Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 5 der Predigtreihe „Zum Teufel"

 


Liebe Gemeinde,
    vielleicht erinnern Sie sich daran, wie ich zu Beginn des 1. Teils meiner Predigtreihe zum Teufel deren Ankündigung im Generalanzeiger zitiert habe. Dort hieß es: sie, die Reihe, „beginnt am Sonntag, dem 8. Januar, und endet am 12. Februar mit „Sieg über Satan“.“
    Damit wären wir heute also bei letzterem angekommen, beim „Sieg über Satan“. Nun, ich hatte Ihnen schon damals gesagt, es wäre wohl besser, wenn Sie Ihre Erwartungen an dieser Stelle ein wenig dämpfen würden. Auf Gottes endgültigen „Sieg über Satan“ werden wir – leider! – wohl noch warten müssen. Zu präsent ist das Böse, ja manchmal auch das abgrundtief Böse immer noch in unserer Welt. Und doch ist es gut und richtig, wenn wir heute den „Sieg über Satan“ zu unserem Thema machen, denn so verhält es sich mit dem christlichen Glauben ganz grundsätzlich: er lebt immer von etwas, das in Vollendung noch aussteht. Das aber zugleich schon ansatzweise, zeichenhaft mitten unter uns gegenwärtig ist. Lassen Sie uns heute also danach suchen, was da schon gegenwärtig ist, wenn auch vielleicht erst als „zartes Pflänzchen“. Dazu helfen soll uns unser Predigttext aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, Kapitel 12,7-12:
    Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel.
    Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.
    Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott. Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt, bis hin zum Tod.
    Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen! Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat.
    Liebe Gemeinde, eine Szene wie mitten aus einem Fantasyfilm, voller Mythologie, ja im Grunde eine einzige große Vision! Sowas hat in unserer Zeit ja durchaus wieder Konjunktur. Ob sich darin die Ahnung Bahn bricht, dass wir über die entscheidenden Dinge unseres Lebens doch nur in Bildern reden können? So ist es ja mit dem Teufel ganz grundsätzlich: er ist nie „einfach so“ da, sondern immer versteckt im einen oder anderen Bild. Gerade darin drückt sich jedoch die Macht aus, die er hat. Begreifen wir das Böse in Gestalt des Teufels als Person, dann machen wir damit deutlich: das Böse ist eben nicht so einfach etwas, das wir tun oder auch lassen können, nein: es ist eine Macht, die Besitz von uns ergreifen will und deshalb in der einen oder anderen Form – wie gesagt: meist sehr versteckt im sprichwörtlichen Detail und immer anders, als wir denken – auf uns zukommt.
    Wobei unser heutiger Predigttext noch einen Schritt weiter geht: er schildert den Teufel gar nicht mehr versteckt, gar nicht mehr subtil und „im Detail“, sondern ganz direkt, unmaskiert. So ist das: wenn es zur Entscheidungsschlacht kommt, dann – endlich – fallen alle Masken; dann treten die Kämpfer offen gegeneinander an.
    Der Predigttext macht uns zu Zeugen eines Kampfes, der sich im Himmel abspielt, in der Welt Gottes. Dort fallen letzten Endes die für unser Leben und alles Weltgeschehen relevanten Entscheidungen. Was sich auf Erden, unter uns Menschen, ereignet, steht immer unter dem Vorzeichen dessen, was im Himmel, in Gottes Welt, entschieden wurde. Das Denken in „Etagen“ (Himmel – Erde – Hölle/Unterwelt) lässt diesen Grundsatz sehr plastisch werden.
    Und da wird uns also berichtet, dass in diesem himmlischen Kampf ein Engel namens Michael mit seiner „Engelsarmee“ gegen einen „Drachen“ und dessen Engelsarmee antritt. Der Drache ist in der Offenbarung des Johannes ein Wechselbegriff für den Teufel, und die erwähnten Engel haben alle miteinander nichts mehr zu tun mit irgendeiner süßlichen Weihnachtsstimmung, nein: hier geht es um Sieg oder Untergang, um alles oder nichts! Und „Michael“ – allein dieser Name ist Programm, bedeutet er doch nichts Anderes als die rhetorische Frage „Wer ist wie Gott?“ „Niemand!“ – so lautet die mitgedachte Antwort, und folgerichtig hören wir, wie Michael mit seiner Armee den Drachen und seine Engel besiegt. Aber was heißt hier: „Sieg“? Die Unterlegenen werden aus der himmlischen Sphäre vertrieben und gleichsam ein Stockwerk nach unten geworfen: auf die Erde. Dort freilich sind sie noch nicht besiegt, sondern sie toben sich noch einmal so richtig aus, wie ein frustrierter Fußballer, der ein ums andere Mal am Spielfeldrand in die Bande tritt, weil er auf dem Spielfeld selber nichts mehr zustande kriegt.
    Leider geht im Falle des Drachen nicht nur eine Bande zu Bruch. Nein, hier müssen wir uns all das vor Augen führen, was an Bösem in der Welt geschieht und was für die Christen der ersten Generation zutiefst lebensbedrohliche Realität war: Verfolgung, Unterdrückung, Folter, Mord und Totschlag. Das war eben keine durch Religionsfreiheit, ja sogar durch manche Privilegien abgesicherte und damit höchst bequeme Position, sondern das war Existenzgefährdung pur – so wie es sie heutzutage übrigens durchaus auch noch gibt: blicken wir nur auf die Lage unserer Glaubensgeschwister etwa in Nordkorea oder in vielen islamischen Ländern oder auch in einem Land wie Nigeria, wo sogar die Zentralregierung einschließlich der moderaten Muslime in manchen Gegenden den extremistischen Muslimen der sogenannten „ Boko-Haram“- Sekte kaum etwas entgegenzusetzen hat.
    In den Versen der Offenbarung spricht sich also das Leid der verfolgten ersten Christen aus. Aber es steckt noch viel mehr darin, und darauf kommt es an: so sehr sich der Teufel auch an den Christen austoben mag – die Botschaft ist doch zuerst und zuletzt die: er, der Teufel, hat den eigentlichen Kampf bereits verloren! Den Kampf gegen Gott nämlich, für den Michael und seine Engelsarmee angetreten sind und den Sieg errungen haben! Was auch immer gerade auf Erden geschehen mag: all das sind „Nachgefechte“, die den im Himmel bereits errungenen Sieg über den Teufel nicht mehr in Frage stellen können.
    Mir ist durchaus bewusst, dass diese Feststellung als sehr zynisch, ja durch und durch unpassend empfunden werden kann: Verfolgung, Mord und Totschlag als bloßes unbedeutendes „Nachgefecht“ – ist das nicht eine Verhöhnung der Opfer, eine Bagatellisierung unendlichen Leids?
    Nein, liebe Gemeinde, das ist es nicht, und zwar deshalb, weil dieses Bild des irdischen teuflischen Kampfes als „Nachgefecht“ des bereits verlorenen himmlischen teuflischen Kampfes nicht im wohlig-warmen Wohnzimmer unserer hiesigen und heutigen kirchlichen Verhältnisse erdacht wurde, weil es auch nicht von mir hier und heute erdacht wurde, der ich solche Verhältnisse der Verfolgung ja auch nicht wirklich realistisch erlebt habe, sondern weil es die verfolgten, bedrohten und gequälten ersten Christen selber sind, die dieses Bild entwickelt haben! Und sie haben es natürlich nicht deshalb entwickelt, weil sie ihre Situation irgendwie bagatellisieren wollten, sondern aus einem ganz anderen Grund: sie geben durch dieses Bild ihrer Hoffnung, ihrer Zuversicht, ja ihrer Gewissheit Ausdruck, dass ihr Leid eine Grenze, ein Ende haben wird! Ein Ende, auf das eine Zukunft folgt, in der der Teufel nichts, aber rein gar nichts mehr zu sagen hat! Weil sie davon überzeugt sind, darum kann am Ende unseres Predigttextes der Aufruf stehen: Freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen! Denn dort, im „Himmel“, in der Welt Gottes, ist bereits eine „teufelsfreie Zone“ gegeben! Das jedoch gilt von der Erde noch nicht, und darum fährt der Seher Johannes realistisch fort: Weh aber der Erde und dem Meer! Er weiß, dass der Teufel sich hier noch „austobt“. Aber so grausam das auch ist, es kann ihm und den Christen der ersten Jahrzehnte nicht den Blick dafür trüben, dass die Macht des Teufels im Grunde bereits gebrochen ist
    Und so halten diese geschundenen ersten Christen, diese Opfer des teuflischen Austobens gleichsam ihrem Peiniger mit trotzigem Lächeln die Botschaft entgegen: Du kannst uns gar nichts! Vordergründig vielleicht, aber letzten Endes eben nicht! Du hast deinen Kampf längst verloren; du schlägst nur noch um dich wie ein wundgeschossenes Tier, das sich noch einmal aufbäumt, aber über kurz oder lang verbluten wird! Ja du bist gerade deshalb so rasend, weil du letzten Endes weißt, dass deine Zeit zu Ende geht. Im Grunde ist es nichts als deine Armseligkeit, die du unter Beweis stellst, wenn du jetzt nochmal so brutal um dich schlägst.
    Das ist so ähnlich wie bei den Diktatoren aller Zeiten und Staaten: wenn sie ihr Ende kommen sehen, bäumen sie sich nochmal so richtig auf und bemühen sich, ihr Volk mit in den Abgrund zu reißen. So kennen wir es von Hitler bis Gaddafi.
    Und jetzt mischt sich in den Worten des Sehers Johannes noch ein weiteres Motiv dazu: Der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott. Der Teufel als „Verkläger“, wir könnten auch weiter gefasst sagen: der Teufel als der ewige Anschwärzer, der uns vor Gott immer neu anklagt und schlecht macht. So kennen wir den Teufel schon aus Teil 2 der Predigtreihe, als er Hiob vor Gott schlecht zu machen versuchte. Ohne Erfolg, wie wir wissen! Zum einen hat Hiob sich nicht von seinem Weg abbringen lassen, zum anderen hat er sich auch nicht so die ach so klugen Erklärungen seines Leids durch seine Freunde beeindrucken lassen. Gott, so hörten wir, hat dies beides gewürdigt und Hiob gegen den Teufel Recht gegeben.
    Ich halte das für ganz wichtig, gerade weil in einem oberflächlichen Verständnis des Glaubens oftmals das Gegenteil unterstellt wird: da gilt Gott selber dann als der unselige „Big Brother“, der uns auf Schritt und Tritt überwacht, nur um unsere Schwächen aufzudecken und uns für unsere Fehler zur Verantwortung zu ziehen. Der Teufel wäre, so verstanden, geradezu ein Spitzel, er wäre der Agent Gottes, um diese Schnüfflerarbeit zu erledigen.
      Aber, liebe Gemeinde, wenn nicht schon bei Hiob, so erfahren wir spätestens hier in der Offenbarung klar und deutlich: das ist nicht der Gott des jüdischen und auch nicht des christlichen Glaubens! Der setzt dem Verkläger ein Ende! Zum einen sicher aus dem Grunde, dass diejenigen, die er da zu verklagen versucht, sich bewähren, ebenso wie Hiob sich bewährt hat. Das dokumentiert sich da, wo Johannes von den Verklagten sagt, sie hätten den Verkläger „überwunden … durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt, bis hin zum Tod.“ Hier nimmt Johannes offensichtlich Bezug auf das Martyrium vieler Christen der ersten Generation.
      Aber ich wage darüber hinaus die Behauptung: das Bespitzeln und Verklagen ist Gottes Sache grundsätzlich nicht. Er ist kein Schnüffler, und er will keine Schnüffler. Nicht als sähe er nicht auch unsere Schwächen, unsere Fehltritte, unsere Gemeinheiten. Ja, er sieht sie, und sie sind ihm nicht gleichgültig. Aber sein eigentliches Interesse geht nicht dahin, uns dafür zu brandmarken. Sondern im Gegenteil: er will uns sozusagen einen Rettungsanker entgegenwerfen, wo immer wir bedroht sind, sei es durch uns selbst und unser Versagen, sei es durch Mächte, die uns von ihm trennen wollen – und sei es dadurch, dass sie uns ständig bei ihm schlecht machen. Das genau tut offensichtlich der Teufel. Und das genau macht Gott nicht mit! Er ist gerade nicht „defizitorientiert“, wie wir das heute nennen würden. Worin aber besteht seine Orientierung dann? Was tut er, um dem Teufel Einhalt zu gebieten?
      Der Seher Johannes wählt an dieser Stelle eine enorm bedeutungsschwere Formulierung, die sorgfältig nachvollzogen werden will: genau in dem Vers, der davon spricht, dass die „Brüder“, also die ersten Christen (beiderlei Geschlechts übrigens!) den Verkläger überwunden haben, spricht er gar nicht als erstes von ihrem mutigen Zeugnis und ihrem Martyrium – das kommt nachher –, sondern er sagt zunächst: „Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut.“ (Vers 11)
      Ich denke, uns ist klar, worauf Johannes hier anspielt: das Lamm ist Jesus, und es geht um seinen Tod am Kreuz. Dieser ist für die Christenheit seit ihren Anfängen der entscheidende Bezugspunkt und Inhalt ihres Glaubens. Wer Jesus ist, das zeigt sich an seinem Tod. Wenn die Kirche ihn als „Gottes Sohn“ und als den „Herrn“ bezeichnet, dann hat das etwas mit diesem seinem Tod zu tun, ja dann begründet sich das von dort her.
      Und so steht Jesus den Glaubenden hier vor Augen als das komplette Gegenbild des Teufels: er verklagt sie nicht, sondern gibt sich für sie hin. Er vergießt kein Blut anderer, im Gegenteil: er blutet selbst für andere. Er schlägt nicht im Todeskampf um sich, nein: er verzichtet auf jedes Schlagen, ja er lässt sich schlagen und weist damit den Weg zum Leben. Er versucht nicht, durch verzweifelte Anwendung von Gewalt seine schwindende Macht festzuhalten, sondern er erweist sich durch den konsequenten Verzicht auf Gewalt gerade als mächtig. So hält er dem Teufel den Spiegel vor: Du meinst, dich als Sieger inszenieren zu können, und dokumentierst gerade dadurch deine Niederlage. Ich hingegen akzeptiere die vordergründige Niederlage, gehe aber gerade dadurch dem Sieg entgegen. In meiner Auferweckung hat sich dieser Sieg bereits angekündigt; in Vollendung und für alle diejenigen, die sich zu mir halten, steht er freilich noch aus.
      Liebe Gemeinde, ich sprach eingangs davon, dass der christliche Glaube immer von etwas lebt, das zwar in Vollendung noch aussteht, das jedoch zeichenhaft schon unter uns gegenwärtig ist und wie ein „zartes Pflänzchen“ gehegt und gepflegt werden will, um weiter wachsen zu können. Für die Kirche seit ihren Ursprüngen ist dieses „zarte Pflänzchen“ die Botschaft von der Auferweckung Jesu von den Toten. Ausgerechnet ihm, so glaubt die Kirche, sei sie zuteil geworden, wo doch sein Leben äußerlich betrachtet so jämmerlich gescheitert und so gar nicht beneidenswert anmutet. Wir tun uns hier und heute oft schwer mit dieser Botschaft. Nun vermute ich jedoch, das liegt genau daran, dass es uns soviel besser geht als der ersten Christenheit! Für uns ist die Frage nach Jesu Auferstehung zunächst meist eine akademische Frage, und da kommen wir natürlich schnell zu dem Ergebnis: das gibt’s nicht, weil es das nicht geben kann. Das sieht bei der verfolgten Christenheit damals wie übrigens auch heute in der Regel ganz anders aus: sie finden sich darin wieder; ihre existenzielle Not lässt sie sich selber viel näher an Jesus heranrücken, als uns das über den Weg unseres Verstandes möglich ist. Und erstaunlicherweise ist es dann sehr häufig so, dass sie sich nicht nur im leidenden und sterbenden Jesus wiederfinden, sondern dass auch die Botschaft seiner Auferweckung sie erreicht und sie sie sich zu Eigen machen!
      Nun denken Sie bitte nicht, ich wollte hier irgendeinen Neid auf die verfolgte und bedrohte Christenheit predigen. Ich will solche Lebensumstände in keiner Weise verklären. Und ich denke mal, wir sind allesamt froh, dass wir nicht wegen unseres Glaubens in ständiger Gefahr leben müssen. Gleichwohl sollten wir einfach auch merken, dass diese Bequemlichkeit ebenfalls ihre Tücken hat. Sie führt unter anderem dazu, dass wir uns ja schon kaum mehr trauen, in einer Diskussion mit Andersdenkenden einmal klar Position für unseren Glauben zu beziehen. Klar, man gilt schnell als rückständig, vielleicht als naiv, oder auch als ignorant gegenüber den vielen Bedenken, die sich hier anmelden lassen. Was mich betrifft, so kann ich derlei Diskussionen ja berufsbedingt nicht so einfach ausweichen. Aber da nehmen sie bisweilen die Wendung, dass ich dann gesagt bekomme: Na ja, du musst das ja vertreten; ist ja dein Beruf, und du wirst schließlich dafür bezahlt. – Ich kann Ihnen sagen: so eine Reaktion macht einen auch nicht gerade glücklich!
      Aber letztens, es ist keine Woche her, da habe ich Folgendes erlebt: ich diskutierte mal wieder mit mehreren Leuten über Fragen des Glaubens (übrigens in der Kneipe – da laufen ja bekanntlich oft die besten Gespräche…). Das Gespräch war sehr intensiv, und ich fühlte mich tatsächlich so ein wenig wie „an der Front“: massiv wurde das, was ich sagte, in Frage gestellt, sei es mit Hinweis auf die Nichtbeweisbarkeit meines Glaubens, sei es unter Bezugnahme auf die vielen Schattenseiten der Kirchengeschichte. Ich versuchte, mich nicht an den falschen Punkten nutzlos zu verkämpfen und schon gar nicht, irgendwelche in der Tat schlimmen Dinge zu verteidigen, die kirchlicherseits in der Geschichte gesagt oder getan worden waren. Mehrfach musste ich auch einfach die Waffen strecken und konnte wohl nicht viel Beeindruckendes ins Gespräch einbringen.
      Nach längerer Zeit des intensiven Austauschs waren wir an einem Punkt angekommen, wo rein argumentativ einer meiner Diskussionspartner, der sich klar als Atheist geoutet hatte, sicherlich so manche Pluspunkte gesammelt hatte. Entgegenhalten konnte ich ihm „nur“ meine Hoffnung. Sehr stark und überzeugend empfand ich mich selber nicht. An manchen Stellen hatte ich im Grunde nur stammeln können. Da meinte der Atheist – für mich ziemlich unerwartet: „Na ja, ich muss ja schon sagen, dass ich die Gläubigen manchmal beneide. Jedenfalls haben sie mit ihrer Hoffnung etwas, was ich so nicht habe.“ –
      Mir war sofort klar, dass er mir mit dieser Feststellung nicht einfach Recht geben wollte. Hoffnung kann auch illusorisch sein. Und doch fasste ich auf einmal richtig neuen Mut. Und ich war froh, mich auf diese Diskussion eingelassen zu haben und nicht dem Impuls erlegen zu sein, bei sowas könne unsereiner ja doch nur am Ende irgendwie blöd da stehen. Ich hatte die Erfahrung machen dürfen: mitten in allen Zweifeln war mir ein Stückchen Gewissheit zuteil geworden – ein Stückchen Gewissheit, dass ich da einen „Schatz“ hatte, den ich vielleicht oft selbst viel zuwenig würdige, aber um den mich jemand anders geradezu beneidete, jemand, der vordergründig eigentlich stärker wirkte als ich selber. Diese Erfahrung, die ich da machen durfte, aber war nur dadurch möglich geworden, dass ich meinen Glauben in all seiner Unvollkommenheit in eine kontroverse Debatte hineingestellt hatte. Ich kann Sie nur ermutigen, das auch zu tun. Machen Sie weder aus Ihrem Glauben noch aus Ihren Zweifeln einen Hehl; stehen Sie dazu, auch nach außen – und ich bin sicher: das wird Sie letzten Endes nicht verunsichern, sondern voranbringen! Und es sollte uns doch eigentlich ein Leichtes sein, das zu tun, gerade weil wir hierzulande und heutzutage eben nicht unser Leib und Leben aufs Spiel setzen müssen, um von unserem Glauben zu reden! –
      Liebe Gemeinde, in fünf Anläufen haben wir uns nun mit dem Teufel beschäftigt. „Der Teufel ist anders“ – so hatte ich es schon in Teil 1 unter Aufnahme eines Zitats aus dem Generalanzeiger gesagt. Wir sollten nie meinen, ihn im Griff zu haben. Er hat in der Tat hier auf Erden noch immer die Möglichkeit, viel Unheil anzurichten – sei es in brutaler, plakativ- gewaltsamer Form, sei es ganz subtil und unter dem Anschein des Schönen und Erstrebenswerten.
      Es ist kein Zufall, dass die Menschen seit alters her diese ungreifbare Sphäre des Bösen in Gestalt des Teufels, des Satans, des Versuchers, des Verklägers, der Schlange, des Drachens oder wessen auch immer personifiziert haben. So kommt zum einen deutlich zum Vorschein, dass das Böse nicht einfach nur „irgendwo“ im Raume schwebt, sondern als sehr real, sehr konkret und zielgerichtet handelnd empfunden wird. Zum anderen wird das Böse durch seine Personifizierung aber auch begrenzt; es wird zu einem Gegenüber, von dem Anderes wiederum abgegrenzt wird. Wir sind gerufen, uns ihm entgegenzustellen und es zu meiden, so gut wir können.
      Dennoch erleben wir das Böse, den Teufel immer wieder als übermächtig, und da tut es geradezu gut, mit dem heutigen Predigttext aus der Offenbarung des Johannes klar gesagt zu bekommen, wie diese Übermacht präzise zu verstehen ist: als ein zugegeben furchtbarer Ausdruck letzter Zuckungen eines eigentlich schon besiegten Gegners.
      Noch haben wir unter diesen Zuckungen zu leiden, ja. Wir können seufzend die Frage stellen, warum Gott uns das zumutet und wie lange das wohl noch andauern wird. Ich fürchte, eine logisch zufriedenstellende Antwort werden wir auf diese Frage nicht bekommen. Was wir bekommen: ein Wort der Ermutigung: letzten Endes kann er euch gar nichts mehr, der Teufel. Er ist besiegt. In seinem Sohn Jesus Christus hat Gott ein Gegenbild zum Teufel aufgerichtet. Das mag nach nichts aussehen, aber es wird Bestand haben. So auch ihr: ihr seht vielleicht nach nichts aus, aber auch ihr sollt Bestand haben!  Dafür steht Jesus gut; dafür hat er sein Blut vergossen!
      Noch gilt es auszuhalten und durchzuhalten, denn wir selber werden das Böse und den Bösen nicht aus der Welt schaffen. Deshalb wird in der Tat die Vaterunserbitte immer wieder wichtig: „Und erlöse uns von dem Bösen!“ Der Seher Johannes variiert diese Bitte auf seine Weise, indem er eine weitere Bitte formuliert, die aber auf dasselbe Ziel hinausläuft und mit der er nicht nur sein Buch, sondern zugleich auch das ganze Neue Testament, ja die ganze Bibel beschließt: „Maranatha!“ Zu Deutsch: „Ja, komm, Herr Jesus!“ Amen.