Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

„Der mit dem Gott kämpft“
Teil 4 der Predigtreihe „Jakob – Betrüger und Gesegneter“



Liebe Gemeinde,
    Erinnern wir uns: Jakob, der Betrüger, hatte eine harte Schule durchlaufen müssen: selber war er betrogen worden. Sein Onkel und zugleich Schwiegervater Laban hatte ihm nach den ersten sieben Dienstjahren weitere sieben abverlangt, als Preis dafür, dass er seine geliebte Rahel heiraten durfte. Jakob hat das akzeptiert, ohne mit der Wimper zu zucken – und damit erweist er sich als seriös, als der, der Rahel tatsächlich über alles liebt. Hier endet Jakobs Existenz als Lügner und Betrüger. Hier meint er es wirklich ganz ernst. Hier wird er wirklich zu dem Vorbild, zu der Respektsperson, die er anfangs gewiss nicht gewesen war.
    Was ich dann in meiner Predigtreihe übersprungen habe: Jakob gerät danach doch wieder mit Laban aneinander. Es liegt so auf der Kippe zwischen Bauernschläue und List, wie er seinen Schwiegervater in der Zucht von Schafen und Ziegen übertrumpft und einen ansehnlichen Reichtum erwirtschaftet. Gott rät Jakob daraufhin, sich wieder aufzumachen, diesmal allerdings natürlich samt seinen Frauen, seinen Kindern und allem Vieh, das ihm gehört.
    An dieser Stelle setzt unser heutiger Lesungstext ein, den wir vorhin gehört haben: Jakob weiß, dass er sich seinem Zwillingsbruder Esau nähert, und der hat mit ihm ja noch eine Rechnung offen! Er erfährt, dass Esau ein Heerführer geworden ist und 400 Soldaten unter seinem Kommando hat. Woher Jakob das erfährt, wird uns nicht gesagt. Aber soviel ist sicher: Das ist keine sehr ermutigende Perspektive für ihn! Mit großer Sorgfalt, ja sozusagen „mit Furcht und Zittern“ bereitet Jakob sich auf die Begegnung mit Esau vor. Boten schickt er voraus, die Esau schonend auf seine, Jakobs Ankunft vorbereiten sollen. Sodann teilt er seine Karawane in zwei Teile – wenn schon einer davon Esau zum Opfer fallen wird, könnte dem anderen ja die Flucht gelingen. Weiter: Im Gebet vertraut Jakob sich Gott mit der Bitte um Beistand an. Und schließlich sortiert er hunderte seiner Tiere aus, als Geschenke für seinen Bruder, um ihn gnädig zu stimmen.
    Und doch, trotz aller dieser Maßnahmen weiß Jakob: Esau hat allen Grund, auf mich zornig zu sein. Die Aussicht, ihm zu begegnen, ist und bleibt höchst unangenehm.
    Ich habe mich gefragt: Wenn Jakob schon, warum und wie auch immer, erfahren hat, wo Esau inzwischen lebt, und erst recht: wenn er schon erfahren hat, dass Esau nun Kommandeur von 400 Soldaten ist: wieso ist es eigentlich nötig für Jakob, seine Reise ausgerechnet ins Land Edom, also geradewegs in Richtung auf Esau zu lenken? Weg von Laban – ok, das ist verständlich. Aber da hätte es doch noch andere Optionen gegeben.
Liebe Gemeinde,
    hier artikuliert sich weniger die Tüftelei über eine Reiseroute als vielmehr eine Grundwahrheit unserer menschlichen Existenz: Was in unserem Leben sozusagen „unerledigt“ geblieben ist, wird eines Tages seinen Platz auf der Tagesordnung fordern. Zwischen Esau und Jakob ist noch eine Rechnung offen, und die muss beglichen werden. Jakob weiß darum, dass er dabei schlechte Karten hat. Sein Betrug steht im Raum, und Esau hat ihn bestimmt nicht vergessen. Jakob ahnt, ja er weiß: Bald ist es soweit, dass ich damit konfrontiert werde. Und wie gesagt: was die Kräfteverhältnisse zwischen den Zwillingen betrifft, so sieht es für Jakob nicht gut aus.
    Aber jetzt ist Eines festzuhalten, das wir an Bedeutung kaum überschätzen können: Anders als damals, als Jakob vor dem wutentbrannten Esau floh, flieht er heute nicht noch einmal. Nein, er wählt den Weg geradewegs in Esaus Richtung. Er weiß: Ich komme nicht auf ewig an diesem meinem Bruder vorbei. Weil ich nicht auf ewig an mir und meiner eigenen Person und Geschichte vorbeikomme! Wie auch immer die Konfrontation ausgeht: Ich muss mich ihr stellen und ihr standhalten!
    Soweit der Lesungstext von vorhin. Im Grunde könnte die Geschichte jetzt genauso weitergehen, wie sie später tatsächlich weitergeht: in 1. Mose 33 nämlich, wo Esau und Jakob sich begegnen. Aber davon hören wir erst nächste Woche, im letzten Teil der Predigtreihe. Davor steht noch etwas, und damit sind wir bei einer der geheimnisvollsten Geschichten der gesamten Bibel. Bei einer einzigartigen Geschichte noch dazu. Es ist eine Geschichte, die wir vermutlich noch viel weniger als manche andere daraufhin befragen sollten, was daran historisch ist, was sich da wirklich zugetragen hat. Dafür aber ist es eine Geschichte, die uns umso mehr darüber erzählt, was sich zwischen Menschen und Gott ereignet hat und – das füge ich sofort hinzu: was sich nach wie vor zwischen Menschen und Gott ereignen kann.
    Ich lese den Predigttext aus 1. Mose 32,23-33:
    Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, nahm sie und führte sie über das Wasser, so dass hinüberkam, was er hatte, und blieb allein zurück.
    Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.
    Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißest du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst.
    Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich haben Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte. Daher essen die Israeliten nicht das Muskelstück auf dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag, weil er auf den Muskel am Gelenk der Hüfte Jakobs geschlagen hatte.
Liebe Gemeinde,
    kennen Sie das Lied von Reinhard Mey mit dem Titel „Allein“? Da heißt es:
Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.
Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein:
Die Kreuzwege des Lebens geh'n wir immer ganz allein.
    Diese Erfahrung ist es, die Jakob in dieser Geschichte machen muss. Er scheint das zu ahnen, sorgt er doch dafür, dass seine ganze Familie samt all den Tieren den Fluss Jabbok überquert. Ja es klingt fast so, als sei er selber auch schon auf der anderen Seite angelangt. Dann aber die kurze und doch so wichtige Feststellung: „Er blieb allein zurück.“ (V. 24)
    Bei dem, was nun folgt, kann er sich nicht vertreten lassen, er kann auf niemanden mit dem Finger zeigen, und ihm kann auch niemand zur Seite stehen. Er, Jakob, ist nun gefordert, ganz so, wie Reinhard Mey es singt: Die Kreuzwege des Lebens geh'n wir immer ganz allein.
    Im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenen erst recht kann Jakob anders als alle, die mit ihm unterwegs sind, den Fluss erst überschreiten, wenn er den entscheidenden Kampf gekämpft hat – und das ist nicht etwa ein Kampf mit Esau, sondern ein Kampf mit: tja, jetzt wird es schwierig!
      Mit wem kämpft Jakob da eigentlich? Mit einem „Mann“ – so heißt es lapidar in V. 25. Nachher jedoch heißt es, Jakob habe „mit Gott und mit Menschen“ gekämpft. (V. 29) Der Prophet Hosea (12,5) begründet später die Meinung, ein „Engel“ sei Jakobs Gegner gewesen, ein Wesen aus dem göttlichen Machtbereich also.
      Mir fiel bei diesen Überlegungen ein Vers ein, den ich vor vielen Jahren meiner Schwester einmal ins Poesiealbum geschrieben haben: „Sich selbst bekriegen ist der schwerste Krieg; sich selbst besiegen ist der größte Sieg.“ Was ich mir damals dabei gedacht habe, weiß ich nicht mehr. Aber heute glaube ich, an diesem Vers ist eine Menge dran. Jakob jedenfalls wird in dem Kampf, von dem wir heute hörten, sicher nicht zuletzt mit sich selber konfrontiert, mit seiner Vergangenheit. Wie er sie meistern wird, daran entscheidet sich auch, wie sein Weg in die Zukunft aussehen wird.
    Die Geschichte schweigt sich ja völlig darüber aus, wo dieser „Mann“ auf einmal herkommt, was er eigentlich will. Es wird zunächst kein Wort gesprochen, sondern lediglich „gerungen“. Dabei dürfen wir nie vergessen: Jakob ist von seiner Herkunft und charakterlichen Prägung her alles andere als ein „Kämpfer“. Er ist eben ein „Betrüger“, und das ist so ziemlich das Persönlichkeitsprofil, das dem des Kämpfers diametral gegenübersteht.
    Denken wir an den Sport: Wer da betrügt – sei es, indem er Dopingmittel nimmt, den Schiedsrichter besticht, im Strafraum eine „Schwalbe“ hinlegt oder wie auch immer er seinen Betrug durchführt – wer das tut, der stellt sich gerade nicht der sportlichen Auseinandersetzung, die ja immer auf bestimmten Regeln beruht, auf „Geboten“ sozusagen. Der Betrüger versucht diese Gebote zu umgehen. Und eben dadurch verweigert er sich dem Wettkampf, der ja durchaus auch eine Form des Kampfes ist. So jemand ist Jakob ursprünglich.
      Vielleicht liegt es ja daran, dass er seinen allerersten Kampf verloren hat, den, wo er noch nicht betrügen konnte: als erster wollte er geboren werden, aber Esau hat sich durchgesetzt. Jakob blieb damals nur der Griff nach der Ferse seines Bruders. Diese seine erste Niederlage hat seinen listigen, betrügerischen Charakter befördert, und wie wir hörten, hat Mutter Rebekka ihm dabei eine fatale Hilfestellung geboten.
      Aber nun ist Jakob etliche Jahre weiter. Er hat die Erfahrung machen müssen: mit Betrug komme ich vielleicht eine Zeit lang weiter, ja es ist mir tatsächlich gelungen, alle Rechte des Erstgeborenen an mich zu reißen, samt dem alles entscheidenden Segen des Vaters. Aber dann ging es ab in die Wüste, und ich musste mich allein durchschlagen. Reinhard Mey würde sagen: Genau. Da hast du es: Du bist allein – als Betrüger zumal.
      In der Zwischenzeit hat Jakob sich bewährt: die 2 x 7 Jahre bei Laban haben uns das gezeigt. In dem rätselhaften Kampf, der nun berichtet wird, bündelt sich die Veränderung, die in Jakob vonstatten gegangen ist. Oder um noch einmal ein Bild aus dem Sport zu bemühen: die 14 Jahre muten wie ein großes „Trainingslager“ an für diesen entscheidenden Kampf, den Jakob noch kämpfen muss, in dem er seine Wandlung weg vom Betrüger hin zum Kämpfer noch unter Beweis stellen muss, bevor er Esau begegnen kann.
      Und – wir hörten es – Jakob hat erfolgreich „trainiert“. Sein Kampf ist erfolgreich. Ja er ist so erfolgreich, dass der Bibeltext ausdrücklich feststellt: der große unbekannte Kämpfer „übermochte“ Jakob nicht, wie es so schön in der Sprache Martin Luthers heißt. Es ist klar, worum es geht: der große Unbekannte schafft es nicht, Jakob zu besiegen. Seine Wandlung vom Betrüger zum Kämpfer ist geglückt; sie ist definitiv, unumkehrbar.
      Diese Aussage soll in unserer Geschichte so stark, so unumstößlich im Raume stehenbleiben, dass ihr zuliebe gewisse andere, für unsere Begriffe unumstößlich erscheinende Vorstellungen preisgegeben werden, was für die biblische Theologie geradezu atemberaubende Folgen hat:
      Zunächst: dass dieser in irgendeiner Form göttliche Kämpfer Jakob nicht bezwingen kann, passt ja nicht im Geringsten zu unserer landläufigen Vorstellung von Gott. Welcher Mensch sollte je im Kampf mit Gott die Oberhand behalten können?
      Weiter: Ausdrücklich heißt es: gerade im Angesicht dessen, dass der große Unbekannte es nicht schafft, Jakob zu besiegen, wird er seinerseits zum Betrüger: Er schlägt ihn auf das Hüftgelenk, das Jakob sich daraufhin schmerzhaft verrenkt. Dieses Detail wird nicht einfach als Teil des Kampfes berichtet, sondern es hat den Charakter einer Regelwidrigkeit: in einem Ringkampf gelten Regeln, und da scheint der Schlag aufs Hüftgelenk nicht dazuzugehören! Sonst wäre die Aktion ja keiner Rede wert gewesen. Aber sie wird genau in dem Moment erwähnt, wo deutlich wird: der unbekannte Kämpfer kommt anders gegen Jakob nicht an! Gott selber steht also hier auf einmal im Blickpunkt eines Regelbruchs! Und Jakob wird noch einmal, nach den zweiten 7 Jahren, die Laban ihm trickreich auferlegt hat, selber Opfer eines Betruges, zumindest einer Regelwidrigkeit, einer äußerst schmerzvollen noch dazu. Noch einmal muss er also in die Rolle schlüpfen, die er einst seinem Bruder Esau aufgezwungen hat.
      Aber Jakob besteht auch diese Prüfung. Statt empört nach dem Oberschiedsrichter zu rufen und das Foulspiel einzuklagen, beißt er die Zähne zusammen und lässt seinen Gegner einfach nicht los. Der ist auf einmal am Ende seiner Kräfte. Die nahende Morgenröte veranlasst ihn, seinerseits auf das Ende des Kampfes zu drängen und sich davonzumachen. Man glaubt es ja kaum, aber: der göttliche Kämpfer scheut das Tageslicht! Bitte verzeihen Sie, aber mir fiel dazu ein: Das kenne ich doch eigentlich nur von Vampiren: Wenn die Sonne aufgeht, ist es mit ihrer Kraft vorbei, und sie verschwinden wieder in ihrem Sarg…
      Entsprechend las ich auch eine Auslegung unserer Geschichte im Internet, wo diese Passage zum Anlass dafür genommen wurde festzustellen: Das kann kein göttliches Wesen sein, das da mit Jakob kämpft! Das muss eine satanische Macht sein! Zumal ein göttliches Wesen es ja wohl auch nicht nötig hätte, Jakob nach seinem Namen zu fragen und – wir hörten es: den regelwidrigen Tiefschlag auf die Hüfte zu platzieren.
      Ja aber ich bitte Sie, liebe Gemeinde: Sollte Jakob gleich darauf ein satanisches Wesen um seinen Segen für ihn bitten? Sollte Satan das Privileg haben, Jakob einen neuen Namen zu verleihen? Nein, wir sollten wie so häufig in der Bibel lieber nicht meinen, allzu gut darüber Bescheid zu wissen, was Gott tut und lässt, wie er ist und wie er eben nicht ist. Er ist jedenfalls nicht das, was wir so gern aus ihm machen: dieses undefinierbare Wesen irgendwo ganz weit weg, von dem wir uns fragen, was es überhaupt mit dem Geschehen auf unserer Erde und in unserem Leben zu tun zu haben mag.
      Im Gegenteil: Gott kommt Jakob und damit uns hier als jemand entgegen, der sich uns in den Weg stellt, wo es um die Frage geht, wie wir unser Leben weiter führen wollen: unter dem Prinzip von Lug und Betrug oder aufrichtig kämpfend, vor allem bereit zum Kampf gegen uns selbst, gegen den sprichwörtlichen inneren Schweinehund, der bei uns immer wieder durchbrechen will, oder wie Martin Luther formulieren würde: gegen den „alten Adam“, der den neuen Menschen in uns ein ums andere Mal herausfordert und sich dem Glauben an Gott in den Weg stellt.
      Und da wird Gott tatsächlich zu unserem Herausforderer, der uns alles abverlangt, so wie er Jakob alles abverlangt hat. Aber jetzt wird die Geschichte unglaublich ermutigend! Denn wir hören: Jakob ist dem Kampf nicht ausgewichen, er hat ihn gekämpft, und er hat diesen Kampf bestanden, er hat ihn gewonnen. Ausdrücklich heißt es: Du hast mit Gott gekämpft und gewonnen! Im selben Atemzug heißt es zugleich: Du hast mit Menschen gekämpft und gewonnen! (V. 29) Beides ist letztlich miteinander identisch, so wahr der göttliche Kampfgegner ja niemand Anderen repräsentiert als den Betrüger Jakob, gegen den der ehrliche Kämpfer Jakob hier zu Felde zieht!
      Der Kampf ist geschlagen; der große Unbekannte sieht den Tag kommen und will fort. Jakob aber hat noch ein Anliegen: er fordert seinem Gegenüber den Segen ab. Erinnern wir uns: schon einmal hat Jakob jemandem den Segen abgefordert: seinem Vater Isaak. Auch dieser Segen wurde ihm erteilt und blieb gültig. Aber es war ein betrügerisch erschlichener Segen. Der Segen, um den es heute geht, ist ehrlich; er ist im wahrsten Sinne des Wortes errungen, nicht erschlichen!
      Und Jakob erhält noch etwas: einen neuen Namen: Israel, den Namen des Gottesvolkes bis heute. Im Deutschen ist die Übersetzung mehrdeutig. Hier ist eindeutig die Variante gemeint, die bedeutet: „Der mit Gott kämpft“. Und damit wird Zweierlei festgehalten: Dieser Name signalisiert eine Ehre für den, der ihn trägt, und zugleich einen Anspruch an ihn, weil er signalisiert: du hast ihn dir tatsächlich erkämpft und eben nicht etwa ergaunert. Dieser Name zeigt, dass du dich weg vom Betrüger hin zum ehrlichen Kämpfer gewandelt hast und nie wieder hinter dieses erreichte Ziel zurückfallen willst.
      Aber er signalisiert auch: deine Beziehung zu Gott wird nie wirklich frei von Kampf, von Auseinandersetzung sein. Und dennoch, ja gerade unter dieser Voraussetzung darfst du dich ganz auf Gott verlassen. Er wird dich immer wieder herausfordern, so wie er Jakob herausgefordert hat. Aber das heißt auch: indem du dich – vorsichtig formuliert – immer wieder an ihm reiben wirst, wirst du auch immer wieder unter Beweis stellen können, dass du bereit bist, um die Wahrheit und um ein Leben zu ringen, so wie Gott es von dir erwartet. Das gilt für das Volk Israel zu allen Zeiten bis heute. Und wenn die Kirche sich denn in diese Tradition stellt, dann tut sie gut daran, dies auch auf sich bezogen aufmerksam zu hören.
      Dass Gott auch in dieser Geschichte seine Souveränität nicht einfach preisgibt, zeigt sich sodann an der Stelle, wo Jakob den Spieß nun umdrehen will und seinen Kampfgegner nach seinem Namen fragt. Der wird ihm nicht mitgeteilt, und Jakob hat offensichtlich ungeachtet seines Sieges in diesem Kampf nicht die Möglichkeit, eine Antwort zu erzwingen. Es ist ähnlich wie in der Geschichte vom brennenden Dornbusch bei Mose: Gott bleibt letzten Endes unverfügbar; das muss auch Jakob akzeptieren.
      Aber er tut noch etwas: Er benennt den Ort seines Kampfes neu: „Pnuël“, das heißt: „Angesicht Gottes“. Jakob nimmt für sich in Anspruch, Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben – interessant, wo der Kampf doch in der Nacht stattfand. Aber es ist klar, was er sagen will: Meine Begegnung mit Gott ist an Intensität nicht zu überbieten. Und doch bin ich nicht daran zugrunde gegangen. Hier schwingt Stolz mit auf den bestandenen, ja gewonnenen Kampf. Vielleicht ja aber auch Dankbarkeit, dass Gott das alles so hat kommen lassen, dass er ihm, Jakob, damit den Start in ein neues Leben geschenkt hat.
      Ein letzter Punkt, liebe Gemeinde: der göttliche Tiefschlag hinterlässt eine Spur bei Jakob. Wieder könnte ich Reinhard Mey zitieren: „Es bleibt eine Narbe zurück“. Damit beschreibt er eine Lebenserfahrung, die wir nach Konflikten immer wieder machen. Wobei Reinhard Mey interessanterweise nicht mit larmoyantem Ton über die Narben klagt, die andere ihm zugefügt haben, sondern er singt:
      Von jeder Wunde, die ich dir zugefügt hab'
Bleibt auch mir eine Narbe zuletzt.
      Ich meine: Bevor wir lange darüber sinnieren, was es wohl soll, dass Gott Jakob regelwidrig im Kampf verletzt hat, sollten wir uns diese Perspektive zu Eigen machen: Jakob selbst ist es, der durch das, was er getan hat, zunächst ganz grundsätzlich den Kampf mit Gott und dann auch diese seine eigene Verletzung heraufbeschworen hat. Er scheint das zu wissen, denn – nochmal: Er beschwert sich nicht über das Foul, sondern nimmt es hin, künftig hinkend durch die Welt zu gehen.

    Beides steht also gemeinsam am Schluss: der Schmerz, der Jakob bleibt und der ihn zeitlebens daran erinnern wird, dass er sein Leben nicht immer so geführt hat, wie er es hätte führen sollen. Dann aber zugleich der Sonnenaufgang, den Jakob nun erleben darf, nachdem der Kampf vorbei ist. Jakob hinkt, aber nun ist es soweit: Er kann seinem Bruder Esau begegnen.
Liebe Gemeinde,
    ich habe in dieser Predigt ja gar nicht viel von uns hier und heute gesprochen. Aber ich hoffe, Sie haben sich selber in Jakob wiedergefunden. Ich hoffe, Sie haben gemerkt, wie diese Geschichte vom Kampf Jakobs am Jabbok in jeder Faser Lebenserfahrung atmet, Lebenserfahrung von Versagen, Verzweiflung, Strafe, Nullpunkt, Schutz, Selbstüberwindung, Gezeichnetsein und Neuanfang. Und vergessen wir nie: Am Ende steht die Morgenröte, der Sonnenaufgang. Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.