissen, wie viele unter uns, die Kinder haben, nur allzu gut das Gefühl kennen: Wahrscheinlich hab ich alles verkehrt gemacht! Was soll aus dem Jungen oder aus dem Mädchen wohl noch werden? – Und dann fügt es sich – nicht immer, aber doch häufig – erstaunlicherweise doch so, dass der oder die Betreffende die Kurve kriegt, und nach Jahren der Ungewissheit, die manchmal fast zur Verzweiflung Anlass gaben, blickt man mit einer Mischung aus Erleichterung und Erstaunen zurück und darf feststellen: es hat ja doch geklappt! Sicher im Detail nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten, aber „irgendwie“ eben doch. Und bisweilen gar nicht so schlecht!
    Mir ist klar, dass dies nicht immer und automatisch gilt. Ja, es gibt auch Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, die sogar in ihrer Summe als tragisch, als gescheitert anzusehen sind. In der Bibel übrigens auch: wenn ich an König Saul und seinen Sohn Jonathan denke oder an König David und seinen Sohn Absalom.
    Mir geht es aber heute darum, eine Geschichte der Ermutigung weiterzuerzählen, und eine solche ist die zwischen Jakob und seinen Söhnen. Obwohl praktisch alles dagegenspricht, renken sich die Dinge dort wieder ein. Ja im Grunde ist es ein völlig unverdientes, geradezu unverschämtes Glück, dass Josef eben nicht wirklich von der Bildfläche verschwunden ist. Denn am Ende sind ausgerechnet diejenigen die großen Profiteure des Geschehens, die alles getan haben, um den Karren vor die Wand zu fahren: der mehr als zweifelhafte Vater Jakob, der alle Beteiligten durch seine grandiosen Erziehungsfehler auf die schiefe Bahn gebracht hat, und die Brüder, die Josef doch eigentlich hatten beseitigen wollen! Wie gut für sie, dass Gott ihnen sozusagen ein Schnippchen geschlagen hat!
    Mit Kategorien des Verdienstes und der Logik ist das alles nicht zu erfassen. Aber diese Kategorien sind ohnehin nicht diejenigen, die im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern den Ton angeben. Ich würde meinen, dass dabei vielmehr die Kategorie der Gnade eine wichtige Rolle spielt. Im Nachhinein erkennen wir häufig: alles hätte auch ganz anders enden können. Es ist eine Gnade, dass Manches eben nicht so kommt, wie es unserer Weichenstellung zufolge eigentlich hätte kommen müssen!
    Und ein Weiteres kann uns die Geschichte von Jakob und seinen Söhnen lehren: nämlich Geduld! Die brauchen wir! Selbst wenn vielleicht über viele Jahre ein Eltern-Kind-Verhältnis nur nach Katastrophe aussieht: es ist und bleibt möglich, dass sich da eines Tages völlig neue Perspektiven auftun, die niemand mehr je für möglich gehalten hätte. So wie es überhaupt ein Charakteristikum der Bibel ist, diesen Grundsatz ein ums andere Mal in Erinnerung zu rufen und starkzumachen. Und ich vermute, gerade im Hinblick auf die Beziehung zwischen Eltern und Kindern brauchen wir die Erinnerung an diesen Grundsatz immer wieder.
    Ich habe vorhin den Satz zitiert, mit dem Josef die Summe der Geschichte mit seinen Brüdern zieht: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen.“  Im Hinblick auf seinen Vater hätte er möglicherweise so formuliert: „Du wolltest immer nur das Beste für mich, mehr als für alle anderen – hast es aber gerade dadurch total verfehlt!“ Aber auch diesem Satz kann man den entgegenstellen, den Josef seinen Brüdern sagt: „Aber Gott gedachte es gut zu machen.“ – Liebe Gemeinde, ich wünsche uns keine konfliktfreien Eltern-Kind-Beziehungen. Ein solcher Wunsch wäre wohl auch reichlich illusionär. Aber ich wünsche uns allen von Herzen, dass auch wir diese Summe über unsere Eltern-Kind-Beziehungen stellen können: „Aber Gott gedachte es gut zu machen“, und dass wir dann – und sei es nach so manchen Irrungen und Wirrungen, Phasen des Frustes, des Unverständnisses, vielleicht auch der Angst und so mancher Verletzungen – dass wir dann eines Tages hinzufügen können: „Und Gott hat es auch gut gemacht.“ Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.