Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 3 der Predigtreihe „Eltern und Kinder in der Bibel“: Ruth und Noomi



Liebe Gemeinde,
      er ist ein Klassiker unter den Trausprüchen: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ (Ruth 1,16) Und dabei schauen sich Braut und Bräutigam tief in die Augen…
    Ein sehr schöner Vers, zweifellos. Und der zentrale Vers des gesamten Buches Ruth obendrein. Nur: hier spricht keine Braut zum Bräutigam. Und auch kein Bräutigam zur Braut. Nein: hier spricht eine Schwiegertochter zu ihrer Schwiegermutter! – Und im Handumdrehen sind wir von der bewegenden Atmosphäre einer romantischen kirchlichen Trauung geradezu in die Welt der Realsatire und des Kabaretts geworfen!  Mit Verlaub: ist das noch normal? Reden so Schwiegertochter und Schwiegermutter miteinander? Fast stellt sich der Eindruck ein, der zunächst so wunderschön klingende Vers sei nur noch als Schenkelklopfer zu gebrauchen!
    Aber von wegen! Hinter diesem Bibelwort verbirgt sich ein geradezu unscheinbares biblisches Juwel, eine alttestamentliche Miniatur sozusagen, eine kleine Geschichte, die ein wenig abseits vom großen Fluss der Geschichte Israels spielt und auch nicht sehr bekannt ist, die wir aber vielleicht gerade deshalb umso wichtiger nehmen sollten. Denn allein die Tatsache, dass dieses Büchlein Ruth es überhaupt in die Reihe der heiligen Schriften Israels hinein geschafft hat, ist schon sehr bemerkenswert. Warum, das werden wir noch sehen. Mich persönlich muss dieses Büchlein schon deshalb interessieren, weil „Ruth“ der Vorname meiner Mutter ist. Aber ich glaube, es gibt noch viel mehr Gründe, die dieses Interesse lohnen. Zunächst möchte ich deshalb den Inhalt des Buches Ruth skizzieren:
Den Beginn haben wir in der Lesung ja schon gehört: der Israelit Elimelech aus Bethlehem zieht mit seiner Frau Noomi sowie ihren beiden gemeinsamen Söhnen ins Land Moab östlich des Jordan, weil in Israel eine Hungersnot ausgebrochen ist. Die beiden Söhne heiraten dort jeweils eine moabitische Frau.

    Nun bricht ein furchtbares Schicksal über die Familie herein: Elimelech stirbt. Und dann sterben auch noch beide Söhne. Die drei Frauen sind auf sich allein gestellt – unter den Bedingungen der Antike eine noch größere Katastrophe, als sie es heute wäre. Noomi ist der Verzweiflung nahe. Den eigenen Mann und beide Söhne zu verlieren – was das bedeutet, kann man von außen wohl kaum ermessen. Nachdem ihr also praktisch alles Vertraute genommen wurde, möchte sie etwas Vertrautes wiedergewinnen – das einzige, das sich überhaupt noch für sie wiedergewinnen lässt: ihre Heimat! Zurück nach Israel will sie, und das so bald wie möglich.

    Was ihre beiden Schwiegertöchter betrifft, so ist für Noomi sonnenklar: die sollen in Moab bleiben, in ihrer Heimat. Haben sie doch auch gewaltige Verluste zu verarbeiten: den jeweiligen Ehemann, dazu noch den Schwager und – immerhin vom Hörensagen – auch noch den Schwiegervater. Während Noomi für sich nur noch  den Lebensabend vor Augen hat, will sie, dass ihre beiden Schwiegertöchter die Chance auf einen Neuanfang haben und nach Möglichkeit wahrnehmen.

    Orpa, die eine der beiden Schwiegertöchter, nimmt dieses Angebot dankend an. In aller Herzlichkeit verabschiedet sie sich von Noomi und Ruth. So weit, so gut.

     Aber nun die große Überraschung: Ruth, die andere Schwiegertochter, will es anders. Sie spricht zu Noomi die besagten berühmten Worte: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ Und übrigens: es lohnt, die Fortsetzung zu hören, die beim Trauspruch in der Regel weggelassen wird! Ruth sagt des Weiteren zu Noomi: „Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ (Ruth 1,16-17). Halten wir hier einen Moment lang inne.
    Hand aufs Herz, liebe Gemeinde: ist es nicht im Grunde etwas zu viel, was Ruth hier sagt? Übertreibt sie es nicht ein wenig mit ihrem Versprechen an Noomi? Wer könnte das von ihr verlangen, was sie da gerade versprochen hat?
    Nun, niemand könnte das, soviel steht fest. Es wird auch nirgends behauptet, jemand tue das. Noomi schon gar nicht. Das Alte Testament kennt zwar bekanntlich mehr als 600 Einzelgebote, doch so etwas steht nirgendwo. Aber gerade diese Tatsache macht ihr Versprechen so bedeutend: aus völlig freien Stücken spricht Ruth so, wie sie es tut und wie wir es gerade gehört haben!
    Und das heißt: als Motiv für ihre Rede kommt nur Eines in Frage: eine schier grenzenlose Liebe zu ihrer Schwiegermutter, die große Sorge um das Wohlergehen dieser gleich vielfach so schwer geschlagenen Frau! Ruth verkörpert beispielhaft den Menschen, der seine eigenen Bedürfnisse hintanstellt, wenn eine Notlage dies gebietet. Und sie tut dies nicht mit geballter Faust und zusammengebissenen Zähnen, sondern – nochmal sei’s gesagt! – aus völlig freien Stücken, aus lauter echter, durch nichts getrübter Liebe! Wenn ich als ein Bibelwort das Gebot über diese Predigtreihe gestellt habe: „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ – dann kann man im Hinblick auf Ruth nur feststellen: sie hat dieses Gebot geradezu „übererfüllt“! Und das noch nicht einmal gegenüber ihrer leiblichen Mutter, sondern gegenüber ihrer Schwiegermutter!
      Doch auch das ist noch nicht genug; auch auf diese „Übererfüllung“ lässt sich noch eins draufpacken: Ruth ist, wir hörten es: Moabiterin! Noomi dagegen ist Israelitin! Das heißt: Ruth ist bereit, mit Noomi sogar ins Ausland zu gehen, um ihr Versprechen wahrzumachen! Noch dazu in ein Ausland, das den Moabitern alles andere als freundlich gegenübertrat: immer wieder wird das Volk Israel an anderen Stellen der Bibel davor gewarnt, sich ausgerechnet mit den Moabitern einzulassen: die Existenz dieses Volkes aus dem Ostjordanland wird auf einen erschütternden Fall von Inzest zurückgeführt: Lot, der Neffe Abrahams, hat zwei Töchter, und die verführen den eigenen Vater, den sie vorher mit Wein abgefüllt haben. Beide werden schwanger, und die eine bringt einen Sohn zur Welt, den sie Moab nennt. Auf ihn wird das Volk der Moabiter zurückgeführt. Mit welcher Verachtung die Juden diesem Volk begegneten, kann man sich nun vorstellen. Die Söhne Noomis hatten sich zwar darüber hinweggesetzt und Frauen aus dem Volk der Moabiter geheiratet. Aber nun sind sie tot, und von ihren Landsleuten hat Ruth nichts Gutes zu erwarten. Dennoch geht sie mit Noomi nach Israel.
      So wie Ruth sich gegenüber Noomi äußert – das kann man eigentlich nur als Versicherung absoluter Loyalität hören. Anders gesagt: Ruth hat Noomi in eine ziemlich komfortable Situation hinein versetzt. Sie ist durch das, was sie durchgemacht hat, sicherlich schwer verletzt, nun aber hat sie auch etwas sozusagen auf der „Habenseite“, das seinerseits an Gewicht kaum zu überbieten ist.
      Doch gerade in Anbetracht dessen ist es höchst bemerkenswert, wie Noomi sich nun verhält: sie könnte Ruth aufgrund ihres eigenen Versprechens förmlich an sich ketten und ihr abverlangen, nun auch wirklich rund um die Uhr ausschließlich für sie, für Noomi, da zu sein. Aber die Geschichte geht weiter, und als nun Ruth den Wunsch äußert, aufs Feld zu gehen und liegengebliebene Ähren aufzulesen, da lässt Noomi sie sofort ziehen. Ja als sie mit Boas anbandelt, dem das Feld gehört, da unterstützt Noomi Ruth sofort, statt nun etwa irgendwelche Gefühle der Eifersucht zu entwickeln.
      Gleich mehrfach wird in der Folge berichtet, wie Noomi Ruth mit guten Tips und einfühlsamen Ratschlägen hilft. Schließlich heiraten Ruth und Boas. Und Noomi begrüßt diese Heirat ausdrücklich, ja es wird noch berichtet, wie sie das erste Kind der beiden mit großmütterlichem Stolz auf ihren Schoß setzt und auf es aufpasst.
      Das alles zusammengenommen heißt doch: auch von Noomi kann man sagen: sie leistet geradezu eine Übererfüllung des Gebotes, das später der Apostel Paulus der Gemeinde in Ephesus ins Stammbuch schreiben wird: „Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn!“ Nicht nur, dass Noomi Ruth alles andere tut, als Ruth zum Zorn zu reizen, nein: sie ebnet ihr die Wege, wo immer das für Ruth nötig und für Noomi möglich ist!
      Und noch einmal sei’s gesagt: Noomi tut all das gegenüber ihrer ausländischen Schwiegertochter! Kein Gesetz weit und breit könnte sie zu alledem verpflichten. Auch hier gilt Dasselbe, was wir vorhin umgekehrt bei Ruth sahen: alles, was Noomi tut, tut sie aus Liebe zu Ruth, aus Sorge um ihr Wohlergehen.
      Ja an einer Stelle, da geht Noomi wirklich an die Grenze dessen, was ihr Glaube an den einen Gott ihr eigentlich gestattet: nachdem Orpa gerade den Rückweg nach Moab angetreten hat, sagt Noomi zu Ruth wörtlich: „Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach!“ Habens Sie’s gehört: „zu ihrem Gott“ ist Orpa zurückgekehrt, und genau das empfiehlt Noomi auch Ruth! Nicht die Spur einer Kritik an diesem „ihrem Gott“, wie man es von einer treuen Monotheistin doch eigentlich erwarten sollte! Aber Noomi wird uns hier nicht nur trotz all ihres Leides als gläubige Anhängerin des Gottes Israels präsentiert, sondern darüber hinaus noch als unglaublich tolerant, wo es um den traditionellen Glauben ihrer beiden Schwiegertöchter geht! Wer weiß: vielleicht ist das ja gerade die Voraussetzung, auf der Ruth sich dann umso lieber selber dem Gott Israels zuwendet! Denn wie gesagt: sie antwortet ihrer Schwiegermutter dann mit den Worten: „Dein Gott ist mein Gott!“ –                                                                                                                                                                                                      
      Soweit die Geschichte von Ruth und Noomi. Ganz offen gesagt: sie klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein! Geradezu stilisiert, um ein Maximum an Harmonie, an gelingender Beziehung zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter zur Darstellung zu bringen! Können wir wirklich glauben, dass das alles dermaßen ungetrübt zugegangen ist?
      Liebe Gemeinde, offen gestanden: der Grad an historischer Wahrheit dieser Geschichte ist mir verhältnismäßig egal. Mit hundertprozentiger Sicherheit werden wir ihn ohnehin nie rekonstruieren können. Viel wichtiger finde ich andere Dinge, und die sind allesamt geeignet, gewisse Vorurteile zu bekämpfen, die wir häufig haben: gegenüber Schwiegertöchtern und Schwiegermüttern, gegenüber Menschen verschiedener Generationen, gegenüber Menschen unterschiedlicher Volkszugehörigkeit, und nicht zuletzt: gegenüber dem Alten Testament.
      Zum ersten: es wird ja mit Nachdruck berichtet, wie unglaublich rücksichtsvoll diese beiden Frauen Ruth und Noomi miteinander umgehen! Keine Rede von Zickenterror und Ähnlichem! Ob es das gemeinsame Leid ist, das diese beiden so stark zusammengeschweißt hat? Nun, andere Menschen, die gemeinsam Schweres durchmachen müssen, schaffen es nicht, dann dermaßen liebevoll und rücksichtsvoll zueinander zu sein. So mancher wird durch das Leiden hart und selbstbezogen; Ruth und Noomi entwickeln dagegen umso mehr Aufmerksamkeit für die je andere – keine Spur von Egoismus und Verhärtung ist zu erkennen in ihrem Umgang miteinander.
      In diesem Zusammenhang finde ich es hochinteressant, was die Geschichte von Noomi in Bezug auf Gott erzählt: zum einen macht sie aus ihrem Leid keinen Hehl: „Der HERR hat gegen mich gesprochen und der Allmächtige hat mich betrübt.“ (Ruth 1,21) Noomi will nicht mehr bei ihrem Namen genannt werden. Dieser bedeutet „lieblich“ – sie dagegen findet sich eher in „Mara“ wieder, und das heißt „bitter“. – So deutlich wird sie in ihrer Enttäuschung über Gott! Auf der anderen Seite vertraut sie ihre Schwiegertöchter vorbehaltlos eben diesem Gott an: „Der HERR tue an euch Barmherzigkeit!“ (Ruth 1,8) Wie ist das zu verstehen? Wie geht dies beides nebeneinander?
      Liebe Gemeinde, dies beides geht deshalb nebeneinander in derselben Geschichte, weil es genauso im menschlichen Leben zugeht: genauso verwirrend, genauso widersprüchlich. Da steht eben auch so Manches nebeneinander, das eigentlich nicht zusammen passt. Das ist im Grunde genommen nichts Neues und Aufsehenerregendes. Aufsehenerregend ist jedoch sehr wohl, wie Noomi mit dieser Widersprüchlichkeit umgeht. An ihr sehen wir, wie das gehen kann gerade im Unterschied zu dem, wie es bei uns häufig geht. Da kenne ich doch nur zu gut das Phänomen, dass jemand es einfach nicht aushält, Gott so widersprüchlich zu erleben. Und dann fällt er in eines der beiden Extreme: entweder er lässt nur noch Durchhalteparolen erklingen, statt sich auch mal eine Klage zu gestatten. Oder aber er klagt nur noch und hat Gott im Grunde längst den Abschied gegeben, weil er es einfach nicht einsichtig findet, wie Gott soviel Leid auf der Erde zulassen kann!
      Dazu meine ich: Weder die eine noch die andere Haltung ist angebracht, geschweige denn gesund. Die eine harmonisiert krampfhaft alles, die andere dagegen ist perfektionistisch, ausschließlich defizitorientiert und undankbar. Noomi macht es anders: sie klagt ihr Elend heraus, aber sie gibt ihr Vertrauen in Gott deshalb noch lange nicht auf. Auf diese Weise entgeht Noomi jeder Verhärtung, in sich selbst ebenso wie gegenüber Ruth.
      Überhaupt bekommen wir hier ein Miteinander der Generationen vorgeführt, so wie es sein sollte: die Jüngere respektiert die Ältere durch und durch, ja sie kümmert sich geradezu aufopferungsvoll um diese Ältere, aber sie, die Jüngere, geht am Ende durchaus ihren eigenen Weg im Leben. Die Ältere wiederum gibt der Jüngeren ein ums andere Mal Ratschläge, aber sie kettet die Jüngere nicht an sich, sondern lässt sie ihr Leben leben.
      Weiter: auch ein Miteinander zwischen Angehörigen unterschiedlicher Volksgruppen wird hier beschrieben, wie es beispielhafter nicht vorstellbar ist: die Moabiterin Ruth ist für die Israelitin Noomi wie ihre eigene Tochter. Ich kann diesen Text nicht hoch genug schätzen, finden wir in der Bibel doch wahrlich auch andere Passagen: solche nämlich, in denen das Volk Israel von Gott ermahnt wird, es solle sich um Himmels willen nicht mit anderen Völkern mischen, und mit den Moabitern schon gar nicht: So heißt es in 5. Mose 23,4: Die … Moabiter sollen nicht in die Gemeinde des HERRN kommen, auch nicht ihre Nachkommen bis ins zehnte Glied!
      In so mancher historischen Situation wird Israel von Gott zunächst einmal aufgefordert, sich nicht mit den anderen Völkern zu vermischen, weil dadurch seine, Israels, Identität bedroht werde.
      Wie wichtig dies bis heute für Juden ist, haben wir in der vergangenen Woche mit den diesjährigen Konfirmanden erleben können, als wir die Bonner Synagoge besuchten. Da fragte ein Konfirmand den Religionslehrer Benni Polak, der uns dort begleitete und in den jüdischen Glauben einführte: Dürfen Juden eigentlich Nichtjuden heiraten? Und Benni Polak erklärte: Ja, sie dürfen es – aber es besteht zugleich doch ein großes Interesse daran, dass jüdische junge Leute möglichst andere Juden als ihre Partner wählen. Damit das Volk Israel sich eben nicht einfach in die Völkerwelt hinein auflöst! Seine Identität will es gerade als Minderheit unter viel größeren Völkern unbedingt bewahren!
      Aber schon zu alttestamentlichen Zeiten fiel es dann eben auch auf, dass auf der anderen Seite Selbstisolierung auch nicht die Devise sein kann! Dass Israel sich selbst und auch den anderen Völkern keinen Dienst erweist, wenn es lediglich die Distanz zu den anderen sucht. Und so hat der Glaube Israels die Ehe mit Angehörigen anderer Völker eben auch nicht kategorisch verboten. Als das besondere von Gott erwählte Volk hat Israel in der Bibel eine Sonderrolle – kein Zweifel. Aber gerade deshalb tut es gut daran, immer wieder auch sozusagen die andere Seite der Medaille starkzumachen: die Tatsache nämlich, dass Israel die Gemeinschaft der Völker nicht fliehen, sondern gerade suchen soll, wenn sein Zusammenleben mit ihnen gelingen soll! Und wenn wir einen Blick ins heutigen Heilige Land werfen, dann meine ich: es ist ja förmlich mit Händen zu greifen, dass diese Botschaft auch heute nichts von ihrer Bedeutung und Dringlichkeit verloren hat!
      Doch das gilt sicher nicht nur mit Blick auf Israel. Wie wäre das denn für uns, wenn unsere Kinder mit ausländischen Partnern ankämen? Oder um es vielleicht noch etwas zuzuspitzen: mit Partnern „mit Migrationshintergrund“, wie das heute so akademisch korrekt heißt, so dass wir wissen: dabei geht es dann nicht um Niederländer, Franzosen oder Skandinavier, sondern um „sehr“ andere Völker! Nun bin ich nüchtern genug anzuerkennen: da können tatsächlich eine Menge Probleme kommen, im Hinblick auf unterschiedliche kulturelle und religiöse Prägung und so weiter. Aber allein mit solchen Hinweisen werden wir diesen Aspekt der Geschichte der Ruth nicht los, sondern müssen uns klarmachen: das Buch Ruth verlangt uns die Bereitschaft zur Öffnung gegenüber anderen ab, und zwar weil es der Meinung ist: das kann sich für alle Beteiligten lohnen! Wer dagegen lediglich nach der Devise lebt: „Wir bleiben mal lieber unter uns, da wissen wir, woran wir sind“ – der wird nie die beglückenden Erfahrungen machen können, die das Miteinander verschiedener Völker und Kulturen durchaus mit sich bringen kann und schon heute vielfach mit sich bringt!
      In der Summe, liebe Gemeinde, steht hier ein ganzes Bündel von Vorurteilen am Pranger, die wir gern dem Alten Testament insgesamt und pauschal entgegenbringen: es sei tendenziell gewaltsam, es schreibe die Geschlechterrollen in patriarchalischer Manier fest, es hebe Israel immer und überall gegenüber den anderen Völkern hervor und habe so alles in allem einen ziemlich intoleranten Zug. – Eigentlich sollten wir nun jedoch gesehen haben: diese Stereotypen sind falsch. Man mag für dies alles zwar irgendeinen alttestamentlichen Beleg finden, und in der Tat: Da ist und bleibt Manches irritierend. Aber unser kleines Büchlein Ruth setzt an jedem einzelnen dieser Punkte neue Akzente; es formuliert zu jedem dieser Punkte sozusagen eine „Gegengeschichte“, eine „Rückfrage an die herrschende Norm“, wie der Alttestamentler Jürgen Ebach es nennt. Merken Sie, wieviel Sprengstoff in dieser kleinen Miniatur verborgen liegt? Jedenfalls haben wir es hier beileibe nicht nur mit einer kleinen Privatgeschichte zwischen zwei Menschen zu tun, sondern hier geht es darum, woran sich unser Handeln mit und an anderen Menschen ganz grundsätzlich ausrichten soll.
      So verstanden wird das Buch Ruth, um noch einen anderen Alttestamentler namens Erich Zenger zu zitieren, zu einer „Hoffnungsgeschichte“. Mit Noomi und Ruth zeichnet Gott bereits die Konturen einer neuen Welt. Wer hätte das gedacht: mit zwei Frauen! Mit einer Schwiegermutter und einer Schwiegertochter! Mit einer Seniorin und einer fast noch Jugendlichen! Mit einer Israelitin und einer Moabiterin!
      Und so lassen Sie uns zum Schluss noch einmal auf die entscheidenden Worte aus dem Munde der Ruth hören: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ (Ruth 1,16-17).
      Diese Worte sind alles andere als Realsatire. Es sind Worte, die Grenzen aller Art überwinden und einen ganz neuen Geist unter uns Menschen wehen lassen – einen Geist, der sicher nicht nur Israel gut täte, sondern uns, der christlichen Kirche, ganz genauso! Vielleicht formulieren diese Worte eine Utopie. Aber eine solche, die ernst genommen werden will, ja die mitten in unsere Welt hinein wirksam werden will und kann!
      Und so kann ich sagen: ich freue mich daran, dass der Vorname meiner Mutter mir dieses Büchlein immer im Gedächtnis hält. Aber auch wenn sie anders hieße: es lohnt, sich seine Botschaft gesagt sein zu lassen! Amen.