Teil 4 der Predigtreihe „Du sollst (nicht)…“
Vom Segen und Fluch der Gebote in der Bibel



Liebe Gemeinde,
    wenn unsereiner sich im Predigerseminar auf die Aufgabe vorbereitet, die ich gerade Ihnen gegenüber wahrnehme: das Predigen nämlich – also wenn jemand sich darauf vorbereitet und etwa einen Kurs dazu macht, dann werden ihm bald gewisse Schlagworte begegnen, die für das gute Predigen offensichtlich besonders wichtig sind. Zum Beispiel das Schlagwort „Hörerorientierung“, oder besser noch: „Zielgruppenorientierung“!
    Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein: so predigen oder je nachdem auch so schreiben, dass die Adressaten der Botschaft einen auch verstehen können. Aber die Erfahrung lehrt: ganz so selbstverständlich ist das nicht.
Und da sind wir in der Geschichte der Kirche wahrlich nicht die Ersten. Nein: sogar der Autor im Neuen Testament schlechthin, der Apostel Paulus, ist da nicht immer ein Vorbild. Er kann zwar auf der einen Seite wunderbare Texte formulieren, dann aber kommen auch immer wieder richtig schwere Brocken aus seiner Feder.
    Und heute morgen, liebe Gemeinde, bekommen wir es mit so einem schweren Brocken aus der Feder des Paulus zu tun: mit dem 7. Kapitel seines Briefes an die christliche Gemeinde in Rom. Genauer: mit Römer 7,7-25. Das ist – leider! – ein echt schweres Stück urchristliche Literatur. Lassen Sie es uns dennoch hören; ich bin nämlich der festen Meinung: darin steckt ganz Wesentliches für unser Leben verborgen. Und obwohl es nicht leicht zu finden ist, vertraue ich darauf: es lässt sich entdecken. Und diesen Versuch möchte ich heute morgen mit Ihnen gemeinsam unternehmen!
      In den Versen zuvor hat Paulus dargelegt, dass wir als Christen nicht länger unter der Macht des Gesetzes stehen, das uns ständig den Spiegel vorhält, wie wir leben sollten, wie wir aber nun mal in der Praxis nicht zu leben pflegen. Das Gesetz, so Paulus, kann uns nicht mehr verklagen, weil Christus für uns sein Leben gegeben hat. An dieser Stelle steigt Paulus mit unserem heutigen Predigttext ein, und ich lese zunächst die Verse Römer 7,7-13:
    Was folgt nun daraus? Dass das Gesetz Sünde sei? Gewiss nicht! Sondern: Ohne das Gesetz hätte ich die Sünde nicht kennen gelernt. Denn ich wüsste nichts vom Begehren, wenn das Gesetz nicht sagte: Du sollst nicht begehren!
    Die Sünde aber nutzte die Gelegenheit, die das Gebot ihr gab, und weckte in mir jegliches Begehren; ohne das Gesetz nämlich ist die Sünde tot. Einst lebte ich, und es gab kein Gesetz; als aber das Gebot kam, erwachte die Sünde zum Leben, ich aber starb und musste erfahren: Das Gebot, das doch zum Leben da war, eben das führte zum Tod. Denn die Sünde nutzte die Gelegenheit, die das Gebot ihr gab, und täuschte mich und tötete mich durch das Gebot. So gilt: Das Gesetz ist heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.
    Also hat das Gute mir den Tod gebracht? Gewiss nicht! Vielmehr bringt mir die Sünde, damit sie als Sünde in Erscheinung trete, durch das Gute den Tod. So sollte die Sünde über alle Maßen sündig werden durch das Gebot.
Liebe Gemeinde,
    wenn Sie den Eindruck haben, sie hätten nicht viel verstanden, dann sind Sie hier sicher nicht alleine! Ich bin mir da, offen gestanden, auch nicht immer sicher. Aber ich will versuchen, Sie an dem teilhaben zu lassen, was ich verstanden zu haben glaube!
    Also: Paulus denkt über das Gesetz nach, also die jüdische Torah, diese 613 Gebote, die für den jüdischen Glauben so grundlegend sind. Und da können wir Christen uns nun allerdings nicht gemütlich zurücklehnen nach dem Motto: Ist ja nicht unser Bier; schließlich sind wir keine Juden, und diese 613 Gebote sind für uns nicht verbindlich! Nein: zum einen schreibt Paulus seinen Römerbrief ja an eine christliche Gemeinde, und zum zweiten: es reicht schon, wenn wir das, was Paulus ausführt, auf die berühmten Zehn Gebote beziehen, oder nochmal anders gesagt: wenn wir es auf das Phänomen des Gebotes überhaupt beziehen, das uns sagt, was wir im Leben, speziell im menschlichen Miteinander, tun und lassen sollten.
    Und da kommt Paulus nun zu einem Schluss, der so Manchen von uns vermutlich überrascht, weil er die ganze Angelegenheit noch nie so gesehen hat, wie Paulus das tut. Ich hole etwas weiter aus: Wir denken ja meist: gut, dass es die Gebote gibt; sie geben uns einen Rahmen für unser Zusammenleben. Hätten wir sie nicht, dann ginge vermutlich alles drunter und drüber in der Welt. Deshalb, so folgern wir, ist es Aufgabe gerade der Kirche, die Gebote zu lehren, sie auf heutige Verhältnisse anzuwenden und nach ihrer Bedeutung für Menschen unserer Zeit und Welt zu fragen. Wenn Sie sich vielleicht an Teil 1 meiner Predigtreihe erinnern: dort sagte ich: so verstanden, geht es um das, was in der Theologie der „politische Gebrauch des Gesetzes“ genannt wird. So verstanden, dient es dazu, das Böse – oder wie wir in der Kirche auch sagen: die Sünde einzudämmen, sie möglichst kleinzuhalten.
    Paulus betrachtet das Gesetz, die Gebote, hier in Römer 7 jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Er sagt, vereinfacht gesagt: nur wo ein Gebot ist, kann es überhaupt so etwas wie Sünde geben. Denn ansonsten wäre ja nichts ge- oder verboten, und demzufolge könnte sich keine entsprechende Verfehlung ereignen.
    Nun werden Sie sagen: Aber dann ist es ja gerade gut, dass es Gebote gibt! Sonst würde im Extremfall gemordet, aber niemand würde einen Mord einen Mord nennen und den Mörder zur Rechenschaft ziehen können.
    Da würde Paulus Ihnen wohl sofort zustimmen. Er lehnt sicher nicht den „politischen Gebrauch des Gesetzes“ ab, auch wenn diese Begrifflichkeit erst viel später geprägt wurde.
    Aber ihm kommt es auf etwas Anderes an: Paulus stellt fest, dass manches Böse, manche Sünde ausgerechnet dadurch, dass sie verboten wird, geradezu allererst in uns geweckt wird. Wie sagt er in Vers 7: Denn ich wüsste nichts vom Begehren, wenn das Gesetz nicht sagte: Du sollst nicht begehren!
    Das kennen wir doch aus unserer Lebenserfahrung: Da gehen wir an endlosen Wiesenflächen im Park entlang, und alles ist wunderbar. Plötzlich kommt an einer Stelle ein Schild: „Rasen nicht betreten!“ Und schon wird ausgerechnet dieses Stückchen Rasen, wo dieses Schild steht, für uns interessant! Und wir denken bei  uns selber: Warum sollten wir ausgerechnet dieses Stück nicht betreten dürfen? Wer will uns das eigentlich vorschreiben? Das sehen wir doch gar nicht ein! Irgendetwas Besonderes muss es doch gerade mit diesem Stückchen Rasen auf sich haben! Und das will uns irgendsoein dummes Grünflächenamt vorenthalten? Das ist ja wohl die Höhe! – Und, zack: schon stehen wir genau auf diesen paar Quadratmetern!
    Oder ich erinnere mich an einen Witz: Warum, so wird da gefragt, werden in der Bundesregierung wichtige Unterlagen nicht mehr als „vertraulich“ gekennzeichnet? Antwort: Ganz einfach: weil sie sonst am nächsten Tag immer in der Zeitung stehen.
    Und schon ganz zu Anfang der Bibel, im 1. Buch Mose, Kapitel 3 weiß man um dieses Phänomen: der gesamte Garten Eden steht dem ersten Menschenpaar zur freien Verfügung, bloß der eine Baum, der so genannte Baum der Erkenntnis ist von Gott tabu erklärt worden. Davon sollen Adam und Eva nicht essen. Und was tun die beiden? – Nun, die Geschichte ist Ihnen bekannt; wir haben ihren Anfang in der Lesung ja auch gehört. Eine urmenschliche Geschichte, in unzähligen Varianten zu jeder Zeit immer neu durchzubuchstabieren!
    Nun aber zieht Paulus den Schluss, der sich aus diesem Phänomen ergibt: Das Gesetz, das Gebot oder Verbot, sie dienen an dieser Stelle nicht einfach nur der Eindämmung des Bösen, der Sünde. Sondern sie führen uns unsere Sünde allererst vor Augen! Ja die Sünde hängt sich sozusagen am Gebot auf und wird dadurch allererst zur Sünde! Das nannte ich im ersten Teil der Reihe den „theologischen Gebrauch des Gesetzes“. Damit ist gemeint: das Gesetz, die Gebote: sie führen uns permanent unser Versagen vor Augen! Und so verstanden dienen sie gerade nicht dem Leben, sondern, um mit Paulus zu sprechen: „Die Sünde nutzte die Gelegenheit, die das Gebot ihr gab, und tötete mich durch das Gebot.“ (V. 11)
    Und jetzt können Sie vielleicht auch nachvollziehen, warum ich meine Reihe mit dem Titel versehen habe: „Vom Segen und Fluch der Gebote in der Bibel“. Die Gebote sind, so verstanden, eben nicht nur ein Segen für uns, sondern tatsächlich auch ein Fluch! Sie konfrontieren uns ständig mit unserem Versagen ihnen gegenüber – wenn wir denn ehrlich auf uns selber und unser Handeln blicken!
    Spüren Sie, liebe Gemeinde, das Dilemma, das sich aus dieser Gemengelage ergibt? Auf der einen Seite brauchen wir die Gebote zur Eindämmung des Bösen – Stichwort: „politischer Gebrauch des Gesetzes“ –, auf der anderen Seite werden wir durch die Gebote permanent mit unserem Versagen, mit unserem Scheitern an ihnen konfrontiert – Stichwort: „theologischer Gebrauch des Gesetzes“ –, ja sie sind selber der Aufhänger für die Sünde, diesen offensichtlich so schwer oder gar nicht auszurottenden Trieb in uns, der uns dazu bringt, Böses zu tun und die Gebote zu brechen.
    Und das ist, bei Lichte und mit einem ernsthaften, wachen Gewissen betrachtet, kaum auszuhalten: dasselbe Phänomen namens „Gebot“ ist dann einerseits ein unerlässlicher „Notnagel“ gegen das Böse in der Welt und zugleich andererseits ein Not verursachender Stachel in unserem Gewissen. Es ist Segen und Fluch zugleich für uns!
    Paulus geht nun  noch einen Schritt weiter und zeichnet den durch die Gebote so herausgeforderten Menschen als ein Wesen in tiefster Zerrissenheit. Ich lese den Rest des Kapitels bis fast ganz an sein Ende: Römer 7, die Verse 14-25a:
    Wir wissen ja, dass das Gesetz zum Geist gehört; ich dagegen bin vom Fleisch bestimmt – und verkauft unter die Sünde. Was ich bewirke, begreife ich nicht; denn nicht, was ich will, treibe ich voran, sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber gerade das tue, was ich nicht will, gestehe ich dem Gesetz zu, dass es Recht hat.
    Dann aber bin nicht mehr ich es, der handelt, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß: In mir, das heißt in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Denn das Wollen liegt in meiner Hand, das Vollbringen des Rechten und Guten aber nicht.  Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, das treibe ich voran. Wenn ich aber gerade das tue, was ich selbst nicht will, dann bin nicht mehr ich es, der handelt, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
    Ich entdecke also folgende Gesetzmäßigkeit: Dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse naheliegt. In meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, in meinen Gliedern aber nehme ich ein anderes Gesetz wahr, das Krieg führt gegen das Gesetz meiner Vernunft und mich gefangen nimmt durch das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
    Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten aus diesem Todesleib? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!
Liebe Gemeinde,
    Paulus geht noch einen Schritt weiter, so sagte ich. Er führt einen neuen Begriff in seine Reflexion ein, der in der Tat der Erläuterung bedarf. Er sagt: „Ich bin vom Fleisch bestimmt.“ (V. 14), während er das Gesetz auf die Seite des „Geistes“ bucht. Diese Terminologie ist sehr missverständlich: das klingt nach Leibfeindlichkeit; es sieht so aus, als werde alles Körperliche schlecht geredet und eine „Vergeistigung“ angestrebt. Paulus selber als jemand, der für sich den Zölibat gewählt und ihn auch seinen Zeitgenossen empfohlen hat, ist hier sicher in Gefahr, so verstanden zu werden.
    Aber darum geht es nicht. Es geht um eine grundmenschliche Erfahrung, die sowohl unsere Körperlichkeit als auch unser Geistesleben betrifft: mit Worten aus Jesu Munde formuliert: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ (Matthäus 26,41) So sagt er es kurz vor seiner Gefangennahme im Garten Gethsemane zu seinen Jüngern, die doch mit ihm hatten wachen und beten wollen, darüber aber immer wieder eingeschlafen waren. Es geht um den schlichten, aber so traurigen Sachverhalt, dass unsereiner sich gern soviel Gutes vornimmt, aber so wenig davon wirklich in die Tat umzusetzen in der Lage ist! Gerade zum Jahreswechsel ist dieses Phänomen ja bekanntlich sehr ausgeprägt.
    Und genau in so einer Situation treten uns die Gebote in ihrem „theologischen Gebrauch“ unerbittlich gegenüber und halten uns den Spiegel vor: So solltet ihr handeln, ja so habt ihr es im Grunde ja auch als richtig erkannt – aber ihr tut es einfach nicht! Oder immer nur ansatzweise, ohne den nötigen langen Atem.
    Jetzt aber ergibt sich die spannende Frage: was folgt für uns aus dieser Beobachtung an uns selber: zwei Möglichkeiten bieten sich an: die erste: wir verzweifeln an uns und unserer so wenig konsequenten Natur. Oder es gibt die zweite Möglichkeit: wir stellen fest: es geht halt nicht. Unser guter Wille reicht nicht immer bis zur guten Tat. So können wir uns selber verzeihen, und alles ist ok.
    Ich nehme nun einmal an, Ihnen ist – ebenso wie mir – die erste Möglichkeit sehr unsympathisch. Die zweite ist uns natürlich sympathischer. Der rheinischen Mentalität kommt sie auch sehr entgegen. Aber das gilt doch bei Lichte besehen nur Stück weit: wenn jemand ständig Versprechungen macht, gute Vorsätze aufstellt, dann jedoch die Versprechungen nicht einhält und den Vorsätzen nicht entspricht, dann sind wir früher oder später nicht mehr so einfach bereit, immer sämtliche Augen zuzudrücken, sondern dann sind wir mehr und mehr enttäuscht von ihm.
    Oder noch krasser: Wenn jemand vor Gericht immer wieder neu die so genannten „mildernden Umstände“ geltend machen will, um seine Verbrechen einem gnädigen Urteil zuzuführen, dann werden wir wahrscheinlich eher früher als später sagen: so geht es nicht. Die Kategorie der Verantwortung gerät aus dem Blick, wo wir allzu schnell jedes Versagen oder auch jeden Rückfall in Straffälligkeit mit Hinweis auf das „schwache Fleisch“ sanktionieren. So großzügig wir auch gern daherkommen mögen: ich bin sicher, für jeden unter uns kommt irgendwann mal der Punkt, wo wir andere Menschen und hoffentlich auch uns selber mit dieser Kategorie der Verantwortung konfrontieren! Und das heißt: wo wir uns im Spiegel des Gebotes erblicken, wo wir uns also mit dem Gesetz in seinem „theologischen Gebrauch“ befassen müssen!
    Und jetzt wird es dramatisch, denn der Apostel Paulus trifft nun eine Feststellung, von der ich mir nicht sicher bin, ob alle unter uns sie teilen würden. Ich halte sie jedoch für sehr realistisch: aus diesem Dilemma, dass wir die Gebote erfüllen sollen, dies aber nie hinreichend schaffen, kommen wir mit unseren eigenen Kräften nicht heraus! Diese Feststellung widerspricht jeder moralischen Konzeption des Glaubens, so als sei es dessen Aufgabe, den Menschen lediglich die Gebote in ihrem „politischen Gebrauch“ mitzugeben und einzuschärfen. Dann habe die Religion ihr Ziel erreicht.
    Nein, liebe Gemeinde, alles andere als das! Damit ließe die Religion, damit ließe der Glaube uns Menschen im entscheidenden Moment gerade allein! Sie ließen uns in eben dem Moment allein, wo die Gebote in ihrem politischen Gebrauch zur Seite treten und in ihrem für uns so hoch bedrohlichen und niederschmetternden theologischen Gebrauch im Raume stehen, als Spiegel unseres Versagens nämlich.
    Aber genau an diesem Punkt, so Paulus, kommt das Eigentliche des christlichen Glaubens ins Spiel: er sagt es mit einer verängstigten Frage, ja geradezu einem panischen Schrei, auf den ein dankbarer Jubelruf folgt: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten aus diesem Todesleib? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“ (V. 24-25a)
    Jesus Christus, so Paulus, nimmt durch sein Leiden und Sterben die Last auf sich, die das Gebot in seinem theologischen Gebrauch für uns darstellt. Wo es uns den Spiegel vorhält, da richtet er diesen Spiegel sozusagen gegen sich und nimmt uns aus der Schusslinie! Nochmal anders gesagt: er zieht den Fluch, den das Gesetz, das Gebot darstellt, auf sich, so dass der Weg des Segens zu uns hin frei wird. Und damit, das ist die letzte Konsequenz, hat die Sünde, diese uns dermaßen stark und definitiv bedrohende Macht, ausgespielt.
    Eigentlich könnte mit dem dankbaren Jubelruf das Kapitel Römer 7 nun wunderbar enden. So ganz nach dem Motto: „Alles ist gut.“ Wäre da nicht noch der letzte Halbvers 25b. Denn was bekommen wir da zu lesen: „Also gilt: Mit der Vernunft diene ich dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde.“
    Mensch. Paulus!, so möchte ich rufen, den guten Mann an den Schultern packen und mal so richtig durchschütteln: durch diesen Halbsatz machst du dir ja deine ganze Pointe wieder kaputt! Was soll denn nun gelten: Hat Christus uns aus der Versklavung unter das uns ständig niederdrückende Gesetz nun befreit? Dann kann der letzte Halbvers doch keinen Sinn haben! Oder hat er es nicht? Dann bleiben wir in diesem Hin- und Herpendeln zwischen Wollen und Nichtkönnen befangen. Aber was wäre dann gewonnen?
    Die Forschung geht deshalb insgesamt heute davon aus, dieser letzte Halbvers sei nicht ursprünglich von Paulus, sondern den habe wohl ein nachträglicher Redaktor ans Ende des Textes gesetzt. Paulus sei tatsächlich der Überzeugung gewesen: wer einmal den Glauben an Christus angenommen hat, der ist auch in der Lebenspraxis ein neuer Mensch geworden. So wie wir es ja auch von einem echten Christen erwarten, und so wie es die Bibel auch immer wieder sagt, etwa wenn von den guten Früchten die Rede ist, die ein Christ in seinem Leben zu bringen habe, wenn denn sein Glaube echt ist.
    Ich nehme also einmal an, der Halbvers ist wirklich nicht von Paulus. Gleichwohl, liebe Gemeinde, muss ich Ihnen sagen: ich kann den Menschen verstehen, der ihn dort noch angefügt hat. Denn ich würde von mir sagen: auch als Christ mache ich die mich bisweilen tatsächlich erschütternde Erfahrung: ich bin allein durch meinen christlichen Glauben dem Zusammenhang vom willigen Geist und zugleich dem schwachen Fleisch leider nicht immer entzogen. Ich scheitere auch als Christ immer wieder am Gebot. Das kann deprimierend sein, ja. Es sollte anders sein, ebenfalls ja. Wie soll ich, wie sollen wir damit umgehen?
    Die Bibel, auch Paulus selber an anderen Stellen, sie bieten durchaus etwas an für uns Menschen, wenn wir so empfinden. Denn sie machen einen Unterschied zwischen unserer heutigen Zeit und der Zeit der Vollendung, die wir Christen noch erwarten. Unter den Bedingungen der „noch nicht erlösten Welt“, wie wir das in der Theologie nennen, wird unsere Befreiung aus den Zusammenhängen des Bösen und der Sünde zwar hoffentlich immer wieder aufleuchten wie ein Signal, das sich durch das Dunkel Bahn bricht. Aber gänzlich ungetrübt wird es noch nicht zur Entfaltung kommen.
    In seinem berühmten Kapitel 1. Korinther 13, das wir am nächsten Sonntag zum Ende der Predigtreihe bedenken wollen, da findet Paulus eine sehr schöne Wendung für diesen Gedanken: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ (1. Korinther 13,12)
    Vielleicht muss es uns unter den Bedingungen unserer Welt genügen, die Befreiung aus den Zusammenhängen des Bösen und der Sünde nur stückweise erleben zu können – wie gesagt: als immer neues Aufleuchten eines Lichtes in der Dunkelheit. Noch leben wir, wie Martin Luther es sagte, der diese Spannung sehr stark empfunden hat, „zugleich als Gerechte und als Sünder“. Als Gerechte, sofern wir uns immer wieder neu Christus sozusagen in die Arme werfen, und als Sünder, sofern wir eben doch erkennen: auch wir Christen sind und bleiben fehlbare und auf immer neue Vergebung angewiesene Menschen.
    Das ist nicht schön, aber es muss uns nicht verzweifeln lassen. Denn der erste Halbvers 25 gilt nach wie vor: Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn (V. 25a) Dahinter geht Paulus nicht zurück, und wir müssen es auch nicht. Die Vollendung jedoch steht noch aus. Das muss uns jedoch nicht länger bedrücken. Wir dürfen uns vielmehr auf sie freuen! Amen.

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