Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 5 der Predigtreihe „Eltern und Kinder in der Bibel“




Liebe Gemeinde,
    „Gott Vater und Sohn“ – mit diesem letzten Teil der Predigtreihe zu Eltern und Kindern in der Bibel sind wir bei einem ganz besonderen Eltern-Kind-Verhältnis angekommen. Bei demjenigen biblischen Eltern-Kind-Verhältnis, das sicherlich in mancherlei Hinsicht am meisten umstritten ist, das aber zugleich wohl auch das tiefste und bedeutendste Eltern-Kind-Verhältnis ist, das wir in der Bibel überhaupt finden.
    Betrachten wir zunächst das, was dieses Eltern-Kind-Verhältnis so umstritten macht: da ist einmal die berühmte Frage der Jungfrauengeburt: wer soll das denn heute noch glauben, bitte schön? Und welchen Sinn soll das haben, den guten Josef ein entscheidendes Stück weit aus der Familie Jesu herauszukatapultieren, ihn sozusagen aufs Nebengleis zu stellen, um den Platz für Gott selbst als Vater Jesu freizumachen? Merkwürdige Vorstellungen von sexueller „Reinheit“ scheinen hier kolportiert zu werden, die im Laufe der Geschichte vermutlich mehr Schaden angerichtet als Gutes bewirkt haben. So als habe es bei diesem einzigartigen Menschen den Geschlechtsakt zum Zwecke seiner Zeugung nicht geben dürfen, weil Jesus dadurch etwas von seiner Sündlosigkeit genommen werden könnte.
    Eine andere Schwierigkeit bei der Rede von Gott als Vater Jesu betrifft die einseitige Festlegung Gottes auf das männliche Geschlecht, die sich durch diese Rede zwangsläufig nahe zu legen scheint. Wäre es nicht an der Zeit, auch hier gegenzusteuern?
    Schließlich – dieser Einwand wird gar nicht so häufig gebracht, erscheint mir aber von besonderem Gewicht: will und tut ein guter Vater nicht immer das Beste für seinen Sohn? Wenn dies schon für irdische Väter gilt, um wieviel mehr müsste es dann nicht für einen göttlichen Vater gelten? „Mein Kind soll es mal besser haben!“ – mit dieser Parole wurde in unserem Land immerhin ein ganzes Stück weit der Wiederaufbau nach dem Krieg motiviert! Was müsste von daher nicht erst ein allmächtiger, himmlischer Vater für Ziele im Hinblick auf seinen Sohn haben? – Wie aber ist gerade Jesu Leben denn verlaufen? Ja was wird denn ausgerechnet von Gott und seinem Willen für diesen seinen – noch dazu dezidiert einzigen! – Sohn im Neuen Testament berichtet? Er schickt ihn doch geradewegs in den Tod! Da kann man doch nur verständnislos den Kopf schütteln – oder?!
    Denn wie steht es mit der alles entscheidenden Frage: wollte Gott den grausamen Tod seines Sohnes Jesus am Kreuz? Oder wollte er ihn nicht? Zumindest hat er ihm diesen Tod nicht erspart. Und wir haben vorhin in der Lesung aus Matthäus 26 doch gehört, was Jesus selbst zu dieser Frage gesagt hat: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“ – ich ergänze sinngemäß: so soll es geschehen! Wie kann Gott, wenn er denn ein guter Vater sein soll, so etwas wollen?
    Die Rede von Gott als dem Vater Jesu versteht sich also beileibe nicht von selbst. Sie ist mitnichten die logische Konsequenz der Geschichte Jesu. Äußerlich betrachtet wird man eher sagen müssen: von Gott als dem Vater Jesu zu reden, erscheint – um das Mindeste zu sagen – irritierend, oder: deplatziert, wenn nicht gar: katastrophal!
    Gleichwohl legt das Neue Testament größten Wert darauf, Gott den Vater Jesu zu nennen, oder anders gesagt: es berichtet uns ein ums andere Mal, dass Jesus selber Gott selber so genannt hat. Und da ich grundsätzlich der Meinung bin, wir sollten die irritierenden, dunklen Bibelstellen nicht allzu schnell von uns weisen, so möchte ich auch hier genauer hinhören, um zu begreifen, worum es geht. Und ich lade Sie ein, dies mit mir zu tun.
    Beginnen wir mit dieser irritierenden Rede von der Jungfrauengeburt. Eine ganze Zeit lang wurde in der Theologie viel getan, um diese Aussage zu relativieren. Man wies darauf hin, dass lediglich Matthäus und Lukas von der göttlichen Zeugung Jesu sprechen. Bei den anderen neutestamentlichen Autoren ist davon nicht die Rede, und es scheint ihnen nichts daran zu liegen.
      Weiter hat man darauf hingewiesen, dass die entscheidende Bibelstelle, die man in Jesu Geburt durch die Jungfrau Maria als erfüllt ansieht, gar nicht von einer Jungfrau spricht. Das muss ich Ihnen kurz erläutern: Matthäus zitiert den Vers Jesaja 7,14: Siehe, eine Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären. – So wird es dort vorhergesagt. In Jesus sei diese Prophezeiung nun erfüllt.
      Das Problem dabei: der Prophet Jesaja spricht überhaupt nicht von einer Jungfrau. Im hebräischen Original ist lediglich die Rede von einer „jungen Frau“, einem „jungen Mädchen“. Die Meinung, hier gehe es um eine „Jungfrau“, also um eine Frau, die noch nicht mit einem Mann geschlafen hat, diese Meinung kam dadurch zustande, dass bei der Übersetzung dieses Verses Jesaja 7,14 vom Hebräische ins Griechische schlicht und ergreifend ein Übersetzungsfehler begangen wurde. Darauf fußt nun das im Grunde deplatzierte Zitat bei Matthäus. Dieses kann bei Lichte besehen also gar nicht das begründen, was es bei Matthäus begründen soll.
      Ich möchte diesen seit langem bekannten Analysen nicht widersprechen. Und ich sage Ihnen in aller Deutlichkeit: ich glaube nicht an eine Zeugung Jesu durch Gott in einem biologischen Sinne. Ich meine aber, dadurch wird die Rede von der Jungfrauengeburt nicht etwa sinnlos oder falsch, und wir haben auch keinen Anlass, etwa das Glaubensbekenntnis an dieser Stelle neu zu formulieren. Denn soviel steht doch fest: durch sein Predigen und Wirken, durch sein gesamtes öffentliches Auftreten einschließlich seiner Hingabe bis hin in den Tod sowie erst recht durch die Erfahrungen, die seine Jünger nach seinem Tod gegen all ihre Erwartungen mit ihm als Auferstandenem machen durften, mit all dem hat Jesus offensichtlich viele Menschen tief beeindruckt. In ihm haben sie jemanden erlebt wie noch nie zuvor. In ihm war Gott selbst ihnen auf eine bislang ungekannte und unvergleichliche Weise nahegekommen.
      Und nun kommen wir zum entscheidenden Punkt: es ist der höchste denkbare Ausdruck für diese Nähe Jesu zu Gott, dass seine Anhänger ihn als „Gottes Sohn“ bezeichnet haben. So „gottunmittelbar“ war er für sie gewesen, dass sie dies angemessen nur in der Form zum Ausdruck bringen konnten, ihn von seinem Ursprung her, von seiner Zeugung an mit Gott in Verbindung zu bringen. War er aber Gottes Sohn, dann störte der Gedanke an eine natürliche Vaterschaft. Ihn gab man also auf zugunsten der Rede von seiner göttlichen Zeugung und demzufolge seiner Geburt von der Jungfrau Maria. So gehört, bleibt in der Vorstellung der Jungfrauengeburt die gesamte Einzigartigkeit, ja die gesamte Göttlichkeit aufbewahrt, die Jesus ausstrahlte. Würden wir darauf verzichten, bliebe ein anderer Jesus übrig, als das Neue Testament ihn uns präsentiert. –
    Nun aber zur zweiten kritischen Anfrage an Gott als den Vater Jesu: wird Gott damit nicht auf eine Männerrolle fixiert? Wird hier nicht eine Tendenz verstärkt, die ohnehin schon problematisch genug ist? Wir sind ja schon ohne die Vatervorstellung durch unsere Sprache sehr stark dahin „gepolt“, uns „Gott“ ständig männlich vorzustellen. Schließlich ist „Gott“ ein maskuliner Begriff. In anderen Sprachen mag das anders sein – im Deutschen jedenfalls ist die Gottesvorstellung von vornherein stark männlich geprägt.
    (Beispiel KU: Wechselbegriffe für „Gott“…)
    Zu alledem meine ich Zweierlei: zum einen: ich versuche schon, die Konfirmanden zu ermutigen, auch weibliche Begriffe auf Gott anzuwenden. Und es ist mir wichtig, dabei immer das 2. Gebot vor Augen zu haben: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen, das du anbetest und dem du dienst!“ Wozu wir wiederum sagen müssen: gar keine Bilder machen – das kann es wohl auch nicht sein. Wir können ja gar nicht anders von Gott reden, als dass wir ihn uns irgendwie bildlich vorstellen. Und schließlich geht die Bibel doch selber hin und benutzt für ihn Bilder zuhauf: Gott der Herr, Gott die Sonne, Gott der Adler, der sein Volk auf seinen Flügeln trägt, und eben auch Gott der Vater seines Volkes Israel oder auch – man höre und staune: Gott die Mutter, die ihr Kind tröstet.
    Das Entscheidende ist eben dies: die Vielfalt dieser Bilder nicht zu verlieren! Keines dieser Bilder zu verabsolutieren! Denn mit jedem Bild, das einen Alleingeltungsanspruch reklamiert, tun wir der Größe Gottes, die all unser Begreifen übersteigt, Gewalt an. Darum heißt es im 2. Gebot: „Du sollst dir kein Bild von Gott machen, das du anbetest und dem du dienst!“
    Diese Warnung gilt natürlich auch vom Bild Gottes als des Vaters. Es bedarf der Ergänzung, gerade durch das Bild der Mutter, zumal auch dieses, wie wir hörten, ein biblisches Bild für Gott ist.
    Aber wenn wir dies beherzigen, dann, so meine ich, gibt es nicht den geringsten Grund, das Bild Gottes als des Vaters mit Hinweis auf ein theologisches „Gender-Mainstreaming“  abzulehnen. Mit Verlaub: ich fände das albern. Gott der Vater – er steht für Zuneigung, Leitung, Fürsorge, Autorität. Und wenn das Neue Testament diese Vatervorstellung dezidiert für Gott mit Blick auf Jesus aufnimmt, dann bedeutet das ja in keiner Weise, hiermit würden „weibliche Züge“ Gottes geleugnet. Man sollte diese durchaus stärker hervorheben, als dies gemeinhin geschieht. Aber man sollte auch nicht von der einen Einseitigkeit in die nächste fallen und so das Kind gleichsam mit dem Bade ausschütten! –
    Zur wichtigsten Infragestellung Gottes als des Vaters Jesu kommen wir erst jetzt, aber dafür hat die es auch wirklich in sich. Wie vorhin bereits ausgeführt: was ist das für ein Vater, der den Weg seines Sohnes ans Kreuz nicht nur duldet, sondern der seinen Sohn sozusagen selber auf diesen Weg gesetzt hat? Und das, um allem die „Krone“ aufzusetzen, als der Gott, dem das Prädikat der Allmacht zugesprochen wird, der den Leidensweg und den Tod seines Sohnes also hätte verhindern können?
    Ein Zwischengedanke: vielleicht wissen es einige unter Ihnen: im Koran, dem heiligen Buch des Islam, wird ebenfalls von Jesus und dem Kreuz berichtet, in Sure 4. Dort werden Juden erwähnt, die sich damit brüsten, sie hätten Jesus gekreuzigt. Aber dann heißt es: „Doch sie ermordeten ihn nicht und kreuzigten ihn nicht… Nicht töteten sie ihn in Wirklichkeit, sondern es erhöhte ihn Allah zu sich, und Allah ist mächtig und weise.“ Manche Ausleger meinen, Jesus sei hier auf geheimnisvolle Weise durch Gott vor der Kreuzigung bewahrt worden; andere deuten die Stelle so, als sei jemand anders an Jesu Stelle gekreuzigt worden. –
      Wie dem auch sei: auffällig ist: dem Islam ist es offensichtlich sehr wichtig, dass Gott seinem Propheten – und ein solcher ist Jesus ja für den Islam! – solch ein schmähliches Ende auf jeden Fall erspart! Mögen andere es für ihn auch vorgesehen haben; Gott weiß das zu verhindern! Zwar nennt der Islam Gott gerade nicht „Vater“ Jesu, aber ausgerechnet im Koran scheint Gott der bessere Vater im Vergleich zum Neuen Testament zu sein, wo der Vater den Sohn tatsächlich ans Kreuz schickt!
    An diesem Punkt kommt es zur Zerreißprobe zwischen Vater und Sohn. Und hier schließt sich auch der Bogen meiner Predigtreihe, weil wir mit Blick auf Jesu gewaltsamen Tod immer die Geschichte von Abraham und Isaak mitbedenken sollten, von der im ersten Teil der Reihe die Rede war. Dort war es so: der Sohn wusste nichts davon, dass sein Vater ihn opfern sollte. Arglos und deshalb im festen Vertrauen auf den Vater ging er mit ihm an den Ort, an dem er geopfert werden sollte. Dann jedoch wurde dieses Opfer durch Gott selbst buchstäblich in letzter Sekunde abgewendet.
    Genau umgekehrt bei Jesus: der geht seinen Weg im vollen Bewusstsein dessen, was Gott mit ihm vorhat. Und hier wird nichts abgewendet, auch nicht in letzter Sekunde. Der schauerliche Tod bleibt Jesus nicht erspart.
    Von der Zerreißprobe, die der nahe Kreuzestod für den Sohn im Verhältnis zu seinem himmlischen Vater bedeutete, berichtet uns die Geschichte aus dem Garten Gethsemane, die wir in der ersten Lesung aus dem Matthäusevangelium hörten. Und hier ist nun Eines auffällig: wenn ich auch gerade die Vaterliebe Gottes zu Jesus angesichts des Kreuzes mit einem großen Fragezeichen versehen habe – Jesus selbst kommt nicht zu diesem Ergebnis! Er als der eigentlich Leidtragende spricht die entscheidenden Worte, die doch sehr anders klingen als alles, was wir in dieser Situation wohl für angebracht halten würden: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst!“
    Wie kommt er dazu, so zu sprechen? Liebe Gemeinde, in diesen Worten artikuliert sich kein bitterer, resignierender Fatalismus, so nach dem Motto: „Ich kann ja eh nichts machen, du hast halt alles anders vorherbestimmt, also muss ich es hinnehmen.“ Nein, hier artikuliert sich ein Gottvertrauen, wie es intensiver und tiefer gegründet überhaupt nicht vorstellbar ist. Darf ich Jesus einmal so zu paraphrasieren versuchen: „Mein Vater, ich würde mir alles wohl sehr anders wünschen, als es jetzt zu kommen scheint. Aber wenn es dein Wille ist, dass es so kommt, dann will ich Ja dazu sagen, weil ich weiß: letzten Endes kann dein Wille für mich nicht das Verderben bedeuten – selbst wenn es momentan danach aussehen mag. Weil dies meine feste Gewissheit ist, werde ich deinen Willen akzeptieren – sogar wenn er für mich den Tod bedeutet.“ Jesu Fügung in den Willen Gottes ist also ein freies Ja; sie steht gerade für diese bereits erwähnte durch nichts zu überbietende Nähe zwischen Vater und Sohn.
    In der zweiten Lesung aus dem Johannesevangelium, die wir vorhin gehört haben, wird diese Nähe noch deutlicher als bei Matthäus. Überhaupt hat man bei Johannes den Eindruck, da seien Gott der Vater und der Sohn noch viel enger miteinander verbunden als bei den anderen Evangelisten, so dass es bei Johannes nicht einmal zu einem Ringen Jesu mit dem Willen Gottes kommt. Seine Rede gipfelt ja in dem Satz: „Ich und der Vater sind eins.“ Da passt dann wirklich nicht mal mehr das dünnste Blatt Papier zwischen die beiden.
    So sehr diese Einheit zwischen Vater und Sohn schon wieder geradezu unwirklich daherkommt, so sehr sollten wir es gerade im Hinblick auf Jesu Tod ernst nehmen, dass diese beiden so eng verbunden dargestellt werden. Denn daraus folgt ein Weiteres, das ich für besonders wichtig halte: wenn Jesus brutal am Kreuz stirbt, dann geht es nicht an, dass wir uns Gott so vorstellen, als stünde er in bequemer Distanz zu diesem grausamen Geschehen. Sondern hier leidet der Vater mit, wenn der Sohn drangsaliert wird. Ja da darf und muss man sagen: hier stirbt der Vater „ein Stück weit“ mit, wenn der Sohn stirbt.
    Ich hatte dazu letztens eine lebhafte Diskussion mit meinem Sohn: er nahm Anstoß daran, in der Bibel werde letztlich immer alles schöngeredet, was Gott betreffe. Der könne sich sozusagen leisten, was er will – ständig gehe er am Ende als der Saubermann aus allem hervor.
    Ich musste meinem Sohn darin recht geben, dass dieser Eindruck in der Tat entstehen kann – schließlich wird nichts von dem, was Gott tut, in der Bibel als falsch gebrandmarkt. Aber so wie mein Sohn argumentierte, entstand das Bild eines Gottes, der tatsächlich innerlich unbeteiligt dies und das tut oder lässt. Das jedoch ist alles andere als der Gott des Alten und Neuen Testaments. Dem ist es nicht gleichgültig, wenn sein Sohn am Kreuz hängt – es ist ihm auch dann nicht gleichgültig, wenn er dieses grausame Schicksal selber verfügt hat. Und es ist ihm nicht nur nicht gleichgültig, sondern er erleidet es gewissermaßen selber mit.
    In unserem Gesangbuch gibt es ein Lied mit dem Titel „O Traurigkeit, o Herzeleid“, Nr. 80. Da hieß es ursprünglich in der 2. Strophe aus der Feder des Liederdichters Johann Rist: „O große Not! Gott selbst liegt tot.“ Später scheute man vor dieser radikalen Aussage zurück – dabei hat sicher auch die eher vordergründige Frage eine Rolle gespielt, wer denn den Sohn wohl hätte auferwecken sollen, wenn auch Gott der Vater seinen Tod erlitten hätte. Deshalb steht heute in der besagten 2. Strophe eine abgeschwächte Variante: „O große Not! Gott’s Sohn liegt tot.“
    Wenn damit nun gemeint ist, der Tod Jesu betreffe seinen Vater im Grunde gar nicht, dann wird dem Geschehen förmlich die Spitze abgebrochen: tun wir doch bitte nicht so, als könne der Sohn sterben, ohne dass der Vater dadurch im Kern seiner Existenz mit betroffen würde!  Wer auch immer sich die Vorstellung eines Gottes ausgedacht hat, der als ewiges Prinzip irgendwo hoch oben in den Wolken thront und vom Wohl und Wehe seiner Kreaturen nicht mitbetroffen würde – diese Vorstellung ist jedenfalls alles andere als biblisch!
    Wir könnten jetzt lang und breit darüber nachdenken, was denn der Grund dafür ist, dass Gott seinem Sohn und eben damit zugleich auch sich selber dieses unglaublich schwere Schicksal aufbürdet. Dem Neuen Testament zufolge hat das etwas mit unserer menschlichen Schuld zu tun. Über diese Dinge wird immer wieder hart und kontrovers diskutiert – auch innerhalb der Kirche. Aber das würde den heutigen Gottesdienst bei weitem sprengen. Wir hatten ja schon andere Gelegenheiten, um darüber nachzudenken, und werden auch immer wieder solche Gelegenheiten haben.
    Für heute, wo es uns um Gott den Vater und seinen Sohn Jesus Christus geht, ist mir vor allem dies wichtig: der Vater ist an allem zutiefst beteiligt, was den Sohn betrifft. Er kassiert sozusagen jeden Peitschenhieb mit ihm; und er hat auch Anteil an seinem Tod!
    So spreche ich in jedem Trauergottesdienst ein Gebet, in dem ich daran erinnere, dass die Hinterbliebenen sich Gott dem Vater schon deshalb besonders verbunden wissen dürfen, weil er gewissermaßen selber ein Hinterbliebener ist: einer, der seinen Sohn verloren hat und der um ihn trauert, so wie sie um ihren Verstorbenen trauern. Sodann dürfen sie sich Gott dem Vater aber auch deshalb besonders verbunden wissen, weil er diesem seinem Sohn und seither allen, die auf ihn vertrauen, eine Zukunft jenseits des Todes gegeben hat.
    Und damit bin ich beim letzten Gedanken zu Gott dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Dieser hat seine Sohnschaft, so einzigartig sie auch war, ja nicht etwa in egoistischer Manier exklusiv nur für sich selber gelebt. Nein, er hat denen, die ihm nachfolgten, Anteil daran gegeben, indem er sie lehrte, selber an Gott als ihren Vater zu glauben und ihn so anzureden: Vater unser im Himmel…
    Im biblischen Sprachgebrauch verdankt sich diese Anrede nämlich nicht etwa dem, dass wir ja nun mal alle Gottes Geschöpfe sind. Nein, es ist Jesus, der seine Jünger so beten lehrt. Er öffnet uns den Zugang zu Gott, den wir nicht einfach immer schon haben. Das bedeutet aber: er gibt uns Anteil an der „Familienbeziehung“, die er zu Gott seinem Vater hat.
    Liebe Gemeinde, hier wird unser Verhältnis zu Gott auf eine gänzlich neue Basis gestellt. So sehr die Eltern-Kind-Beziehung für einzigartige Nähe und für ein einzigartiges Aufeinander-Bezogensein steht. In der Tat herrscht eine Hierarchie zwischen Eltern und Kindern. Die Rollen sind nicht austauschbar. Aber es kann sehr segensreich sein, die Rolle des Kindes bewusst einzunehmen, weil wir es bei Gott mit einem Vater zu tun haben, der unser Vertrauen verdient – auch da, wo wir bisweilen den Eindruck haben, er sei ganz weit weg von uns. So hat Jesus es jedenfalls nach der Schilderung bei Matthäus auch empfunden. Aber er hat an seinem himmlischen Vater festgehalten, weil er sich sicher war: auch er hält an mir fest.
    Und so wünsche ich uns dieses Vertrauen auf unseren himmlischen Vater, das wir bei Jesus beobachten können, in jeder Stunde unseres Lebens und in der Stunde unseres Todes. Und ich wünsche uns, dass wir, sofern wir selber Mutter oder Vater sind, unseren Kindern mit derselben intensiven Anteilnahme und mit derselben grenzenlosen Liebe entgegenkommen, die Gott uns gegenüber an den Tag legt. Amen.