„Gerecht aus dem Glauben oder aus den Werken?“
Teil 3 der Predigtreihe: „Widersprüche in der Bibel“



Liebe Gemeinde,
    „gerecht aus dem Glauben oder aus den Werken?“ – Mit dieser Frage sprechen wir eine, wenn nicht die Grundlage des christlichen Glaubens an, jedenfalls in der Form, wie die Reformation sie verstand.
    
    Allerdings: wir leben nicht mehr zur Zeit der Reformation. Das 16. Jahrhundert ist lange vorbei. Und ich denke, soviel ist klar: wir stellen diese Frage nicht mehr. „Gerechtigkeit“ ist zwar nach wie vor ein hohes Gut – wir erwarten sie von Eltern gegenüber ihren Kindern, von Lehrern gegenüber ihren Schülern, von Richtern gegenüber Angeklagten und – so hoffe ich einmal – auch von uns selber generell gegenüber unseren Mitmenschen. Aber was den Glauben und die Religion betrifft, da erscheint der Begriff der Gerechtigkeit geradezu irrelevant.

    Warum sollten wir Menschen uns fragen, wie wir vor Gott gerecht dastehen? Mit der Frage allein schon ist eine Voraussetzung verbunden, die dem Lebensgefühl eines Menschen unserer Zeit alles andere als selbstverständlich ist: die Voraussetzung nämlich, dass Gott einen berechtigten Anspruch an uns hat, dem wir gerecht zu werden haben.

    Diese Voraussetzung sehen wir nicht mehr ein. Gott kommt bei uns mehr und mehr hauptsächlich vor als der, an den wir uns – bisweilen mit erheblicher Empörung! – wenden, wenn die Welt einen schlechten Lauf nimmt, wenn Menschen leiden müssen. Dann fragen wir nach Gott. Und zwar kritisch: Warum lässt er dieses und jenes zu? Ja es stellt sich unwillkürlich der Eindruck ein: Gott ist es, der sich uns gegenüber zu rechtfertigen hat, nicht umgekehrt!

    Ob es uns passt oder nicht: das sieht die Bibel anders. Sie geht von folgender Voraussetzung aus: Gott ist der Schöpfer, wir sind seine Geschöpfe. Diese Hierarchie ist nicht umkehrbar. Und Gott verleiht dem Anspruch, den er als unser Schöpfer an uns stellt, dadurch Gestalt, dass er uns Gebote gibt, auf deren Einhaltung er Wert legt. Und damit sind wir gefragt, wie wir diesem Anspruch, den Gott an uns stellt, gerecht werden.

    Hier möchte ich einen Moment innehalten. Natürlich können wir diese Voraussetzung bestreiten. Wir können es in Frage stellen, ob wir wirklich Geschöpfe Gottes sind, an die er überhaupt einen Anspruch stellen kann. Wir können das alles bestreiten, klar. Wir können uns selber zum Maß aller Dinge erklären, statt Gott diesen Rang zukommen zu lassen.

    Nur auf Zweierlei möchte ich hinweisen, was mir für diesen Fall allerdings durchaus bedeutsam erscheint: zum einen: ob wir besser damit fahren, uns selber statt Gott für das Maß aller Dinge zu halten, ist mir noch lange nicht klar. Zumindest haben diejenigen großen Weltanschauungen, die auf Gott meinten verzichten zu können, die also meinten, sich von seiner Vormundschaft befreien zu sollen zugunsten dessen, was sie unter menschlicher Freiheit verstanden, erstaunlicherweise stets einen Hang zum Totalitären entwickelt. Vielleicht ist der Mensch ja doch nicht so edel, hilfreich und gut, wie diese Weltanschauungen das zu propagieren pflegen?! Allein diese Beobachtung, die mich vor uns Menschen einschließlich meiner selbst bisweilen regelrecht hat erschrecken lassen, sollte uns vielleicht davor bewahren, in der Bestreitung eines Anspruchs, den Gott auf uns erhebt, nun unser großes Glück zu erblicken!

    Es kommt jedoch noch ein Weiteres hinzu: Wer den Menschen selbst zum Maß aller Dinge erklärt und auf Gott verzichtet, der kann dem, was uns an dieser unserer Welt geradezu irre macht und schier verzweifeln lässt, im Grunde gar nichts mehr entgegensetzen! Denn am eigenen Schopf hat sich bekanntlich noch niemand aus dem Sumpf gezogen. Anders gesagt: ein Gott, der keinen Anspruch mehr an uns stellen kann, der kann uns auch nicht helfen, wenn uns die Kräfte ausgehen. Es nötigt mir großen Respekt ab, wenn Menschen diese Situation stoisch ertragen. Immerhin machen sie sie sich dann auch schonungslos bewusst. Was jedoch für mein Empfinden nicht geht, ist dies: Gottes Anspruch an uns zurückweisen, ihn dann aber herbeirufen, um nicht zu sagen: ihn herbeizitieren, wenn wir mit unseren begrenzten Kräften vor dem Leid auf der Welt kapitulieren müssen.

    Die Bibel ruft uns zu einer sehr anderen Lebenshaltung auf: Wir dürfen mit Gott rechnen, wenn wir in Not sind. Wir haben aber auf der anderen Seite auch seinen Anspruch ernst zu nehmen, den er in Form seiner Gebote an uns stellt. Dann jedoch stehen wir erneut vor unserer heutigen Frage: Wie werden wir Gott gerecht? Durch unseren Glauben oder durch unsere Werke? Oder, zeitgemäßer formuliert: dadurch, dass wir ganz auf ihn, auf Gott, setzen und uns ganz seiner Gnade anvertrauen, wohl wissend, dass unsere Erfüllung seiner Gebote immer wieder zu wünschen übrig lässt? Oder dadurch, dass wir eben doch der Meinung sind: ich soll Gottes Gebote erfüllen, und ich kann das auch, und in eben dem Maße, in dem ich das tue, stehe ich vor Gott gerecht da!?

    Beide Möglichkeiten sind in der Bibel bezeugt. Beginnen wir bei letzterer; da könnten wir sagen: Die Sache ist doch sonnenklar: Gott gibt Gebote, damit sie erfüllt werden. Welchen anderen Sinn könnten sie haben, wenn nicht diesen? Immer wieder wird darauf Wert gelegt; immer wieder werden die Menschen ermahnt. Ja es wird ihnen in verschiedenen Bibelstellen ausdrücklich ein „Lohn“ in Aussicht gestellt, wenn sie Gottes Gebote erfüllen. Wenn sie den auf Erden vielleicht auch nicht bekommen, so wird er ihnen spätestens für den „Himmel“, also jenseits des Todes, zugesagt.

    Aber so folgerichtig dieser Gedanke auch sein mag, er ist schon innerbiblisch fragwürdig geworden, und der Exponent dieser kritischen Haltung schlechthin ist der Apostel Paulus, aus dessen Brief an die Römer unser erster heutiger Lesungstext stammt. Worum geht es ihm?

    Paulus entfaltet gerade im Römerbrief eine Anschauung, die es in sich hat. Ich will versuchen, sie in aller Kürze zu beschreiben: Ja, sagt Paulus, der Mensch ist gerufen, Gottes Gebote zu erfüllen. Aber er macht die Erfahrung, an diesem Anspruch Gottes immer wieder zu scheitern. Manchmal weil er es trotz alles guten Willens einfach nicht schafft: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ So sagt er in Römer 7,19. Oder mit Jesu eigenen Worten gesprochen: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ (Markus 14,38)

      Manchmal aber ist es nochmal anders: da hält jemand vielleicht tatsächlich minutiös die Gebote, aber genau das macht ihn hochmütig, und er beginnt, sich dessen zu rühmen, dass er sie gehalten hat. Unfreiwillig, aber geradezu verräterisch gibt er dadurch zu erkennen, dass er sein Vertrauen im Grunde nicht auf Gott setzt, sondern auf seine persönliche Leistung. Im 11. Kapitel seines 2. Korintherbriefes setzt Paulus sich mit dieser Haltung auseinander. Wir kennen diese Haltung wiederum auch aus einer Geschichte, die Jesus erzählt, der Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner: beide kommen in den Tempel; ersterer betreibt sozusagen religiöse Nabelschau und zählt auf, was er alles Gutes zu tun pflegt. Letzterer hat nichts Derartiges aufzubieten und bittet kurz und bündig: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Und von diesem Letzteren sagt Jesus: „Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.“ (Lukas 18,13-14)
      
      Wie auch immer, Paulus vertritt mit Nachdruck die Meinung: gerecht vor Gott ist der, der gerade nicht beansprucht, dies aus eigener Kraft, durch seine Erfüllung der Gebote zu sein. Sondern der zugesteht: „Ja, ich weiß, dass ich an Gottes Gebot immer wieder scheitere. Aber ich weiß auch und erst recht, dass ich mich gerade deshalb voller Vertrauen sozusagen in die weit geöffneten Arme Gottes werfen darf!“ Das ist es, was Paulus „gerecht durch den Glauben“ nennt. (Römer 3,28)
      
      Es waren die Reformatoren, die diese Grundlage des christlichen Glaubens neu zur Geltung gebracht haben in einer Zeit, in der die Orientierung an den sogenannten „Werken“, also an der Gebotserfüllung, geradezu skurrile und gänzlich unbiblische „Blüten“ getrieben hatte, in Gestalt regelrechter Kataloge von Bußleistungen sowie dem unsäglichen Ablasshandel. Aber distanzieren wir uns mal nicht allzu schnell von alledem! Denn so ist das doch: wir Menschen sind stolz auf unsere Leistungen und handeln gern. Abhängig zu sein von der Gnade eines anderen, das ist uns unangenehm.
      
      Aber das kann allzu leicht dahin gehen, dass wir unsere Hoffnung eben nicht mehr allein auf Gott, sondern eben auf uns, unsere Leistungen und unsere so beeindruckenden Handelsergebnisse setzen. Da fühlen wir uns auf der sicheren Seite; da meinen wir, etwas vorzuweisen zu haben, etwas, das wir geltend machen können. So sind nun wir es, die Ansprüche erheben. Und schon haben wir uns im Grunde vom Vertrauen auf Gott verabschiedet und uns an seine Stelle gesetzt. – Eine Haltung, die durchaus nicht allein die Zeit der Reformation prägte. Heutzutage dürfte sie mindestens genauso weit verbreitet sein. Dem will schon Paulus wehren, und die Reformatoren nehmen seinen Impuls auf.
      
      Aber wie wir sehen, ist Paulus schon im Neuen Testament nicht unwidersprochen geblieben. Der Jakobusbrief schlägt einen anderen Ton an, ja er widerspricht Paulus diametral: „Der Mensch wird durch Werke gerecht, nicht durch Glauben allein.“ (Jakobus 2,24)
      
      Bevor wir dies näher bedenken, eine kleine Zwischenbemerkung: Ich finde es einmal mehr faszinierend, dass die Bibel, hier das Neue Testament, diesen offenen Widerspruch ganz unverblümt überliefert, ohne mit der Wimper zu zucken! Wie ich schon an den beiden letzten Sonntagen sagte: unsere Bibel scheint nicht den Anspruch zu haben, überall logisch wasserdicht rüberzukommen! Lassen Sie uns einmal mehr fragen: Liegt hier ein echter, unauflösbarer Widerspruch vor? Oder könnte es nicht sein, dass beide Positionen, die des Paulus und die des Jakobus, je nachdem ihre Berechtigung haben? So wie es im Leben generell bekanntlich nicht überall logisch völlig widerspruchsfrei zugeht?
      
      Jedenfalls würde es mich wundern, wenn Sie überhaupt kein Problem empfänden bei der vorhin skizzierten „Gerechtigkeit aus Glauben“. Diese ist ja eine Gerechtigkeit, die wir uns nicht selber erwirken können. Wir können sie lediglich empfangen. Wir sind dabei vollständig von der Gnade Gottes abhängig. Wie ich schon sagte: sowas ist uns unangenehm. Wir verlassen uns lieber auf das, was wir selber vorzuweisen haben.
      
      Und ist das nicht auch verständlich? Es ist doch nicht so, als sei unsereiner, bei allen Fehlern, die wir vielleicht haben mögen, immer nur der totale Versager! Erst recht ist es doch nicht so, als sei niemand wirklich an der Erfüllung der Gebote Gottes interessiert! Ich sag’s mal so: die Gebote werden doch nicht nur ständig gebrochen, sondern auch erfüllt! Sehr oft sogar, und von manchen Menschen mit beeindruckender Konsequenz sogar in Situationen, wo jeder Verständnis dafür hätte, wenn jemand sich dazu gerade nicht in der Lage sähe! Mir sind schon Menschen begegnet, die sogar dem Mörder ihrer Angehörigen vergeben haben! Sollte das hier alles schlecht geredet werden?
      
      Ein weiterer Einwand, und der beschäftigt den Jakobusbrief vor allem: „gerecht aus dem Glauben“ – mit dieser Formel kann man es sich auch sehr einfach machen, etwas überspitzt formuliert ungefähr so: „Nun denn, die Bibel sagt mir also, ich sei eh nicht in der Lage, die Gebote konsequent zu halten. Aber sie bietet mir einen Ausweg aus diesem Dilemma an: Vertrau nur fest auf Gott, dann bist du aus dem Schneider. Dann kommt es offensichtlich gar nicht so sehr darauf an, wie ernst ich die Gebote nehme. Gott liebt mich, darauf verlasse ich mich, und damit basta. Mit dieser Devise lässt sich sehr unbeschwert leben. Wenn die „Werke“ eh nicht vor Gott zählen, dann muss ich auch nicht wirklich darauf achten, dass sie gut ausfallen. Dann kann ich meinen Egozock also fortsetzen. Wunderbar! Religion kann doch richtig schön sein!“
      
      Überflüssig zu erwähnen, dass mit dieser Devise der Welt nicht gerade geholfen wäre. Die Verantwortung würde vielmehr der Verantwortungslosigkeit weichen. Gott wäre die personifizierte Harmlosigkeit und nicht mehr ernst zu nehmen. Er hätte es im Grunde aufgegeben, noch irgendwelche Ansprüche an uns zu stellen – und wir merken spätestens jetzt: Das wäre wohl auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss!
      
      Gegen so eine Haltung läuft der Jakobusbrief Sturm. Und da kann ich doch nur sagen: Gut so! Zum einen: es bedarf nicht nur der Kritik an denen, die möglicherweise arrogant darüber werden, dass sie die Gebote so konsequent halten und viel Gutes tun. Es bedarf auch der Würdigung all derer, die sie ganz einfach halten und Gutes tun, auch wenn sie das manchmal Einiges an Disziplin und vielleicht auch an Überwindung kostet. Die „guten Werke“ sind tatsächlich gut und als solche zu achten! Und zum Zweiten: sie sollen uns als Beispiel dienen und uns anstacheln, es genauso zu machen! Das tut der Jakobusbrief, und dafür verdient er unseren Respekt!
      
      Allerdings: wenn er hier so formuliert, dass ein wortwörtlicher Widerspruch zu den Worten des Paulus herauskommt, dann liegt die Vermutung nahe, der Jakobusbrief wolle Paulus hier ganz bewusst korrigieren. Und an dieser Stelle ist nun doch zu fragen: Bedarf Paulus dieser Korrektur? Schätzt er die „Werke“ tatsächlich so gering, dass ihm zu widersprechen ist? Hat also Jakobus Paulus überhaupt richtig verstanden?
      
      Das, liebe Gemeinde, glaube ich nämlich nicht. Bei Paulus geht es bisweilen recht kompliziert zu, insbesondere im Brief an die Römer, wohl wahr. Aber eben deshalb sollten wir vorsichtig sein, gerade ihm zu unterstellen, sein Insistieren auf der Gerechtigkeit durch Glauben gehe einher damit, dass ihm die Werke völlig egal wären.
      
      Nein, Paulus kann zum Beispiel im 2. Korintherbrief seine Leser dafür loben, dass, wie er schreibt „ihr reich seid zu jedem guten Werk“, und er fordert sie auf, die Jerusalemer Urgemeinde nach Kräften zu unterstützen. (2. Korinther 9,8) Paulus legt immer wieder großen Wert auf die „Früchte“, die Gott von den Glaubenden erwartet. (z.B. Galater 5,22-26) Und er kann sozusagen das Hohe Lied singen vom „Glauben, der durch die Liebe tätig ist“. (Galater 5,6)
      
      Aber vielleicht merken Sie schon durch diese Formulierungen hindurch, wie Paulus von den Werken spricht. Sie können für ihn niemals an die Stelle des Glaubens treten, anders gesagt: bei ihm ist es ausgeschlossen, dass jemand durch das, was er Gutes tut, sich sozusagen vom Vertrauen auf Gott selber dispensiert.
      
      Der wenn jemand das tut, dann beherrscht ihn im Handumdrehen eben doch wieder die Arroganz, von der ich vorhin sprach. Dann will er für seine guten Werke gelobt und bewundert werden, und dann nehmen diese doch einen sehr merkwürdigen Zug an. So ähnlich wie man es von Zeit zu Zeit erlebt, dass irgend so ein Promi, dessen Stern vielleicht gerade dabei ist, zu verblassen, eine publikumswirksame wohltätige Aktion lostritt. Klar, das ist gut; irgendein Bedürftiger wird schon davon profitieren. Aber es ist dann doch mit Händen zu greifen, dass es dem, der da Gutes tut, wohl eher um sich selber geht als wirklich um diesen Bedürftigen.
      
      Noch einmal: Wo das gute Werk, so gut es an sich auch sein mag, dem dienen soll, was Paulus das „Rühmen“ nennt, da wird es von jetzt auf gleich geradezu pervertiert. Und da mag der, der es tut, noch so stark darauf insistieren, er erfülle die Gebote doch tadellos – er hat überhaupt nicht gemerkt, dass er gerade im Begriff ist, das allererste Gebot zu verletzen: „Ich bin der HERR, dein Gott; du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ (2. Mose 20,2-3)
      
      Nochmal eine kleine Randbemerkung: Dieses Gebot ist nicht das Populärste. Wenn ich im Konfirmandenunterricht oder auch unter Erwachsenen danach frage, welche Gebote wohl besonders wichtig sind, dann wird dieses kaum mal genannt. Sondern dann kommt immer „Du sollst nicht töten.“ Das können wir spontan wohl auch gut nachvollziehen. Aber ob nicht doch eine Menge Weisheit dahintersteckt, dass das erste Gebot tatsächlich das erste ist? Ich glaube, wir verletzen es viel häufiger, als wir meinen, und zwar indem wir uns, unsere Leistungen, unsere guten Werke an Gottes Stelle setzen.
      
      Für Paulus ist soviel klar: Die „Werke“ sind sehr wichtig. Aber nicht anstelle des Glaubens, sondern als geradezu unausweichliche, folgerichtige Konsequenz aus dem Glauben. Sie dienen nicht dem Erwerb der Gerechtigkeit vor Gott, sondern sie sind ein Akt der Dankbarkeit dafür, dass Gott den, der auf ihn vertraut, gerecht gesprochen hat!
      
      Das ist letzten Endes genau so, wie wenn jemand ein Geschenk von jemand anderem erhält: wer sich als gerecht aus seinen Werken versteht, der quittiert dieses Geschenk etwa mit den Worten: „Na bitte, wurde auch mal Zeit.“ Wer sich hingegen als gerecht aus Glauben versteht, der sagt schlicht und einfach: „Danke!“ Und er wird sich wie selbstverständlich bemühen, den zu ehren, der ihm das Geschenk gemacht hat, und mit anderen das zu teilen, was ihm geschenkt wurde. Und wenn er auch immer wieder merkt, dass ihm diese Lebenshaltung wohl nur unvollkommen gelingt, dann weiß er, dass er immer wieder vertrauensvoll zu dem zurückkehren darf, der ihn da so reich beschenkt hat.
      
      Brauchen wir also den Jakobusbrief, um Paulus geradezurücken? Bei genauer Lektüre des Paulus wohl nicht. Martin Luther war auch dieser Ansicht: für ihn war der Jakobusbrief eine „rechte strohern Epistel…, denn sie doch kein evangelisch Art an ihr hat.“ Und was macht Luther mit dem Brief? Setzt ihn kurzerhand gemeinsam mit dem Hebräerbrief, den er aus anderen Gründen auch nicht sehr mochte, ganz einfach weiter nach hinten im Neuen Testament, fast ganz an dessen Ende! Das sollte sich heute mal ein Theologe trauen… Jedenfalls sehen wir an dieser Stelle und auch sonst häufig: Martin Luther hat die Bibel kritisch gelesen; er sah ihre Widersprüche, einige jedenfalls, und er war gewiss nicht jemand, für den etwas gut ist, nur weil es in der Bibel steht!
      
      Andererseits hatte Luther doch wiederum soviel Respekt vor dem Neuen Testament, dass er die von ihm kritisierten Schriften nicht einfach daraus entfernt hat! Auch das sollte uns zu denken geben! Und Luther hat immerhin, bei aller Betonung der Gerechtigkeit durch den Glauben, die wir bei ihm finden, auch einen so genannten „Sermon von den guten Werken“ geschrieben, in dem er die  10 Gebote auslegt und die guten Werke als Konsequenz aus dem Glauben preist, der für ihn das erste gute Werk ist.
      
      Vielleicht können wir uns ja so helfen: auch wenn der Jakobusbrief Paulus letzten Endes nicht trifft, kann er uns nützlich sein und das Gewissen schärfen. Lesen Sie ihn einmal ganz; es stehen viele nachdenkenswerte Dinge darin! Vielleicht lesen wir Paulus – sofern wir ihn überhaupt noch lesen! – ja oft oberflächlich, und dann ist es besser, Jakobus auch noch im Hinterkopf zu haben, als bei der oberflächlichen Pauluslektüre zu bleiben!
      
      Und doch gilt: Evangelische Theologie und Predigt wird nie sagen können: Der Mensch wird gerecht aus seinen Werken. Seien wir froh, dass Paulus und die Reformatoren an diesem Punkt ganz eindeutig sind! Dass sie uns Gott als den verkündigen, zu dem wir immer wieder kommen dürfen wie zu einem liebenden Vater und einer liebenden Mutter! Wer Gott so kennenlernt, für den sollte sich die Frage, ob er nun seinen Mitmenschen Gutes erweisen soll oder nicht, eigentlich nicht mehr ernsthaft stellen! Amen.
      
    

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