„Enorm zweieiige Zwillinge: Esau und Jakob“
Teil 1 der Predigtreihe „Jakob – Betrüger und Gesegneter“



      Und es begab sich, als Isaak alt geworden war und seine Augen zu schwach zum Sehen wurden, rief er Esau, seinen älteren Sohn, und sprach zu ihm: Mein Sohn! Er aber antwortete ihm: Hier bin ich. Und er sprach: Siehe, ich bin alt geworden und weiß nicht, wann ich sterben werde. So nimm nun dein Gerät, Köcher und Bogen, und geh aufs Feld und jage mir ein Wildbret und mach mir ein Essen, wie ich's gern habe, und bring mir's herein, dass ich esse, auf dass dich meine Seele segne, ehe ich sterbe.
      Rebekka aber hörte diese Worte, die Isaak zu seinem Sohn Esau sagte. Und Esau ging hin aufs Feld, dass er ein Wildbret jagte und heimbrächte.
      Da sprach Rebekka zu Jakob, ihrem Sohn: Siehe, ich habe deinen Vater mit Esau, deinem Bruder, reden hören: Bringe mir ein Wildbret und mach mir ein Essen, dass ich esse und dich segne vor dem HERRN, ehe ich sterbe. So höre nun, mein Sohn, auf mich und tu, was ich dich heiße. Geh hin zu der Herde und hole mir zwei gute Böcklein, dass ich deinem Vater ein Essen davon mache, wie er's gerne hat. Das sollst du deinem Vater hineintragen, dass er esse, auf dass er dich segne vor seinem Tod.
      Jakob aber sprach zu seiner Mutter Rebekka: Siehe, mein Bruder Esau ist rau, doch ich bin glatt; so könnte vielleicht mein Vater mich betasten, und ich würde vor ihm dastehen, als ob ich ihn betrügen wollte, und brächte über mich einen Fluch und nicht einen Segen. Da sprach seine Mutter zu ihm: Der Fluch sei auf mir, mein Sohn; gehorche nur meinen Worten, geh und hole mir.
      Da ging er hin und holte und brachte es seiner Mutter. Da machte seine Mutter ein Essen, wie es sein Vater gerne hatte, und nahm Esaus, ihres älteren Sohnes, Feierkleider, die sie bei sich im Hause hatte, und zog sie Jakob an, ihrem jüngeren Sohn. Aber die Felle von den Böcklein tat sie ihm um seine Hände und wo er glatt war am Halse. Und so gab sie das Essen mit dem Brot, wie sie es gemacht hatte, in die Hand ihres Sohnes Jakob.
      Und er ging hinein zu seinem Vater und sprach: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn? Jakob sprach zu seinem Vater: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn; ich habe getan, wie du mir gesagt hast. Komm nun, setze dich und iss von meinem Wildbret, auf dass mich deine Seele segne.
      Isaak aber sprach zu seinem Sohn: Wie hast du so bald gefunden, mein Sohn? Er antwortete: Der HERR, dein Gott, bescherte mir's. Da sprach Isaak zu Jakob: Tritt herzu, mein Sohn, dass ich dich betaste, ob du mein Sohn Esau bist oder nicht. So trat Jakob zu seinem Vater Isaak. Und als er ihn betastet hatte, sprach er: Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände. Und er erkannte ihn nicht; denn seine Hände waren rau wie Esaus, seines Bruders, Hände.
      Und er segnete ihn und sprach: Bist du mein Sohn Esau? Er antwortete: Ja, ich bin's. Da sprach er: So bringe mir her, mein Sohn, zu essen von deinem Wildbret, dass dich meine Seele segne. Da brachte er's ihm und er aß; und er trug ihm auch Wein hinein und er trank.
      Und Isaak, sein Vater, sprach zu ihm: Komm her und küsse mich, mein Sohn! Er trat hinzu und küsste ihn. Da roch er den Geruch seiner Kleider und segnete ihn und sprach: Siehe, der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes, das der HERR gesegnet hat. Gott gebe dir vom Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle. Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet!
      Als nun Isaak den Segen über Jakob vollendet hatte und Jakob kaum hinausgegangen war von seinem Vater Isaak, da kam Esau, sein Bruder, von seiner Jagd und machte auch ein Essen und trug's hinein zu seinem Vater und sprach zu ihm: Richte dich auf, mein Vater, und iss von dem Wildbret deines Sohnes, dass mich deine Seele segne. Da antwortete ihm Isaak, sein Vater: Wer bist du? Er sprach: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn. Da entsetzte sich Isaak über die Maßen sehr und sprach: Wer? Wo ist denn der Jäger, der mir gebracht hat, und ich habe von allem gegessen, ehe du kamst, und hab ihn gesegnet? Er wird auch gesegnet bleiben.
      Als Esau diese Worte seines Vaters hörte, schrie er laut und wurde über die Maßen sehr betrübt und sprach zu seinem Vater: Segne mich auch, mein Vater! Er aber sprach: Dein Bruder ist gekommen mit List und hat deinen Segen weggenommen. Da sprach er: Er heißt mit Recht Jakob (der Hinterlistige), denn er hat mich nun zweimal überlistet. Meine Erstgeburt hat er genommen und siehe, nun nimmt er auch meinen Segen. Und er sprach: Hast du mir denn keinen Segen vorbehalten?
      Isaak antwortete und sprach zu ihm: Ich habe ihn zum Herrn über dich gesetzt, und alle seine Brüder hab ich ihm zu Knechten gemacht, mit Korn und Wein hab ich ihn versehen; was soll ich nun dir noch tun, mein Sohn? Esau sprach zu seinem Vater: Hast du denn nur einen Segen, mein Vater? Segne mich auch, mein Vater! Und er erhob seine Stimme und weinte. Da antwortete Isaak, sein Vater, und sprach zu ihm: Siehe, du wirst wohnen ohne Fettigkeit der Erde und ohne Tau des Himmels von oben her. Von deinem Schwerte wirst du dich nähren, und deinem Bruder sollst du dienen. Aber es wird geschehen, dass du einmal sein Joch von deinem Halse reißen wirst.

Liebe Gemeinde,
    na das geht ja gut los! Eine „family soap“ reinsten Wassers ist das, was wir da heute aufgetischt bekommen: Jakob, der dritte der so genannten „Erzväter“ des Volkes Israel, er, von dem wir noch hören werden, dass das Volk ihm und keinem anderen seinen Namen „Israel“ verdankt – dieser Jakob ist nicht nur ein „Erzvater“, sondern auch und zunächst mal nichts weniger als ein „Erzhalunke“! Wir haben es gehört: Er haut seinen Bruder Esau und zugleich seinen und seines Bruders Vater Isaak nach allen Regeln der Kunst übers Ohr – und das auch noch unter tatkräftiger Mithilfe, ja fast Federführung ihrer gemeinsamen Mutter Rebekka.
    So ziemlich alles ist schiefgelaufen in dieser Familie, mit der Gott doch gerade eine Generation zuvor in der Person des Abraham die Keimzelle seines erwählten Volkes gelegt hatte! Schon bei Abraham selber war nicht alles ideal gelaufen, aber jetzt, bei Isaak und Rebekka, da geht es so richtig los, und es gibt so ziemlich nichts, was diese beiden Eltern mit ihren Söhnen nicht falsch machen: sie lassen sozusagen zwei innerfamiliäre Parteien entstehen: Isaak bevorzugt Esau, den erstgeborenen der beiden Zwillingsbrüder, während Rebekka Jakob besonders fördert. Diese beiden sind dermaßen zweieiig, in jeder Hinsicht unterschieden voneinander, dass die Sympathien der Eltern sich klar verteilen: Isaak für den rauhen, etwas grobschlächtigen, dabei aber zugleich gutmütigen Esau, und Rebekka für den kleinen, zarten, dabei aber zugleich durchtriebenen Jakob. Wie soll das gutgehen?!
    Natürlich geht es nicht gut: Beim ersten Teil unserer Geschichte, bei dem listigen Tauschgeschäft, der Esau eine leckere Speise, Jakob dafür aber nichts Geringeres als das Recht des Erstgeborenen einbringt, da mag man ja noch sagen: Na ja, ist Esau ja im Grunde selber schuld, wenn er sich auf diesen Kuhhandel einlässt. Wer ist schon, mit Verlaub, so blöde, für ein einziges Essen, und sei es noch so lecker, seine gesamten Erbvorteile einzutauschen? Manchmal tut es eben doch gut, nach dem Prinzip zu verfahren: Vor Inbetriebnahme des Mundes Gehirn einschalten! Lieber Esau: diesen Flop hast du dir selber zuzuschreiben!
    Soweit jedenfalls hat niemand Grund, sich zu beschweren. Nun aber, als es um den Segen des Vaters geht, überschreitet Jakob unter Rebekkas eifriger Anleitung die Schwelle von der List hin zum Betrug. Die offensichtlich schon erhebliche Sehbehinderung des Vaters wird eiskalt ausgenutzt, um ihn hinters Licht zu führen. Eine bemerkenswert perfide, ja geradezu kriminelle Energie zeigt sich in der Maskerade, die Rebekka nun veranstaltet, um aus dem glatten, knabenhaften, im Rheinland würden wir sagen: etwas fimschigen Jakob einen behaarten, robust-männlichen Kerl zu machen.
      Am Rande: diese Geschichte ist eine der ergiebigsten in der gesamten Bibel für Kindergarten- oder Schulgottesdienste, weil sie sich so herrlich darstellen lässt. Die Kinder sind auf der einen Seite empört über Jakob und Rebekka, aber auf der anderen finden sie das auch wahnsinnig spannend, wie der arme Isaak hier nach allen Regeln der Kunst an der Nase herumgeführt wird und wie dieser Betrug nicht nur sehr klug ausgedacht ist, sondern noch dazu wie er perfekt funktioniert!
      Überhaupt fasziniert die Jakobsgeschichte nicht zuletzt dadurch, dass sie im Hinblick auf menschliche und bisweilen allzumenschliche Erfahrungen sämtliche Register zieht, und das zum einen mit großer Symbolkraft, zum anderen und nicht zuletzt aber auch mit einer gehörigen Portion Humor: wenn sich die beiden Zwillinge bereits im Mutterleib prügeln und es von Jakob heißt, er habe sich schon bei der Geburt an der Ferse seines Bruders festgehalten! Auf der einen Seite lacht man, und auf der anderen weiß man: Ja, so ist das zwischen Menschen: genau diejenigen, die sich am nächsten stehen, entwickeln auch die größten Spannungen untereinander! So ist gerade die Jakobsgeschichte in der Bibel eine randvoll erfahrungsgesättigte Geschichte. Jeder, der sie hört oder liest, vermag dort Elemente des eigenen Lebens wiederzufinden. Und da sage noch jemand, die Bibel sei ein vergeistigtes Buch, das nichts mit unserem Alltag zu tun habe! Also für die Jakobsgeschichte gilt das nun wirklich nicht; gerade sie ist zugleich geradezu unterhaltsam und enorm tiefgründig!
      Dabei gibt es auch die Möglichkeit, diese Geschichte nicht nur im Hinblick auf unterschiedliche menschliche Charaktere zu deuten, sondern man kann dort auch kulturgeschichtliche Erfahrungen der Menschheit wiederfinden:
      Die Existenzform des Jägers wird der des Hirten gegenübergestellt, wobei erstere durch Esau und letztere durch Jakob repräsentiert wird. Die Entwicklung ist klar: am Anfang steht der Jäger, verbunden mit der Zeit, als Palästina noch dicht bewaldet war. Dann, nachdem das Land weitgehend gerodet war, um es kultivierbar zu machen, tritt der Hirte in den Vordergrund, der sesshafte Bauer. Seine Existenzform gilt als kultiviert und damit als fortschrittlich. Hier regiert der Kopf und nicht mehr die pure Muskelkraft. In unserer Geschichte werden beide Existenzformen personifiziert, und das kulturgeschichtliche Ergebnis ist klar: „Jakob“ übertrumpft „Esau“.
      Auch in dieser Deutung liegt so Vieles, das wir bis heute unmittelbar nachvollziehen können: Vergleichen wir das Gehörte doch einmal mit der Entwicklung unserer Gesellschaft: dominierte früher das, was man einmal mit einigem Pathos die „Arbeiterschaft“ nannte, so haben wir inzwischen die „Dienstleistungsgesellschaft“, oder wir sind bereits einen Schritt weiter: in der „Informationsgesellschaft“. Galt früher derjenige als respektabel, der die Ärmel hochkrempeln und physische Leistungen erbringen konnte, so ist es inzwischen derjenige, der die Medienwelt beherrscht. Der „ehrliche Arbeiter“ wird doch längst vom schlauen Experten für „Bits and Bytes“ belächelt. Wobei: wenn Letzterer Ersterem leibhaftig in die Finger fallen würde, dann wäre klar, wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen würde, ebenso wie das zwischen Esau und Jakob  klar ist – weshalb Jakob nach seinem Betrug ja auch die Flucht ergreifen muss.
      Und auch das ist unwiderlegbar: je stärker der kulturgeschichtliche Fortschritt weg von der physischen hin zur geistigen Arbeit sich entwickelt, desto mehr entwickelt sich offensichtlich auch die Neigung zu List und Betrug. Wie oft habe ich das schon aus dem Munde von Lehrern gehört: in der Hauptschule, da ist das Klima rau, da schlagen sie auch schon mal schneller zu. Aber irgendwie ist es auch ehrlicher; am Gymnasium, da wird gestichelt, gemobbt, da gedeiht seelische Gewalt. Charakterlich besser sind die Menschen dort jedenfalls nicht; ja manchmal hat man gerade den gegenteiligen Eindruck.
      Hören wir die Jakobsgeschichte also durchaus auch als eine Darstellung der Kulturgeschichte, wie sie sich bis heute und wohl bis in alle Zukunft fortsetzt, und hören wir, bitte sehr, auch den enorm kulturkritischen Ton, der sich in ihr artikuliert!
      Und doch ist dies nicht das letzte, ja auch nicht das entscheidende Wort, das es zur Jakobsgeschichte zu sagen gilt, ebenso wenig wie sie sich darin erschöpft, eine family soap zu sein – und sei sie noch so treffend bis in unsere Zeit hinein. Nein, liebe Gemeinde, es ist so, wie es in der Bibel eigentlich immer ist: wenn sie Geschichten überliefert, dann immer und grundsätzlich deshalb, weil sie uns etwas darüber berichten will, wie Gott mit uns Menschen umgeht. Und im Hinblick auf diese Dimension hält die Jakobsgeschichte höchst Wichtiges und zugleich wohl auch höchst Verstörendes für uns bereit.
      Dieses zugleich höchst Wichtige und höchst Verstörende hängt mit dem Segen zusammen, um den es ja von vorn bis hinten geht. Kaum ein Begriff ist wichtiger, wenn die Bibel das göttliche Einwirken auf unser menschliches Leben zum Ausdruck bringen will. Wie sich Gott zu dem stellt, was wir Menschen tun, kommt daran zum Ausdruck, ob er seinen Segen dazu gibt. Und nur wo er das tut, kann menschliches Leben gelingen. So ist der Segen schon für Abraham die entscheidende Gabe, mit der sich Gott für sein Versprechen verbürgt, aus Abraham ein großes Volk entstehen zu lassen. Im Deutschen sagen wir: „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Genau das ist es.
      Und noch mehr: Der Segen hat ein negatives Gegenüber: den Fluch. Dazwischen gibt es nichts, und ob wir Menschen unter Segen oder Fluch stehen, das hat nicht zuletzt auch etwas mit unserem eigenen Verhalten zu tun, als Einzelner wie auch als Gruppe. Immer wieder wird das Volk Israel vor die Wahl gestellt, und die Botschaft ist klar: „Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch: den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des HERRN, eures Gottes, die ich euch heute gebiete; den Fluch aber, wenn ihr nicht gehorchen werdet den Geboten des HERRN, eures Gottes, und abweicht von dem Wege, den ich euch heute gebiete.“ (5. Mose 11,26-28)
      Soweit ist das alles klar und verständlich. Aber in unserer Geschichte mit Jakob gerät diese Klarheit enorm ins Wanken. Zum einen dadurch, dass es ja gar nicht Gott ist, der hier den Segen spricht, jedenfalls nicht unmittelbar. Nein, der Vater ist es, der ihn sozusagen verwaltet. Und damit gerät der Segen ja in Gefahr: Jakob kann ihn sich erschleichen, weil derjenige, der ihn verwaltet – Isaak – ein in jeder Hinsicht von Blindheit geschlagener alter Mann ist, anfällig für Täuschung, manipulierbar! Und wir hörten es: Der Coup gelingt; Jakob erschleicht sich den Segen tatsächlich.
      Aber es kommt noch dicker: Man sollte ja meinen: Alles kein Problem; ein auf solche Art erschlichener Segen, der kann ja wohl keine Gültigkeit haben; der muss eben wieder zurückgenommen werden – ebenso wie ein Kaufvertrag keine Gültigkeit hat, wenn sich herausstellt, dass er betrügerisch zustande gekommen ist.
      Aber was hörten wir: Nichts da! Es gilt sozusagen das Prinzip: „Der Rechtsweg ist ausgeschlossen!“ Ein einmal erteilter Segen wird nicht wieder zurückgenommen! Er ist erteilt, und basta! Und das heißt nicht nur: der Betrüger Jakob samt der Drahtzieherin Rebekka, sie haben Glück gehabt, sondern es heißt auch: der zwar nicht so ganz helle, aber doch grundehrliche Esau hat Pech gehabt, und der arme, erblindete Isaak mit ihm!
      An dieser Stelle, liebe Gemeinde, da sträuben sich uns vermutlich die Nackenhaare: Sollte Gott sich die Verfügung über seine wichtigste Gabe, über seinen Segen, derart aus der Hand nehmen lassen? Ja sollte hier plötzlich der Betrug den Triumph davon tragen? Unser gesamtes Rechtsempfinden begehrt auf gegen das, was hier als unwiderruflich dargestellt wird! Und es entsteht doch ein glatter Widerspruch zu dem, was ich vorhin aus dem 5. Buch Mose vorgelesen habe, wo der Segen an die Erfüllung der Gebote gebunden wird und wo wir im Gegenzug auch klar hören: Dem, der sie nicht befolgt, wird der Fluch zukommen! Was soll also diese höchst irritierende Geschichte mit Jakob und Esau?
Liebe Gemeinde,
    der Bibel geht es wahrlich nicht darum, den Segen in irgendeiner Form zu entwerten! Und natürlich soll auch nicht etwa der Betrug nun sanktioniert werden! Nein, es geht um etwas Anderes, und das sollte uns nun doch zu denken geben: Ich möchte einen Vers aus dem ersten Teil der Geschichte in Erinnerung rufen, den wir in der Lesung gehört haben. Da heißt es in 1. Mose 25,23, aus dem Munde Gottes an die mit ihren Zwillingen schwangere Rebekka: „Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem anderen überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“
    Auch hier kann man wieder die kulturgeschichtliche Deutung bemühen, nach dem Motto: Klar, die Entwicklung geht von der Jagdgesellschaft hin zur bäuerlichen Existenz. Oder man kann die Geschichte des Volkes Israel in seiner Beziehung zum Volk der Edomiter betrachten, als deren Stammvater Esau gilt. Vor allem aber sollten wir hier dies sehen: Gott hat sich einen Plan gemacht, und den bringt er ans Ziel. Und dieser Plan fügt sich nicht unserer Logik. Er steht quer zu dem, was unsereiner für angebracht halten würde.
    Dies gilt erst recht im Hinblick darauf, dass es auch keinen zweiten Segen gibt, den Isaak nun Esau geben könnte. Er bettelt seinen Vater ja förmlich an: „Hast du denn nur einen Segen, mein Vater? Segne mich auch, mein Vater! Und er erhob seine Stimme und weinte.“ Aber es geht lapidar, ja geradezu unbarmherzig hart weiter: „Da antwortete Isaak, sein Vater, und sprach zu ihm: Siehe, du wirst wohnen ohne Fettigkeit der Erde und ohne Tau des Himmels von oben her. Von deinem Schwerte wirst du dich nähren, und deinem Bruder sollst du dienen.“
    Nicht wahr: Wir würden doch etwa so denken: Gott hat doch wohl alle Menschen gleich lieb. Also hält er denselben Segen für alle bereit. Sie müssen nun tun, was nötig ist, um sich dieses Segens als würdig zu erweisen. – So leid’s mir tut: Das ist nicht das Denken der Bibel. Da nimmt sich Gott etwa das Recht heraus, ein Volk – Israel – in besonderer Weise zu erwählen, so wie er das sonst mit keinem Volk tut. Und er nimmt sich das Recht heraus, von diesen beiden Zwillingen Esau und Jakob den jüngeren zu dem zu machen, auf den die dem Abraham gegebene Verheißung übergeht. Wir mögen zwar fragen: Ja hätte das denn nicht ebenso gut Esau sein können? Vor allem: Hätte er das nicht viel eher verdient als sein durchtriebener kleiner Bruder Jakob? – Liebe Gemeinde, hier kann ich nur mit einer schönen, inzwischen bei uns fast sprichwörtlich gewordenen Wendung antworten: „Hätte, hätte – Fahrradkette!“ – Zu deutsch: Klar hätte das so sein können; vielleicht hätte es nach unseren Maßstäben auch so sein sollen. Aber Gott hat es nun einmal anders verfügt. Und er wird sich in seinen Plan nicht hineinreden lassen.
    Immerhin: Gott lässt Isaak noch einen Satz an Esau hinzufügen: „Aber es wird geschehen, dass du einmal sein Joch von deinem Halse reißen wirst.“ Man hat hierin einen Hinweis darauf gesehen, dass vom Volk der Edomiter, das, wie gesagt, auf Esau zurückgeführt wird, in der Bibel mehrfach berichtet wird, wie es sich von der Beherrschung durch Israel befreit hat.
    Vielleicht ist aber einfach auch dies gemeint: Bei aller Erwählung Israels, bei aller Bevorzugung Jakobs: Vor Gottes Auge gerät niemand letzten Endes aus dem Blick. Und wir werden im Verlaufe der Predigtreihe noch sehen, dass das auch für Esau gilt.
    Heute kommt es darauf an, dass wir das Irritierende dieser zugleich Betrugs- und Segensgeschichte nicht  nur als irritierend wahrnehmen, sondern zugleich als Eröffnung eines nun tatsächlich segensreichen Horizontes: Gott setzt seinen Willen durch, sogar da, wo wir Menschen eigentlich alles tun, was dagegen spricht. Es gilt das schöne Sprichwort: „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.“ Und er kehrt die Verhältnisse um: Die Jakobsgeschichte zeichnet sich ein in die vielen Geschichten, in denen Gott das Kleine groß macht und das Große in seine Schranken weist.
    Und selbstverständlich soll hier nicht etwa der Betrug Jakobs in irgendeiner Form sanktioniert werden. Immerhin  bekommt er ja sofort die Konsequenzen seiner Tat zu spüren: Er muss vor Esau fliehen – ausgerechnet er, das Muttersöhnchen, muss über Nacht raus ins feindliche Leben, ohne die Mama an seiner Seite. Und wir werden an den kommenden Sonntagen sehen, was Jakob sonst noch alles bevorsteht.
    Eines jedoch bleibt stehen: die unwiderrufliche Gültigkeit des Segens! Und so problematisch dies auf der einen Seite auch erscheint, so tröstlich empfinde ich es auf der anderen: Denn wie wäre das denn, wenn wir uns darauf nicht wirklich verlassen könnten? Wenn da immer noch im Nachhinein etwas „korrigiert“, will sagen: uns entzogen werden könnte? So irritierend effektiv der Betrug in unserer Geschichte auch sein mag: Um den einmal erteilten Segen wird hier niemand, der ihn erhalten hat, jemals wieder betrogen. Gott ist eben kein Jakob: Er betrügt niemanden! Das steht so fest wie das Amen in der Kirche.
    Darin mag eine Schwäche liegen – ebenso wie etwa darin, dass wir sagen: Eine einmal verliehene Patenschaft wird dem Paten nie wieder entzogen, zum Beispiel wenn er danach wieder aus der Kirche austritt. Damit geben wir uns als Kirche eine Blöße, ja. Aber zugleich halten wir damit die Gültigkeit des einmal zugesprochenen Segens hoch – und halten uns selber damit den Spiegel vor, wenn wir uns nämlich im Alltag dieses Segens häufig nicht als würdig erweisen.
      Wer weiß: Vielleicht bringt uns dies ja doch dazu, einmal innezuhalten und Gottes Segen weniger selbstverständlich und damit ernster zu nehmen, als wir das meist tun?! Das wäre schon mal eine erste – und wahrlich nicht die schlechteste! – Konsequenz, die wir aus dem Hören auf die Jakobsgeschichte ziehen könnten! Amen.

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