Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

„Endgericht oder Allversöhnung?“
Teil 5 der Predigtreihe: „Widersprüche in der Bibel“

 


Liebe Gemeinde,
    es war einmal ein kleiner Junge, der ging eines Tages zu seiner Mutter und fragte sie: Sag mal, Mami: kommen eigentlich alle Menschen eines Tages in den Himmel?

    Die Mutter war zu dem Zeitpunkt, als ihr Sohn zu ihr kam, mit anderen Dingen beschäftigt. Sie hatte nur halb hingehört. Aber auf einmal war sie hellwach. Sie fragte zurück: Was hast du da gefragt? Kannst du das nochmal wiederholen? – Darauf der Junge: Wie ist das, wenn die Menschen sterben? Kommen sie dann alle in den Himmel?

    Die Mutter hat mir viele Jahre später von dieser kleinen Begebenheit erzählt. Natürlich wollte ich wissen, was sie geantwortet hatte. Darauf sie: Na ja, zunächst habe ich gezögert. Die Antwort fiel mir gar nicht so leicht!

    An dieser Stelle habe ich sie spontan beglückwünscht! Ich meine in der Tat: wer eine allzu schnelle, eine allzu eindeutige und von jedem Zweifel freie Antwort auf diese Frage hat, gerade der sollte sich fragen, ob das dieser Frage angemessen ist. Ich werde die kleine Episode zwischen Mutter und Sohn gleich zuende erzählen. Aber zunächst ist mir wichtig festzuhalten: Dieses Zögern der Mutter ist völlig berechtigt; ja vielleicht es der beste Teil ihrer Reaktion auf seine Frage insgesamt. Wer es sich hier zu einfach macht, der riskiert, an der Tiefe der Frage vorbei zu antworten. Und eine solche Antwort tut nie gut.

    Die beiden Lesungen unseres Gottesdienstes, die zugleich Grundlage meiner Predigt sein sollen, bringen das Dilemma auf den Punkt. Da haben wir zwei unterschiedliche Konzeptionen über das Ende der Welt: bei Matthäus das Endgericht, bei dem die sprichwörtlichen Schafe und Böcke voneinander geschieden werden. Das Kriterium dieser Scheidung: das Verhalten der einen und der anderen denen gegenüber, die ihre Hilfe im Verlaufe ihres Lebens gebraucht haben. Haben sie diese Hilfe auch bekommen? Hieran entscheidet sich das ewige Wohl und Wehe der Menschen; hieran entscheidet sich, um im Sprachgebrauch des Kindes mit der Frage zu bleiben: Himmel und Hölle.

    In seinem Brief an die Römer schildert der Apostel Paulus eine andere Konzeption des Weltendes: er denkt in der Polarität von Juden und Nichtjuden, den so genannten Heiden. Er sieht, dass die weit überwiegende Mehrheit der Juden die christliche Botschaft nicht annimmt. Das schmerzt ihn, der er doch selber Jude ist. Und als solcher weiß er um die Zusage Gottes an sein Volk Israel. Er weiß, dass Gott Israel nie im Leben einfach fallen lässt. Nun aber glaubt die Mehrheit Israels nicht an Jesus als den gottgesandten Retter, den Gesalbten, auf Hebräisch: den Maschiach, eingedeutscht: den Messias, auf Griechisch: den Christos, oder in der lateinischen Form: den Christus. Und Paulus entwickelt folgende Anschauung: Israel wurde durch Gott selber „verstockt“, wie Luther übersetzt – man könnte sagen: mit Blindheit geschlagen, während paradoxerweise ausgerechnet die nichtjüdische Welt, die Heiden, in ihm ihren Retter erblickt. Paulus stellt sich den Fortgang der Geschichte dann so vor: die „Fülle der Heiden“ wird zum Glauben an Jesus Christus gelangen, und dann wird „ganz Israel gerettet werden“.

    Anders gesagt: die Heiden nutzen gleichsam das Vakuum, das durch den Unglauben Israels nun entstanden ist. Aber er warnt die Heiden, die daraufhin meinen, sie hätten Anlass, sich über Israel zu erheben. Sie sollten froh sein, hier sozusagen in die Bresche springen zu können. Schließlich und endlich wird Gott auch das ganze Israel erlösen, und damit kommen Juden und Heiden, also die gesamte Menschheit, zum Heil in Jesus Christus. Der Schlussvers bringt es auf den Punkt: „Gott hat alle eingeschlossen in den Unglauben, damit er sich aller erbarme.“ (Römer 11,32)

    Wir müssen nun zunächst vorsichtig sein: Auch Paulus kennt die Vorstellung von einem Gericht, das Gott über uns Menschen hält und wo das Urteil gemäß unseren „Werken“ fällt, also ähnlich wie bei Matthäus gemäß dem, was wir Gutes oder Böses getan bzw. unterlassen haben. Gleichwohl weisen seine Ausführungen in Römer 11, ähnlich wie andere Bibelstellen, in eine Richtung, die das letztendliche Heil aller Menschen in den Blick nimmt. Wiederum mit unserem Kind gesprochen: so gesehen, kommen alle in den Himmel!

    Diese letztere Vorstellung tut ja zunächst einmal sehr gut! Gott steht hier da als der gütige Vater, der keines seiner Kinder auf ewig verstößt. So gesehen, ist uns Römer 11 vermutlich auf Anhieb wesentlich sympathischer als Matthäus 25. Das Unbestechliche dieses Richters, der die Schafe von den Böcken scheidet, hat etwas Gnadenloses und damit nicht zuletzt: etwas Kaltes. Erkennen wir darin noch den Jesus, der sich doch der Bibel zufolge den Menschen zuwendet, der heilt, der im wahrsten Sinne des Wortes oder auch im übertragenen Menschen aufrichtet? Der Sünden vergibt, ja der den Pharisäern, die sich anschicken, eine Ehebrecherin zu steinigen, zuruft: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“? (Johannes 8,7) Da passt doch etwas, ja da passt ganz Vieles nicht zusammen!

    Und so sagte mir jene Mutter denn auch: „Ich war drauf und dran, meinem Sohn zu antworten: Weißt du, letzten Endes kommen bestimmt alle Menschen in den Himmel!“ „Und“, frage ich sie zurück, „hast du so geantwortet?“ Sie machte eine kleine Pause; dann sagte sie zu mir: „Nein, hab ich nicht.“ „Warum denn nicht?“, wollte ich wissen.

    Darauf sie: „Ich war mir nicht sicher, ob ich das sagen dürfte. Klar, das wäre netter und angenehmer für uns beide gewesen; vielleicht hätte es meinen Jungen beruhigt. Irgendwie verriet seine Frage ja eine Unsicherheit, die er mit sich trug. Aber irgendwas hat mich daran gehindert, diese angenehme Antwort zu geben!“

    „Was hast du denn stattdessen gesagt?“, wollte ich wissen. Darauf sie: „Ich habe einen Moment lang nachgedacht, und dann sagte ich meinem Jungen: Also ich denke mal, der Adolf Hitler, der kommt vielleicht nicht in den Himmel. Und ich erklärte ihm kurz, wer das war und dass er ganz viel Böses getan hatte.“ – „Wie hat er diese Antwort denn aufgenommen?“, fragte ich sie zurück.
„Ich hatte den Eindruck, er war einverstanden. Jedenfalls war ihm klar, dass ein ganz schlimmer Verbrecher wohl nicht so locker in den Himmel gehörte. Dennoch habe ich ihm dann zum Schluss gesagt: Eins möchte ich dir aber doch noch sagen: Wissen tu ich das alles natürlich nicht, weder dass der Hitler in die Hölle kommt, noch dass irgendwer auch ganz sicher in den Himmel kommt. Das müssen wir schon Gott überlassen. Aber ich bin sicher: niemand, der sich wenigstens bemüht, lieb zu sein, muss Angst haben, dass Gott ihn nicht in den Himmel lässt. – Ich hatte dann den Eindruck, das war für meinen Sohn ganz okay so. Er wirkte zufrieden und ging weg. Aber ich selber weiß bis heute nicht, ob meine Antwort wenigstens so halbwegs in Ordnung war.“ –

    Liebe Gemeinde, also ich finde, diese Mutter hat ihre Sache ziemlich gut gemacht! Wie aber würden wir es machen, ja was denken wir selber über diese Frage? Kommen alle Menschen in den Himmel? Vielleicht denken Manche unter uns: Nun ja, so fragen halt Kinder. Wir würden so nicht mehr fragen. Aber ich bitte Sie: Die Frage, was letztendlich aus unsereinem wird, welche Zukunft wir über unser irdisches Leben hinaus und von Gott her haben sollen, diese Frage kann, ja sogar sollte nicht nur ein Kind bewegen.

      Die Bibel stelle sich diese Frage – das haben wir an den beiden kontroversen Bibeltexten gesehen. Im Rahmen meiner Predigtreihe zu Widersprüchen in der Bibel muss ich natürlich zunächst wieder fragen: Liegt hier ein Widerspruch vor, den wir nicht stehen lassen können, wo wir uns also für die eine oder die anderen Stelle entscheiden müssen? Was mich betrifft, so fällt mir das unglaublich schwer.

    Mein erster Impuls: ich kann gut nachvollziehen, dass die Mutter so gern die Antwort gegeben hätte, die wir mit dem Stichwort der „Allversöhnung“ bezeichnen könnten. Wenn Gott doch Liebe ist, wie die Bibel sagt, wie sollte dazu der Gedanke einer ewigen Verdammnis passen, der er Menschen überlässt – egal wie schlimm sie sich zu Lebzeiten verhalten haben? Ich gebe gern zu: die Spannung kann an diesem Punkt schier unerträglich werden!

    Aber ich meine auch Folgendes zu wissen: der Gedanke von der Allversöhnung gedeiht in der Regel da am besten, wo Menschen von allzu schweren Untaten anderer weitgehend verschont bleiben. Unsere Gesellschaft ist ein solcher Ort. Wenn wir uns hier und heute vergleichen mit Menschen früherer Zeiten, aber auch mit unseren Zeitgenossen in anderen Gegenden der Welt, wo nackte Gewalt herrscht, wo Terror und Gesetzlosigkeit wüten, dann sollten wir zugeben: Wir haben es unglaublich gut; zu den meisten Zeiten der menschlichen Geschichte und an den meisten Orten dieser heutzutage Erde dürfte es weniger schön zugehen.

    Wo aber Gewalt und Unrecht im Übermaß zu beklagen sind, da werden auch andere Wünsche und Vorstellungen über das Ende der Welt tonangebend sein: da sehnen die Menschen vielmehr dies herbei, dass es endlich Gerechtigkeit geben möge, endlich einen halbwegs gerechten Ausgleich für die, die gerade aufgrund ihrer Rechtschaffenheit so häufig den Kürzeren ziehen, die ausgebeutet, unterdrückt und niedergehalten werden! Für sie liegt dann, bei allem Respekt, nicht unbedingt der Gedanke an Allversöhnung nahe, sondern sie finden es nicht weniger als fair, wenn ihre Peiniger nicht so einfach mit denselben Heilszusagen bedacht werden wie sie, die unter ihnen zu leiden haben!

    Ich habe die Opfer des rwandischen Völkermordes vor 20 Jahren vor Augen, die bis heute vielfach schwer traumatisiert sind und zum Teil ihre gesamte Familie verloren haben, während ihre Peiniger, wenn sie denn überhaupt gefasst worden sind, häufig nicht entfernt Ähnliches durchmachen mussten wie sie selber. In solch einem Kontext bleibt einem das an sich doch so schöne und harmonische Konzept der Allversöhnung im Halse stecken!

        Allerdings: ich habe trotz alledem auch eine enorme Hemmung, mich einfach dem Matthäusevangelium anzuschließen. Schafe hier, Böcke da – irgendwie passt das nicht zu dem Gott, von dem die Bibel uns ansonsten berichtet. Und es passt auch nicht zu meiner Wahrnehmung von mir selbst und von uns Menschen im allgemeinen. Ich nehme kaum einen Menschen so eindeutig als „Schaf“ oder als „Bock“ wahr. Jesu Worte kommen so holzschnittartig daher: die einen, die haben da alles gut und richtig gemacht, und die anderen haben alles schlecht und falsch gemacht. Mit Verlaub: So sind wir doch nun auch wieder nicht, im Positiven nicht, aber erst recht doch wohl im Negativen nicht! Bei uns dominieren Grautöne, beim einen vielleicht die helleren, ok, und beim anderen sehr dunkle. Aber eine solche kategorische Einteilung in Gut und Böse kann ich jedenfalls mit meiner Wahrnehmung nicht in Einklang bringen. Auch die größten Wohltäter haben hier und da ihre Schwachstellen, und auch bei den schlimmsten Verbrechern unterstelle ich einfach mal, da gibt es andere Seiten, wenn wir uns nur die Mühe machten, genau hinzuschauen.

    Aber selbst wenn wir die Worte Jesu ein wenig abmildern, wenn wir unterstellen: er will eben diese „Grautöne“ unterscheiden: Fragen wir uns doch selber: Sind wir eigentlich so sicher, auf die Seite der Schafe zu gehören? Fallen uns da nicht aus dem eigenen Leben genügend Situationen ein, wo wir versagt haben, ja wo wir vielleicht im Rückblick erschüttert feststellen, wie weh wir jemand anderem getan haben, bisweilen sogar bei vollem Bewusstsein?

    Aber genau hier wird es richtig schwierig: Müssen wir nicht feststellen: Mit dieser Vorstellung von Schafen und Böcken ist seelsorglich nicht zuletzt auch furchtbarer Missbrauch getrieben worden! Da sollen die Menschen ja ständig den sie beobachtenden Gott im Nacken spüren! „Der liebe Gott sieht alles“ – mit so einem Satz, wo der „liebe Gott“ so gar nicht „lieb“ rüberkommt, sondern höchst bedrohliche Züge annimmt, kann man Macht ausüben! Damit kann man Menschen quälen und sie gefügig machen.

    Ist es wirklich vorstellbar, dass der Gott, den wir etwa aus der Geschichte vom verlorenen Sohn kennen, so da sitzt wie ein überdimensionaler Johnny Controletti, der permanent damit beschäftigt ist, eine Strichliste über uns anzufertigen, was wir Gutes und Böses tun? Und dann wägt er ab, und dann werden wir ja sehen, in welche Richtung sich die Waage neigt? – Also was mich betrifft: so kann und will ich mir Gott beim besten Willen nicht vorstellen.

    Wie kommen wir an dieser Stelle weiter? Ein kleiner Nebengedanke: die katholische Theologie hat für das Dilemma, in dem wir uns befinden, eine Lehre entwickelt, die von der Reformation rundweg als unbiblisch abgelehnt wurde, an die ich aber erinnern möchte: die Lehre vom so genannten Fegefeuer. Damit ist Folgendes gemeint: Wer nicht einerseits als bereits geheiligt in den Himmel kommt, zugleich aber nicht andererseits als unrettbar der ewigen Verdammnis anheim fällt, kommt nach seinem Tod in eine Art Zwischenzustand, an einen Ort der Strafe – darum „Feuer“, der aber dazu dient, das Böse restlos aus ihm „auszufegen“ – darum „Fegefeuer“. Wenn das erfolgt ist, wird auch dieser Mensch die ewige himmlische Seligkeit erlangen.

    Sie brauchen nicht zu befürchten, ich wolle nun das Fegefeuer für die evangelische Kirche gleichsam zurückgewinnen. Nein, diese Lehre ist jedenfalls biblisch nicht bezeugt, hat gewichtige Argumente gegen sich und diente leider auch großem Missbrauch, etwa im mittelalterlichen Ablasswesen. Aber sie weist doch hin auf ein Gespür der Kirche dafür, dass die simple Einteilung in Schafe und Böcke der graugetönten Wirklichkeit unseres Lebens nicht gerecht wird. Die Lehre vom Fegefeuer ist also so etwas wie der dringende Versuch einer Kirche, die in der Polarität von Himmel und Hölle denkt, so viele Menschen wie möglich letztlich für den Himmel zu gewinnen, ohne die Notwendigkeit der Rechenschaft für ihre Verfehlungen einfach auszublenden. Diesen Versuch finde ich bemerkenswert.

    Aber lassen wir die Fegefeuerlehre beiseite. Grundsätzlich kann ich Ihnen nur sagen: Ich kann und will mir den Gott, den ich aus der Bibel kenne, nicht als jemanden vorstellen, der Menschen ewig und definitiv dem Verderben anheimfallen lässt. Zumal ich mich ja immer auch fragen muss: Was ist es, das Menschen veranlasst, dieses und jenes zu tun oder zu lassen? Warum bekommt der eine die Möglichkeit, noch zu Lebzeiten einen Kurswechsel zu vollziehen, zu bereuen und ein neues Leben zu beginnen? Ein anderer hat diese Möglichkeit nicht. Hier stellen sich Fragen ohne Ende.

    Ich fürchte, liebe Gemeinde, wir kommen an dieser Stelle nicht weiter als letzte Woche, wo es um die Frage der Vergebbarkeit aller Sünden ging. Erinnern wir uns an die zwei Verbrecher an Jesu Seite am Kreuz: Dem einen, der seine Sünde anerkennt, stellt Jesus von jetzt auf gleich das ganze Paradies vor Augen; dem anderen, der nur Spott für ihn übrig hat, sagt er – nichts. Er sagt zu ihm nichts vom Paradies, vom Himmel. Aber eben auch nichts von der Hölle. Darüber hinaus werden wir auch heute und vermutlich auch sonst niemals gelangen.

    Einer meiner theologischen Lehrer pflegte zu sagen: „Ich hoffe auf die Allversöhnung, aber ich glaube an das Gericht.“ Ich schließe mich seinen Worten gerne an, aber je länger ich über sie nachdenke, desto mehr drängt es mich, sie umzudrehen: „Ich glaube an das Gericht, aber ich hoffe auf die Allversöhnung.“

    Das heißt: Ich rechne damit, ja ich hoffe sogar darauf, dass Gott richtet: dass er die Täter zur Umkehr ruft, und dass er den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lässt. Dann aber hoffe ich auch und – darf ich sagen: erst recht darauf, dass Gottes Gericht immer nur etwas „Vorletztes“ sein wird. Ich hoffe darauf, dass Gottes letztes Wort über uns ein anderes sein wird: dass sich nämlich über uns alle erbarmt, über Juden und Heiden, über Gerechte und Ungerechte, so wahr er in Jesus Christus, seinem Sohn, für sie alle, für uns alle gestorben ist. So hoffe ich, wird er seine Liebe eines Tages ans Ziel bringen.

    Diese Hoffnung war es wohl auch, die die Mutter gegenüber ihrem kleinen Sohn veranlasst hat, ihre Antwort am Ende selber nochmal in Frage zu stellen und aus ihrer Unsicherheit kein Hehl zu machen. Und ich denke, es war gut, dass sie das so gemacht hat. Sie hat auf ihre Weise zum Ausdruck gebracht, dass es gut ist, wenn wir derlei schwierige Fragen letzten Endes immer Gott selber anvertrauen. Bei ihm sind sie, diese Fragen, und sind wir selber mit unseren Fragen gut aufgehoben.

    Liebe Gemeinde, „Widersprüche in der Bibel“ – gibt es die? Ja, es gibt sie. Wobei sie sehr unterschiedlich ausfallen können. Einige Male, da werden wir nicht umhin können, uns zu entscheiden. Da können wir nicht alles aus der Bibel zugleich festhalten und anerkennen. An anderen Stellen, da spiegeln die Dinge, die uns widersprüchlich erscheinen, ganz einfach dies, dass unser Leben je nachdem sehr unterschiedlich betrachtet und beurteilt werden kann – und muss! Dass es sich nicht einer einfachen und stets widerspruchsfreien Logik fügt. Und dass unsere Erkenntnis immer eine begrenzte bleiben wird.

    Bei Gott, da bin ich sicher, geht es letzten Endes widerspruchsfrei zu. Das zu erkennen ist uns allerdings jetzt und hier noch nicht immer möglich. Da bleibt noch etwas offen, viel sogar – eine Lücke, vermutlich sogar eine ziemlich große Lücke! Eine Lücke, die Gott aber eines Tages schließen wird. Freuen wir uns auf diesen Tag – und versuchen wir, schon jetzt von dieser Vorfreude her unser Leben zu führen. Amen.