Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

„Der Betrüger unter Gottes Schutz“
Teil 2 der Predigtreihe „Jakob – Betrüger und Gesegneter“



      Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.
      Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abrahams, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommenschaft sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.
      Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
      Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinem Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte „Bethel“ (= “Haus Gottes“); vorher aber hieß die Stadt Lus.
      Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden, und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

Liebe Gemeinde,
    „der Betrüger unter Gottes Schutz“ – so habe ich diesen zweiten Teil meiner Predigtreihe zu Jakob überschrieben. Unverdientes, ja geradezu unverschämtes Glück scheint er gehabt zu haben: Jakob, der sich mit List das Recht des Erstgeborenen von seinem älteren Zwillingsbruder Esau erkauft und dann mit handfestem Betrug auch noch den entsprechenden Segen von ihrer beider Vater Isaak erschlichen hat. Letzte Woche haben wir es gehört: Der Coup war gelungen, und vor allem: er war unumkehrbar. Höchst merkwürdig für unser Verständnis der Bibel, aber eindeutig beschrieben: Jakob behält den mit unlauteren Mitteln erworbenen Segen; und ausdrücklich geht Esau leer aus, vorerst jedenfalls.
    Und doch weiß ich ja nicht, ob wir wirklich Anlass haben, Jakob zu beneiden: kaum ist der Betrug vollendet, muss er vor dem wutentbrannten Esau fliehen – was ich ja eigentlich erstaunlich finde, denn: Jakob hätte doch jetzt auf die Idee kommen können: Ich stehe ja nun unter Gottes Schutz, also kann Esau mir doch wohl gar nichts. Aber so denkt er nicht, und so verhält es sich offensichtlich auch nicht – Segen hin, Segen her. Nein, Jakob ist in Lebensgefahr. Wenn so einer wie sein bekanntlich eher grobschlächtiger Bruder zuschlägt, bei der Wut, die er aus gutem Grunde gerade auf Jakob hat – na dann gute Nacht!
    Also nichts wie weg! Der soeben noch Gesegnete wird zunächst einmal zum Gejagten, zum Flüchtling! Ausgerechnet Jakob, der doch stets den heimischen Herd und Mamas Rockzipfel dem Abenteuer draußen vorgezogen hat, rennt los. Mutter Rebekka hatte ihm zwar noch ein Ziel zugerufen: ihre Heimat und ihren Bruder, Jakobs Onkel Laban. Aber zunächst mal läuft Jakob einfach weg, in die Wüste, immer geradeaus, bis er nicht mehr kann. Todmüde sinkt er zu Boden und schläft ein. ´
    Halten wir hier einen Moment lang inne: Was auch immer das Recht des Erstgeborenen und der Segen Gottes für Jakob bedeuten mögen – diese Erfahrung des Nullpunktes, ja der Verzweiflung ersparen sie ihm nicht! Und damit verbunden die Erfahrung der Strafe für den Betrug, den er begangen hat.
    Vielleicht stellen wir uns das Phänomen „Segen“ häufig viel zu einfach vor, viel zu oberflächlich und eindimensional. „Gesegnet“ wäre demnach dann jemand, dem es immer gut geht, der die Klippen des Lebens stets glücklich umschifft oder gar jemand, der nicht zur Rechenschaft gezogen wird für das, was er eigentlich zu verantworten hätte.
    Solch ein Verständnis von „Segen“ wäre nicht das der Bibel. Jemand, dem es so ergeht, der hätte das, was wir salopp „Dusel“ nennen, oder von dem wir sagen, er hat „Schwein gehabt“. Ich glaube, in der Bibel gibt es keinen einzigen Menschen, der als gesegnet bezeichnet wird und dem es so geht. Alle müssen sie durch Krisen hindurch; alle werden sie auch konfrontiert mit dem, was sie angerichtet haben; alle müssen sie Durststrecken überwinden. Entscheidend ist: Am Ende werden sie durch dies alles hindurchgeführt. Sie stecken eine Zeit lang in der Misere, aber sie bleiben dort nicht auf ewig stecken. Sogar dann nicht, wenn sie es – menschlich geurteilt – allemal verdient hätten, wie etwa Jakob.
    Ich könnte es auch so sagen: „Segen“ ist in der Bibel ein Phänomen, das sich immer vom Ende her erschließt, in der Bilanz sozusagen. Zwischenzeitlich sieht das dagegen häufig sehr anders aus. Was hat nicht schon Abraham alles durchmachen müssen – von der Trennung von Lot bis dahin, dass er zumindest kurzfristig glaubte, Gott verlange von ihm, seinen einzigen Sohn zu ermorden. Aber das ist ja fast noch harmlos, verglichen mit dem, was etwa ein Hiob alles zu erdulden hatte. Und von Jesus will ich gar nicht reden. Der wird ja sogar „Sohn Gottes“ genannt – aber was hat ihm das – jedenfalls zwischenzeitlich und vordergründig – eigentlich gebracht?
    Nein, liebe Gemeinde, der Segen ist durchaus nicht immer unmittelbar nachvollziehbar, wenn wir bedenken, wie es Menschen geht, die ihn empfangen haben. Bei Jakob würden wir vielleicht sogar sagen: Gut so; alles Andere wäre auch wirklich die Krönung der Ungerechtigkeit. Immerhin wird er jetzt mal ordentlich rangenommen. Und über Esau ist, das deutete sich letzten Sonntag schon an, das letzte Wort auch noch nicht gesprochen. Auch wenn er hier übel übers Ohr gehauen wird und als Verlierer da steht, wissen wir: Da kommt noch was!
    Es bleibt zwar vermutlich immer noch unser Eindruck, hier gehe es aber nicht so zu, wie es die Gerechtigkeit gebieten würde, aber immerhin wird Jakob zunächst mal hart rangenommen. Auf Rosen gebettet wird er nicht, sondern er liegt auf dem harten, unwirtlichen Boden der Wüste.
    Dort jedoch hat er einen Traum: er schaut die Himmelsleiter, die ihn in seiner beklagenswerten Situation mit Gott verbindet, symbolisiert durch die Engel, die sich in ständiger Bewegung zwischen Himmel und Erde bewegen. Schon als Kind fand ich dieses Bild faszinierend; es erinnerte mich an einen „Paternoster“, diese leider kaum noch irgendwo zu findende Art eines Aufzugs, der in öffentlichen Gebäuden permanent in Bewegung ist, so dass man nur zum richtigen Zeitpunkt einsteigen und dann allerdings auch wieder zum richtigen Zeitpunkt aussteigen muss. Sonst muss man die ganze Tour nochmal fahren – was wir freilich als Kinder gern ganz absichtlich gemacht haben!
    Nun wird uns von Jakob nicht berichtet, dass er sich selber in diese Bewegung zwischen Himmel und Erde sozusagen einklinkt, aber ich möchte die Vorstellung des Paternoster doch einmal sinnbildlich nehmen für das, was Jakob hier erlebt. Er sieht im Traum das Bild der Leiter mit den Engeln, und er hört Gott zu ihm sprechen. Er hört eine Bekräftigung aller Verheißungen, die Gott schon Abraham gegeben hatte: das Land, das große Volk, von dem ein Segen auf alle Völker der Erde ausgehen soll.
      Kaum hat Jakob die Himmelsleiter geschaut und die Stimme Gottes gehört, da wacht er auf. Wie wird er nun auf seinen Traum reagieren? Eine mögliche und ja auch durchaus naheliegende Reaktion wäre folgende: Ach ja, was war das doch für ein schöner Traum. Aber eben leider auch nichts mehr als ein Traum! Die Wirklichkeit ist eine andere: Da liege ich hier im Wüstensand, und von Gott und einer Verbindung zwischen mir und ihm keine Spur! Da sieht man’s mal wieder: Träume sind Schäume!
    So könnte Jakob auf seinen Traum reagieren und sich missmutig oder gar nach wie vor verzweifelt wieder auf den Weg zu seinem Ziel machen, das er noch gar nicht kennt. Anders gesagt: Jakob könnte einfach an den vorigen Abend anknüpfen. Ich möchte es einmal so formulieren: Das wäre die Reaktion des aufgeklärten Menschen unserer Zeit. Der würde sagen: Na ist doch klar: Jakob hat im Traum seine Wünsche an den Himmel projiziert. Aber wieder aufgewacht, sieht er wie am Abend zuvor nichts als Wüstensand. Damit muss er nun klarkommen.
    Aber, liebe Gemeinde, Jakob reagiert anders: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.“ Durch diese kurze Antwort gibt Jakob gleich Mehreres zu erkennen: Zum Ersten: er reagiert nicht wie der vorhin von mir skizzierte „aufgeklärte Mensch unserer Zeit“. Er nimmt seinen eigenen Traum ernst, ja er sieht in ihm den Hinweis auf eine Realität, die sein Leben bestimmt. Von Konfuzius, der ja nun auch kein ganz Dummer war, las ich den Satz: „Wer uns unsere Träume stiehlt, gibt uns den Tod.“ In unseren Träumen kommt es vor, dass wir den Schritt über unsere vorfindliche Wirklichkeit hinaus wagen. Das haben die Träume mit dem Glauben gemeinsam. Wie arm sind wir, wenn wir uns immer nur auf das beschränken, was uns gerade konkret vor Augen steht! Und so dürfte es auch kein Zufall sein, dass die Bibel uns immer wieder davon berichtet, wie Gott seine Botschaft durch Träume zu Menschen bringt. Jakob nimmt seinen Traum jedenfalls ernst, und er tut gut daran. Sein Traum wird ihm zu einer Quelle neuer Kraft, die er bitter nötig hat.
    Und noch mehr: nicht nur, dass Jakob Gottes Gegenwart in seinem Leben wahrnimmt, indem er sagt: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte“, sondern er fügt mit einer Mischung aus Überraschung und Selbstkritik hinzu: „und ich wusste es nicht.“ Ich halte diesen kleinen Zusatz für extrem wichtig. Warum?
    Jakob konfrontiert uns hier mit einer Grunderfahrung unseres Lebens, die auch in der Bibel immer wieder beschrieben wird: Wo Menschen Gott begegnen, da ereignet sich diese Begegnung fast immer überraschend. Auf der einen Seite machen wir uns natürlich so unsere Gedanken zu Gott, und wir werden in der Bibel auch immer wieder ausdrücklich dazu aufgerufen, ihn zu suchen. Zugleich jedoch wissen wir: Dafür gibt es keine „Methode“; die Suche nach Gott ähnelt nicht der Suche nach einem verlorenen Gegenstand, den wir am Ende entdecken, wenn wir nur jede Ecke im Haus sorgfältig durchkämmt haben. Und die Suche nach Gott funktioniert auch nicht wie ein Rätsel, wo wir am Ende – wenn wir nur alles richtig ausgefüllt haben – das Lösungswort finden.
    Nein, immer wieder werden wir in der Bibel damit konfrontiert, dass es der Offenbarung Gottes selber bedarf, damit wir ihm begegnen. Er ist gewissermaßen Herr des Verfahrens, ob uns das nun passt oder nicht. Er bleibt für uns unverfügbar – aber gerade deshalb haben Menschen immer wieder und hat in unserem Predigttext Jakob die Begegnung mit Gott als so unglaublich beglückend erlebt, als ein Geschenk, mit dem er nicht gerechnet hat und mit dem er gerade seiner Vorgeschichte wegen auch nicht hat rechnen können!
    Was sich für Jakob hier ereignet, hat – so möchte ich es einmal formulieren – sozusagen „weihnachtlichen“ Charakter. Denn dieses Sätzchen: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.“ – es hätte ebenso gut von den Hirten an der Krippe gesprochen werden können. Gerade im Weihnachtsgeschehen wird ja deutlich, wie überraschend Gott Menschen begegnet, wie er gewissermaßen „inkognito“ zu uns kommt. Wir rechnen nicht damit – und sind gerade deshalb umso erstaunter, wenn wir ihn dann doch in unserem Leben wahrnehmen dürfen.
    Ich erinnere mich an eine Frau, die – äußerlich betrachtet – allen Anlass gehabt hätte, an Gott in ihrem Leben zu verzweifeln. In jungen Jahren beide Eltern verloren und weitere Schicksalsschläge erlitten. Aber gerade in alledem durfte sie erleben, wie ihr Zuwendung zuteil wurde, wie sie getröstet wurde. Sie interpretierte das als Gotteserfahrung. „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.“
    Oder der Naturwissenschaftler, der dem Glauben in jungen Jahren den Abschied gegeben hatte, so fasziniert war er davon, mit Hilfe seines Verstandes immer tiefer einzudringen in die Geheimnisse des Kosmos. Und dann: Mit jeder Antwort, die er fand, taten sich ihm 10 neue Fragen auf, und er gelangte dahin, eine tiefe Bewunderung für diesen Kosmos zu entwickeln, statt weiter darauf zu hoffen, dass sich eines Tages alle seine Fragen erledigen würden. Vielleicht auch dies ein Beispiel für die Wahrheit dieses Satzes: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.“
    Oder schließlich: ein Freund von mir, der Krieg und Völkermord in Rwanda miterlebt hat, der jahrelang als Flüchtling unterwegs war und eine Menge geliebter Menschen verloren hat, er hat auf Französisch den schönen Satz geprägt: „Dans la détresse, on apprend la tendresse.“ Zu deutsch: „In der Verzweiflung lernt man die Zärtlichkeit.“ Was will er damit sagen? Etwa dies: „Ausgerechnet in einer Situation, wo nichts mehr zu gehen schien, wo die Menschen sich in der Regel total verhärten, weil sie sich damit an den letzten Strohhalm klammern, der ihnen noch zu bleiben scheint, ausgerechnet in dieser Situation durfte ich es erleben, dass mein Herz ganz weich wurde, dass ich in der Liebe zu meinen Mitmenschen den einzigen Weg fand, der mir half, meine Not zu überwinden.“ Oder wiederum mit Jakob gesprochen: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.“
    Es ist der Cantus Firmus der Heiligen Schrift, dass sie uns dazu aufruft, mit Gott immer gerade da zu rechnen, wo wir von seiner Gegenwart nichts wissen. Schon von Abraham, dem Großvater Jakobs, heißt es: „Abraham hoffte, wo nichts zu hoffen war.“ (Römer 4,18) Und Jakob macht sich diese Lebenshaltung seines Großvaters zu Eigen.
    Ich möchte es einmal so sagen, um das Bild von vorhin aufzunehmen: Jakob besteigt damit selber den Paternoster. Er nimmt die Verbindung zum Himmel auf, die Gott ihm darbietet.
    Mir ist dabei durchaus bewusst, dass mit dieser Feststellung noch lange nicht alle Irritationen ausgeräumt sind, die der Beginn der Jakobsgeschichte bei uns vermutlich ausgelöst hat: der erfolgreiche Betrug und der Segen, der Jakob nicht wieder genommen wird und die Zurücksetzung Esaus, die auch nicht einfach aufgehoben wird. Vielleicht ist es ja so: Wir gehen dann am besten mit diesen Irritationen um, wenn wir auch ihnen gegenüber damit rechnen, dass Gott auch dazu noch ein Wörtchen mehr zu sagen hat, als es zu Beginn der Jakobsgeschichte geschehen ist. Bisweilen müssen wir wohl geradezu „gegen Gott an Gott glauben“. Gegen das, was uns an ihm irre werden zu lassen droht, und an das, was wir von ihm an Gerechtigkeit und Liebe erwarten dürfen.
    So, liebe Gemeinde, sind auch wir aufgerufen, den Paternoster zu besteigen, die Gelegenheit wahrzunehmen, die Gott uns bietet, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Und wo könnten wir das übrigens besser, als indem wir ganz wortwörtlich das „Paternoster“, das Vaterunser mitbeten und uns zu Eigen machen, uns an ihn wenden mit allem, was uns bewegt: unseren Hoffnungen, aber auch und vor allem: unseren Fragen und Sorgen.
    Jakob, liebe Gemeinde, wurde inmitten seiner konfliktbeladenen Geschichte von Gott nicht geschont. Aber auch nicht allein gelassen. Gott hat ihm einen neuen Weg gewiesen. Für uns, liebe Gemeinde, wird das alles nicht anders sein. Amen.