Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

 "Frau und Mann: Patriarchat oder Gleichberechtigung?"

Teil 2 der Predigtreihe: „Widersprüche in der Bibel“



Liebe Gemeinde,
    Frau und Mann: Patriarchat oder Gleichberechtigung? Ist das eigentlich eine hier und heute ernstzunehmende Frage? In einem Land mit Kanzlerin, inzwischen auch Verteidigungsministerin, diversen Bischöfinnen und so weiter? Das klingt alles sehr rhetorisch und nicht wirklich zeitgemäß!

    Nun haben wir natürlich die Worte des Paulus gehört, sowohl die aus dem 1. Korintherbrief als auch die aus dem Galaterbrief. Aber ich vermute mal: es ist sonnenklar, wofür wir uns entscheiden: die Worte aus dem 1. Korintherbrief, davon distanzieren wir uns, und wir sind heilfroh, dass derselbe Apostel Paulus an anderer Stelle, im Galaterbrief, auch noch zum Glück sehr anders, „zeitgemäßer“ formuliert hat!

    Aber ganz so einfach möchte ich es mir und uns nun auch wieder nicht machen. Die Predigtreihe fragt ja nach „Widersprüchen in der Bibel“. Letzten Sonntag sagte ich: Nach meiner Wahrnehmung gibt es da solche Widersprüche, die sich letztlich als Schein-Widersprüche entpuppen. Aussagen und Texte, die man nicht einfach deckungsgleich bekommt, die über denselben Sachverhalt zwar widersprüchlich reden, die aber je nach Perspektive jeweils durchaus Richtiges und Wichtiges dazu zu sagen haben. Die beiden Schöpfungsberichte würde ich in diese Kategorie einordnen.

    Aber ich sagte auch: ich finde in der Bibel sozusagen „echte Widersprüche“, die sich nicht auflösen lassen, wo wir uns vielmehr entscheiden müssen, woran wir uns orientieren. Und ich sage Ihnen klar und deutlich: ich meine, mit so einem „echten Widerspruch“ haben wir es heute zu tun.

    Vielleicht stimmen mir viele von Ihnen an dieser Stelle spontan zu. Aber ich sage Ihnen: die Sache ist viel schwieriger, als sie auf den ersten Blick scheinen mag:

    Zunächst sollten wir bedenken, dass doch sowohl der 1. Korintherbrief als auch der Galaterbrief aus der Feder des Paulus stammen! Wie ist es möglich, dass derselbe Autor mal so und mal so schreibt? Dass er einmal sagen kann: Mann und Frau sind eins in Christus, und dass er ein ander Mal den Frauen die Rede in der Gemeinde verbieten und sie zum Lernen nach Hause zu ihren Männern schicken kann? Hat er das, was wir hier als widersprüchlich empfinden, nicht auch empfunden?

    Und wir sollten noch mehr bedenken: die römisch-katholische Kirche, sodann die orthodoxen Kirchen und weltweit durchaus auch viele evangelische Kirchen, sie sind bis heute der Auffassung, Frauen könnten nicht jedes Amt in der Kirche bekleiden. Sie stehen trotz mancher Infragestellung nach wie vor dazu, zwischen Mann und Frau einen Unterschied in der Zulassung zum geistlichen Amt zu machen. Das gilt auch für Papst Franziskus, ungeachtet so manches Hoffnungszeichens, das wir ansonsten von ihm vernehmen.

      Schließlich und endlich: auch unsere evangelische Kirche hier in Deutschland ordiniert erst seit einigen Jahrzehnten(!) Frauen regulär für das geistliche Amt! Tun wir also bitte nicht so, als sei die Gleichstellung der Geschlechter bei uns schon immer eine Selbstverständlichkeit gewesen!
      
      Alle diese Kirchen kannten aber doch immer schon sowohl den 1. Korintherbrief als auch den Galaterbrief! Sollte ihnen die Spannung, um es vorsichtig zu formulieren, zwischen den beiden Stellen nicht aufgefallen sein?
      
      Der entscheidende Punkt ist vermutlich folgender: Jede Kirche, jeder halbwegs ernstzunehmende Theologe wird sagen: natürlich sind Mann und Frau „eins“ in Christus. Er stiftet Gemeinschaft zwischen den Geschlechtern, ohne Rangunterschiede, genauso wie er es nach demselben Vers Galater 3,28 zwischen Juden und Nichtjuden sowie zwischen Sklaven und Freien tut. Sie haben alle denselben geistlichen Rang.
      
      Aber so sehr hier ein Konsens in allen Kirchen der Welt liegen dürfte – viele Theologen vertreten dann Folgendes: derselbe geistliche Rang der Geschlechter hat noch nicht unbedingt zur Folge, dass beide für dasselbe geistliche Amt in Frage kommen. Die katholische Kirche legt Wert auf die Feststellung: Jesus hat nur Männer in seinen Zwölferkreis berufen. Keine einzige Frau findet sich dort. Außerdem wird auf die knapp 2000 Jahre Kirchengeschichte verwiesen, in der Frauenordination kein Thema war.
      
      Ich meine gleichwohl, diese Argumentation trägt nicht. Erstens: könnte man nicht mit derselben Logik sagen: Jesus hat nur Juden in seinen Zwölferkreis berufen? Mit welchem Recht werden also Angehörige nichtjüdischer Völker zum geistlichen Amt ordiniert? Überhaupt: wo liegt die zwingende Kontinuität zwischen diesem Kreis der 12 Jünger Jesu und denjenigen, die heute im Auftrag der Kirche predigen und die Sakramente verwalten sollen? Warum sollte sie gerade im Geschlecht liegen?
      
      Zweitens: sind wir nicht in anderen Bereichen des Lebens inzwischen – zum Teil allerdings wahrlich nach enormen Auseinandersetzungen! – bereit, anzuerkennen, dass das Weltbild der Bibel ganz einfach nicht mehr unseres ist? Wir haben letzten Sonntag von den beiden Schöpfungsberichten gehört. Keiner von beiden entspricht heute noch dem, was wir naturwissenschaftlich über die Entstehung des Lebens annehmen.
      
      Ähnlich ist es mit bestimmten biblischen Anweisungen, die wir heute weit von uns weisen würden: Zum Beispiel gehörte auch die Todesstrafe fast 2 Jahrtausende lang zum mehr oder weniger selbstverständlich akzeptierten Grundbestand der Rechtsprechung im christlichen Kulturraum. Wir haben sie abgeschafft! Wollen wir sie wiederhaben? Ist es nicht eine zivilisatorische Errungenschaft, dass sie heute in den meisten Ländern der Erde nicht mehr verhängt wird? In der Bibel dagegen ist häufig von ihr die Rede – und in was für Zusammenhängen: „Wer Vater oder Mutter schlägt, der soll des Todes sterben!“ So lesen wir da etwa in 2. Mose 21,15.
      
      Auch hier werden wir feststellen können: der Kampf gegen die Todesstrafe erfolgte zum Teil gegen die Bibel, aber zugleich aufgrund der Bibel! Zum Beispiel, um nur eines zu nennen: aufgrund der Einsicht, dass menschliches Leben das Ebenbild Gottes darstellt, wuchs die Hemmung dagegen, dass der Staat es legal sollte vernichten dürfen. Weitere, zum Teil auch aus der Bibel erwachsende Argumente kamen dazu. Und siehe da: Wir vertreten in puncto Todesstrafe heute eine andere Sicht der Dinge als die, die jedenfalls in Teilen der Bibel zu finden ist – und sind in der Tat der Meinung, damit die Grundaussagen der Bibel besser zu befolgen, als die Christenheit dies knapp 2000 Jahre lang getan hat.
      
      Gern wird an so einer Stelle eingewandt, die Kirche dürfe sich doch nicht dem Zeitgeist anbiedern oder ihm sozusagen hechelnd hinterherlaufen. Ich will nicht leugnen, dass diese Gefahr bisweilen besteht. Aber besteht nicht auch die andere Gefahr: dass wir nämlich mit Rekurs auf vermeintlich doch so eindeutige Bibelstellen nur das zementieren, was „nun mal“ immer schon gegolten hat, statt uns der in der Tat anstrengenden und manchmal unangenehmen Frage zu stellen, ob das, was „nun mal“ immer gegolten hat, auch heute und in Zukunft wirklich gut ist und weiter gelten soll? Es ist wie meistens im Leben: man kann auf 2 Seiten vom Pferd herunterfallen. Anbiederung an den Zeitgeist kann es sicher nicht sein. Aber trotziges Verharren nach dem Motto „Das war schon immer so!“ auch nicht! Schon gar nicht, wenn uns die Bibel bei genauerem Hinsehen einen anderen Weg lehrt.
      
      Und der wird uns etwa in Galater 3,28 aufgezeigt: unter den auf Christus Getauften ist, so der Apostel Paulus, „nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Ein Vers von grundlegender Bedeutung für die Kirche! Die ansonsten in der Gesellschaft leider üblichen Differenzierungen zwischen Menschen sollen unter Christen keine Rolle mehr spielen: die rassische Differenz bzw. die der Volkszugehörigkeit, die soziale Differenz, die geschlechtliche Differenz!
      
      Natürlich steht hier nicht, diese Differenzen existierten nicht länger. Natürlich steht hier auch keine eindeutige Anweisung, Frauen seien wie Männer zum geistlichen Amt zugelassen.
      
      Aber vielleicht hilft uns folgende Beobachtung: wenn Paulus im selben Vers auch die Differenz zwischen Sklaven und Freien unter Christen für irrelevant erklärt, könnte man ja auch auf die Idee kommen zu sagen: Nun denn, dann ist das unter Christen eben nichts Trennendes. Aber ansonsten bleibt es halt normal, dass es in der Gesellschaft das Phänomen der Sklaverei gibt! Ja man könnte fast sagen: in diesem Satz setzt Paulus ja geradezu voraus, dass es Sklaverei gibt, ebenso wie es Juden und Griechen gibt und ja auch geben soll sowie auch Frauen und Männer. Dann ist wohl grundsätzlich gegen die Sklaverei doch auch nichts einzuwenden. Oder?!
      
      Aber nun hoffe ich wirklich, bei Ihnen sträuben sich schon von selber sämtliche Nackenhaare gegen so eine Deutung! Ich meine: wenn Paulus Sklaven und Freie „in Christus“ auf dieselbe Stufe hebt, dann ist das als solches bereits ein Protest gegen die Sklaverei! Und solche Verse wie Galater 3,28 waren es, die in der Kirche für Kritik an der Sklaverei und schließlich zum Glück für ihre Abschaffung gesorgt haben!
      
      An dieser Stelle sehen wir, wie so ein grundlegender Vers gleichsam über sich hinaus weist und Konsequenzen im Hinblick auf Gleichberechtigung in der gesellschaftlichen und auch der kirchlichen Praxis nach sich zieht. Und was hier in puncto Sklaverei gilt – sollte das nicht in puncto Geschlechtergerechtigkeit ebenso gelten? Ich sage Ihnen: Mein Problem ist nicht dies, dass ich diese Konsequenzen irgendwo für unstatthaft hielte, sondern eher dies, dass wir in der Kirche meist noch viel länger als im Rest der Gesellschaft brauchen, bis wir ihre Notwendigkeit erkannt haben!
      
      Ein weiterer Aspekt, den ich für sehr wichtig halte: auch wenn wir in der Kirche selbstverständlich das, was wir für richtig und für falsch halten, in der Regel theologisch und mit Verweis auf Bibelstellen zu begründen versuchen, habe ich den starken Eindruck, dass unterschwellig dabei noch ganz andere Mechanismen aktiv sind: unsere Affekte, unsere Gefühle, die häufig ziemlich immun sind gegen Argumente, seien sie aus der Bibel genommen oder woher auch immer.
      
      In früheren Zeiten, als Frauen in Führungspositionen noch viel weniger selbstverständlich waren als heute, da scheuten viele Menschen ganz einfach instinktiv davor zurück, sie sich auch und gerade in der Kirche in leitender Position vorzustellen. Aber weil so ein Zurückscheuen, so ein Affekt natürlich kein tragfähiges Argument ist, nimmt man gerne Zuflucht bei – ich sage mal: pseudotheologischen Argumenten.
      
      Dabei ergeben sich hier und da auch Inkonsequenzen, und eine solche sehe ich schon bei Paulus: da schreibt er seinen großartigen Vers Galater 3,28: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Ein echter Grund-Satz, der ganz auf der Linie dessen liegt, was schon durch das Handeln Jesu vorgegeben ist. Aber dann kommt es offenbar zum Schwur: irgendwer muss die Debatte losgetreten haben, wie das denn in der Urchristenheit nun mit Frauen im geistlichen Amt stehen soll – in einer Gesellschaft, die patriarchalisch geprägt ist! Und es wirkt fast, als bekäme Paulus Angst vor der eigenen Courage. Davon zeugt der 1. Korintherbrief.
      
      Wobei ich jetzt, gleichsam in Klammern, noch etwas Wichtiges hinzufügen muss: Die Verse 1. Korinther 14,34-35, die die Frauen zum Schweigen in der Gemeinde verdonnern, stammen womöglich gar nicht von Paulus selber. Denn diese beiden Verse stehen in verschiedenen Handschriften des Neuen Testaments an unterschiedlichen Stellen. Das ist ein Hinweis darauf, dass wir es hier möglicherweise oder gar höchstwahrscheinlich nicht mit einem ursprünglichen Bestandteil des Paulustextes zu tun haben. Die Verse wirken eher wie eine Art „Randbemerkung“, nachher hinzugefügt und dann eben je nachdem an unterschiedlicher Stelle platziert.
      
      Dann hat also vielleicht noch nicht einmal Paulus Angst vor der eigenen Courage bekommen, sondern jemand, der den Brief bearbeitet hat. Nun müssen wir allerdings fairerweise zugestehen: auch Paulus selber kann über Mann und Frau in einer Weise schreiben, die uns heute enorm Probleme bereitet, etwa im 11. Kapitel desselben 1. Korintherbriefes. Paulus deutet da den 2. Schöpfungsbericht so, wie wir das heute vermutlich fatal finden: Der Mann war zuerst da, also ist er das Haupt der Frau. Ich habe letzten Sonntag versucht, diese Auslegung gegen den Strich zu bürsten.
      
      Und es ist letzten Endes ja auch egal, wer nun wirklich der Autor der Verse aus 1. Korinther 14 war: der Bibeltext liegt vor, und wir müssen mit ihm umgehen. Aber hier meine ich: wir dürfen ihn nicht zu dem machen, was ich vorhin ein „pseudotheologisches Argument“ genannt habe: zu einem „rettenden Anker“, der uns nur in gewissen Affekten bestärkt, in denen gefangen wir uns einfach nicht vorstellen können oder wollen, dass das geistliche Amt durch Frauen ebenso gut oder schlecht ausgefüllt werden kann wie durch Männer.
      
      Die Frage ist allerdings: wie kann man solchen Affekten wirksam entgegentreten? An dieser Stelle möchte ich Ihnen von meiner Großmutter mütterlicherseits erzählen. Meine Großmutter war eine sehr fromme, durch den bergisch-freikirchlichen Pietismus geprägte Frau. Sie hielt zeitlebens an einer mehr oder weniger biblizistischen Sicht der Dinge fest, das heißt: sie nahm die Bibel wortwörtlich, mit dem für mich zugleich befremdlichen und entwaffnenden Argument: „Ich glaube das, weil’s da steht!“ (Ein Satz, den ich sicher nicht sprechen könnte!)
      
      Entsprechend war es für meine Großmutter eigentlich nicht angängig, dass auf einmal Frauen Pfarrerinnen werden durften. Sie sah es mit Skepsis, als in den 70er und 80er Jahren immer mehr Frauen ordiniert wurden. Das entsprach weder ihrem Bibelverständnis noch dem, was sie kannte und von der angeblich schon in der Schöpfung angelegten Rollenverteilung der Geschlechter her für angemessen hielt.
      
      Dann jedoch ereignete sich schleichend, aber mehr und mehr wahrnehmbar Folgendes: Meine Großmutter bekam natürlich mit, dass es männliche Pfarrer gab, mit deren Verkündigung sie ganz und gar nicht einverstanden war. Liberale Theologie war nun wirklich nicht ihr Ding. Doch plötzlich tauchten hier und da Pfarrerinnen auf, die so predigten, wie es der Theologie meiner Großmutter viel eher entsprach. Frauen, mit denen sie sich im Hinblick auf so manche Interpretation biblischer Texte viel eher verstand als mit manchen Männern. Außerdem erlebte sie Pfarrerinnen, die äußerst freundlich und gewinnend in ihren Gemeinden auftraten, während manche männlichen Pfarrer rechts und links in Konflikte verwickelt waren, so dass das Gemeindeleben spürbar litt.
      
      Das Weitere können Sie sich denken: meine Großmutter rückte zwar zeitlebens nie wirklich von ihrem Biblizismus ab, aber in der Praxis machte sie ihren Frieden mit der Ordination von Frauen, ja einige Pfarrerinnen konnten sie regelrecht begeistern.
      
      Und außerdem – eine kleine Randbemerkung: meine Großmutter selber wäre die letzte gewesen, die sich gemäß 1. Korinther 14 auferlegt hätte, konsequent in der Gemeinde zu schweigen. Nein, uns alle verwickelte sie regelmäßig in Diskussionen um das „volle Evangelium“, wie sie es nannte. Das war oft anstrengend! Aber da kann ich nur sagen: Welch glückliche Inkonsequenz! –
      
      Was halte ich an diesem Beispiel meiner Großmutter für wichtig? Wir haben alle irgendwelche Vorbehalte, die tief in unserem Innern wurzeln. Und wenn die herausgefordert werden, dann pflegen wir recht massiv zu reagieren. Wir versuchen dann, unsere Position zu begründen, und dabei spielen dann häufig solche „Argumente“ mit, die ich „pseudotheologisch“ nennen würde.
      
      Wenn wir aber genau an solchen Stellen, wo wir zunächst einmal instinktiv zurückscheuen, erst mal persönlich Erfahrungen mit Menschen machen, dann stellt sich so manche Situation plötzlich ganz anders dar, viel weniger „bedrohlich“, als wir zunächst wohl gemeint hätten. Was die Ordination von Frauen betrifft, so dürfte es wohl kein Zufall sein, dass sie sich immer mehr ausbreitet und soweit ich sehe so gut wie nirgendwo, wo sie einmal eingeführt worden ist, im Nachhinein wieder zurückgenommen wurde! Im Gegenteil: es entsteht ein zunehmender Druck auf Kirchen, zumindest in der westlichen Welt, aber zum Teil auch etwa in Afrika, die Frauenordination einzuführen.
      
      Und ich erlaube mir noch einen „Ausblick“, wenn ich das mal so nennen darf, wohl wissend, dass ich damit den Rahmen unserer heutigen Fragestellung nach der Geschlechtergerechtigkeit überschreite:
      
      Ich nehme einmal an, von uns hier und jetzt haben die wenigsten ein echtes Problem mit der Frauenordination. Sie ist inzwischen in unserer Kirche eine Selbstverständlichkeit. Gut so! Mir steht aber eine andere Fragestellung vor Augen, wo unsere Positionen vermutlich wesentlich unterschiedlicher, ja gegensätzlich sind: ich meine die Frage der Anerkennung homosexueller Menschen und Partnerschaften in unserer Kirche, bis hin zur Frage einer Segnung oder einer regelrechten „Trauung“ homosexueller Paare.
      
      Natürlich ist hier nicht der Ort und Anlass, alle Argumente anzubringen, die für diese Frage eine Rolle spielen. Im nächsten Gemeindebrief werde ich Näheres dazu schreiben. Aber ich sehe hier eine Fragestellung, die in mancherlei Hinsicht der nach der Frauenordination vor einigen Jahrzehnten ähnelt. Denn ich bin sicher: gerade hier spielen die von mir erwähnten Affekte eine wichtige, vielleicht die entscheidende Rolle. Zwar gibt es in der Bibel durchaus Verse, die homosexuelle Praktiken scharf verurteilen. Aber ich vermute, es dürften viel weniger diese wenigen und eher brachialen sowie am Rande liegenden Bibelstellen sein, die eine ablehnende Haltung gegenüber der Anerkennung homosexueller Partnerschaften wirklich begründen.
      
      Und weiter meine ich: auch hier können wir die Erfahrung machen: je mehr wir nicht aus der Distanz über homosexuelle Menschen reden, sondern mit ihnen, je mehr wir sie in unserer Mitte kennenlernen, desto mehr verlieren unsere affektgesteuerten Widerstände an Kraft, und wir sehen: das sind Menschen wie du und ich. In einem durchaus bedeutsamen Aspekt ihres Lebens mögen sie anders empfinden als viele andere, aber wo liegt dabei eigentlich das Problem??
      
      Vielleicht sind Sie an diesem Punkt nicht mit mir einig. Ich bitte Sie aber sehr, sich ehrlich zu fragen: Was ist es, das mein Urteil in dieser oder in anderen Fragen leitet? Ist es wirklich die Bibel? Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir gern zu solchen Bibelstellen greifen, die uns in unseren Affekten stützen oder jedenfalls auf den ersten Blick zu stützen scheinen? In der Tat gibt es diese Bibelstellen, ja. Aber hier halte ich einen sorgfältigeren Umgang mit der Bibel für angebracht. Und außerdem einen offenen, nicht zuletzt auch selbstkritischen Blick auf die Realitäten und vor allem auf die Menschen, die uns umgeben.
      
      Was Mann und Frau angeht: seien wir froh, dass unsere Kirche sich – endlich, aber immerhin besser spät als nie! – von solchen Traditionen gelöst hat, die mit sehr vordergründigen Argumenten Frauen als den Männern untergeordnet betrachten und ihnen damit wichtige Rechte vorenthalten. Wir müssen sicher nicht auf alles stolz sein, was unsere Kirche sagt und tut. Aber ich meine: hier dürfen und sollen wir es sein.
      
      Und begreifen wir es immer neu als unsere Aufgabe, im kirchlichen und sonstigen Alltag den Worten des Paulus konkrete Gestalt zu geben: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.