Teil 3 der Predigtreihe „Du sollst (nicht)…“
 Vom Segen und Fluch der Gebote in der Bibel



Liebe Gemeinde,
    in den beiden ersten Teilen der Predigtreihe sahen wir: Gott gibt uns Gebote, um unser Leben zu orientieren; er hat sie sich überlegt uns zugut – aber wir Menschen bleiben immer wieder dahinter zurück, sei es aus Schwäche, sei es auch aus Trotz oder weil wir so gerne meinen, besser darüber Bescheid zu wissen, was als Leitlinie unseres Lebens taugt. Es wird dann im christlichen Glauben besonders spannend, wenn wir eine solche Situation vor Augen haben: wenn jemand am Gebot scheitert, wie wird Gott dann mit ihm umgehen? – Jedenfalls sahen wir letzten Sonntag: auch unser Scheitern an Gottes Gebot führt nicht etwa dazu, dass es an Bedeutung verliert. Nein, wie hieß es beim Propheten Micha: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert…“
    Lassen Sie uns heute auf einen Bibeltext hören, der aus dem Neuen Testament stammt und wo diesmal Jesus einen Menschen ebenfalls an Gottes Gebot erinnert, an das, was uns gesagt ist, an das, was gut ist und was der HERR von uns fordert.  Ich lese Markus 10,17-27:
    Als Jesus sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. Du kennst die Gebote: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.“ Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.
    Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach! Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen! Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.
    Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann dann selig werden? Jesus aber sah sie an zu sprach: Bei Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.
Liebe Gemeinde,
    in den ersten beiden Teilen der Predigtreihe hatte ich im Zusammenhang mit den Geboten in der Regel über Menschen nachgedacht, die an diesen Geboten scheitern. Das ist vielleicht gerade so ein protestantischer Reflex: der Mensch, der das Gebot nicht hält, weshalb dann die Kategorien der Liebe und der Gnade Gottes so wichtig werden. Hier in Markus 10 dagegen bekommen wir es mit einem anderen Typ Mensch zu tun, den es auch gibt: den Menschen, der das Gebot hält, der daran nicht scheitert, der gerade nicht irre wird daran, ja der von sich sagen kann: „Das habe ich alles gehalten von Jugend auf.“ (V. 20) „Chapeau!“, kann ich da nur sagen, „Bravo!“ Denn nichts deutet darauf hin, als sei diese Selbstauskunft falsch.  Und ich würde noch hinzufügen: „Respekt!“ Denn soviel ist klar: so etwas von sich sagen zu können, das ist nicht selbstverständlich! Ich jedenfalls könnte nicht so sprechen. Mir käme dieser Satz nicht über die Lippen!
    Nun mag man sich fragen: warum kommt der junge Mann eigentlich überhaupt dann noch zu Jesus? Was soll diese Frage: „Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ (V. 17) Könnte der junge Mann sich seine Frage nicht eigentlich auch sparen? Er hat doch schon alles getan, was geboten ist!
    Oder will er Jesus mal testen, auf die Probe stellen sozusagen? Einfach mal gucken, was dieser Rabbi auf diese schwierige Frage eines so tadellosen Fragers antworten kann? Wobei: in der Geschichte wird nirgends auch nur von ferne angedeutet, dass der Mann irgendwelche bösen Absichten im Schilde führte.
    Ich wage einfach mal eine andere Vermutung: dieser junge Mann, der fühlt sich auf der einen Seite stark: Ich bin okay, und das kann ich belegen: ich habe mir in Sachen Erfüllung der Gebote nichts zuschulden kommen lassen. Derjenige, der mir ein Defizit meint nachweisen zu können, der soll erst mal kommen und das versuchen! – So reden im übrigen auch viele Menschen heutzutage. Ich bin bisweilen erstaunt, wie mir Menschen gegenübertreten und in dieser Weise mit mir reden. Und ich denke mir: vielleicht sollten wir das kirchlicherseits auch mal mehr würdigen: dass der Großteil unserer Gemeindemitglieder sich durchaus an den Geboten orientiert, aufs Ganze gesehen jedenfalls. Vielleicht hat nicht jeder Grund, gar so absolut zu sprechen wie der junge Mann aus Markus 10: „Das habe ich alles gehalten von Jugend auf.“ Aber immerhin: es ist ja nicht so, als säße mir hier heute morgen eine große Bande von Gesetzesbrechern gegenüber – vermute ich  zumindest :).
    Aber jetzt sind wir am entscheidenden Punkt: mit welchem Ziel reden Menschen zu mir als Pfarrer mit diesem Hinweis? In der Regel nehme ich Folgendes wahr: mit dem Pfarrer verbinden viele irgendwie dies, dass sie mit Anforderungen konfrontiert werden, mit Anforderungen, hinter denen letztlich eben Gott selber steht. Die einen kriegen dann sofort ein schlechtes Gewissen: „Ach ja, wenn ich Sie sehe, dann muss ich gleich daran denken, dass ich ja schon viel zu lange nicht mehr in der Kirche war…“ – auch das kriege ich immer wieder zu hören. Die anderen empfinden vielleicht spontan ähnlich, haben aber überhaupt keine Neigung, sich jetzt irgendwie klein und hässlich zu geben, sondern gehen eben etwas trotzig zum Gegenangriff über – zu einem Gegenangriff übrigens, dem gar kein Angriff meinerseits vorausgegangen ist, was für mein Empfinden eigentlich immer ein bißchen verräterisch ist…
    Die Bibel nennt solches Verhalten den Versuch, sich selbst zu rechtfertigen. Dieser Versuch kommt allerdings in der Bibel schlecht weg. Vielleicht, weil er immer dermaßen trotzig wirkt, dass man vermuten darf: Da ist doch irgendwas hinter den so plakativ nach vorn geschobenen Kulissen, das vermutlich nicht wirklich in Ordnung ist? Echte Souveränität jedenfalls sieht anders aus, als ich dieses so etwas gockelhafte Verhalten dann meist wahrnehme. So ähnlich wie uns auch die Rede des Pharisäers aus dem Lesungstext vorhin, aus Lukas 18, ja meist etwas merkwürdig, ja unangenehm berührt. Und Jesus tadelt es denn ja auch mit klaren Worten.
    Wie aber ist das bei diesem jungen Mann aus Markus 10? Ihn nehme ich dann doch nochmal etwas anders wahr, anders als die meisten meiner erwähnten Gesprächspartner, anders auch als den Pharisäer aus dem Lesungstext. Er kommt ja gar nicht mit einer Selbstrechtfertigung zu Jesus, sondern mit einer Frage – und ich unterstelle: mit einer wirklich ernstgemeinten Frage. Wenn er aber dennoch jemand ist, der Grund genug hat, darauf zu verweisen, dass er die Gebote Gottes geradezu bewundernswert vollständig gehalten hat, dann bleibt mir nur ein Schluss: Dieser junge Mann hat eine leise Ahnung davon, dass alle Gebotserfüllung bis auf 3 Stellen hinters Komma eben doch nicht so einfach das Ticket darstellen, das er lösen muss, um Zutritt zum Reich Gottes zu erlangen.
    Und mit dieser leisen Ahnung liegt der junge Mann völlig richtig! Eigentlich ist er gerade nicht auf Selbstrechtfertigung aus! Ich empfinde ihn vielmehr als einen, der irgendwo tief in seinem Inneren, wohl noch recht diffus, aber spürbar merkt: das Reich Gottes – das kann doch nicht etwas sein, was ich erwerbe wie die Versetzung in eine höhere Klasse durch fehlerfreies Ankreuzen eines multiple-choice-Tests! Das Reich Gottes – das kann doch nicht etwas sein, das ich kraft mathematisch genauer Gebotserfüllung gleichsam beanspruchen kann! Wenn dem so wäre, dann würde da doch etwas nicht stimmen! Denn das widerspräche dem Wesen Gottes, der eben kein Computer ist, keine „Schaltzentrale“, sondern in irgendeiner Form, sicher geheimnisvoll: „Person“, oder wie Jesus es sehr konkret zu sagen pflegte: unser himmlischer Vater.
    Hier, liebe Gemeinde, verspürt der junge Mann einen sehr richtigen, einen sehr angemessenen Impuls! Er verweist darauf, dass er die Gebote hält, aber das tut er ja gar nicht von selber, sondern nur als Antwort darauf, dass Jesus ihm eben dieses Halten der Gebote so nahegelegt hat. Ich verstehe ihn so: „Aha, also die Gebote soll ich halten?! Nun denn, da kann ich sagen: Das hab ich getan. An dieser Stelle macht mir keiner was vor. Aber sollte das jetzt wirklich die Antwort auf meine Frage nach dem Erwerben des Reiches Gottes sein? Ehrlich gesagt, Jesus: deine Antwort stellt mich noch nicht wirklich zufrieden!“ – Wie mag Jesus diesen Impuls des jungen Mannes nun aufnehmen? Wir hörten es: „Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!“
    An dieser Stelle, liebe Gemeinde, bin ich geneigt, Jesus einen Vorwurf zu machen: Guter Mann, was du hier machst, ist Trickserei! Du erfindest einfach ein Gebot dazu – eines, das von dir selber zu kommen scheint! Ein göttliches Gebot, eines der 613 Gebote der Torah, ist es jedenfalls nicht. Kannst du es nicht einfach gelten lassen, dass dieser junge Mann die Gebote wirklich hinreichend, ja sogar lückenlos erfüllt hat? Musst du ihn jetzt irgendwie schlecht aussehen lassen? Und wenn das schon auf wirklich biblischem Wege nicht geht, denkst du dir im Handumdrehen eben eine andere Methode aus? Jesus, bei allem Respekt: das kannst du nicht machen; das ist link! Das spricht weniger gegen den jungen Mann als gegen dich selber!
    Aber so sehr sich mir auch die gerade skizzierte Gegenrede zugunsten des jungen Mannes nahelegt, so sehr bin ich doch nun auch wieder vorsichtig, allzu schnell mit möglichst großer Empörung in dieses Horn zu tuten. Schließlich gibt es da noch ein kleines Sätzchen vor den Worten aus dem Munde Jesu, die mich so empören. Dieses Sätzchen muss ich in Erinnerung rufen, sonst ginge Entscheidendes verloren. Bevor Jesus den jungen Mann zum kompletten Verzicht auf seinen Besitz auffordert, heißt es: Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb. Das, liebe Gemeinde, ist die Basis, auf der seine harten Worte dann aufbauen. Wie ist das zu verstehen?
    Ich meine, so: Jesus will den jungen Mann nicht schlecht aussehen lassen. Er will ihn vielmehr davor bewahren, vielleicht unversehens doch der Meinung zu verfallen, sein Zugang zu Gottes Reich beruhe auf seiner ohne jeden Zweifel beeindruckenden Erfüllung der göttlichen Gebote. Und er stößt ihn darauf, dass er wie jeder von uns eben doch auch Schattenseiten in seinem Leben hat. Das ist für sich genommen auch gar nichts besonders Verwerfliches – wie gesagt: darin ist der junge Mann nicht schlechter als jeder von uns (ja vermutlich können wir uns von ihm in mancher Hinsicht noch eine ganze Scheibe abschneiden!)!
    Aber die ganze Angelegenheit droht nun genau da sozusagen zu „kippen“, wo der junge Mann diese Schattenseite in seinem Leben nicht auch gelten lassen will. Er ist mit seiner Frage nach dem Zugang zu Gottes Reich auf einem guten Weg – aber zu diesem guten Weg gehört es, dass er akzeptiert: ich selber und mein Tun einschließlich meiner vielleicht ja tatsächlich tadellosen Erfüllung der Gebote bilden eben nicht die Grundlage für diesen Zugang.
    Das eigentlich Traurige an der kleinen Geschichte kommt jetzt. Es heißt kurz und knapp: Er aber wurde unmutig über das Wort und ging davon; denn er hatte viele Güter. (V.22) Gerade noch hatte er den Kontakt mit Jesus gesucht, wollte mit ihm ins Gespräch kommen. Jetzt fühlt er sich gekränkt, bricht den Kontakt ab und verlässt die Szene. Wie schade! Er hatte offensichtlich zwar Jesus Worte gehört, aber nicht das wahrgenommen, was der Evangelist vorher überlieferte: dass Jesus ihn zunächst liebgewonnen hatte und nur auf dieser Grundlage sein sicher schmerzliches Wort an ihn gerichtet hat.
    Ich meine, das ist eine für uns Menschen typische Situation: wir mögen es nicht, kritisiert zu werden. Wir halten es schlecht aus, wenn uns jemand mit unseren Schattenseiten konfrontiert. Und dann sind wir in Gefahr, vollkommen die Basis auszublenden, auf der diese Kritik geäußert wird. Wir sehen gar nicht mehr, dass auch ein Kritiker einer sein kann, der sich uns in Freundschaft, ja in Liebe zuwendet – und geben genau damit zu erkennen, dass wir das Fundament unseres Lebens doch gern in dem erblicken, was wir selbst mitbringen, nicht jedoch in dem, was uns von außen zukommt. Der junge Mann aus Markus 10 ist ein geradezu frappierendes Beispiel dafür.
    Und seine Reaktion ist so verräterisch: Er hätte mit guten Gründen eine neue Gesprächsrunde mit Jesus eröffnen können. Etwa so: „Also Jesus, was soll dieses dein Gebot an mich? Du bist dir doch wohl darüber im Klaren, dass das gerade kein Gebot der Torah und überhaupt unseres jüdischen Glaubens ist! Im Gegenteil: heißt es nicht im Talmud: du sollst zwar abgeben, aber nie soviel, dass du am Ende dich selbst nicht mehr angemessen versorgen kannst? So forderst du von mir etwas, das nicht nur unserem Glauben nicht entspricht, sondern das ihm sogar geradewegs widerspricht!“
    So oder ähnlich hätte der junge Mann reagieren können, und zwar mit gutem Grund! Aber was über ihn gesagt wird, zeigt, dass Jesus tatsächlich seinen wunden Punkt getroffen hat: er geht traurig weg, „denn er hatte viele Güter.“ Hier zeigt sich, woran sein Herz hängt. Und das ist bezeichnend. Es geht um einen „Reichen“, um einen, der viel besitzt. Das scheint für die Reaktion des jungen Mannes nicht gleichgültig zu sein. Und Jesus schließt einen Satz an, der uns nun zu schaffen machen kann: „Wie schwer werden die Reichen ins Reich Gottes kommen!“ (V. 23)
    Nun drängt sich ja förmlich die Frage auf: Wen hat Jesus denn mit diesem Satz überhaupt im Blick? Wer verdient ihm zufolge dieses Etikett: „reich“? Es ist ja allgemein bekannt, dass diejenigen, die man da am ehesten vor Augen hat, selber in der Regel nicht viel von dieser Klassifizierung wissen wollen. Sie verfallen dann immer leicht dem Reflex, schnell jemanden zu suchen, der mehr hat als sie, und dann setzen sie eben ganz schnell zwischen ihm und sich selber die Schwelle fest, ab der das beginnt, was „Reichtum“ genannt zu werden verdient.
    Es liegt auf der Hand, dass dabei der Wunsch Vater des Gedankens ist. Niemand outet sich gern als reich. Komisch, wo er doch vermutlich zugleich der Meinung ist, Reichtum sei nichts Schlimmes… - Was nun die Frage betrifft, wen Jesus mit seinem Satz wohl im Blick hat, möchte ich es mal, vielleicht etwas zu pauschal, aber sicher auch nicht völlig ohne Grund, so sagen: wir alle gehören dazu. Im Weltmaßstab jedenfalls dürfte daran kein Zweifel bestehen
    Aber nun tut sich im Predigttext Erstaunliches: Jesus beginnt, merkwürdig hin und herzupendeln: gerade noch hat er gesagt, für die Reichen sei der Zugang zum Reich Gottes schwer. Nur einen Vers später hören wir, ebenfalls aus seinem Munde, die ganz grundsätzliche Aussage: „Liebe Kinder, wie schwer ist’s, ins Reich Gottes zu kommen!“ (V. 24) Da ist also offensichtlich der Reichtum plötzlich gar nicht mehr das Differenzkriterium, was den Zugang zum Reich Gottes ausmacht.
    Gleich darauf jedoch folgt das berühmte Bild vom Kamel, das eher durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher ins Reich Gottes. (V.26) Wie auch immer dieses Bild zu deuten sein mag – und da gibt es viele Mutmaßungen! –, ich meine, es leidet keinen Zweifel: Jesus spricht hier eine Unmöglichkeit aus!
    Dann aber folgt eine Rückfrage der Jünger, die ich wiederum irritierend finde: „Wer kann dann selig werden?“ (V. 26) Warum fragen die Jünger so? Eigentlich sollte nun doch klar sein: die Armen kommen ins Reich Gottes, die Reichen nicht! Oder? Aber so einfach scheint es nicht zu sein.
    Denn fast noch irritierender ist nun Jesu Antwort auf die Frage der Jünger im letzten Vers unseres Predigttextes: „Bei Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ (V. 27) – Was soll nun das? Macht Jesus sich mit diesem Satz nicht seine eigene Pointe, seine eigene Kritik des Reichtums gleich wieder kaputt? Erst groß drohen, ein Reicher könne nicht ins Reich Gottes gelangen – und dann sofort den Ausweg aus der Sackgasse mitliefern? So dass nun doch die Gefahr besteht, dass die soeben noch scharf kritisierten Reichen meinen können: Na denn, so schlimm scheint das alles ja doch nicht zu sein – Gott wird’s schon richten, und zwar in unserem Sinne!
    So mancher Ausleger kann auf den Gedanken kommen, hier seien wohl verschiedene literarische Schichten ineinandergeflossen: eine, die den Reichtum kritisiert, und eine andere, die letzten Endes Gottes Erbarmen über alle Menschen starkmachen will. – Ich weiß es nicht: ich sehe den uns vorliegenden Text mit gewissen Spannungen, ja. Aber vielleicht sind die ja auch ganz einfach ein Spiegel der Schwierigkeiten, die dieses Thema uns bereitet:
    Es ist doch nun mal so: auf der einen Seite strebt jeder Reichtum an – oder zumindest ein solides Auskommen, so dass er nicht ständig Sorgen ums Geld haben muss. Auf der anderen Seite kennen wir die Erfahrung: Geld, Besitz, erst recht wenn es viel ist, stellt eine Gefahr dar. Nicht nur, dass es zum Himmel schreit, in wie krasser Form die Besitztümer auf Erden so ungleich verteilt sind. Nein, es ist vor allem dies, dass dem Besitz eine merkwürdige, um nicht zu sagen: eine fatale Eigenschaft innewohnt: Ich möchte es mal so sagen: Reichtum, Besitz, auch Geld – all das wird leicht zur Droge. Diese Dinge verführen dazu, die eigene Hoffnung auf sie zu setzen, so dass Gott dann überflüssig wird. Das gilt ebenso vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt, von der Medizin und manchen Errungenschaften gerade der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte. Was wir Menschen so schaffen, ist ja in der Tat beeindruckend. Aber wenn nicht mehr wir es sind, die diese Dinge beherrschen, wenn sie vielmehr uns beherrschen und uns suggerieren, letztlich hielten wir unser Leben in unseren eigenen Händen, dann kippt das Ganze.
    Denn dann werden wir undankbar; wir halten alles nurmehr für das Produkt unserer eigenen Leistung. Wir vergessen dann mehr und mehr unsere Endlichkeit, unsere Begrenztheit, auch unsere Schattenseiten, die ich vorhin in Zusammenhang mit dem jungen Mann schon einmal erwähnt habe, und wir setzen uns selber unter den Druck, alles selber schaffen und gewährleisten zu müssen.
    Dann aber tun wir, kurz gesagt, Folgendes: wir setzen uns an Gottes Stelle, und das heißt: wir missachten das 1. Gebot! Der Reichtum, der Besitz, das Geld – sie sind dann nicht „an sich“ schlecht, nein: wir könnten viel Gutes damit tun und dürften sicher auch selber so manche Annehmlichkeit des Lebens genießen! Aber Reichtum, Besitz, Geld – sie haben diese gut versteckte, aber leider so hoch wirksame Eigenschaft, uns dermaßen in ihren Bann zu ziehen, dass sie uns unsere Angewiesenheit auf Gott vergessen lassen. Wir neigen dazu, unser Herz an sie zu hängen, so wie der reiche junge Mann sein Herz an seine Güter gehängt hatte. Und dann gilt Luthers berühmter Satz: „Woran du dein Herz hängst, das ist in Wahrheit dein Gott.“ Damit jedoch, liebe Gemeinde, geht alles den Bach hinunter!
    Um diese Gefahr möglichst klein zu halten, tut es uns gut, nicht zuviel zu besitzen. Es tut uns weiter gut, immer auch die Perspektive der Bedürftigen einzunehmen und in diesem Sinne die „Bodenhaftung“ zu bewahren! Erstaunlicherweise ist es diese Bodenhaftung, die dann doch ausgerechnet mit dem Reich Gottes sehr viel zu tun zu haben scheint!
    Jesus und mit ihm der ganze zweite Teil des Predigttextes: sie pendeln, so sagte ich, etwas unausgeglichen zwischen scharfer Kritik des Reichtums und der Allmacht der Gnade Gottes hin und her. Wie gesagt, ich vermute, diese Unausgeglichenheit ist ein Spiegel dessen, dass wir beides festhalten sollen, auch wenn es rein logisch nicht unbedingt zu einem echten Ausgleich gebracht werden kann. Nehmen wir die Geschichte also auf der einen Seite sehr ernst, was ihre Warnung vor den Gefahren des Reichtums betrifft, und trauen wir auf der anderen Seite Gott doch zugleich zu, selbst den Menschen noch erreichen zu können, der sozusagen alles tut, um sein Reich nicht zu erlangen.
    Womit wir am Ende dieser dritten Predigt innerhalb der Reihe über die Gebote einmal mehr an dem Punkt wären, wo wir Gottes Anspruch und Gottes Zuspruch nebeneinander stehen sehen. Ich bleibe dabei: sein Zuspruch, seine Liebe und seine Gnade sind sein erstes und auch sein letztes Wort an uns. Aber wir tun gut daran, ja wir tun vor allem uns selber etwas Gutes, wenn wir seinen Anspruch an uns ebenso ernst nehmen!
      Der reiche junge Mann hat nur Jesu Anspruch, sein Gebot an ihn gehört. Damit kam er nicht zurecht. Es ist ein Jammer, dass er nicht auch, ja genauso klar und deutlich, um nicht zu sagen: noch klarer und deutlicher die Liebe Jesu wahrgenommen hat, die ihm gerade in dem Moment galt, wo er es so schwer hatte, Jesu Gebot hören und vor allem annehmen zu können. Ich wünsche uns, dass es uns gelingen möge, genauer hinzuhören, wenn wir Jesu Wort an uns vernehmen. Amen.

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