Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 5 der Predigtreihe „Du sollst (nicht)…“
Vom Segen und Fluch der Gebote in der Bibel



Liebe Gemeinde,
das „neutestamentliche Hohelied der Liebe“ – so nennt man es gern, das Kapitel 1. Korinther 13 im Neuen Testament. So wie wir im Deutschen gern sagen: „Wir singen das Hohelied auf etwas“, wenn wir dieses Etwas bejubeln und in seiner großen Bedeutung würdigen wollen. (Nebenbei bemerkt: allein dies ist schon bezeichnend: Wo Worte nicht ausreichen, da kommt die Musik ins Spiel. Bei der Liebe leuchtet das sofort ein: man kann sie kaum hinreichend besprechen, sondern höchstens besingen!)
Nun weckt das Stichwort der „Gebote“ eigentlich ja gerade keine solchen hochfliegenden Erwartungen. Da geht es weniger musikalisch-schwelgend zu als nüchtern-sachbezogen. Ja da heißt es bisweilen wohl eher: die Zähne zusammenbeißen und den inneren Schweinehund überwinden, als den Mund zum Gesang zu öffnen. Höchstens ein erschreckter Stoßseufzer mag uns da entfahren – dann nämlich, wenn wir feststellen: wir werden den Geboten durchaus nicht immer gerecht. Letzten Sonntag, als wir über Römer 7 nachdachten, da stand dies im Mittelpunkt.
Aber das ist nur die eine Seite der Medaille: schon das Judentum kann die Gebote besingen, so wie wir es in den Psalmen finden: „Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele“ – so wird zum Beispiel in Psalm 19,8 gesungen. Und nun besingt Paulus die Liebe. Jedenfalls wird sein Kapitel über die Liebe im 1. Korintherbrief als ein solcher Lobgesang, eben als das „Hohelied der Liebe“ empfunden. Schauen wir genauer hin und hören dazu zunächst die Worte des Paulus:
Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Liebe Gemeinde,
wenn ich diese Worte des Paulus über die Liebe höre, dann bin ich zuhöchst fasziniert und zutiefst irritiert zugleich. Mit der Faszination möchte ich beginnen: so wie Paulus hier schreibt, da rückt der Gedanke an Gebote, die wie warnende Schilder oder mahnende Zeigefinger in der Gegend stehen, ganz weit weg. Wer denkt, Religion habe hauptsächlich mit Gebot und Verbot zu tun, wird diesen Eindruck hier in diesen Worten des Paulus jedenfalls nicht bestätigt finden.
Ich erhielt eine nachdenkenswerte Reaktion auf meine Predigtreihe, wo jemand sich kritisch gegen die, wie er es nannte „enumerative Vorschriftenreligion“ des jüdischen Glaubens äußerte – ich könnte auch sagen: gegen den großen „Schilderwald“, der da in der Torah aufgerichtet wird. Ob das Judentum mit dieser Charakterisierung wirklich angemessen erfasst ist, lasse ich hier einmal außer acht. Jedenfalls macht Paulus es hier in 1. Korinther 13 ganz anders. Bei ihm scheint es, als sei „Liebe“ gleichsam ein Zauberwort, das alle Dinge neu qualifiziert, das dem menschlichen Verhalten insgesamt eine ganz neue Ausrichtung gibt.
Der große Kirchenvater Augustin hat bekanntlich die christliche Ethik einmal in die kurzen Worte zusammengefasst: „Liebe – und dann mach, was du willst!“ Womit er natürlich nicht sagen wollte, es sei egal, was der Mensch dann mache, sondern ich verstehe ihn so: „Wenn dein Handeln vom Prinzip der Liebe durchdrungen ist, dann brauchst du keine weiteren Einzelgebote mehr. Dann kannst du unter diesem Vorzeichen völlig frei aufspielen und darfst gewiss sein, dass du das Richtige, das Gute tun wirst.“
Auch dies fasziniert mich, wie Paulus hier die Liebe an die Seite der Wahrheit stellt und sie damit der Eigensucht, der Ungerechtigkeit, der Willkür entgegensetzt. Ja, so möchte ich seufzen: diese Liebe brauchen wir! Ihr sollten wir uns in der Tat ganz und gar verschreiben!
Schließlich fasziniert es mich, dass die Liebe hier bei Paulus überhaupt nicht im Modus des Imperativs vorkommt. Zwar sprechen wir auch vom „Liebesgebot“ – ja wir haben in der Lesung aus Markus 12 vorhin vom „Doppelgebot der Liebe“ gehört, die sich auf Gott und auf den Mitmenschen richten soll. Aber ich meine: im strengen Sinne „gebieten“ lässt Liebe sich gar nicht. Zwar ist mir klar, dass es hier bei Paulus nicht um „Liebe“ im Sinne einer romantischen Gefühlsaufwallung geht. Aber das griechische Wort „AGAPE“, das hier zugrunde liegt, bezeichnet doch mehr als nur ein soziales Handeln. Es drückt eine Grundhaltung gegenüber meinem Mitmenschen aus, die durch Anerkennung, Wertschätzung gekennzeichnet ist. Der Mensch, dem ich AGAPE entgegenbringe, der wird von mir rundherum als Geschöpf Gottes gewürdigt.
Und das ist mehr, als ihn einfach nur korrekt zu behandeln. Gut, auch das wäre schon eine Menge. Aber AGAPE greift weiter. Das sehen wir zu Beginn des Kapitels, wo Paulus erstaunlichen Aussagen trifft, unter anderem diese hier: Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. (Vers 3)
Aber – ganz ehrlich: damit bin ich auch schon bei der tiefen Irritation, die die Worte des Paulus neben der Faszination leider auch in mir auslösen: denn vielleicht, so denke ich mir, wäre das doch viel besser, wenn man Liebe tatsächlich gebieten könnte. Dann läge es an unserem Willen, ob sie sich ereignen würde oder nicht. Aber das funktioniert nun mal nicht so, jedenfalls nicht mit Aussicht auf Erfolg. Bleiben wir einen Moment lang bei dem vorhin zitierten Vers 3 des Kapitels 1. Korinther 13: Es ließe sich gebieten, alle Habe den Armen zu geben – oder sagen wir etwas realistischer: es ließe sich gebieten: diejenigen, die etwas besitzen, sollen mit denen teilen, die nichts haben. Das ließe sich gebieten, und diesem Gebot könnte man gehorchen. Gut. Ja es ließe sich auch gebieten, im Falle des Falles Leib und Leben für jemand anderen einzusetzen. Ein höchst anspruchsvolles Gebot, aber vorstellbar und befolgbar.
Ja im Grunde meine ich: wenn jemand tatsächlich das täte: seinen Besitz mit den Besitzlosen teilen, ja sogar sein eigenes Leben einzusetzen für andere, dann wäre das geradezu sagenhaft, aller Ehren wert. Doch was sehen wir hier: dem Apostel Paulus reicht das nicht! Nein, er sagt: das alles kann es auch in einer lieblosen Form geben! Und dann „wäre mir’s nichts nütze“.
Hier können wir gleich an mehreren Stellen kritisch einhaken: erweist sich der Mensch, der so große Dinge tut, nicht gerade in diesen seinen Taten als liebevoll? Paulus zufolge offenbar nicht unbedingt. Ja aber dann stellt sich doch die Frage: wie soll jemand zu solcher Liebe gelangen? An dieser Stelle, liebe Gemeinde, da erhalten wir von Paulus keine unmittelbare Antwort. Ich vermute, das liegt eben daran, dass er weiß: solche Liebe lässt sich letztlich nicht gebieten. Da kann man nicht einfach den Schalter umlegen und sagen: nun denn, dann handle ich eben nicht nur mit großem Einsatz, ja mit echter Hingabe an meinem Gegenüber, sondern dann liebe ich dieses Gegenüber eben auch… Nein – so funktioniert das mit der Liebe nicht.
Nicht einmal die Liebe von Eltern zu ihren Kindern ereignet sich als Reaktion auf ein entsprechendes Gebot. Diese Elternliebe mögen wir für das Natürlichste auf der Welt halten. Aber ich weiß von Eltern, denen es schwer fällt, ihre Kinder wirklich zu lieben, weil sie so an ihnen leiden, sie nicht verstehen und ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen verloren haben – genau daran leiden diese Eltern wiederum auch sehr. Man kann diesen Eltern vielleicht gebieten, ihre Kinder möglichst gerecht zu behandeln, für sie zu sorgen. Aber kann man ihnen gebieten, sie zu lieben? Ich glaube, das wäre nicht verheißungsvoll. Denn Liebe hat etwas mit Affekten zu tun. Was sich aber auf der affektiven Ebene abspielt, kommt von innen – oder es kommt überhaupt nicht.
Davon können ja auch viele Paare ein trauriges Lied singen. Traurig ist dieses Lied nicht zuletzt deswegen, weil sie einander ja in aller Regel einmal tatsächlich in Liebe verbunden waren – oder dies zumindest geglaubt haben! Aber Liebe kann gewissermaßen „abhanden kommen“, und das kann furchtbar sein. Erich Kästner hat diese Erfahrung in ein Gedicht gekleidet, das den Titel trägt: „Sachliche Romanze“: Ich lese es Ihnen vor:
Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Ja, liebe Gemeinde, das gibt es. Und so liest sich das, was Paulus zu Beginn des Kapitels schreibt, irgendwo zwar sehr schön, aber zugleich auch fast bedrohlich, so nach dem Motto: sollte das Gott denn nicht genügen: dass da jemand den Armen hilft, ja dass er notfalls das eigene Leben einsetzt? Wie gesagt: kann es denn überhaupt sein, dass all das ohne Liebe geschieht? Erweist sie sich nicht gerade durch solche Taten als echte Nächstenliebe?
Für den Apostel offensichtlich nicht unbedingt. Und ich meine nach einigem Überlegen, das lässt sich nachvollziehen: da gibt es Menschen, die ständig für andere auf Achse sind, Menschen mit dem so genannten „Helfersyndrom“: immer für andere da, „allzeit bereit“ wie die Pfadfinder – und doch unterm Strich eher hektisch als ihrem Gegenüber wirklich zugewandt, im Umgang launisch bis cholerisch, wenn mal was nicht nach ihrem Willen läuft, oder aber sie ruinieren sich selbst und ihre Kollegen geradezu im Einsatz für andere. Paulus würde das Engagement dieser Menschen nicht schlechtreden wollen, aber er würde gleichwohl sagen: hier stimmt etwas nicht! So kann es nicht gehen! Das Prädikat „Liebe“ jedenfalls kann hier nicht verliehen werden!
Wo aber kann es verliehen werden? Der Apostel lässt hier an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. (1. Korinther 13,4-7)
Ja im Grunde kulminiert alles in dem dann folgenden Satz: Die Liebe hört niemals auf. (Vers 8) Und wieder stellen sich bei mir beide Eindrücke ein: ich bin zunächst aufs Höchste fasziniert: Ja, so sollte es sein: die Liebe als ein Phänomen, das sämtliche Begrenzungen hinter sich lässt. Die Liebe als das große Absolute, das alles Relative als vorläufig entlarvt! Endlich etwas, worauf wir uns felsenfest verlassen können in unserer so bewegten und hin- und hergeworfenen Welt!
Aber dann bin ich doch zugleich wieder zutiefst irritiert: wer von uns sollte denn solche Liebe jemals aufbringen können? Solche absolute Liebe ohne Begrenzungen? Wir würden vielleicht sagen können: Die Liebe, die ich praktiziere, erträgt eine ganze Menge, sie glaubt Vieles, sie hofft so Manches, sie duldet mehr, als man meinen sollte. Aber: „alles“, so wie es hier ein ums andere Mal steht?
Dieser Anspruch dürfte auch den Gutwilligsten unter uns sehr irritieren. Zum einen, weil wir von uns wissen: so sind wir nicht; diese Absolutheit übersteigt unsere Kräfte. Zum anderen, weil eine im beschriebenen Sinne absolute Liebe vermutlich auch unseren Widerspruch hervorrufen würde – etwa so: wenn die Liebe wirklich alles ertragen soll, dann frage ich mich doch: Ist das überhaupt gut? Wird der so geliebte Mensch nicht geradezu automatisch undankbar im selben Maße, wie die Liebe, die ihm entgegengebracht wird, offensichtlich keinem Risiko mehr unterliegt? Er könnte sie für selbstverständlich halten und damit das Bewusstsein für das Unverfügbare, das Geschenk verlieren, das mit der Liebe doch immer auch verbunden ist!
Aber gerade an diesem Punkt, liebe Gemeinde, wo ich drauf und dran bin, der Absolutheit der Liebe, so wie Paulus sie beschreibt, den Abschied zu geben, da möchte ich innehalten: Natürlich bemerke ich: ich bin zu solcher Liebe nicht einfach aus eigener Kraft imstande. Natürlich sehe ich umgekehrt auch die Risiken solcher Liebe. Aber zugleich spüre und weiß ich doch: solche Liebe ist es, von der ich lebe! Von einer Liebe, die mich so nimmt, wie ich bin, einschließlich meiner Schwächen, meiner Defizite, meines Versagens. Ich hoffe, jeder Einzelne unter uns hat schon einmal zutiefst erschrocken und zugleich aufs Höchste beglückt sozusagen vor dem eigenen Spiegelbild gestanden und zu sich gesagt: Dieser Mensch da, du selbst, wirst tatsächlich von anderen Menschen vorbehaltlos geliebt! Nicht zu fassen, aber wahr! Und wenn vielleicht auch nicht oder zumindest nicht immer von Menschen, von Gott wirst du auf jeden Fall vorbehaltlos geliebt! Noch weniger zu fassen, aber erst recht und unwiderruflich wahr!
Und damit sind wir am entscheidenden Punkt: wenn Paulus in so hohen Worten von der Liebe schreibt bzw. geradezu singt, dann ist das zuerst und zuletzt eben keine Liebe, die er uns gebietet, sondern dann ist das die Liebe, die Gott uns entgegenbringt. Wenn wir nun jemanden suchen, in dem diese Liebe offensichtlich wird, dann wird Paulus uns wohl niemand anderen vor Augen halten als den, nach dem wir Christen uns nennen: Jesus Christus selbst. Da finden wir tatsächlich die totale Hingabe für andere, aber ohne die „Schattenseiten“, wie ich sie vorhin erwähnt habe, wie Helfersyndrom, hektische Betriebsamkeit oder den Verschleiß von Mitarbeitern. Jesus strahlt vielmehr in all seiner Hingabe zugleich ja immer so eine bemerkenswerte Ruhe, Souveränität und ganz einfach Menschenfreundlichkeit aus.
Und so ruft Paulus ja in seinen Briefen ständig zum Glauben an diesen Jesus Christus auf. Er ruft uns, unser Leben zugleich ihm anzuvertrauen und an ihm zu orientieren. Und wo wir merken, dass wir ihm nicht gerecht werden, wo der Blick in den Spiegel wieder bedrohliche Züge annimmt, da schärft Paulus uns ein: Ihr dürft seiner vorbehaltlosen Liebe zu euch wirklich ganz gewiss sein!
Dann jedoch rückt die Liebe als Grundhaltung unseres Lebens in Bezug auf unsere Mitmenschen, ja in Bezug auf die Schöpfung insgesamt ganz neu in den Blick. Man könnte sagen: wer sich von Gott geliebt weiß, sollte eigentlich gar nicht anders können, als seinerseits diese Liebe weiterzugeben. So schreibt Paulus in seinem Brief an die Galater in einer schönen Wendung vom „Glauben, der durch die Liebe tätig ist“ (Galater 5,6). Und er kann in 1. Korinther 13 noch stärkere Worte finden: gleich zu Anfang: Hätte ich allen Glauben, dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. (Vers 2) Und dann zum Schluss in dem berühmtesten Vers des Kapitels: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (Vers 13)
Hier sieht es ja geradezu so aus, als werte Paulus den Glauben gegenüber der Liebe ab, und die Hoffnung gleich mit. Ich sehe mich immer wieder veranlasst, gegen diesen Fehlschluss, wie ich meine, anzupredigen. Dieses Bibelwort 1. Korinther 13,13 ist ja ein beliebter Spruch vor allem bei Trauungen. Und etwas vereinfacht wird er dann gern so verstanden: Glaube und Hoffnung sind nicht so wichtig, Hauptsache die Liebe stimmt zwischen den beiden, dann ist alles okay, ja dann hängt der Himmel voller Geigen.
Ich vermute ja, Paulus würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er diese Deutung hören würde. Nein, ich verstehe ihn so: der Glaube ist total grundlegend, aber was es um den Glauben ist, wird da offenkundig, wo es um die Liebe geht. Da wo jemand gänzlich lieblos agiert, da zeigt sich, dass mit seinem Glauben etwas nicht stimmt. Wenn er nichts von der Liebe Gottes ausstrahlt, dann hat er sie wohl selber noch gar nicht richtig erfahren! Und dann bedarf er nicht etwa dessen, dass er dafür nun zurechtgewiesen oder mit einem Liebesgebot konfrontiert wird, sondern dann bedarf er dessen, dass ihm die Liebe Gottes selber wirklich nahegebracht wird. Der „Rest“ folgt dann tatsächlich „von selber“.
Dieser Gedanke wird im Übrigen sehr schön in dem Lied erfasst, dessen erste Hälfte wir vorhin vor der Predigt gesungen haben und dessen zweite Hälfte wir gleich nach der Predigt singen werden. Nikolaus Herman dichtet dort ja vom „wahre(n) Glaube(n)…, daraus ein schönes Brünnlein quillt, die brüderliche Lieb genannt, daran ein Christ recht wird erkannt.“ Hier kommt gleich Mehreres schön zum Tragen: zum einen der Glaube als Quelle der Liebe, sodann die Liebe als Erkennungszeichen des Christen, und schließlich auch dies, dass die Liebe im Grunde nichts ist, das man gebieten könnte. Gebieten Sie mal einem Brünnlein, es solle gefälligst quellen! Nein, entweder das Wasser fließt von selber oder es fließt eben nicht – beidemale wird deutlich, wie es um die Quelle bestellt ist!
Ein Schlussgedanke, der mir aber sehr wichtig ist: gerade solche Menschen – und ich vermute, auch unter uns hier und jetzt gibt es sie – die es sehr ernst meinen mit ihrem Glauben und auch mit ihrer Erwartung an sich und die Liebe, die aus ihrem Glauben entspringen sollte, gerade solche Menschen könnten das, was ich hier so alles gesagt habe, heute und auch in den vorigen Predigten der Reihe, mit sehr gemischten Gefühlen hören: Die Gebote sind uns gegeben, damit wir danach handeln. Wir werden gleichwohl immer wieder damit konfrontiert, dass wir an ihnen auch scheitern können und auch tatsächlich immer wieder an ihnen scheitern. Insbesondere wo die Grundhaltung der Liebe ins Spiel kommt, da ist, wie wir heute sahen, nicht einfach alles „machbar“, verfügbar. Da kommt die Kategorie des Gebotes an eine Grenze. Und selbst wenn wir, die wir hier und jetzt versammelt sind, vermutlich solche Menschen sind, die mit den meisten Geboten relativ gut klarkommen, mag es so erscheinen, als blieben wir letzten Endes eben doch in unserer Lebenspraxis immer und grundsätzlich hinter den Erwartungen Gottes zurück, wie sie sich in den Geboten und insbesondere in dem, was Paulus von der Liebe schreibt, ausdrücken. Ja, die Gebote können nicht nur Segen sein, sie können tatsächlich – wir dachten schon darüber nach – auch zum Fluch werden.
Wenn Sie das auch so empfinden, dann möchte ich Ihnen Zweierlei mit auf den Weg geben: zum Ersten das, was ich schon im ersten Teil der Reihe gesagt habe: ich halte die Gebote nicht für das Wichtigste dessen, was uns in der Bibel gesagt wird. Das, so meine ich, ist vielmehr die Zusage der Liebe Gottes, seiner Gnade und Zuwendung zu uns Menschen ohne Wenn und Aber. Und diese Zusage gilt auch da, wo wir den Geboten, die er uns dann auch noch sagt, nicht immer gerecht werden.
Und zum Zweiten: auch Paulus, der so unglaublich große Dinge von der Liebe schreibt, ist sich dessen bewusst, dass wir Menschen unter den Bedingungen unseres Lebens hier auf Erden wohl niemals in Gänze diese Liebe werden leben können. Er stellt sie als das „Vollkommene“ dem gegenüber, was er das „Stückwerk“ nennt. (Vers 10) Und er fügt den Vers 12 hinzu, den ich letzten Sonntag schon zitiert habe: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Ich höre diesen Vers als sehr tröstlich: Paulus weiß, dass wir noch nicht am Ziel sind, auch als Christen nicht, und er verlangt auch nicht, wir müssten aus eigener Kraft dorthin gelangen. Aber: uns ehrlich und mit guten Absichten auf den Weg machen, das wäre doch schon etwas, und das erwartet Paulus in der Tat auch von uns. Sodann: auf diesem Weg immer auf Gottes Geleit vertrauen und für seine Korrektur unseres Ganges offen sein, auch das kann von uns erwartet werden. Und in alledem uns immer wieder auf Gottes Liebe zu uns rückbesinnen und dann, um noch einmal mit Nikolaus Herman zu sprechen, „das Brünnlein quellen zu lassen“ – das wäre eine Lebenshaltung, die uns die Gebote eben nicht zum Fluch, sondern zum Segen werden lassen kann. Diese Haltung, liebe Gemeinde, ich denke, die können wir uns zu Eigen machen. Und dazu sind wir gerufen. Amen.