„Vergebung aller Sünden?!“
Teil 4 der Predigtreihe: „Widersprüche in der Bibel“



Liebe Gemeinde,
    „Gott vergibt, das ist ja sein Metier!“ – so spottete einst der Dichter Voltaire, und so soll auch Heinrich Heine auf dem Sterbebett gesagt haben. Sie beide haben das kaum anerkennend gemeint. Im Gegenteil: so locker daher gesagt, verliert die Rede von der Vergebung jeden Ernst, der ihr eigentlich zukommen muss. Und es wird ein Problem offenkundig, das mit dem Phänomen der Vergebung eng verbunden ist:

    Vergebung kann ihrer Natur nach nicht zur „Schleuderware“ werden. Schließlich bezieht sie sich auf Situationen, die durch das geprägt sind, was in den Worten der Bibel Sünde und Schuld heißt. Und das sind Situationen, wo das Gelingen des Lebens und der menschlichen Beziehungen auf dem Spiel steht. Wer hier spottet, nimmt entweder den Ernst von Sünde und Schuld nicht wahr, oder aber er will gerade durch seinen Spott darauf aufmerksam machen, dass die, die von Vergebung reden, selber in der Gefahr sind, an dieser Stelle den nötigen Ernst vermissen zu lassen und die Vergebung zur Schleuderware zu machen. Insbesondere diejenigen, die sozusagen berufsmäßig von Vergebung reden und sie anderen Menschen zusprechen, wie zum Beispiel ich und Meinesgleichen, wir müssen schon gut wissen, was wir da tun.

    Die Bibel spricht häufig und in vielen Zusammenhängen von der Vergebung. Aber sie tut es nie oberflächlich. Sie verteilt Vergebung nie als Schleuderware. Sondern da wird dem vergeben, der Einsicht in seine Schuld zeigt und einen neuen, besseren Weg einschlägt – biblisch gesprochen: Vergebung gilt dem, der Buße tut.

    Dann allerdings kann die Bibel von der Vergebung so reden, dass sie geradezu grenzenlos erscheint. Wir haben in der ersten Lesung vorhin einen solchen Bibeltext gehört: Psalm 103 – übrigens interessanterweise Worte aus dem Alten Testament, dem ein altes Klischee unterstellt, es sei ein Buch, das Vergeltung predigt! Davon ist in Psalm 103 nun wirklich nichts zu spüren, im Gegenteil: Dort ist Gott der, „der dir alle deine Sünden vergibt und heilt alle deine Gebrechen.“ (Psalm 103,3)! „Alle“ deine Sünden, „alle“ deine Gebrechen – darum geht es und um nichts weniger!

    Ich stelle mir vor, wie die Reaktionen aus unserer Mitte auf diese alles umfassende Vergebung geteilt sein werden: die einen werden aufatmen und sagen: „Jawohl, das ist es, hier liegt die Mitte der biblischen Botschaft! Vergebung ist tatsächlich „Gottes Metier“, aber nicht oberflächlich, sondern mit Ernst und Tiefe, verbunden damit, dass der, dem vergeben wird, Einsicht in seine Schuld zeigt und sich zum Guten verändert.“

    Den anderen dürfte eine solche Reaktion doch eher schwerfallen: Geht das in Psalm 103 nicht doch etwas zu schnell? Keine Rede ist hier von irgendeiner Verpflichtung, die mit der Vergebung verbunden wäre. Die Buße bleibt unerwähnt; alle Aktivität liegt beim vergebenden Gott. Vor allem aber: Ist es wirklich angebracht, Vergebung derart allumfassend zu denken? Kann wirklich „alles“ vergeben werden, was an Unrecht, ja was zum Teil an abgrundtief Bösem in unserer Welt geschieht? Ist die Rede von grenzenloser Vergebung nicht doch unversehens, aber zugleich geradezu notwendigerweise oberflächlich?

    Denn: wenn wir insgeheim doch davon ausgehen, jede Schuld könne vergeben werden – entfällt dann nicht vielleicht die letzte Hemmung, bestimmte Verbrechen zu begehen? Ist dann nicht sozusagen das Konzept des letzten Hintertürchens zum Prinzip gemacht worden? Anders gefragt: Bedarf es nicht des grundsätzlichen Vorbehaltes, die Vergebung müsse eine Grenze haben, um zu verhindern, dass sie zur Schleuderware wird?

    Bei gewissen Verbrechen, da dürfte es jedem unter uns enorm schwer fallen, auch nur an die Möglichkeit ihrer Vergebung zu glauben. Ich möchte meiner Phantasie da gar nicht allzu freien Lauf lassen. Aber wir wissen sowohl aus dem großen Weltgeschehen als auch aus privaten Tragödien, dass dem Bösen bisweilen so gut wie keine Grenze gesetzt ist. Und auch wenn wir mal alle extremen Gewaltverbrechen beiseite lassen, die vermutlich nicht unser Problem hier und jetzt sind: auch unter uns mag es doch durchaus Menschen geben, die einmal über sich selbst erschüttert feststellen müssen: Da hast du etwas getan, was du einfach nicht hättest tun dürfen und wofür es keine Rechtfertigung gibt!

    Mit der Vergebbarkeit einer Sünde ist es so eine Sache. Vielleicht haben Sie die letzte Ausgabe unserer Zeitung „Protestant“ gelesen. Sie trägt den Titel „Kann ich vergeben? Über eine christliche Grundhaltung, die sich nicht verordnen lässt“. Das ist ein wesentlicher Grundzug der Vergebung. Sie kann nicht erzwungen werden. Der Geschädigte, das Opfer ist hier der Souverän. Und da kann es auch sein, dass jemand sein Leben lang etwas, das ihm oder seinen Lieben angetan worden ist, nicht verzeihen, nicht vergeben kann. Ein Täter wiederum kann immer nur um Vergebung bitten, einfordern kann er sie grundsätzlich nicht.

    Ich habe es einmal erlebt, dass jemand, der im Völkermord, der 1994 das afrikanische Land Rwanda überzog, später im Gefängnis zu der Tochter einer Frau, die er ermordet hatte, in etwa sagte: „Du musst mir doch vergeben, du bist doch Christin.“ – Ich denke, uns ist klar, dass es so nun wirklich nicht geht.

    Aber vielleicht denkt nun jemand: Gut, einem Menschen, der durch ein Verbrechen schwer geschlagen wurde, kann man keine Bereitschaft zur Vergebung abfordern. Wie aber steht es um die Vergebung, die Gott gewährt? Müsste er, bei allem Respekt, nicht über den Dingen stehen? Wer, wenn nicht er, sollte denn je in der Lage sein, selbst das zu verzeihen, was nach menschlichen Maßstäben als unverzeihlich anmutet? Ist er nicht Liebe und Gnade durch und durch?

    Auch diese Frage begegnete mir kürzlich in einer Zeitung. Da stellte das christliche Magazin „Publik Forum“ die Frage: „Ist Gott nur Liebe?“, und zwei Redakteure gaben kontroverse Antworten: der eine sagte: „Ja. Allein die Liebe hält die Welt im Innersten zusammen.“ Und der andere: „Nein. Denn Liebe ohne Gerechtigkeit ist keine Liebe.“

    Was dann folgte, war eine Flut von Leserbriefen, die sich dem einen oder dem anderen Redakteur anschlossen oder auch keinem von beiden. Zweierlei jedenfalls wurde deutlich:
- Erstens: Gottes Liebe begrenzen zu wollen, riskiert, zu gering, um nicht zu sagen: zu „menschlich-allzumenschlich“ von ihm zu denken.
- Zweitens: Gott immer und in jedweder Situation nur „lieb“ sein zu lassen, riskiert, ihn machtlos, um nicht zu sagen: lächerlich zu machen. Es nimmt die Schwere dessen, was menschliche Schuld bedeuten kann, nicht ernst.

    Zwischen diesen beiden „Polen“ bewegen wir uns. Die alles umfassende Vergebungsbereitschaft Gottes begegnet uns etwa in Psalm 103. Aber die Bibel kann auch anders reden, so anders, dass es zumindest den Anschein hat, als werde ein Widerspruch zu Psalm 103 formuliert. Wir hörten es in der zweiten Lesung vorhin aus Matthäus 12.Dort ist nun tatsächlich von einer Sünde die Rede, die nicht vergeben wird, und es wird ausdrücklich hinzugefügt: „weder in dieser noch in jener Welt“. (Matthäus 12,32)

    Nun aber wird es erst richtig interessant und zugleich ungemein schwierig. Ich nehme ja an, wir haben alle bestimmte Vorstellungen von einer Sünde, für die wir uns Vergebung nur schwer oder gar nicht vorstellen können. Von Mord und Totschlag über Folter bis hin zu Kinderschänderei ist hier Vieles vorstellbar. Aber ob auch nur einer unter uns zur Beschreibung der einen Sünde, die nicht vergeben wird, auf die Formulierung gekommen wäre, die Jesus hier gemäß dem Matthäusevangelium bringt? Die „Lästerung wider den Geist“ (Matthäus 12,31) ist es, die Jesus für unvergebbar erklärt.

    Aber nicht nur, dass vermutlich niemand von uns hier die schwerste und deshalb unvergebbare Sünde erblicken würde. Nein, zunächst fragen wir uns doch: Was soll das eigentlich sein: die „Lästerung wider den Geist“, die Jesus noch dazu von der Lästerung gegen den Menschensohn unterscheidet?

    Interessanterweise fand ich in der Literatur keinen Theologen, der unter dieser rätselhaften, unvergebbaren Sünde eine bestimmte Einzeltat verstanden hätte. Es geht vielmehr um eine bestimmte Haltung, in der ein Mensch sündigt.
      So sagt zum Beispiel der Kirchenvater Hieronymus: Die Sünde gegen den Geist ist gegeben, wenn jemand eindeutig wider besseres Wissen sündigt, wenn er also Gottes Werke sieht und sie dennoch verleugnet und Gottes Boten, die doch seinen Geist haben, als vom Satan besessen diffamiert.
      Für Luther ist die Lästerung des Geistes dann gegeben, wenn eine Sünde sich nicht erkennen und bekennen lassen will. So könne es eben auch keine Reue geben; mithin könne diese Sünde nicht vergeben werden.
      Ähnlich sagt es der katholische Kardinal Bellarmin, der sich sicherlich nicht mit Luther abgesprochen hat, kurz nach ihm: Lästerung des Geistes, das ist, wenn jemand in seiner Sünde verharrt wie ein Kranker, der das einzige für ihn heilsame Medikament kategorisch und zeitlebens zurückweist und deshalb nicht gesund werden kann, sondern an seiner Krankheit sterben muss.

    Entscheidend bei diesen Deutungen ist dies: das Unvergebbare wird nicht länger in der Natur dieser oder jener Verfehlung gesehen, für die es auf Gottes Seite kein Pardon gäbe, sondern in der konsequenten Weigerung des Menschen, seine Sünden zu bekennen und damit die Möglichkeit zur Vergebung zu erhalten. Es handelt sich also um eine Unmöglichkeit der Vergebung, die nicht etwa auf seiten Gottes anzusiedeln ist, sondern auf seiten des Sünders.

      Und was hat die so verstandene Sünde mit dem Heiligen Geist zu tun? Nun: dieser ist ja sozusagen „Gott unter uns in Aktion“. Und damit bedeutet „Lästerung des Geistes“ eben die konsequente Zurückweisung des gesamten Wirkens, der gesamten Zuwendung Gottes an einen Menschen durch diesen Menschen.
      
      So betrachtet macht es Sinn, dass Jesus die Lästerung des Geistes ungleich schlimmer bewertet als die Lästerung des Menschensohnes, Denn dieser Menschensohn, dahinter verbirgt sich Jesus selber. Sein Wirken unter uns Menschen war begrenzt, auf etwa ein Jahr. Wer in diesem Zeitraum mit der christlichen Botschaft konfrontiert wurde, sie jedoch nicht annahm, konnte dies möglicherweise noch später – sozusagen in der „Zeit des Heiligen Geistes“ – tun. Wer aber zeitlebens die christliche Botschaft konsequent von sich weist, dem ist nicht mehr zu helfen – so würde man die Rede von der Unvergebbarkeit wohl in unser heutiges Deutsch übersetzen.
      
      Und ich kann dieser so verstandenen Unvergebbarkeit durchaus etwas Positives abgewinnen: in ihr spiegelt sich dies, dass Gott uns Menschen nicht gleichsam „fernsteuert“, und sei es zu unserem Heil. Dass er uns vielmehr einer freien und selbstverantworteten Reaktion auf sein Angebot der Vergebung würdigt. Dass er uns mithin als sein Gegenüber würdigt, als sein „Ebenbild“, womit wir wieder bei den Aussagen des ersten Schöpfungsberichtes wären, der uns zu Beginn der Predigtreihe ja schon beschäftigt hat.
      
      Anders gesagt: Wir sind von Gott zu einer Antwort auf sein Wort an uns aufgerufen. Wir werden von ihm zu nichts einfach vereinnahmt. Dies ist, wie gesagt, eine Würdigung, und es ist nur zu wünschen, dass wir uns dieser Würdigung auch wirklich als würdig erweisen!
      
      So gesehen, liebe Gemeinde, denke ich, es ist leicht einsichtig, dass wir es hier zwischen Psalm 103, der Gottes allumfassende Vergebung besingt, und Matthäus 12, wo die eine Grenze der Vergebung benannt wird, nicht mit einem echten Widerspruch zu tun haben.
      
      Gleichwohl bin ich mit der gesamten Fragestellung noch nicht ganz am Ende. Ich erinnere mich an ein Bibelwort, übrigens auch aus dem Matthäusevangelium. Da sagt Jesus, zugegeben in einem ganz anderen Zusammenhang den Satz: „Bei Menschen ist’s unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich.“ (Matthäus 19,26) Auch Jesus kennt also etwas von der alle menschliche Vorstellungskraft übersteigenden geradezu grenzenlosen Macht Gottes. Sollte diese Eigenschaft Gottes nicht auch für unseren Zusammenhang, also für die Frage nach der Vergebung, etwas austragen?
      
      Es ist ja eine Tatsache, die uns immer wieder erschüttert und auch ein ganzes Stück weit ratlos macht: da gibt es Menschen, die wirklich ihr Leben lang nicht dazu kommen, einen Zugang zu Gott, zur christlichen Botschaft und damit verbunden auch zu den Zusammenhängen um Schuld und Vergebung finden. Diese Menschen sind natürlich sehr verschieden. In unserem Zusammenhang geht es mir jetzt nicht um diejenigen, die aufrichtig Gott suchen, aber ihn in der Welt und in ihrem persönlichen Leben nicht entdecken können. Was diese Menschen betrifft, so tun sie mir sehr leid, aber ich rechne zugleich fest damit, dass sie bei Gott ihren Ort haben und er sie in ihrer Aufrichtigkeit und häufig ja auch in ihrem beeindruckenden Lebenswandel ganz und gar annimmt.
      
      Nein, hier und heute geht es mir um die Menschen, die nach größtem Unrecht, das sie getan haben, gleichwohl ohne jede Regung des Bedauerns in ihrer Haltung verharren und Zeit ihres Lebens jede ausgestreckte Hand, sei es von Menschen oder von Gott, ausschlagen.
      
      Ich meine, es war Julius Streicher, einer der Köpfe des Nationalsozialismus, von dem ich einmal las, dass er noch Sekunden vor seinem Tod durch den Strang die Worte auf den Lippen führte: „Heil Hitler.“ Der also offensichtlich in den Tod ging, ohne auch nur ein Minimum an Einsicht in seine Schuld aufzubringen. Wie mag Gott mit jemandem wie ihm umgehen?
      
      Liebe Gemeinde, bitte erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen auf diese Frage nun eine klare Antwort gebe! Gerade das kann ich nicht. Aber mir kam eine biblische Geschichte in den Sinn, die ich zum Schluss dieser Predigt mit Ihnen teilen möchte: Im Lukasevangelium, da wird von einem kleinen Austausch von Worten zwischen Jesus und den beiden Verbrechern berichtet, die rechts und links neben ihm am Kreuz hängen. Der eine Verbrecher verspottet Jesus mit den Worten: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ Woraufhin ihn der andere zurechtweist: „Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ Und er fügt hinzu: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Daraufhin spricht Jesus zu diesem Letzteren die Worte: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,39-43)
      
      Eine gruselige Szene, wenn wir sie uns mal so richtig realistisch vorstellen. Da sterben 3 Männer einen grausamen, langsamen Tod. Der eine verfällt in Zynismus, der andere in Reue – oder doch zumindest merken wir: er redet sich und den anderen sein Leben als Verbrecher nicht schön, sondern erkennt die Berechtigung seiner Strafe an. Eigentlich hat er keine echte Erwartung mehr, auch nicht an Jesus. „Gedenken“ möge Jesus an ihn, mehr nicht.
      
      Doch diese lediglich zaghafte Bitte, verbunden mit der Einsicht, die der letztere Verbrecher an den Tag legt, veranlasst Jesus, ihm den unmittelbar bevorstehenden Zugang zum Paradies in Aussicht zu stellen! Ich könnte auch sagen: Von jetzt auf gleich vergibt Jesus diesem Mann alles, was er getan hat – wobei wir zwar nicht wissen, was das alles ist, aber stellen wir uns das bitte nicht zu unbedeutend vor! Wenn der Verbrecher selbst für sich die Todesstrafe für angemessen hält, wird schon etwas Erhebliches dahinterstecken!
      
      Hier haben wir gleichsam eine narrative Entfaltung dessen vor uns, was Psalm 103 hymnisch besingt! Eine ergreifende Schilderung des Gottes, „der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen!“ Vielleicht kommt uns diese Vergebung ja viel zu schnell, viel zu oberflächlich daher. Immerhin: sie erfolgt, nachdem da jemand Einsicht gezeigt hat, bis dahin, dass er irgendeine Vergebung wohl nicht mal mehr von ferne für möglich hielt.
      
      Was mich nun aber besonders an dieser Geschichte interessiert, ist die Frage, was das Geschehene für den anderen Verbrecher bedeutet, für den, der sogar in seinen letzten Stunden nur noch Spott und Zynismus aufbringt. Haben wir hier nicht gleichsam ein Paradebeispiel vorliegen für so jemanden, der „den Geist lästert“, in dem Sinne, dass er Gottes ausgestreckte Hand, die er sogar „live“ im Hinblick auf seinen Kumpanen miterlebt, nicht ergreift? Ein Paradebeispiel also für jemanden, dem Vergebung definitiv nicht zuteil wird?
      
      Liebe Gemeinde, das zugleich Fatale und dann doch wieder die Geschichte offen Haltende ist dies, dass wir auf diese Frage keine Antwort erhalten. Wie Jesus auf den zweiten Verbrecher reagiert, das haben wir gehört. Auf den ersten reagiert er gar nicht. Er sagt eben nicht: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein, du aber wirst in die ewige Verdammnis eingehen.“ Freilich sagt er auch nicht: „Heute werdet ihr beide mit mir im Paradies sein.“ Nein, was mit dem Zyniker geschieht, wird nicht gesagt. Es wird ihm nicht mitgeteilt, und uns auch nicht.
      
      Wir erfahren auch nicht, ob er nicht doch noch irgendwie auf Jesus kleinen Wortwechsel mit seinem Kumpanen reagiert. Wir müssen davon ausgehen, dass er nichts weiter sagt, dass er also in seinem Zynismus verharrt bis zum Schluss. Aber Jesus nimmt auch das nicht etwa zum Anlass, nun ein endgültiges Urteil über ihn auszusprechen.
      
      Liebe Gemeinde, wir kommen an dieser Stelle nicht weiter. Weder haben wir also Anlass, die Szene schön zu reden, noch haben wir Anlass, über diesen Verbrecher den Stab zu brechen, den Jesus jedenfalls nicht gebrochen hat. Es gibt Fragen, die können wir nur offen lassen – und die können und sollen wir zugleich Gott anheimstellen. Weil sie bei ihm vermutlich besser aufgehoben sind als bei uns und unserem stets von Unzulänglichkeit bedrohten Urteil.
      
      Was wir aber auf jeden Fall aus der Geschichte mitnehmen dürfen und sollen – auch wenn es bei uns vermutlich wesentlich weniger dramatisch zugeht als bei der Kreuzigung Jesu und der beiden Verbrecher : Wenn auch wir Anlass haben, Einsicht in etwas zu zeigen, wofür wir Vergebung benötigen, da sollen wir uns ein Beispiel an dem zweiten Verbrecher nehmen. Dann jedoch dürfen wir gewiss sein, dass uns Gott seine Hand entgegenstreckt als der, „der dir alle deine Sünde vergibt und heilt alle deine Gebrechen.“ Amen.

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