Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 2 der Predigtreihe  „Zum Teufel“



Liebe Gemeinde,
    rein zufällig, aber sozusagen termingerecht zum heutigen zweiten Teil meiner Predigtreihe „zum Teufel“ hat der Generalanzeiger in seiner Wochenendausgabe dem Bösen eine ganze Seite gewidmet! Der Autor Dietmar Kanthak gibt ihr den Titel „Das Böse ist anders“. Ich komme auf den Artikel noch zurück. Aber sofort können wir feststellen: der Titel bringt etwas sehr Wichtiges zur Sprache, was man über den Teufel sagen muss: schon letzten Sonntag, im ersten Teil meiner Reihe, kam das Böse anders daher, als das Klischee es will: nicht glutrot, auch nicht wie ein Voldemort bei Harry Potter oder wie der Imperator bei Star Wars, sondern eher beiläufig, geradezu freundlich, fast harmlos in Gestalt einer zweifelnden Rückfrage, die die Schlange im Paradies an die Frau mit Blick auf Gottes Gebot richtet. Und heute, wo wir es mit dem Buch Hiob zu tun bekommen, ist das Böse oder besser: ist der Böse noch einmal ganz anders gezeichnet.
    Da treten, wie wir in der Lesung hörten, so genannte „Gottessöhne“ vor Gott hin, und einer unter ihnen ist der Satan. Schon fragen wir uns: „Gottessöhne“ – was sollen das denn für Gestalten sein? Nun, der Verlauf der Erzählung sowie Berührungen mit anderen biblischen Texten lassen nur den Schluss zu, dass es sich dabei um engelähnliche Wesen handelt, die zwischen Gott und Menschen anzusiedeln sind. Einer von ihnen ist der Satan. Erstaunlich genug: der Satan scheint also irgendwie auf die Seite Gottes zu gehören. Das haben wir vielleicht ja schon mal gehört: der Satan sei ein „gefallener Engel“, so sagt man dann. „Luzifer“, der „Träger des Lichtes“, sei sein Name. Nun ist das eine nachbiblische Vorstellung. Aber immerhin, das ist doch bemerkenswert: ausgerechnet diejenige Macht, die das Böse durch und durch verkörpert – Satan, der Teufel –: er wird zunächst einmal irgendwie in der Nähe Gottes lokalisiert. Diese beiden also, zwischen denen man den denkbar größten Abstand erwarten sollte – irgendwie scheinen sie einander näher zu stehen, als wir es je für möglich halten würden. Wobei aber von vornherein auch das Gefälle zwischen beiden klar ist: Gott ist einer, hat die Vaterrolle inne und sitzt gewissermaßen oben in der Hierarchie; Satan gehört zu einer Gruppe von mehreren  „Söhnen“ und ist mit den anderen weiter unten auf der Leiter anzusiedeln.
    Und noch etwas wird sofort deutlich, als Gott und Satan miteinander zu sprechen beginnen: Satan hat etwas mit dem Bösen zu tun. Gott spricht ihn auf Hiob an, einen Menschen, der uns präsentiert wird als jemand, der gegen alles Böse geradezu immun zu sein scheint. So als wollte Gott sagen: Na, Satan, da staunst du, was? An dem wirst selbst du mit all deiner Bosheit dir die Zähne ausbeißen!
    Aber so schnell gibt Satan nicht klein bei: Diesem Hiob geht es ja auch gut; wieso sollte gerade er etwas Böses tun? Du, Gott, hast ihm in allem eine glückliche Hand gegeben; wieso sollte er dir unter diesen Umständen Probleme bereiten? Das Entscheidende ist doch dies: woher willst du wissen, dass Hiob diese Haltung beibehalten wird, wenn du ihm auch mal etwas Böses widerfahren lässt? Sei sicher: dann hält er sein Gottvertrauen nicht lange durch!
    Ich stelle mir Gott vor, wie er einen Moment lang überlegt. Der Satan fordert ihn heraus. Es geht jetzt tatsächlich um einen Machtkampf zwischen den beiden: Gott hat dem Satan Hiob sozusagen als sein bestes Pferd im Stall präsentiert, und der Satan stellt das in Frage. Nun ist Gott in seiner Ehre provoziert. Der Fehdehandschuh liegt förmlich im Ring. Wie wird Gott reagieren? Nun, wir hörten es. Er nimmt ihn auf: „Siehe, alles was Hiob hat, sei in deiner, in des Satans Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht.“ (V. 12)
    Lassen Sie uns hier innehalten: was ist von dieser Reaktion Gottes zu halten? Es ist gleich ein ganzer Schwall von Fragen, die sich mir aufdrängen: zunächst: hat Gott das nötig, sich von so einem kleinen Wadenbeißer namens Satan provozieren zu lassen? Ja und ist es nicht unversehens dahin gekommen, dass Gott seine eigene Ehre jetzt an das Durchhaltevermögen eines Menschen, nämlich Hiobs bindet? Weiß Gott, was er hier tut? Und natürlich vor allem: Wie kommt er dazu, den armen Hiob wie ein Versuchskaninchen für im wahrsten Sinne des Wortes satanische Tests an der eigenen Person in den Ring zu schicken? Ihn Belastungen auszusetzen, die einen Menschen nur noch irre werden lassen können?
    Der Name Hiob ist ja sprichwörtlich geworden, um einen Menschen zu bezeichnen, der Leid im Übermaß zu erdulden hat, ohne dafür in irgendeiner Form verantwortlich zu sein. Allein das ist schlimm genug und Anlass zu Fragen an Gott: Wie steht es mit deiner Macht, die ja sogar „Allmacht“ sein soll, wenn gänzlich unschuldige Menschen schwerste Schicksale erleiden müssen? Kannst du sowas nicht verhindern, abmildern oder zumindest postwendend bestrafen? Oder willst du es am Ende gar nicht verhindern, abmildern, bestrafen? Man weiß fast nicht, was schlimmer wäre: es nicht verhindern zu können, oder es nicht verhindern zu wollen! Was sollen wir von dir halten, wenn wir das alles sehen? Unverschuldetes Leid in Hülle und Fülle, im Kleinen wie im Großen?
    Diese Fragen wären ja schon mehr als genug Anlass, sich Gott höchst kritisch zuzuwenden – oder auch: sich voller Enttäuschung ein für alle Mal von ihm abzuwenden. Aber im Grunde ist alles ja noch viel schlimmer, wenn wir uns die Situation klarmachen, die hier bei Hiob beschrieben wird: da „passiert“ eben nicht nur mal irgendetwas Furchtbares und für uns in keiner Weise Nachvollziehbares, nein: da lässt Gott es ganz bewusst geschehen, ja er provoziert es geradezu, um nicht zu sagen: er macht dem Satan den Vorschlag, es zu tun, eben um die Reaktion des Hiob darauf zu testen! Sagen wir mal ganz deutlich, was hier geschieht: ein Menschenversuch! Von Gott selber erdacht, vom Satan ausgeführt. Die beiden wirken wie zwei Wissenschaftler, die am selben Problem arbeiten, freilich sehr unterschiedlicher Auffassung sind und nun per Versuch herausfinden wollen, wer richtig liegt und wer falsch. Die „Kollateralschäden“ scheinen dabei eine sehr untergeordnete Rolle zu spielen.
    Fast wirkt es wie der Gipfel des Zynismus, dass Gott dem Satan dann doch eine – einzige! – Einschränkung auferlegt: alles darf er mit Hiob machen, nur umbringen darf er ihn nicht. Seien wir realistisch: bei allem, was nun folgt, wäre der Tod für ihn vermutlich eine einzige Erlösung gewesen. Aber selbst die ist ihm nicht vergönnt. –
    Liebe Gemeinde, diese Wette zwischen Gott und Satan kann uns zutiefst verstören. Vielleicht soll sie es auch. So mancher würde vielleicht an dieser Stelle angewidert die Bibel zuschlagen und in die Ecke werfen.
    Nun, ich bitte Sie, dies nicht zu tun. Das Böse ist anders – anders als so manches Klischee, das wir uns von ihm machen. Und auch Gott ist anders, als wir uns ihn meist vorstellen. Ich meine: was uns da zunächst irritieren, ja schockieren mag, könnte sich am Ende als durchaus heilsam erweisen. Damit meine ich zum Beispiel Folgendes: das Klischee vom „lieben Gott“, der dem „bösen Teufel“ natürlich und selbstverständlich und immer und sowieso entgegentritt und ihn besiegt, dieses Klischee hält unserer Wirklichkeit einfach nicht stand, und ich kann es, ehrlich gesagt, nicht mehr hören. Es hat seinen Ort im Kasperletheater und sollte sich darauf beschränken.
    Wobei mir natürlich klar ist, was damit bezweckt werden soll: es soll damit die durch nichts getrübte Güte Gottes, sein uneingeschränktes Gutsein gerettet werden. Gott soll gerade nicht mit dem Satan in irgendeiner Form vermengt werden. Mal ganz abgesehen vom Kasperletheater hat dieses Interesse auch in der Geistesgeschichte immer wieder seinen Ausdruck gefunden: da wurde der Satan als „Gegengott“ verstanden, der für alles Böse auf der Welt verantwortlich erklärt wurde. Warum dann jedoch der dagegen auftretende „gute Gott“ gegen all dieses Böse schließlich den Sieg davontragen soll, bleibt offen, und außerdem: wie es innerhalb der durch und durch guten Schöpfung überhaupt zur Entstehung dieses Gegengottes gekommen sein soll – auch das lässt sich nicht erklären. Deshalb sind die so genannten dualistischen Erklärungsmodelle in der jüdischen und der christlichen Theologie letztens Endes immer zurückgewiesen worden.
    Außerdem meine ich, die lupenreine Unterscheidung von gut und böse scheitert auch in uns Menschen selber, wenn wir ehrlich uns selbst gegenüber sind: wir tragen Beides „irgendwie“ in uns, und ungeachtet dessen, dass wohl kaum jemand von uns sich selber wirklich als abgrundtief böse bezeichnen würden, müssen wir doch auch anerkennen: das Böse ist bisweilen wesentlich reizvoller für uns als das Gute! Das meint übrigens Dietmar Kanthak, wenn er sagt „Das Böse ist anders.“ Ich zitiere ihn: „Das Böse ist anders als das Gute charismatisch, weil es komplex ist und nicht eindimensional. Es geht dem Bösen immer auch um Eroberung, Dominanz und Macht. Das ist nun einmal attraktiver als die einschläfernde Perfektion des Guten.“ Mir fällt dazu einmal mehr das Sprichwort ein, das ich schon letzten Sonntag zitiert habe: „Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kommen überall hin.“ Und Kanthak verweist etwa auf den Schauspieler Anthony Hopkins: der gibt zu, wie gern er in dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ die Rolle des kannibalistischen Killers Hannibal Lecter gespielt habe, und er beschreibt sein Gefühl dabei mit den Worten: „Wir sind fasziniert von der Dunkelheit, die in uns schlummert.“ Das Diabolische, der Teufel prägt uns also mehr, als uns lieb und häufig vermutlich auch bewusst ist.
    Wie aber steht es nun um Gott? Ich sagte: die Kirche hat jeden Dualismus abgewiesen, der ihn als den nur Guten einem Teufel als nur Bösen gegenüberstellen wollte. Aber es wäre natürlich auch problematisch, wollten wir nun das Böse am Ende auf Gott selbst zurückführen! – Liebe Gemeinde, wir kommen hier in der Tat an die Grenze des Sagbaren, ja an die Grenze unserer Vorstellungskraft. Dies spiegelt sich darin, dass auch das biblische Zeugnis an dieser Stelle widersprüchlich ist oder zumindest zu sein scheint. Da haben wir zunächst die klare Aussage: „Der HERR ist gut und gerecht“ (Psalm 25,8), und die Josefsgeschichte im 1. Mosebuch schließt mit dem wunderschönen Satz aus dem Munde Josefs: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen.“ (1. Mose 50,20). Im Neuen Testament heißt es ohne jede Einschränkung: „Gott ist die Liebe“ (1. Johannes 4,16) Es ließen sich unzählige weitere Stellen finden, die in dieselbe Richtung gehen.
    Und doch werden wir bei all dieser Eindeutigkeit auch immer wieder irritiert. Wenn es etwa von König Saul heißt: „Der Geist des HERRN wich von ihm, und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn.“ (1. Samuel 16,14) Ein „böser Geist vom HERRN“! Oder: da stellt der Prophet Amos einmal die rhetorische Frage: „Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tut?“ (Amos 3,6) Andersherum formuliert: Gott reklamiert förmlich die Urheberschaft für alle Unglücke, auf die der Prophet hier anspielt! Mir ist schon klar, dass diese Unglücke ihren Anlass in den Verfehlungen des Volkes haben und nicht Gottes ureigenstem Antrieb entspringen. Gleichwohl ist so eine Inanspruchnahme Gottes für sämtliche Unglücke ein harter Brocken, nicht wahr?!  Und auch im Neuen Testament kann es mit provozierender Härte heißen: „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!“ (Hebräer 10,31) Von wegen „lieber Gott“! Ganz so selbstverständlich ist das mit ihm jedenfalls nicht!
    Dass wir uns nicht missverstehen: ich behaupte nicht, in der Bibel stehe das alles gleichgewichtig nebeneinander: Gott tut das Gute, und er tut eben auch das Böse. O nein! Aber die Bibel tut zumindest das nicht, was gerade besonders fromme Menschen gern tun: Gott von vornherein gleichsam aus dem Dunstkreis des Bösen herauszunehmen. Er wird gerade nicht vor jedem Verdacht, mit dem Furchtbaren auf Erden vielleicht ja doch etwas zu tun haben, in Sicherheit gebracht.
    So ist es auch hier im Hiobbuch. Der Satan tobt sich an Hiob aus: sein Vieh wird gestohlen, seine Knechte werden von einfallenden Horden fremder Völker ermordet. Ja seine Kinder werden in den Trümmern eines einstürzenden Hauses begraben. All das wird durch Satan verursacht. Aber er kann das nur verursachen, weil Gott ihm die Erlaubnis dazu gegeben hat. Hiob hat allen Grund, sich von Gott abzuwenden. Aber was tut er? Er sagt die berühmten Worte: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ (1,21) – Eins zu null für Gott gegen Satan, so möchte man sagen. Wobei der Preis für diesen „Sieg“ uns erschaudern lässt!
    Im 2. Kapitel zieht Satan die Schraube noch weiter an: Wenn er, Hiob, dir, Gott, in all seinem Leid die Treue gehalten hat, dann doch nur, weil dieses Leid ihn bisher nicht am eigenen Leibe betraf! Aber wenn es ihm im wahrsten Sinne des Wortes an die eigene Haut geht, dann wirst du, Gott, schon sehen, wie er sich von dir abwenden wird! – Und schon hat Satan Gott so weit, dass er seine Wette – oder sollte ich vielleicht sagen: seine „Versuchsanordnung“! – wiederholt: „Siehe da, er, Hiob, sei in deiner Hand, doch schone sein Leben!“ (2,6) Und Hiob wird am ganzen Körper von einer Hautkrankheit befallen, die ihn fürchterlich quält. Zu allem Überfluss beginnt seine Frau nun auch noch, ihn zu verspotten: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sag Gott ab und stirb!“ (2,9)
    Niemand könnte Hiob einen Vorwurf machen, wenn er genau diesen Vorschlag jetzt annähme. Aber er weist seine Frau zurecht: „Du redest, wie die törichten Weiber reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (2,10)?
    Bis hierher ist es ganz eindeutig: Satan hat sein Ziel verfehlt. Hiob hält an Gott fest. – An dieser Stelle jedoch muss ich Ihnen einen kurzen Einblick in den Aufbau des Buches Hiob geben, weil das von großer Wichtigkeit für das Verständnis der Geschichte in ihrem Zusammenhang ist. Die Kapitel 1-2 sowie dann am Ende das Kapitel 42 ab seinem siebten Vers, sie bilden die so genannte „Rahmenhandlung“. Innerhalb dieser ist es ganz klar: Hiob bleibt Gott treu, was sich darin zeigt, dass er alles Unheil klaglos erduldet. Der Satan beißt sich tatsächlich die Zähne an ihm aus! Dafür wird Hiob ganz am Schluss reichhaltig belohnt. Es heißt: „Und der HERR gab Hiob doppelt soviel, wie er gehabt hatte.“ (42,10) Hiob steht also plötzlich sogar besser da als je zuvor. Sein Durchhaltevermögen hat sich rentiert! Und der Satan ist aus der Geschichte verschwunden; in Kapitel 42 wird er nicht einmal mehr auch nur erwähnt! Geradezu märchenhaft klingt es, wenn es von Hiob, der doch alle seine Kinder verloren hatte, nun heißt: „Er bekam 7 Söhne und 3 Töchter.“ (42,13) Und fast gleitet die Geschichte noch richtig ins Kitschige ab, wenn wir nämlich lesen: „Und es gab keine so schönen Frauen im ganzen Lande wie die Töchter Hiobs. Und ihr Vater gab ihnen Erbteil unter ihren Brüdern. Und Hiob lebte danach 140 Jahre und sah Kinder und Kindeskinder bis ins vierte Glied. Und Hiob starb alt und lebenssatt.“ (42,15-17) -
    Nur, liebe Gemeinde: das klingt ja alles wunderschön, aber zum einen: soll das jetzt wirklich die Botschaft sein: nimm alles Leid klaglos an; dann stehst du am Ende als der Gewinner da!?! Und zum anderen: die Rahmenhandlung ist nur der eine Teil des Hiobbuches, der sehr viel kleinere noch dazu! Die Kapitel 3-41 atmen aber einen Geist, der sich von dem der Rahmenhandlung doch gewaltig unterscheidet: es ist ein Redenteil, und der geht los mit einer zuhöchst bitteren Rede Hiobs, in der er Gott anklagt und den Tag seiner Geburt verflucht: „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin!“ (3,3) Wahrlich nicht die freundlichste Art, mit seinem Schöpfer zu sprechen! Aber endlich mal Worte, die wir nachempfinden können – vermute ich wenigstens!
    Nun geht es weiter damit, dass Hiob von Freunden aufgesucht wird, die ihm zu erklären versuchen, Gott werde ihn wohl nicht ohne Grund so hart strafen. „Wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt?“ (4,7) So spricht Eliphas, der erste der Freunde. Er will sagen: Wenn Gott dich so hart rannimmt, dann denk mal darüber nach, welchen Grund du ihm dafür geliefert hast! Eliphas hält das Prinzip hoch, das man den „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ nennt und das wir auf die Formel bringen könnten: keine Wirkung ohne Ursache. Wer wollte dem widersprechen?
    Nun, Hiob widerspricht ihm, und wie! Ein ums andere Mal beteuert er seine Unschuld und fragt zurück, an Gott gerichtet: „Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe?“ (4,20) Und er beteuert klipp und klar: „Ich bin unschuldig!“ (9,21) Ja er geht zum Gegenangriff über: „Mich ekelt mein Leben an. Ich will meiner Klage freien Lauf lassen und reden in der Betrübnis meiner Seele und zu Gott sagen: Verdamme mich nicht! Lass mich wissen, warum du mich vor Gericht ziehst!“ (10,1-2) Und er redet mit Gott in einem Ton, den man gerade von einem Paradebeispiel an Frömmigkeit wohl nicht erwarten würde: „Gefällt dir’s, dass du Gewalt tust und verwirfst mich, den deine Hände gemacht haben, und bringst der Gottlosen Vorhaben zu Ehren? Hast du denn Menschenaugen, oder siehst du, wie ein Sterblicher sieht? Oder ist deine Zeit wie eines Menschen Zeit oder deine Jahre wie eines Mannes Jahre, dass du nach meiner Schuld fragst und nach meiner Sünde suchst, wo du doch weißt, dass ich nicht schuldig bin und niemand da ist, der aus deiner Hand erretten kann?“ (10,3-7)
    Viele Kapitel lang geht das so weiter: die Freunde versuchen, Hiob einzureden, irgendwas müsse er doch wohl getan haben, dass Gott ihn so hart bestraft. Hiob aber beharrt darauf: Ich bin nicht schuld an meinem Schicksal. Punkt!
    Wie mag nun Gott auf Hiobs Beharrlichkeit reagieren? In aller Kürze: bezeichnenderweise lässt er sich auf kein Argumentieren ein. Weder behauptet er, Hiob habe gesündigt und damit Strafe verdient, noch gibt er selber klein bei und bekennt, er habe etwa selber einen Fehler damit gemacht, dass er Hiob der Willkür des Satans ausgesetzt hat. Er stellt vielmehr den unendlichen Unterschied zwischen ihm selber als Schöpfer und Hiob als Geschöpf heraus und weist Hiob damit seinen Platz an. Und Hiob? Für uns Heutige wohl erstaunlich, ja befremdlich: er fügt sich; er nimmt diese Belehrung an und stellt seine Klage ein.
      Was ich nun aber bezeichnend finde: gerade wenn wir davon ausgehen, dass die Rahmenhandlung, die Hiob als ungebrochen frommen und gottergebenen Menschen zeigt, und der Redenteil, in dem Hiob der klagende, ja der sich bitter bei Gott Beklagende ist – wenn wir davon ausgehen, dass dies zwei literarisch völlig verschiedene Teile innerhalb des uns heute vorliegenden Hiobbuches sind, dann stellt sich doch die Frage: was mag sich derjenige gedacht haben, der aus diesen beiden Teilen sozusagen die Endredaktion gemacht und sie zu einem Buch zusammengesetzt hat, indem er ganz einfach den Redenteil in die Rahmenhandlung eingepasst hat?
      Auf diese Frage gibt es für mich nur eine überzeugende Antwort – die aber hat es in sich: durch die „Einbettung“ in die Rahmenhandlung werden die Reden Hiobs an seine Freunde zu einem völlig legitimen Teil seines untadeligen Charakters erklärt! Wenn also Gott am Ende Hiob so reichhaltig belohnt, dann bedeutet das: er akzeptiert den Protest, den Hiob ihm entgegenschleudert! Er ist ihm lieber als die wohlgeschliffenen Reden seiner Freunde! Sie wollen Gott verteidigen – Gott aber schlägt dieses Bemühen aus und erklärt  demgegenüber den Protest Hiobs für nachvollziehbar! Harte Worte findet Gott ausgerechnet für die, die sich doch als seine, als Gottes Anwälte aufspielen: für die Freunde Hiobs! Zu Eliphas sagt er: „Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde, denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.“ (42,7) Hiobs Protest scheint demnach eher „rechte Rede“ von Gott zu sein als die Versuche der Freunde, Gott in Schutz zu nehmen.
      Das aber bedeutet doch nun: der Satan hat nicht dadurch Macht über Hiob gewonnen, dass er Hiob zur Klage, ja Anklage gegen Gott gebracht hat. Er hat eher Macht über seine Freunde gewonnen, dadurch dass er sie zu ihren letztlich hilflosen Erklärungsversuchen für das Leid Hiobs veranlasst hat! Man könnte meinen, das sei aber verkehrte Welt. Mag sein, aber erinnern wir uns daran: Das Böse ist anders – anders als wir so landläufig meinen. Und wie gesagt: auch Gott ist bisweilen anders, als wir ihn uns so vorstellen! –
      Liebe Gemeinde, ich fürchte, es wird mir nicht gelingen, die Empörung, die Gottes Wette mit dem Satan in uns provoziert, durch besonders ausgefeilte Erklärungen zu beseitigen. Aber ich versuche auch schon gar nicht mehr, solche Erklärungen zu finden. Inzwischen denke ich: das wäre wohl genauso nutzlos, ja irreführend, wie es die Versuche der Freunde Hiobs waren, die Gründe für sein Leid gemäß dem Tun-Ergehen-Zusammenhang herausfinden zu wollen.
      Auf der anderen Seite möchte ich nicht dem Impuls erliegen, in Ermangelung einer brauchbaren Erklärung dafür, warum Gott sich auf so eine Wette einlässt, Gott selber gleichsam ad acta zu legen und von ihm nichts mehr wissen zu wollen. Wir werden niemals alles erklären und verstehen können, was wir von Gott her erleben. Denn, ganz einfach gesagt: er ist der Schöpfer, und wir sind die Geschöpfe. Punkt. Hiob, wir sahen es, akzeptiert das.
      Vielleicht haben wir den Eindruck, er gibt einfach klein bei – eine Haltung, die wir uns gewiss nicht gern zueigen machen würden!
      Aber vielleicht ist es ja auch ganz anders: vielleicht kann Hiob Gottes schroffe Rede an ihn ja deshalb akzeptieren, weil er im Grunde seines Herzens davon überzeugt ist, dass Gott ihn ungeachtet seiner Wette mit dem Satan eben doch nicht vollständig in dessen Gewalt gegeben hat?! Und dann ist es eben doch nicht der Gipfel des Zynismus, dass der Satan Hiob letzten Endes nicht umbringen darf. Sondern es ist das entscheidende Zeichen dafür, dass Gott dem Satan eben doch nie wirklich ganz freie Hand gegen uns lässt! Dass er ihn zwar – leider und für uns oft unverständlich und geradezu unerträglich – eine Menge Unheil anrichten lässt. Aber dass er ihm irgendwann eben doch Einhalt gebietet und die Fäden des Weltgeschehens wie auch unseres persönlichen Lebens nicht aus der Hand gibt!
      Liebe Gemeinde, ich hoffe und bete, dass wir in allem häufig so undurchdringlich erscheinenden Dickicht, das durch das Wirken Satans auf unserer Welt liegt, diese Gewissheit nicht verlieren. Dass wir uns vielmehr an ihr festhalten und damit dem Satan ein ums andere Mal die Stirn bieten.
      Und wenn uns Gottes Großzügigkeit Satan gegenüber bisweilen geradezu in den Wahnsinn treibt – dann gehen wir hin, klagen wir Gott unser Leid, ja klagen wir ihn an, wenn wir wissen, dass uns manches Leid völlig zu Unrecht trifft! Er hält das aus, und vielleicht muss er das auch mal deutlich gesagt bekommen! Aber geben wir die Hoffnung nicht auf, dass nicht Satan, sondern Gott das letzte Wort über uns sprechen wird. Und dass dieses Wort ein Wort des Erbarmens, ein Wort des Trostes und der Liebe sein wird. Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.