Teil 3 der Predigtreihe „Zum Teufel“



    „Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“ Er aber antwortete und sprach: „Es steht geschrieben: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.““
    Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen.““ Da sprach Jesus zu ihm: „Wiederum steht auch geschrieben: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.““
    Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Da sprach Jesus zu ihm: „Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.““
    Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“

Liebe Gemeinde,
    der Teufel als der „Versucher“ – so wird er uns heute einmal mehr präsentiert. Also als einer, der Tests durchführt, und die Testperson ist diesmal Jesus. Bei Hiob bereits war es ähnlich – und dann doch wieder ganz anders: dort testete der Teufel den Glauben Hiobs, indem er ihn alles Unheil dieser Welt erleiden ließ. Würde Hiob da noch an seinem Glauben an Gott festhalten? Darüber haben wir vor zwei Wochen Näheres erfahren.
    Heute lässt der Teufel seine Versuchsperson nicht leiden, im Gegenteil, leiden tut Jesus schon so: mal ganz abgesehen davon, dass er sich ausrechnen kann, dass sein Weg schwer werden wird, hat er an dem Punkt, wo unsere heutige Geschichte beginnt, schon 40 Tage und Nächte gefastet. Ausdrücklich heißt es: es „hungerte ihn.“
    Und genau hier interveniert der Versucher nicht etwa, indem er die Schraube des Leides weiter anzieht, sondern im Gegenteil: er weist Jesus einen Weg aus dem Leid heraus! „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“
    An diesem Vorschlag des Teufels, den er Jesus macht, ist gleich Mehreres bemerkenswert: zum ersten: der Teufel kennt die Bibel, und er weiß sie zu zitieren! Ausgerechnet er, der Gott doch ferner sein sollte als jeder Andere, ausgerechnet er argumentiert mit Gottes Wort! Und auch noch mit einem sehr heilvollen Wort: Steine zu Brot – das heißt doch: Leben statt Tod! Dafür steht Gott gut! Und gerade Jesus sollte doch derjenige sein, der diesen Gott verkündigt und sein Wort in die Tat umsetzt!
    Denn, und das ist das Zweite, was über den Teufel zu sagen ist: er kennt auch Jesus gut: „Bist du Gottes Sohn, …“ so beginnt er seine Einlassung. Der Teufel weiß Jesus zielstrebig und genau auf denjenigen Aspekt seiner Person anzusprechen, der sein innerstes Wesen ausmacht. Seine Nähe zu Gott ist unüberbietbar; das gilt es doch zu nutzen! Er selbst könnte seinem Hunger ein Ende machen, ja noch mehr –
    und damit bin ich beim Dritten, das ich am Teufel hier höchst bemerkenswert finde: er spricht Jesus auf etwas an, das wir doch für unsere Welt nur so herbeisehnen: Du kannst hier etwas tun, das nicht nur dir selbst zugute kommt. Mach dem Hunger auf Erden ein Ende – ein für alle Mal! Du hast Anteil an der göttlichen Macht – das gilt es zu nutzen! Zu deinem  eigenen Vorteil und zugleich für das Wohlergehen der ganzen Welt!
    An dieser Stelle, wo die Aufforderung des Teufels im Raume steht und Jesus nun reagieren muss, können wir uns viele Dinge fragen, etwa: Könnte Jesus tun, was der Teufel ihm rät? Oder sind solche Zauberkunststückchen eben doch jenseits seiner Kräfte, so wie sie es für jeden von uns wären?
    Wenn ich die Zusammenhänge richtig beurteile, dann meine ich: wir kommen nicht um die Feststellung herum: die Geschichte geht davon aus, dass Jesus tatsächlich „könnte“; so wie er halt immer wieder Wunder tun “kann“ und ja auch tut! Wir sind in der Regel immer wieder beeindruckt, wenn Jesus in der Bibel Wunder tut. Daher rührt sein Ruf als großer Wohltäter, als Freund und Helfer, der diesen Namen wirklich verdient. Aber bedenken wir doch auch mal die Kehrseite: wie häufig „könnte“ er – aber er tut es nicht?! In eben demselben Maße, wie man in Jesu Wundern einen Ausweis seiner Göttlichkeit erblickt, müsste man ihn doch eigentlich in Frage stellen, wo er dem Leid um sich herum doch immer wieder auch begegnet, ohne mit göttlicher Kraft zu intervenieren und das Blatt zu wenden – oder?!
    Es wäre zu billig anzunehmen: Jesus muss vor dieser auch noch biblisch begründeten Aufforderung des Teufels kapitulieren und flüchtet sich in ein anderes Bibelzitat hinein, nur damit er nicht stumm und passiv hier vom Teufel vorgeführt wird. Nein, es ist davon auszugehen: er will sich nicht auf den Teufel einlassen. Warum aber will er das nicht, bei einer Frage, die eigentlich doch gar nicht so „teuflisch“ wirkt, im Gegenteil?
    Liebe Gemeinde, in Matthäus 4 wird keine eindeutige Antwort auf diese Frage gegeben. Gleichwohl meine ich, aus der gesamten Geschichte Jesu zumindest eine Vermutung ableiten zu können, warum Jesus hier sowie auch in verschiedenen anderen Situationen Wunder nicht tut, die er theoretisch tun könnte: Jesus ist nicht gekommen, um überall im Handumdrehen alles ins Positive zu kehren. Er ist kein Zauberer, dessen einziges Interesse darin bestünde, überall und ständig seine tollsten Tricks zu präsentieren. Er ist vielmehr gekommen, um uns Menschen zum Glauben an Gott zu rufen, und das bedeutet auch: zum Vertrauen gegen den Augenschein, ja auch: zur Bereitschaft, unbequeme Wege zu gehen, wenn die Liebe zum Mitmenschen sie gebietet und sich anders nicht konsequent praktizieren lässt. Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, wohl aber alle seine Verheißungen. Dies beides ist nicht miteinander zu verwechseln. Es ist jedoch das Kerngeschäft des Teufels, uns Dinge verwechseln zu lassen, sie durcheinanderzubringen. Heißt „Teufel“ im neutestamentlichen Griechisch doch gerade „diabolos“ – zu deutsch: der „Durcheinanderwerfer“! Darin wirkt er „so richtig“ teuflisch, und genau das tut er in dieser Szene der Versuchungsgeschichte!
    Jesus ist bereit, Wunder zu tun, wenn sie im Plan Gottes vorgesehen sind. Aber ebenso wenig wie jemand, dem einmal eine wunderbare Heilung zuteil geworden ist, nun auf Ewigkeit ohne Not, Krankheit und Leid leben muss, ebenso wenig gilt etwa das Prinzip, immer und überall müsse Jesus Wunder tun. Nein, diese geschehen sporadisch, sind Zeichen einer künftigen Welt und sollen gerade nicht dazu führen, dass unsereiner die Arme verschränkt und den Wundertäter mal schön machen lässt, sondern dass wir uns in Jesu Nachfolge rufen lassen! Sensationsgier wird von Jesus nicht bedient; für irgendwelche Castingshows wäre er der schlechteste Kandidat. Aber den Blick auf Gottes Wort lenken – das tut er; und dort, so sagt er es unmissverständlich, dort liegt das Entscheidende für uns bereit: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“
    Aber so schnell gibt der Teufel nicht auf. Von der Wüste geht es nach Jerusalem, hoch hinauf auf eine Tempelzinne. Noch einmal versucht der Teufel es mit Hinweis auf Jesu besondere, ja einzigartige Beziehung zu Gott: „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen.““
    Jetzt wird es so richtig eng für Jesus – und für uns vielleicht auch: immerhin ist dieses Wort aus Psalm 91, das der Teufel zitiert, seit Jahren bei uns in der Thomaskirche und weit darüber hinaus der wohl beliebteste Taufspruch! Ein Wort, das bei uns also sehr positiv besetzt ist – wobei: es reflektiert weniger den Ist-Zustand unserer Welt, als dass es eine Hoffnung formuliert: So würden wir es uns wünschen: dass Gott uns vor jeder Gefahr bewahrt, dass uns niemals und nirgends etwas passieren kann! Aber leider: die Verhältnisse, sie sind nicht so – noch nicht jedenfalls.
    Ist es diese Einsicht in die Realitäten, die Jesus sich hüten lässt, den Sprung von der Zinne zu wagen? – Nun, ich glaube, das ist es gar nicht. Es ist nicht der Zweifel an Gottes Macht, die Jesus am Sprung hindert, im Gegenteil: ich vermute, es ist gerade der Respekt vor Gottes Macht, die Jesus nicht springen lässt!
    Denn es gilt wiederum, wie bei der ersten Versuchung: Jesus ist nicht gekommen, um die Sensationsgier von wem auch immer zufriedenzustellen. Es ist gerade kein Zeichen von Frömmigkeit, sich blind in Gefahr zu stürzen. Hier gilt vielmehr ein Bibelwort, das auch dazu geeignet gewesen wäre, dass Jesus es dem Versucher an dieser Stelle hätte entgegenhalten können: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!“ (Jesus Sirach 3,27) Irgendwelchen Harakiri-Aktionen jedenfalls wird in der Bibel gerade nicht Gottes Schutz in Aussicht gestellt.
    Jesus hält dem Versucher ein anderes Bibelwort entgegen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ Anders gesagt: was du, Teufel, der Versucher par excellence, hier tust, das sollen wir Gott gegenüber jedenfalls grundsätzlich nicht tun. Und daran halte ich, Jesus, mich auch. Natürlich stellt sich die Frage: wie ist das eigentlich umgekehrt? Ist Gott nicht derjenige, der uns Menschen immer wieder „versucht“, auf die Probe stellt, testet? Denn so völlig unabhängig von Gott agiert ja auch der Teufel nicht, wenn er zum „Versucher“ wird. Sowohl von Hiob als auch von unserer heutigen Geschichte her wäre dazu noch so Einiges zu sagen. Ich komme gegen Ende darauf noch einmal zurück. Vorerst jedenfalls gilt: egal, wie es um Gott stehen mag als jemanden, der Versuchungen möglicherweise zulässt oder sogar mitverantwortet – der Mensch hat ihm gegenüber dieses Recht nicht! Und Jesus fängt da gar nicht an zu argumentieren, nein: er respektiert dieses Verbot schlicht und einfach.
    Wieder ist der Teufel also abgeblitzt. Aber nicht nur aller guten Dinge sind drei, aller schlechten offensichtlich auch: der Teufel unternimmt noch einen Anlauf, und diesmal geht es in jeder Hinsicht richtig hoch hinauf: auf einen sehr hohen Berg – gleichgültig, wo der gewesen sein mag: er zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Nun redet der Teufel geradeheraus; er versucht es nicht einmal mehr mit der Berufung auf Jesu Gottessohnschaft. Man hat Schwierigkeiten sich vorzustellen, wie die beiden auf dem Berg alle Reiche der Erde zugleich sehen konnten – aber egal: es ist doch klar, worum es geht: alles soll Jesus regieren dürfen, um den einen Preis, dass er den Teufel anbetet. Hier rückt er, der Teufel, eindeutig an die Stelle Gottes. Aber sein Angebot ist eben auch denkbar lukrativ. Wird Jesus auch hier widerstehen können?
    Er kann, und er tut es auch. Er beruft sich auf das erste der 10 Gebote und weist eben damit den Versucher ab. Wahrscheinlich haben wir nach den zwei ersten missglückten Anläufen des Teufels hier mit nichts Anderem mehr gerechnet. Aber machen wir uns bitte klar, wie wenig selbstverständlich auch hier Jesu Reaktion ist: es ist so ähnlich wie bei der ersten Versuchung: wieviel Gutes könnte er, Jesus, nicht tun, wenn er das Angebot des Teufels annähme? Er könnte alle Reiche dieser Welt nach seinen Vorstellungen regieren. Endlich würden so umfassend Gerechtigkeit, Frieden und alle erstrebenswerten Dinge dieser Welt Einzug halten. Wieso lässt Jesus sich auch diese Gelegenheit entgehen?
    Liebe Gemeinde, wir könnten es für diesen dritten Anlauf des Teufels ebenso wie für seine beiden ersten Anläufe so sagen: weil das Vorzeichen vor der Klammer nicht stimmt! Den Teufel anbeten, das ist keine Lappalie. Ich weiß schon, dass heute viele Menschen das 1. Gebot nicht mehr besonders wichtig finden, oder sie finden es sogar gerade gefährlich – hört es sich doch so an, als spreche hier ein Egomane, der neben und außer sich nichts und niemand Anderes gelten lässt.
    Aber so ist es nicht, und Jesus weiß das: er weiß, dass er seinem himmlischen Vater alles verdankt und darum auch ihm über alles andere verpflichtet ist. Nicht Zwang regiert Jesu Ablehnung des im wahrsten Sinne des Wortes teuflischen Angebotes, sondern Dankbarkeit! Sowie das Vertrauen, dass er, Jesus, sich auch künftig bei diesem Gott, den er seinen Vater nennen darf, immer und überall in den besten Händen weiß.
    Dieses Wissen ist für Jesus der Grund dafür, dass er jeden Pakt mit dem Teufel ablehnt. Mit dem Teufel paktiert man nicht – Punkt. Ende der Debatte. Weil man sich damit überheben würde. Weil da nie zwei gleichberechtigte Partner aufeinander treffen. Niemand bilde sich ein, diesen Pakt noch kontrollieren zu können. Er ist eben nicht die gehörnte glutrote Witzfigur, der Teufel. Hier macht Jesus keinerlei Kompromiss.
    Damit aber hat er die Versuchung nun wirklich überstanden, und die diabolischen Tests hat er allesamt bestanden. Engel, so heißt es, kommen und dienen ihm – wie auch immer wir uns das vorzustellen haben. –
    Liebe Gemeinde, die Geschichte ist aus Sicht der Bibel gut ausgegangen. Für mein Empfinden jedoch bleiben Fragen, sehr wichtige sogar: Was machen wir nun eigentlich mit alledem? Geht es hier indirekt auch um uns oder nicht doch speziell um Jesus? Unsereinem wird wohl kaum nahegelegt, Steine in Brot zu verwandeln. Wäre wohl auch von vornherein ein recht aussichtsloses Unterfangen. Ebenso stünde es mit der Option, die ganze Weltregierung übertragen zu bekommen. Insofern scheint es, ist die Geschichte doch sehr weit von uns entfernt und hat es wohl speziell mit Jesus, dem Messias zu tun.
    So berechtigt diese Feststellung auch sein mag – ich glaube kaum, diese Geschichte von der Versuchung Jesu durch den Teufel wäre von Matthäus überliefert worden, wenn sie mit unserem Leben rein gar nichts zu tun hätte.
    Ein erster Punkt: Wir erfahren hier Wichtiges über den Umgang mit der Bibel. Nicht jeder, der ein Bibelwort im Munde führt, der die Bibel zu zitieren weiß, steht deshalb schon auf Seiten Gottes! Nun sagen manche Zeitgenossen ja mit einer Mischung aus Resignation und Häme: Ja ja, aus der Bibel kann man halt alles herauslesen, vom Pazifismus bis zum Segnen von Waffen, von grenzenloser Toleranz bis hin zum Schlagen von Kindern als Mittel der Erziehung, von der beispiellosen Güte der Schöpfung bis dahin, dass sie als durch und durch verderbt von der Sünde angesehen wird – usw.
    Aber das ist gerade nicht die Lehre, die die Versuchungsgeschichte uns mitgibt! Ich sehe hier ganz im Gegenteil einen Jesus, der die Bibel umso besser kennt und gerade deshalb immun gegen die trickreichen, aber zugleich höchst perfiden Tricks des Teufels ist. Denn Jesus argumentiert ja seinerseits mit derselben Bibel, nimmt aber für sich in Anspruch, die so zu zitieren, wie es Gottes Willen entspricht!
    Ich erinnere mich daran, wie ich als Student bisweilen Besuch von den Zeugen Jehovas an der Tür hatte. Einmal war da eine Frau, die mir einen längeren Vortrag hielt, gespickt mit Bibelzitaten. Irgendwie beeindruckend, durchaus. Aber nun war ich ja Theologiestudent und beruflich ebenfalls mit diesen Dingen befasst. Ich konterte also meinerseits mit Bibelversen. Das hat die Frau sichtlich irritiert, und es dauerte nicht lange, da drehte sie sich um, ging fort und kam auch nie mehr wieder. Ein wenig hat mich das damals amüsiert und auch etwas stolz gemacht. Aber eigentlich wusste ich, dass ich keinen Anlass dazu hatte: nur weil ich Theologie studierte, kannte ich mich ein wenig aus. Ansonsten wäre ich an dieser Stelle ziemlich hilflos gewesen, wie vermutlich die meisten unter uns es auch wären.
    Ich kann deshalb nur den Rat geben: lesen Sie dieses Buch! Sprechen Sie mit anderen darüber! Bilden Sie sich ihre eigene Meinung dazu! In diesem Zusammenhang kann ich Sie einladen: die Älteren vielleicht in den Bibelkreis bei Pfarrer Dr. Rohland. Für Jüngere wäre unser Kreis „Tacheles“ geeignet. Sie werden beim Lesen der Bibel zwar immer wieder auch irritiert werden. Aber dann werden Sie lernen, Bibelworte in ihren jeweiligen Zusammenhang einzuordnen, und außerdem bin ich sicher: Sie werden in den Texten Entdeckungen machen, die Sie ungemein bereichern können – und die Sie auch widerstandsfähiger machen, wenn Ihnen vielleicht ja auch mal so ein „Teufel im frommen Gewande“ begegnen sollte!
    Ein zweiter Punkt: Die Versuchungen, denen Jesus hier ausgesetzt ist, haben ja darin ein gemeinsames Vielfaches, dass sie allesamt vorgeben, das Leben schöner, leichter, erträglicher zu machen. Es erschiene also nicht nur bequemer, ihnen nachzugeben; es macht auch den Anschein, als könne gerade dadurch Gutes auf der Welt bewirkt werden! Jesus lässt sich jedoch auch unter diesem sicherlich verlockenden Aspekt nicht darauf ein. Warum nicht? Ich habe es vorhin schon einmal mit einem Bild so gesagt: Weil das Vorzeichen vor der Klammer dabei nicht stimmt. Was vom Teufel ist, das ist im wahrsten Sinne des Wortes vom Bösen! Und das kann nie und nimmer gut sein! Noch einmal: Wer meint, einen Pakt mit dem Teufel abschließen zu können, der überhebt sich!  
          Ich habe zuhause ein Video, das trägt diesen Titel: „Pakt mit dem Teufel“. Es ist ein Dokumentarfilm über den sogenannten Satanismus, eine unter jüngeren Leuten hier und da durchaus als attraktiv empfundene Bewegung, die zum Prinzip hat, alles gegen den Strich bürsten zu wollen, was traditionell als maßgeblich gilt: da ist schwarz die schöne Farbe und nicht etwa weiß, die Nacht die Zeit des Lebens und nicht etwa der Tag, das Eigeninteresse steht im Vordergrund und nicht etwa so etwas wie Nächstenliebe, und es wird folgerichtig Satan verehrt und nicht etwa Gott. Man mag das alles vordergründig als pubertäres Gehabe ansehen, das bei den meisten, die sich dafür begeistern, auch wieder vorübergeht. Freilich hat der Satanismus schon zuviel Unheil angerichtet, als dass man es bei dieser saloppen Beurteilung belassen sollte, wie ich meine. Und er ist pseudophilosophisch „unterfüttert“, wie ich das nennen möchte, durch die Lehre von Aleister Crowley, eines Engländers, der vor etwa 100 Jahren ein durch und durch egoistisches Weltbild vertrat. Wer meint, mit dem Teufel „paktieren“ zu können, der möge wissen, dass er sich letztlich einer durch und durch asozialen Instanz anvertraut, deren Sog er nicht entkommen wird.
      Sogar Jesus fühlt sich offensichtlich an dieser Stelle nicht souverän genug, einen solchen Pakt eingehen zu können, ohne Schaden zu nehmen – um wieviel mehr wird das nicht von uns hier und heute gelten! Es ist nicht der reine Zufall, dass in Gestalt dieses Teufels das Böse hier personifiziert dargestellt wird. Es ist eine Macht, die Menschen in ihren Besitz bringen will. Sich darauf einzulassen, hat noch niemand schadlos überstanden. Jesus weiß das – und er lässt sich ganz einfach nicht darauf ein. Wir sollten nicht meinen, wir wüssten es besser als er.
      Das ist so ähnlich, wie wenn jemand Ihnen in einer Stresssituation eine Droge anbietet, die Sie in eine so schöne Stimmung versetzt, dass Sie den Stress nicht mehr spüren. Sehr verlockend, ein solches Angebot, nicht wahr? Aber Droge bleibt Droge! Sowas hat immer ein „dickes Ende“, das man im ersten Moment noch nicht ahnt. Da kann es nur heißen: Finger davon, oder du überhebst dich! Da wo jemand Anderes als Gott selbst unsere Verehrung beansprucht, da geht der Schuss früher oder später immer nach hinten los, egal wie attraktiv das Ganze zuvor auch gewirkt haben mag! Und davor möchte uns Jesus bewahren.
    Ein dritter und letzter Punkt, freilich vielleicht auch der schwierigste von allen: wir stehen einmal mehr vor der Frage, wo Gott eigentlich in diesem ganzen Versuchungsgeschehen zu lokalisieren ist. Er ist nicht der Versucher, sondern das ist der Teufel. Und unser Lesungstext aus Jakobus 1 lässt eigentlich keinen Zweifel offen: „Gott selbst versucht niemanden.“ (Jakobus 1,13)
    Aber schon wie letztes Mal bei Hiob, so liegen auch hier die Dinge nicht ganz so einfach: immerhin beginnt unsere Geschichte mit den Worten: „Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.“ Und dieser „Geist“, von dem hier die Rede ist, ist kein anderer als der Geist Gottes! Was also ist Gottes Rolle in alledem? Er ist nicht der Versucher selbst, wohl aber in irgendeiner Form der „Ermöglicher“ des Versuchungsgeschehens. Ich hätte nach diesem Beginn unserer Geschichte nicht die Freiheit, ganz so kategorisch zu formulieren, wie Jakobus es tut – so als könne Gott von vornherein und grundsätzlich nichts mit dem Versuchungsgeschehen zu tun haben.
      Und ganz nebenbei: wir beten ja auch im Vaterunser immer die Worte: „Und führe uns nicht in Versuchung!“ (Matthäus 6,13) Wenn aber doch von vornherein feststünde, dass Gott das ohnehin niemals tun würde, ja dann wäre diese Bitte doch überflüssig, dann hätte sie sich von vornherein erübrigt, nicht wahr?! Was also ist mit Gottes Rolle im Versuchungsgeschehen?
    Es ist wohl kein Zufall, dass das biblische Zeugnis an dieser Stelle selber so spannungsvoll ist. Auf der einen Seite ist festzuhalten: Gott ist nicht der, für den wir lediglich „Versuchskaninchen“ sind. Er setzt uns nicht emotionslos irgendwelchen Tests aus. Bei Hiob hat das zwar den Anschein, aber die Voraussetzung, unter der dort alles geschieht, ist ja die, dass Gott sich sicher ist: dieser Hiob, „mein“ Hiob sozusagen, der wird das schaffen! Ihm – und vermutlich nur ihm – kann ich das zumuten. Ähnlich unterstelle ich es für die Versuchungsgeschichte. Nur weil Gott das berechtigte Vertrauen haben konnte, Jesus werde stark genug für die satanische Versuchung sein, nur deshalb lässt er sie an ihm zu. Das allerdings müssen wir auf der anderen Seite realistisch sehen: Gott lässt die Versuchung zu; der Teufel hat bei ihm seinen Raum – hoffentlich nicht ewig lang, aber momentan noch.
    Allerdings: wenn ich sage: der Teufel hat bei Gott seinen Raum, dann sage ich damit indirekt: Gott selber ist es, der diesen Raum gibt – warum auch immer – und der ihn zugleich begrenzt. Der also das Heft des Handelns letztlich nicht aus seiner Hand gibt. Es bleibt dabei: Gott und Teufel, diese beiden stehen einander nicht gleichberechtigt gegenüber, sondern letzterer entfaltet sich immer nur innerhalb des Raumes, den Gott ihm gibt.
    Was aber bedeutet das für uns? Was haben wir in diesem Zusammenhang von Gott zu erwarten, vielleicht zu befürchten? Ich möchte darauf vertrauen, dass auch von uns niemand von Gott letzten Endes überfordert wird – wobei ich Ihnen sofort zugeben muss, dass mir dieses Vertrauen wahrlich nicht immer leicht fällt, wenn ich manche Lebensläufe und Schicksalsschläge bedenke, die Menschen treffen können, aber auch manche Verlockungen, denen wir so leicht nachgeben.
    Nun könnten wir uns immer weiter mit der Frage abmühen, was Gott Menschen wohl zumutet, und wir würden sicher nicht immer nachvollziehen, warum da so Manches passiert und warum Anderes so unendlich lange auf sich warten lässt.
    Weil wir so aber nicht weiterkommen würden, möchte ich uns nur Zweierlei mit auf den Weg geben – zwei Dinge, die jedoch eng miteinander zusammenhängen: zum ersten: tun wir immer wieder das, was Jesus uns in der Versuchungsgeschichte zeigt: koppeln wir uns rück an Gottes Wort! Das jedoch müssen wir, wie wir sahen, gut genug kennen, um auch dann noch den Durchblick zu haben, wenn jemand uns aufs Glatteis führen will, indem er uns mit einem vermeintlichen Wort Gottes ankommt.
    Und zum Zweiten: bitten wir Gott immer wieder, uns zur Seite zu stehen, wenn Versuchungen welcher Art auch immer nach uns greifen. Die Vaterunserbitte, liebe Gemeinde, hat schon ihren Sinn. Nicht nur vor 2000 Jahren, nein: auch heute, auch für uns. Amen.

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