Teil 4 der Predigtreihe „Eltern und Kinder in der Bibel“: Maria und Jesus



Liebe Gemeinde,
      Maria und Jesus – was für Bilder werden beim Erklingen dieser beiden Namen vor Ihrem inneren Auge wach? Ich glaube, das ist eine ziemlich eindeutige Angelegenheit: es sind Bilder der Heiligen Nacht aus dem Stall von Bethlehem. Ich habe bei der Vorbereitung dieser Predigt das getan, was man heute gern tut, um auf solche Fragen eine Antwort zu bekommen: ich habe die Begriffskombination „Maria und Jesus“ im Internet gegoogelt – und das Ergebnis war an Eindeutigkeit nicht zu überbieten: Weihnachtsbilder in Hülle und Fülle, von der Ikone über klassische Gemälde bis hin zur Comic-Zeichnung. Wenn wir an diese mit Abstand wichtigste Mutter-Sohn-Beziehung der Bibel denken – jedenfalls unter Einschluss des Neuen Testaments – dann landen wir praktisch zwangsläufig bei Jesu Geburt.
    Dass die Geschichte der beiden damit freilich erst begann, dass sie dann immerhin etwa 30 Jahre weiterging und dass die Bibel auch aus dieser Folgezeit so Einiges zu erzählen weiß – all das gerät bei unserer Fixierung auf das Weihnachtsgeschehen allerdings leicht aus dem Blick. Die Heilige Nacht hat in der Volksfrömmigkeit bis hin zu unserer heutigen Feierkultur einen nicht zu überbietenden Stellenwert bekommen. Aber dabei sollten wir uns immer wieder klarmachen: zum einen ist das Weihnachtsgeschehen lediglich bei zweien der vier Evangelien überhaupt ein Thema – und das übrigens auf zwei völlig unterschiedliche Arten und Weisen! Und zum anderen hat das Neue Testament eben noch wesentlich mehr zu dieser Mutter und ihrem Sohn zu berichten. Darauf möchte ich heute unseren Blick lenken, und ich bin sicher: dadurch wird dem Verhältnis dieser beiden, das im Weihnachtsgeschehen einen so innigen Ausdruck findet, nichts sozusagen „weggenommen“, wohl aber wird es wesentlich schärfer profiliert, als unsere übliche Beschränkung auf Weihnachten dies zu tun pflegt.
    Um es von Anfang an klar zu sagen: die Geschichte von Maria und Jesus ist eine Konfliktgeschichte! Die innige Verbundenheit dieser Mutter und ihres Sohnes steht von Anfang an unter dem Vorzeichen, dass dieser Sohn einen besonderen Weg nehmen wird, den sich eigentlich niemand wünschen kann und der für seine Mutter eine eigentlich unerträgliche Herausforderung darstellt.
    Das wird schon daran deutlich, dass es mit der Vaterschaft für Jesus jedenfalls bei den Evangelisten Lukas und Matthäus ja so eine Sache ist: Josef nimmt zwar den Platz des Vaters Jesu ein, aber es wird großer Wert darauf gelegt, dass letztlich ein anderer sein wahrer Vater ist: Gott selbst. Dieses Thema wird uns nächsten Sonntag im letzten Teil der Predigtreihe näher beschäftigen. Aber es hat natürlich auch Auswirkungen auf Jesu Verhältnis zu seiner Mutter Maria: seine erste und letzte Loyalität gilt eben nicht seinen irdischen Eltern, sondern seinem himmlischen Vater! Und der hat Dinge mit ihm vor, die seine Mutter aufs Äußerste belasten. Schon ganz zu Anfang, noch im selben 2. Kapitel des Lukasevangeliums, in dem Jesu Geburt berichtet wird, sagt der alte Simeon, der den Säugling kurz vor seinem Tod auf seinen Arm nehmen darf, der Mutter Maria mit Blick auf Jesu Lebensweg in prophetischer Manier voraus: „Dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird, und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen!“ (Lukas 2,34-35) – Glückwünsche an eine frischgebackene Mutter anlässlich der Geburt ihres ersten Kindes hören sich normalerweise etwas anders an!
    Sodann wissen wir, dass Jesus kein Einzelkind geblieben ist, sondern Brüder und Schwestern bekommen hat. Nebenbei bemerkt: allein das ist eine Erwähnung wert! Viele Menschen sind durch die Verengung ihres Blickes auf das Weihnachtsgeschehen so stark auf das Bild von Maria, Josef und Jesuskind fixiert, dass sie total überrascht sind, von den Geschwistern Jesu zu hören! Die Familie hatte in Nazareth ihren Handwerksbetrieb und führte, so darf man vermuten, ein verhältnismäßig normales Leben wie andere Leute auch.
    In dieser Situation spielt dann etwa die Geschichte aus Markus 3, die wir vorhin in der Lesung gehört haben. Ganz kurz noch einmal skizziert: Jesus hat offensichtlich eine gewisse Popularität erlangt. Unmittelbar zuvor wird berichtet, wie er seine 12 Jünger beruft. Sodann hat er Kranke geheilt und sich dabei auch schon mal über das Sabbatgebot hinweggesetzt. Damit hat er sich Ärger bei den religiösen Autoritäten zugezogen. Auch predigt er offensichtlich mit großer Überzeugungskraft, was wiederum den Vertretern der römischen Besatzungsmacht nicht gleichgültig sein kann, die bei Zusammenkünften größerer Mengen von Juden schnell den Verdacht haben, hier könnte sich eine Aufstandsbewegung zusammenrotten.
    Wenn Jesus also mit seinen Anhängern in ein Haus geht, um dort zu predigen, dann ist das nicht ohne Brisanz. Er gerät immer mehr ins Visier sowohl der religiösen als auch der politischen Autoritäten. Letztere sind bekanntlich alles andere als zimperlich, wenn sie irgendwen subversiver Umtriebe verdächtigen. In dieser Situation tut seine Mutter das, was wohl jede Mutter tun würde: sie versucht ihren Sohn zu bremsen. Ich stelle mir vor, wie ihr durch den Kopf geht: Mensch, Junge: lass das! Du bringst dich ja um Kopf und Kragen! Wir sind eine kleine machtlose Handwerkerfamilie und haben weder religiöse noch politische Ambitionen! Unser Motto lautet: Schuster, bleib bei deinen Leisten! Oder konkret: Jesus, bleib bei deinen Tischen und Stühlen! Du bringst dich ja selbst in höchste Gefahr! Und damit indirekt übrigens auch uns, deine Angehörigen! – Und so geht Maria hin, nimmt zur Verstärkung noch Jesu Geschwister mit und will ihm Einhalt gebieten. „Er ist von Sinnen!“ – so sagen sie in Luthers Übersetzung. Auf neudeutsch für heutige Ohren vielleicht etwas deutlicher formuliert: Oh nein, unser Jesus schon wieder! Der ist ja total durchgeknallt! Der spielt mal wieder mit dem Feuer! Den müssen wir vor sich selbst beschützen!
    Nun ist das Haus, in dem Jesus sich mit den Leuten versammelt hat, dermaßen voll, dass Maria und die Geschwister gar nicht so einfach an ihn herankommen. Er hält drinnen seine Predigt – gar nicht leicht zu verstehen, und ich werde jetzt auch nicht näher darauf eingehen. Die Brisanz der Situation wird jedoch deutlich, denn der Evangelist Markus lässt uns wissen, dass einige Schriftgelehrte aus Jerusalem gekommen sind, um die Predigt Jesu zu hören. Ihr Urteil über ihn haben sie schon vorher gefällt: „Er hat den Beelzebul. Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.“ (Markus 3,22) Und nachher: „Er hat einen unreinen Geist.“ (Markus 3,30) Wer so über Jesus spricht, wird es nicht lange gut mit ihm meinen. Die Sorge Marias, es könne Jesus bald an den Kragen gehen, ist also nur allzu berechtigt.
    Die Familie versucht, sich Zutritt zum Haus zu verschaffen. Und die Anhänger Jesu scheinen auch einen gewissen Respekt vor ihnen zu haben, so wie er der Mutter dieses bedeutenden Menschen auch gebührt. Nur einer lässt diesen Respekt vermissen, und zwar auf ganzer Linie: Jesus selbst. Ich paraphrasiere ihn einmal so: „Ach, was sagt ihr da? Meine Mutter und meine Geschwister sind hier? Ist ja interessant! Wer soll das denn sein, bitte schön?“ Und dann die entscheidenden Sätze wieder wörtlich zitiert: Er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (Markus 3,34-35)
    Liebe Gemeinde, wenn das nicht gesessen hat! Hier tut Maria mir aufrichtig leid! Darf ein Sohn so mit seiner Mutter reden? Wie war das noch mit dem 5. Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren…“? Sollte ausgerechnet Jesus derjenige sein, der sich der Missachtung dieses Gebotes schuldig macht?
    An dieser Stelle möchte ich innehalten. Weil es die entscheidende Stelle ist. Maria könnte mit vollem Recht nun solche Sätze sprechen, wie unzählige Eltern vor ihr und nach ihr sie schon ihren Kindern gesagt haben: „Was soll das, Jesus? Nicht in diesem Ton! Das gehört sich nicht! Und im übrigen: Wir wollen doch nur dein Bestes!“
    Aber genau auf diesen letzteren Satz, so vermute ich, würde Jesus in etwa das antworten, was heute als durchaus ernst gemeinter Kalauer bisweilen auf diesen Satz geantwortet wird: „Ach ja, ihr wollt also nur mein Bestes? Kriegt ihr aber nicht!“ – Also: Ihr entlarvt euch selbst mit diesem so besorgten Satz. Fragt euch mal selbst, worum es euch geht, liebe Eltern – und im Falle Jesu zugleich: liebe Geschwister: wirklich um mich? Oder vielleicht hauptsächlich um Euch, um Eure Auffassung davon, was für mich richtig ist? Solltet ihr vielleicht etwas mehr Respekt davor entwickeln, dass mein Weg möglicherweise nicht der ist, den ihr für mich gerne hättet und für den richtigen anseht? Ihr seid dabei, mich nach eurem Muster stricken zu wollen. Da aber sag ich euch: Ich mache nicht mit. Und wenn ihr das verhindern wollt, dann pack ich noch eins drauf: ich habe meine Heimat längst woanders gefunden als bei euch: bei denen nämlich, die mich verstehen, die mit mir auf einer Wellenlänge liegen. So, jetzt wisst ihr, wo ihr mit mir dran seid!“
    Ganz wichtig ist dabei freilich, dass Jesus seine Loslösung von seiner leiblichen Familie zugunsten seiner – ich nenne sie mal so: „geistlichen Familie“ nicht einfach damit begründet, dass ihm das nun eben mal so gefalle. Nein, er sagt ausdrücklich: diejenigen, die ich meine Familie nenne, das sind die, die Gottes Willen tun! Damit sagt er allerdings zugleich: wenn ihr, meine leibliche Familie, mich von denen abhalten wollt, dann steht ihr dem Willen Gottes entgegen!
    Hier bricht er wieder auf: der Loyalitätskonflikt Jesu zwischen leiblicher Familie und himmlischem Vater. Und die Botschaft ist klar: wo dieser Konflikt aufbricht, da gibt es keine echte Alternative, sondern nur eine legitime Reaktion: die zugunsten Gottes und damit verbunden: die Distanzierung von Maria und den Geschwistern. – Wenn das kein starker Tobak ist!
    Ich will Ihnen gar nicht verhehlen, liebe Gemeinde, dass ich selber enorme Schwierigkeiten mit Jesu Radikalität an dieser Stelle habe. Ich habe mich gefragt, wie ich wohl reagieren würde, wenn mein Sohn oder meine Tochter ähnlich mit mir umspringen würden, wie Jesus es hier Maria gegenüber tut. Abgesehen von der persönlichen Verletzung, die ich dabei empfinden würde, würden bei mir vermutlich sämtliche Alarmlämpchen angehen im Hinblick auf die Konsequenzen, die das haben kann, was der Sohn hier tut: er bringt sich in Gefahr, das ist das Eine. Und uns gleich mit – auch das nicht gerade locker hinnehmbar.
      Des weiteren ist es doch im Grunde das klassische Verhalten eines Sektierers, das Jesus hier an den Tag legt: wir haben das gerade noch im jüngeren Jahrgang der Konfirmanden am Beispiel des Scientology-Psychokultes besprochen. Da wird im Grunde doch genau Dasselbe gemacht: „Du hast jetzt eine neue Familie gewonnen, deine Gleichgesinnten hier in der Gruppe. Deine leiblichen Verwandten sind demgegenüber nicht nur zweitrangig, sondern sie sind hinderlich, sie sind regelrechte Störfaktoren, die dich deiner neuen Familie entfremden wollen. Also distanzier dich von ihnen!“ – So läuft das in solchen Gruppen, und das bereitet den Eltern der meist jüngeren Menschen, die sich in solche Organisationen hineinbegeben haben, mit Recht große Sorgen. Wir können nur davor warnen, sich auf so etwas einzulassen!
      Nun müssen wir allerdings auch die Kehrseite genau betrachten: es gibt durchaus auch das Phänomen, dass eine Familie ihre Mitglieder in einer Weise an sich bindet und Ansprüche auf ihr Verhalten erhebt, die ebenfalls völlig unangemessen sind: ich erinnere mich an einen Konfirmanden vor etlichen Jahren. Der war nicht getauft, weil seine Eltern der Generation angehörten, in der man die Loslösung von Religion und Kirche für den ultimativen Erweis wahrer Freiheit hielt. Aber wie Jugendliche so sind: die tun ja meist das, was auf ihre Eltern provokativ wirkt. Und so hatte dieser Junge Interesse am Konfirmandenunterricht geäußert. Das passte so gar nicht ins Weltbild der Eltern, aber immerhin: sie ließen ihn teilnehmen, wenn auch etwas widerwillig. Der Familienbesuch, den ich auch bei ihnen machte, verlief nicht unfreundlich, aber – sagen wir: etwas kühl. Sei’s drum; der Junge war mit großem Eifer beim Konfiunterricht dabei.
      Als dann jedoch die Konfirmation näherrückte, erklärte mir der Junge plötzlich völlig unvermittelt, er wolle sich nicht konfirmieren bzw. in seinem Fall: nicht taufen lassen. Ich pflege eine solche Entscheidung zu respektieren, aber zugleich frage ich doch immer nach den Gründen, und bei diesem Jugendlichen hatte ich gleich den Verdacht, das sei nicht wirklich seine eigene Entscheidung gewesen. Er antwortete mir etwas ausweichend. Nun, nachher erfuhr ich von seinen Freunden, die Eltern dieses Jungen hätten ihren Sohn massiv unter Druck gesetzt, sich nicht taufen zu lassen, weil das für sie selber eine Art totaler Niederlage bedeutet hätte.
      Eigentlich ist das so ein Fall, für den Jesu harte Worte gedacht sind. Der Junge war damals begreiflicherweise noch nicht in der Lage, seinen Eltern wirklich die Stirn zu bieten. Als Erwachsene haben wir jedoch, wie ich meine, die Pflicht, möglicherweise auch unseren eigenen Familien zu widerstehen, wenn sie uns auf Wege leiten wollen, von denen wir nach gründlicher Abwägung aller Aspekte sagen müssen: das sind sicher nicht die Wege, die Gott uns führen will. Hier gilt dann schlicht der Satz, den schon der Apostel Petrus einmal dem Hohepriester entgegenhält: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29)
      Eine solche Distanzierung von der eigenen Familie in bestimmten Fällen für legitim, ja für geboten zu erklären, ist in unserer Gesellschaft sicher eine heikle Angelegenheit. Gilt es nicht vielmehr im Gegenteil die Familie starkzumachen, in einer Zeit, in der die traditionellen Bindekräfte immer schwächer werden? Immerhin dürfen wir feststellen – mir haben es gerade gestern einige Konfirmandeneltern bestätigt! –, dass für heutige Jugendliche die Kategorie „Familie“ durchaus einen hohen Stellenwert zu haben pflegt!
      Dafür nur ein Beispiel, wiederum aus dem Konfirmandenunterricht: wir machen da immer eine Übung, wo es um das erste der 10 Gebote gilt: „Ich bin der HERR, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ (2. Mose 20,2-3) Wir lesen dann ein berühmtes Zitat Martin Luthers: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Dann fordere ich die Konfirmanden auf, in ihr Arbeitsbuch an eine dazu vorbereitete Stelle das zu notieren, woran sie denn so ihr Herz hängen, das, was sie für ihr Leben am allerwichtigsten finden und ohne das sie sich ihr Leben überhaupt nicht vorstellen können. Wer nun glaubt, die Jugendlichen von heute würden ausschließlich Dinge wie PC, das neueste Handy, I-Phone oder Ähnliches einfallen würden, der irrt! Nein, bei den meisten jedenfalls rangiert die Familie ganz weit oben auf der Liste.
      So sehr ich diese Prioritätensetzung auf der einen Seite begrüße, so sehr bleibt doch zugleich dies wichtig, dass eben auch die Familie, auch Vater und Mutter keinen uneingeschränkten Respekt verdienen, keine unbedingte Gefolgschaft. Sie sind wichtig, sie haben eine Sonderstellung, ja. Aber sie sind nicht Gott. Wir Eltern wissen doch eigentlich selber am besten um unsere Fehlbarkeit, um unsere Grenzen, um unser gar nicht so seltenes Versagen. Dann sollten wir auch keine göttlichen Ansprüche stellen – Ansprüche, die wir uns von unseren eigenen Eltern doch auch nicht stellen lassen würden!
      Wo Gottes einzigartige Position geschmälert wird, da – so könnten wir unter Aufnahme eines Wortspiels unserer heutigen Sprache sagen – da kennt Jesus keine Verwandten. Bzw. da ordnet er alles dem einen großen Verwandten unter, dem er sich im Letzten verbunden und verpflichtet weiß. Und da ist es dann folgerichtig, dass er als seine „wahren Versandten“ alle diejenigen ansieht, die sich diesem einen großen Verwandten ebenfalls verbunden und verpflichtet wissen. An dieser Stelle gibt es letztlich keine Kompromisse! Nicht einmal gegenüber Mutter Maria!
      Hier kann ich mir einen kritischen Seitenblick auf die katholische Marienfrömmigkeit nicht ersparen. Im Katholizismus wird Maria bekanntlich weitestgehend auf die Seite Gottes gestellt. Eine Mittlerrolle fällt ihr zu. Fast scheint es, als träte sie damit in Konkurrenz zu Jesus selbst. Offizielle katholische Theologie würde das natürlich bestreiten; unstrittig ist aber doch dies, dass es nach außen häufig so aussieht. Und das ist dann doch wohl auch ein ganzes Stück weit gewollt, zumal sich in der Gestalt der Maria die Römisch-Katholische Kirche bekanntlich selbst erblickt und darstellt. Ob hier nicht ein Stück mehr Bescheidenheit gut täte?! Ein echtes Stück Selbstunterscheidung von Gott im Sinne dessen, was Jesus in Markus 3 zu Maria sagt?! – Bitte verstehen Sie mich richtig: es geht mir beileibe nicht darum, als Protestant die katholische Kirche schlechtzumachen. Aber es muss zugleich allen Teilnehmern am ökumenischen Gespräch gestattet sein, die anderen auf Irritationen hinzuweisen, die von ihnen ausgehen. Und dazu gehört für mich, dass Markus 3 in der katholischen Marienlehre, wenn ich recht sehe, so gut wie keine Rolle spielt. Schade, kann ich da nur sagen! –
      Die harte Geschichte aus Markus 3 steht also im Raum. Und sie provoziert förmlich die Frage: wie geht es denn weiter zwischen Jesus und seiner Familie, insbesondere seiner Mutter Maria? Ist diese schroffe Distanzierung denn wirklich das letzte Wort, das Jesus zu ihr spricht? Wobei: eigentlich spricht er ja nicht einmal zu ihr, sondern lediglich über sie! Noch schlimmer eigentlich! Was ist danach wohl noch zu erwarten?
      Nur zwei Hinweise möchte ich an dieser Stelle geben: zum einen: der Evangelist Johannes überliefert im Zusammenhang des Kreuzesgeschehens eine ergreifende kleine Szene: da steht Jesu Mutter Maria unter dem Kreuz und erlebt den grausamen Tod ihres Sohnes aus nächster Nähe mit. Neben ihr steht der sogenannte Lieblingsjünger, der nur bei Johannes eine Rolle spielt. Und was tut Jesus? Er vertraut die beiden einander an: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ Und dann umgekehrt an den Jünger gerichtet: „Siehe, das ist deine Mutter!“ (Johannes 19,26-27) Im entscheidenden Moment ist ihm seine Mutter also alles andere als gleichgültig. Sie hat bei ihm keinen göttlichen Stellenwert, nein. Aber er weiß um seine Pflichten als Sohn. Und natürlich dürfen wir zugleich und erst recht auch große Liebe Jesu zu seiner Mutter unterstellen.
      Mein zweiter Hinweis ist noch kürzer, aber besonders wichtig: in Apostelgeschichte 1,14, also nach Jesu definitivem Abschied von der Erde durch die Himmelfahrt, ist die Rede von den Menschen, die gleichsam die Keimzelle der ersten christlichen Gemeinde bilden, der sogenannten Urgemeinde in Jerusalem. Dazu gehören die Jünger, weiter einige Frauen, und dann ist ausdrücklich die Rede von Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern. Jesu Bruder Jakobus wird später sogar als der Leiter der Urgemeinde berühmt. Wir sehen also: Maria ist samt den Brüdern von Anfang der Kirche an mit bei denen, die an Jesus glauben. Sie ist also nicht nur durch ihre leibliche Verwandtschaft mit Jesus verbunden, sondern auch sozusagen als „geistliche Verwandte“. Ich möchte einmal sagen: dafür hätte Maria vielleicht berühmter werden sollen! Das ist bedeutsam an ihr, weit über ihre leibliche Mutterschaft hinaus!
      Immerhin wird dadurch auch dies klar, dass Jesu harte Worte aus Markus 3 das Tischtuch glücklicherweise doch nicht zerschnitten haben zwischen ihm und seiner Mutter. Vielleicht eine Bestätigung dafür, dass ein deutliches Wort zur rechten Zeit keinen Schaden anrichten muss, sondern Klarheit stiften und alle Beteiligten nach einer Durststrecke neu zueinander führen kann.
      Nehmen wir aus der Geschichte zwischen Jesus und seiner Mutter Maria also dies mit: da, wo leibliche Eltern den Versuch unternehmen, ihr Kind von Gottes Willen wegzubewegen – und sei es aus noch so nachvollziehbaren, fürsorglichen Gründen –, da tun sie etwas, worauf kein Segen liegt. Und dann kann es sogar geboten sein, den Eltern zu widerstehen. Zu hoffen ist, dass es nicht so weit kommt. Und vielleicht würde jemand anders dies auch etwas galanter hinbekommen als Jesus in unserer Geschichte. Aber von der Sache her kann es hier keine Kompromisse geben.
      Aus so einer zunächst bitteren Situation heraus kann aber auch wieder viel Gutes entstehen. Auch das sehen wir an Maria und Jesus. Entscheidend ist: beide haben sie nicht einfach das getan, was sie vielleicht jeweils persönlich gern am liebsten getan hätten. Sie haben vielmehr beide nach Gottes Willen gefragt – Jesus von Anfang an, Maria immerhin irgendwann nach der Geschichte von Markus 3. Und diese Haltung hat Mutter und Sohn nach mancherlei Konflikten und sicher erheblichen Enttäuschungen dann doch wieder zueinander finden lassen.
      Nun ist Jesu Geschichte, bedingt durch den Willen seines himmlischen Vaters speziell für ihn, seinen einzigen Sohn, natürlich etwas ganz Besonderes. Und so hat Maria auch hier mit einer einzigartigen Herausforderung zu tun, die andere Eltern so nicht bestehen müssen. Gleichwohl gilt das Gesagte in weiten Teilen auch von anderen Eltern-Kind-Verhältnissen. Auf Gottes Willen ist zuerst und zuletzt zu achten, ohne Abstriche – nicht mal zugunsten des Familienfriedens. Zugleich gilt der familiäre Zusammenhalt, und es kann nach Zeiten des Konfliktes immer auch ein neues Zueinander und Miteinander geben. Ich wünsche uns, sei es in der Position als Mutter oder Vater, sei es in der Position als Kind (und so mancher nimmt ja faktisch beide Positionen ein!), dass auch uns diese Bewegung immer wieder neu gelingen möge! Amen.

Predigten aus den Jahren 2004 bis 2016 finden Sie im Archiv