Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 4 der Predigtreihe „Zum Teufel“



Liebe Gemeinde,
    drei Sonntage haben wir uns nun bereits über den Teufel Gedanken gemacht und biblische Texte dazu gehört und reflektiert. Der heutige vierte Teil der Predigtreihe konfrontiert uns mit dem Teufel in einer Weise, wie die ersten drei Teile dies noch nicht taten. Was meine ich damit?
    Nun, in den 3 ersten Teilen der Reihe war jeweils immer unmissverständlich klar, wer da als der Teufel auftrat. Ob nun bei der Schlange aus 1. Mose 3, beim Satan im Buch Hiob oder beim Versucher aus Matthäus 4: stets war im Grunde von vornherein deutlich, mit wem wir es da zu tun hatten. Dem Teufel wurde von Gott Raum gelassen – was schwierig genug zu verstehen ist -, aber dieser Raum war begrenzt, und es war – jedenfalls für uns in der Position des Hörers bzw. des Lesers der Geschichten – kein Problem, den Teufel innerhalb der verschiedenen handelnden Personen zweifelsfrei zu identifizieren.
    Das ist heute anders! Da heißt es nicht: „Und der Teufel trat auf und machte dieses und jenes…“, sondern es ist die Rede von Simon Petrus, einem der Jünger Jesu, ja sozusagen dem Sprecher und Prominentesten aus dem Jüngerkreis. Wer sollte da an den Teufel denken?
    Ja und nicht nur, dass von Petrus die Rede ist, sondern es ereignet sich auch noch eine großartige Begebenheit zwischen ihm und seinem Herrn – wir haben es in der Lesung gehört: Petrus identifiziert Jesus als den, der er ist: „Du bist Christus“, so sagt er zu ihm, also: Du bist der von uns, vom jüdischen Volk so sehnlich erwartete Gesandte Gottes. Damit deutet er, Petrus, Jesus richtig, wo alle anderen Jünger noch nach Worten ringen oder mit jeder Reaktion überfordert sind.
    Und Jesus „adelt“ Petrus geradezu, ja Petrus wird durch Jesus mit einer Verheißung bedacht, die alles in den Schatten stellt, was Jesus sonst schon mal zu seinen Jüngern sagt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“ „Petrus“, liebe Gemeinde: das ist griechisch und heißt nichts Anderes als eben: Fels! Also gilt hier eindeutig dies, was die römisch-katholische Kirche besonders zu betonen pflegt: Auf diesen seinen Jünger gründet Jesus die Glaubensgemeinschaft, die einmal seinen Namen tragen wird, genauer: den Namen, mit dem Petrus ihn gerade betitelt hat und der eine alte jüdische Erwartung aufnimmt. Denn „Christus“, griechisch „Christos“, das ist das hebräische „Maschiach“, eingedeutscht „Messias“ und übersetzt: „Der Gesalbte“. Kein Geringerer verbirgt sich dahinter als die endzeitliche Rettergestalt, die das Volk Israel von Gott erwartet, damit sie dem Elend auf der Erde ein Ende mache und Gottes Reich anbrechen lasse. Kurz gesagt: Petrus hat erkannt: mit Jesus bricht eine neue Zeit an. Und weil er das erkannt hat, macht Jesus ihn zum „Urgestein“ seiner Glaubensgemeinschaft. Petrus hat damit gleichsam den Gipfel dessen erklommen, was für einen Menschen bei Gott erreichbar ist. Höher geht’s nimmer. Und natürlich ist es kein Zufall, dass die katholische Kirche hier den Ursprung des Papsttums findet – wenn man auch sicher darüber diskutieren kann, ob alles, was sie dem Papst an Vollmacht zuerkennt, auch wirklich in Matthäus 16 angelegt ist.
    Aber darum soll es uns heute nicht in erster Linie gehen. Viel bedeutsamer finde ich es, nicht einfach beim Ende des Lesungstextes stehenzubleiben, sondern ganz einfach mal ein Stück weiterzulesen. Das will ich jetzt tun und lese Matthäus 16,20-23. Also: kaum dass Jesus Petrus die Vollmacht des „Bindens“ und des „Lösens“ übertragen hat, heißt es:
    „Da gebot er seinen Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei. Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fuhr ihn an und sprach: Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht! Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“
    Liebe Gemeinde, was für ein Wechselbad der Gefühle! Wie mag er nun da stehen, unser Petrus? Innerhalb von nur 7 Versen zunächst zum Grundstein der Kirche gekürt, dann jedoch im Handumdrehen zum Satan erklärt zu werden, das ist nun wahrlich nicht gerade leicht zu verdauen! Völlig verdattert stelle ich ihn mir vor, nachdem Jesus ihn dermaßen angeblafft hat. „Ich hab es doch nur gut gemeint!“ – so vermute ich, wird er denken – zu sagen traut er sich schon gar nichts mehr.
    Ja ich denke mir, er ist auch deshalb so perplex, weil er wohl der festen Überzeugung war, er habe mit seiner so gut gemeinten Einlassung doch genau seine Rolle als Fels der Kirche erfüllt! Was in aller Welt hat er denn Schlimmes getan? Er will Jesus aus seinen schwer depressiv klingenden Gedanken reißen und mit ihm eine bessere Zukunft ansteuern, als er sie selber vor Augen zu haben scheint. In so einer Situation, da braucht Jesus doch gerade einen Freund, der ihn auf bessere Gedanken bringt, oder?!
    Nun wissen wir auf der anderen Seite: „gut gemeint“ ist nicht immer Dasselbe wie „gut“ – ja bisweilen ist es das glatte Gegenteil davon. So scheint Jesus die Worte des Petrus hier zu beurteilen. Und obwohl die gute Absicht, die Petrus hier hat, völlig außer Frage steht und auch von Jesus selber nicht etwa bestritten wird, greift er für seine Kritik an Petrus auf die denkbar extremste Kategorie zurück, auf „Satan“, auf den Teufel, als welchen er den total verwirrten Petrus hier bezeichnet. Warum tut er das? Was soll das?
    Und noch mehr Fragen stellen sich: Was soll bei uns hier und heute hängenbleiben, die wir diese Verse über 2000 Jahre später hören und lesen? Petrus der Fels der Kirche? Oder Petrus der Satan? Wird die erste Betitelung nicht logischerweise hinfällig, nachdem die zweite ausgesprochen wurde? Denn das kann ja wohl nicht gemeint sein: dass der Satan am Ende der Grundstein der Kirche sei… Diese beiden gehen einfach nicht zusammen – oder?! – Ich will versuchen, ein paar „Schneisen“ in das Dickicht der Fragen zu schlagen, die sich hier stellen.
    Zunächst: Warum dieses gewaltige Wort: „Satan“? Warum diese „Kanone“, abgefeuert auf einen „Spatz“ – oder treffender noch: auf diesen so wunderbar schönen Vogel, der gerade kurz vorher so einzigartige Worte von sich gegeben hat? Nun, das hat offensichtlich damit zu tun, dass Jesus der Versuchung widerstehen möchte, die durch die Worte des Petrus an ihn herangetragen wird: der Versuchung nämlich, den Leidensweg, auf den Gott ihn gestellt hat, zu verlassen, ihm auszuweichen, ihn zu meiden.
    Sagte ich „Versuchung“? Ja, denn es wahr: Petrus tritt hier genau in der Rolle auf, die am letzten Sonntag der Teufel einnahm. Verlockende Bilder hatte er Jesus vor Augen gemalt, und das tut Petrus hier auch. Aber da gibt es einen Unterschied zwischen dem Teufel aus Matthäus 4 und unserer heutigen Geschichte, einen ganz erheblichen Unterschied sogar: Petrus kommt in bester Absicht, und er verlangt von Jesus keine Unterwerfung, keine Anbetung einer anderen Instanz außerhalb Gottes. Er will ihm schlicht und ergreifend sein Leben leichter machen, wo er selber dabei ist, es sich unnötig schwer zu machen. Was sollte daran, bitte schön, „satanisch“, „teuflisch“ sein?
    Liebe Gemeinde, ich stelle diese Frage einen Moment lang zurück: das Erste, was wir hier lernen, ist dies, dass es der Bibel zufolge offensichtlich keiner bösen Absicht bedarf, um satanisch zu wirken, ja dass sogar beste Absichten regelrecht teuflische Ergebnisse nach sich ziehen können. Ja vielleicht sind wir hier an einem besonders teuflischen Aspekt des wahrhaft Teuflischen angelangt: dieses tritt nicht immer so klar identifizierbar auf, wie die bisherigen Teile der Predigtreihe es nahelegen könnten, nein: die Rollen sind nicht von vornherein klar verteilt! Auch jemand, der klar auf die andere, die „gute“ Seite zu gehören scheint, kann gleichsam „mutieren“ und plötzlich unversehens auf der anderen, der „bösen“ Seite stehen.
    Das stört uns; wir haben es lieber klar und eindeutig „schwarz“ und „weiß“. In Filmen zum Beispiel, da wollen wir wissen, wer der Held ist, der „Goody“, und wer der Schurke, der „Baddy“. Wenn das nicht klar ist, wenn Grautöne sich einstellen, dann wird es kompliziert mit der Bewertung der Charaktere, und sowas stört uns – zumindest auf den ersten Blick.
    Auf den zweiten Blick dagegen werden wir feststellen: die „Grautöne“, das Hin- und Hergerissensein zwischen Gut und Böse, es entspricht unserer menschlichen Wirklichkeit wohl weit eher als die klare Einteilung in gut und böse, die wir idealtypisch so gern vornehmen.
    Ich weiß ja nicht, wie Sie das an sich selber wahrnehmen, aber ich weiß von mir sehr wohl, dass ich in manchen Situationen durchaus zufrieden mit mir bin, in anderen dagegen ganz und gar nicht. Da gelingt es mir in einer Konfliktsituation, ruhig und abgewogen zu reagieren und zur Lösung des Konfliktes beizutragen. Ein ander Mal trage ich nicht nur nichts zur Lösung bei, sondern verschärfe die Spannungen noch. Wir sind nicht  immer auf der Höhe dessen, was wir in einer Sternstunde vielleicht einmal unter Beweis gestellt haben. Andererseits sind wir auch nicht immer so schlecht, wie es den Anschein hat, wenn wir mal komplett versagen.
    Dies zu erkennen, finde ich aber wieder sehr heilsam: es sollte uns davor bewahren, Menschen „abzustempeln“, wie wir das nennen. Egal, ob das nun im Positiven oder im Negativen erfolgt: da ist dann der Eine für mich geradezu Supermann höchstpersönlich, weil ich ihn mal in beeindruckender Form erlebt habe. Der Andere hingegen hat in meinem Urteil praktisch keine Chance mehr, weil mein erster Eindruck von ihm schlecht war, weil er selber vielleicht auch wirklich einen schlechten Tag erwischt hatte.
    Machen wir uns bitte klar: beides ist nicht in Ordnung. Die Vergötterung eines Menschen rechnet nicht mit seinen Schwächen, und die Verteufelung lässt ihm keine Chance mehr, mit seinen Stärken zu punkten. Und jetzt merken wir vielleicht, dass wir tatsächlich an dieser Stelle die Aura des Satanischen betreten: denn im ersten Fall, bei der Vergötterung eines Menschen, da verfallen wir ihm geradezu, und da tritt er dann wirklich an die Stelle Gottes, weil wir jede kritische Distanz zu ihm vermissen lassen. Im letzteren Fall dagegen haben wir ihn verurteilt und rauben ihm jede Gelegenheit zum Neubeginn. So lassen wir ihn in der Trostlosigkeit und geben ihn auf – auch dies eher eine satanische als eine göttliche Handlungsweise!
    Ich plädiere deshalb für einen anderen Weg, der beide Extreme zu vermeiden sucht: wir sollen Menschen weder vergöttern noch verteufeln. Und wir sollen vor allem unseren ersten Eindruck nicht gleich für das Maß aller Dinge halten!
    Im Grunde, so vermute ich, wissen wir das alles durchaus. Es fällt uns nur sehr schwer, es in unserem Alltag umzusetzen. Aber wenn wir dann gerade bei einer „Lichtgestalt“ auch mal Schwächen wahrnehmen, dann wird sie uns umso sympathischer – sofern wir nicht den Eindruck bekommen, diese seien bei genauerer Betrachtung so gravierend, dass sie die Stärken marginal erscheinen lassen.
    Was nun Petrus angeht, so finde ich es frappierend, dass Jesus seine große Würdigung, er sei der Fels, auf dem die Kirche entstehen werde, gerade nicht widerruft, nachdem Petrus dann auch die – ich nenn’s mal so: „satanischen Anteile“ in seiner Persönlichkeit offenbart hat. Nein, von einem solchen Widerruf ist nicht die Rede! Ja es ist tatsächlich so, dass dieser „Fels“, auf dem Jesus seine Kirche bauen will, auch in „satanische“ Verhaltensmuster fallen kann! Und das tut er leider auch immer wieder: bei Jesu Verhaftung geht Petrus mit Gewalt zur Sache und wird von Jesus zurückgepfiffen; nachher ist er zwar immerhin der Einzige der 12 Jünger, der sich in die Nähe des Ortes wagt, wo Jesus gefangen gehalten wird, aber dann versagt er jämmerlich, als eine Magd ihn zu identifizieren droht, und leugnet dreimal, seinen Herrn auch nur zu kennen.
    Ich gestehe ja gerne: für mich ist genau dieser so widersprüchliche Petrus meine Lieblingsgestalt in der Bibel überhaupt! Mein Sohn trägt nicht ganz zufällig den Namen Peter! Denn unbeschadet seiner ganz besonderen Stellung im Jüngerkreise und in der Kirchengeschichte bildet sich in diesem Petrus etwas ab, das mir für uns Menschen grundsätzlich enorm kennzeichnend erscheint: das Nebeneinander großer Stärken und großer Schwächen, ich könnte auch sagen: das Nebeneinander wahrhaft göttlicher und leider genauso wahrhaft teuflischer Anteile. Wehe, wir vergäßen eines dieser beiden!
    Aber nun noch einmal, und wir können es nicht genügend dick unterstreichen: Jesu Verheißung an Petrus wird nicht widerrufen, auch nicht in den Augenblicken seines höchsten Versagens! Und umgekehrt begleitet ihn auch die harte Kritik seines Herrn da, wo er seine Funktion als Fels der Kirche ausübt.
      An dieser Stelle sei die Frage gestattet: wo in der römisch-katholischen Lehre vom Amt des Papstes kommt eigentlich dieses Neben-, ja geradezu Ineinander göttlicher und teuflischer Anteile im Apostel Petrus zum Ausdruck? Es ist doch verräterisch, dass so gut wie immer nur die Verheißung Gegenstand von Ansprachen und theologischen Diskussionen ist, wenn es um den Papst geht! Der Papst als „Satan“, als „Ärgernis“, als Repräsentant des „Menschlichen“ im ausdrücklichen Widerspruch zum „Göttlichen“ – dies alles kommt in der katholischen Papstlehre meines Wissens nicht vor. Da wird dann die Verheißung und die Vollmacht des Bindens und des Lösens zur Lehre von der Unfehlbarkeit gesteigert, und die Schattenseiten des Petrus fallen schlicht und einfach unter den Tisch! Das, liebe Gemeinde, empfinde ich als exegetisch unredlich!
      Übrigens ist das sogar in unserer evangelischen Kirche nicht anders, obwohl wir keinen Papst haben!  
- 6 Reihen von Predigttexten
– Matthäus 16,13-19 Evangelientext der Reihe 1
– Matthäus 16, 20-23 kommt in den 6 Reihen gar nicht vor!
– Eine Predigtreihe wie diese hier hat nicht zuletzt den Zweck, solche Bibeltexte einmal ins Bewusstsein der Gemeinde zu rücken, die ansonsten immer verschwiegen werden!
    Letzten Endes ist es vor allem Ausdruck von Kleinglauben, dies alles zu verschweigen – denn dadurch erweckt man den Eindruck, zu befürchten, die Verheißung könne ja doch irgendwie Schaden nehmen, wenn die Defizite des Petrus auch klar benannt würden. Dabei ist aber doch gerade das Entscheidende dies, dass diese Verheißung eben bestehen bleibt, auch nachdem Petrus seine „satanischen Anteile“ ungewollt, aber umso deutlicher zu erkennen gegeben hat! Würde sich das Papstamt auf den „ganzen“ Petrus berufen, könnte es so viel mehr an Profil gewinnen! Es würde freilich mit der Kategorie der Unfehlbarkeit nicht mehr gut zusammen passen, denke ich. Und hier liegt vermutlich das Problem. Es liegen eben bei genauerem Hinsehen Welten zwischen dem biblischen Petrus und dem Petrus, auf den die Lehre vom „Petrusamt“ sich beruft. Welten, die es in der Tat mit Satan zu tun haben!
      Wobei wir uns jetzt doch noch der Frage zuwenden sollten, was denn das „Satanische“ in der Intervention des Petrus Jesus gegenüber ist: Petrus interveniert, weil er Jesus das Leiden, von dem er gerade gesprochen hat, gerne ersparen würde.
      Gut gemeint ist das, wie wir sahen – zweifellos. Aber eben deshalb noch lange nicht gut gemacht, im Gegenteil: Jesus weiß um den Weg, auf den Gott ihn gestellt hat. Ein Weg des Leidens bis in den Tod hinein. Immer wieder steht in den Evangelien, Jesus „müsse“ diesen Weg gehen. Man mag sich fragen, warum er das „muss“. Dieser Frage können wir heute nicht weiter nachgehen; wichtig bleibt aber Folgendes: Petrus will Jesus zu einem leichteren Weg ermutigen – und schon steht er in einer Reihe mit der Schlange aus 1. Mose 3 und dem Versucher aus Matthäus 4! Nichts gegen sinnvolle Erleichterungen des Lebens – aber das kann durchaus leicht ins „Teuflische“ umschlagen, wenn es gegen Gottes ausdrücklichen Willen geht. Den durchzuhalten, dürfte für Jesus ohnehin schwer genug sein. Entsprechende ach so freundliche Tips von außen machen die Sache noch schwerer, als sie es so schon ist.
      Wer sich etwa aufopferungsvoll für jemand anderen einsetzt, dafür aber nur Kommentare erntet wie: Was reibst du dich so auf? Denk doch lieber an dich selber!, der bekommt damit sicher einen bequemeren Weg gewiesen als den, den er da gerade geht. Aber würde er auf solche Kommentare hören, dann ginge das zu Lasten dessen, der bisher von der Hilfe dieses Menschen profitiert hat. Ebenso würde Jesus sagen: wenn ich meinen Weg ins Leiden und ans Kreuz nicht zu Ende gehe, geht das zu Lasten der Menschheit, die der Erlösung von ihrer Schuld bedarf! Ja es geht so gesehen sogar auch zu Lasten des Petrus – der freilich davon nichts ahnt in seinem satanisch-pseudofreundschaftlichen Bemühen um Jesus!
      Soviel jedenfalls ist klar: wer uns dazu veranlassen will, stets nur den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, tut uns keinen echten Dienst. Das ist das Zweifelhafte an diesem ganzen Wellness-Kult, der uns derzeit überflutet. Aber ich fürchte, die Not auf der Welt nehmen wir umso weniger wahr, wie wir uns diesem Kult hingeben. Jesus entlarvt solche Bemühungen als satanisch! Er fordert – in den Versen, die in Matthäus 16 nun folgen, nichts Geringeres als Kreuzesnachfolge! Nicht als Freude am eigenen Leid – das wäre pervers –, wohl aber in dem Sinne, dass wir die Augen vor dem Leid um uns herum nicht verschließen in all unserem Wohlfühlbedürfnis, sondern es wahrnehmen und dann so handeln, wie er, Jesus, es uns vorgemacht hat: nämlich den Leidenden Zuwendung und Gerechtigkeit zukommen zu lassen!
      Ja vermutlich hat Petrus, als er den lichten Moment seines Christusbekenntnisses hatte, gar nicht gewusst, ja nicht einmal geahnt, was das bedeuten würde, was er da über Jesus gesagt hat! Vermutlich war für ihn „Christus“ lediglich die himmlische Rettergestalt, die sozusagen senkrecht von oben und mit äußerlicher Macht jetzt auf diese leidvolle Welt einwirken würde. Damit hat er das Wesen des Christus, den er da bekannt hat, gänzlich verfehlt! Im Moment des Bekenntnisses klingt dieses vielleicht gut reflektiert – im Nachhinein erweist es sich jedoch als dringend notwendig, dass Petrus sozusagen sein eigenes Niveau allererst wirklich erreicht!
      Aber nochmal: das Frappierende ist dies, dass all diese Defizite die Verheißung Jesu an Petrus nicht etwa außer Kraft setzen! Nein, genau dieser zum Teil so schwache, illusionsbeladene, regerecht „satanische“ Petrus ist der Fels der Kirche! Christus baut seine Kirche mit solchen unfertigen, irrenden und jedenfalls teilweise geradezu satanischen Kreaturen! Das mag im Sinne der „Erhabenheit“ des Baus, der da entsteht, enttäuschend wirken. Im Hinblick auf unser aller Möglichkeit, zu diesem Bau dazuzugehören und ihn mitzugestalten, wirkt es aber umso mehr ermutigend und aussichtsreich! Denn wäre dieser Bau, den Christus sich da vornimmt, auf Perfektion aus, dann hätten wir alle dort wohl nichts verloren! Aber wir sollen dazugehören, und das bedeutet dann offensichtlich: wir werden sogar mit unseren „satanischen Anteilen“ unseren Platz dort haben. Dadurch wird nicht etwa Satan dort salonfähig, wohl aber weiß Gott zwischen uns, die er dabei haben will, und Satan, der leider immer wieder nach uns greift, zu unterscheiden!