Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 1 der Predigtreihe „Schmecket und sehet“ - Das Abendmahl

 


Liebe Gemeinde,
    „Schmecket und sehet!“ – so habe ich meine diesjährige Predigtreihe überschrieben, die das Abendmahl zum Thema hat. „Schmecket und sehet!“ – das weist uns darauf hin: hier, im Abendmahl, gewinnt der Glaube eine Gestalt, die die Sinne anspricht. In gewissem Sinne gilt das auch für die Taufe. In diesen beiden sogenannten Sakramenten wird der Glaube sichtbar und fühlbar. Da treten zu den Worten die sogenannten Elemente hinzu. Speziell im Abendmahl wird der Glaube auch noch schmeckbar, ja – hoffentlich – geschmackvoll in jeder Hinsicht. Und das tut gut: haben wir doch ansonsten häufig den Eindruck, das Ganze sei so vergeistigt, abstrakt und damit auch tendenziell leer, bloße Theorie. Wo die Sinne nicht angesprochen werden, halten wir Manches leicht auch für un-sinnig. Es ist eben ein Unterschied, ob ich Worte nur höre, oder ob ich das, was sie sagen, zugleich „schmecke und sehe“!

    Für dieses Letztere steht das Abendmahl. Zumindest will es dafür stehen. Aber auch hier müssen wir uns ja ehrlich fragen: leistet das Abendmahl dies im Gemeindeleben überhaupt noch: dem Glauben eine konkrete, sichtbare, fühlbare, schmeckbare, „geschmackvolle“ Gestalt zu geben?

    Auf der einen Seite beobachten wir seit geraumer Zeit eine Aufwertung des Abendmahls. Selbst da, wo man einen Rückgang der Gottesdienstteilnehmerzahlen insgesamt feststellen musste, konnte zugleich festgestellt werden, dass die Zahl der Abendmahlsteilnehmer stieg. So hat unsere Landeskirche es jedenfalls immer mal wieder verlauten lassen.

    Auf der anderen Seite gibt es auch eine – ich nenn’s mal so: Verlegenheit gegenüber dem Abendmahl: was feiern wir da überhaupt? Ein Stückchen Brot – despektierlich gesagt und doch nicht verkehrt: ein Bissen Esspapier – und ein Schluck Wein oder Traubensaft: ja und? Mit Christus hat diese Feier zu tun, soviel haben wir gelernt und hören es bei jeder Abendmahlsfeier: Dies ist mein Leib; dies ist mein Blut. Aber mit dem Jargon unserer Zeit nachgefragt: Was bringt uns das? Würde uns eigentlich etwas fehlen, wenn wir es nicht hätten?

    Von einer noch ganz anderen Seite kann man ebenfalls ein Fragezeichen an diese Feier und ihren Nutzen setzen: liegt nicht hier eines der Hauptprobleme zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche? Weil das Abendmahlsverständnis so unterschiedlich ist? Gerade im Hinblick darauf, wie wir uns das vorzustellen haben: „Dies ist mein Leib; dies ist mein Blut.“ Es ist ja wirklich so, dass gerade die Abendmahlsfeier bis heute weniger zum Zusammenwachsen der Konfessionen beiträgt als vielmehr dazu, dass sie zueinander einfach nicht kommen können! Was sicher nicht im Sinne ihres Stifters ist!

    In der diesjährigen Predigtreihe möchte ich versuchen, diese im wahrsten Sinne des Wortes „mysteriöse“ – zu deutsch: geheimnisvolle Feier am Tisch des Herrn von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Wobei ich nicht die Absicht habe, damit das Geheimnis zu überwinden, das in alledem liegt. Ein Geheimnis ist eben etwas anderes als ein Rätsel! Letzteres will gelöst werden, und dann ist es keines mehr. Ersteres bleibt bestehen, auch wenn ein Mensch in es eingeweiht wird. Vielleicht ist schon viel gewonnen, wenn man es daraufhin staunend immer neu nachvollzieht. Und den darin beschlossenen Reichtum entdeckt.

    Unser heutiger erster Predigttext zur Predigtreihe steht im 1. Korintherbrief des Paulus, Kapitel 10, die Verse 1-4:

    Ich will euch aber, liebe Schwestern und Brüder, nicht in Unwissenheit darüber lassen, dass unsere Väter und Mütter alle unter der Wolke gewesen und alle durchs Meer gegangen sind; und alle sind auf Mose getauft worden durch die Wolke und durch das Meer und haben alle dieselbe geistliche Speise gegessen und haben alle denselben geistlichen Trank getrunken; sie tranken nämlich von dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus.

Liebe Gemeinde,
    in diesen Worten blickt Paulus zurück auf die Geschichte seines Volkes Israel, so wie er dies häufig tut. Was er dort findet, ist für ihn eine Art Vorbild für das, was dann später für die Christenheit gilt. Und hier wirft er einen Blick auf das wichtigste, zentrale Ereignis der Geschichte Israels überhaupt: die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten und alles, was dann folgt. Und er lenkt unseren Blick sofort darauf, dass bei dieser Befreiung, beim sogenannten Exodus Essen und Trinken eine wichtige Rolle spielen.

    Daran hat uns schon die biblische Lesung erinnert, die ich zum heutigen Gottesdienst ausgewählt habe. Dort wird das Volk Israel ermahnt, das sogenannte Passahfest zu halten in Erinnerung an die Flucht aus Ägypten. Das Passahmahl ist ja eigentlich gar kein echtes Festmahl. Denn ein solches will sorgsam und minutiös vorbereitet werden. Dazu war jedoch in der Nacht des Exodus ja überhaupt keine Zeit! Da musste vielmehr alles ganz schnell gehen, Hals über Kopf. Daran erinnert das ungesäuerte Brot, die sogenannten Mazzen, die im Lesungstext aus 5. Mose 16 dezidiert als „Brot des Elends“ bezeichnet werden! Zur Säuerung dieses Brotes fehlte die nötige Zeit! Darum schmecken die Mazzen immer so fade; ja sie haben kaum einen echten Eigengeschmack. Mit ein wenig Ironie können wir jetzt ja vielleicht feststellen: dem entsprechen unsere Oblaten, dieses wenig geschmackvolle „Brot“, das wie gesagt eher an Esspapier erinnert, eigentlich ganz gut...

    Soviel jedenfalls sollten wir festhalten: vom Essen ist hier die Rede nicht im Sinne eines opulenten Festmahls, bei dem man sich nach Lust und Laune den Bauch vollschlägt. Nein: „In Hast bist du aus Ägyptenland geflohen“ – so heißt es in 5. Mose 16,3. Auf der Flucht stellt man keinen ausgewogenen Speiseplan mehr auf, sondern man nimmt, was gerade da ist.

    Angesichts einer reihhaltigen Esskultur gerade im Orient finde ich es höchst bemerkenswert, dass Israel in seinem Passahmahl die Erinnerung gerade an ein solches nach kulinarischen Maßstäben geurteilt ja ziemlich ärmliches und wenig ausgeklügeltes Essen wach hält! Das heißt doch: hier wird zugleich die Erinnerung an die Not wachgehalten, aus der das Volk damals entfloh! Und wo die Erinnerung an die Not damals wachgehalten wird, da wird zugleich immer auch automatisch die Aufmerksamkeit auf die Not unserer Gegenwart gelenkt! So gewinnt das Mahl der Befreiung zugleich den Charakter eines Mahles höchster sozialer Aufmerksamkeit hier und jetzt!

    Bei dieser Entdeckung möchte ich noch einen Augenblick verweilen: nicht wahr, häufig ist es bei uns doch genau andersherum: da fördert die Art und Weise, was und wie wir essen, gerade nicht die soziale Aufmerksamkeit, sondern im Essen dokumentiert sich gerade das soziale Gefälle in der Gesellschaft: da essen die einen sehr bewusst, achten auf Kalorien- und Vitamintabellen und kaufen ihr Essen gern für etwas mehr Geld dort, wo die Palette des Angebots diesen ihren Bedürfnissen Rechnung trägt. Und die anderen können oder wollen sich diesen Aufwand nicht leisten und suchen nach der meisten Masse zu den kleinsten Preisen. Im Weltmaßstab fallen diese Unterschiede dann ganz eklatant ins Auge!

    Das Passahmahl dagegen zementiert die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft gerade nicht. Es erinnert an die Situation der Sklaverei, an die Eile bei der Flucht und die Notdürftigkeit des Essens dabei.

    Und es geht weiter. Israel gelingt die Flucht; die Ägypter werden durch die Fluten des Schilfmeeres vernichtet, aber nun wartet die Wüste auf Israel. 40 Jahre, so heißt es, muss das Volk dort umherziehen. Doch auch dort lässt Gott es nicht allein: Sie kennen vielleicht die berühmte Geschichte der Speisung mit dem sogenannten Manna und den Wachteln. Oder die Geschichten, wie Gott Mose ein ums andere Mal Wasser in der Wüste finden lässt, und sei es in einem Felsen, aus dem es herausfließt, nachdem Mose mit seinem Stock dagegen geschlagen hat.

    Auch das sind sehr provisorische Mahlzeiten. Auch sie sind keine kulinarischen Hochgenüsse. Und ihre Wirkung ist begrenzt. Ein ums andere Mal geschieht Dasselbe: zunächst klagt das Volk; dann bittet Mose Gott um Hilfe; diese wird erteilt; das Volk jubelt – aber dann wird es bald wieder hungrig, und alles geht von vorne los. – So ist das nun einmal mit dem Essen: es reicht immer nur für eine – eigentlich recht kurze! – Zeit vor. Es bedarf ständigen Nachschubs. Wer einmal dem Hungertod entgangen ist, kann ihm kurz darauf erneut gegenüberstehen!

    Paulus ruft in 1. Korinther 10 dies alles in Erinnerung. Und zwar gerade weil er um dieses Auf und Ab bei Israel weiß. Und er weiß darum nicht allein bei Israel, sondern auch bei seiner christlichen Gemeinde in Korinth. Und nun zieht Paulus eine kühne Parallele: die Speise vom Himmel und der Trank aus dem Felsen: in ihnen sieht er bereits zur Zeit des Exodus Christus selber am Werk. Ihn, den er den Sohn Gottes nennt, der zwar erst Jahrtausende später Mensch wurde und auf die Erde kam, der sich aber doch von Ewigkeit her an Gottes Seite befindet und auf verborgene Weise, sozusagen inkognito, bereits damals an Israel gehandelt hat.

    Das aber bedeutet umgekehrt: wenn wir heute das Abendmahl feiern, so stehen wir Paulus zufolge in einer Reihe mit Israel in der Wüste nach dem Exodus aus der Sklaverei in Ägypten! Und was für das Essen damals galt, gilt heute auch für unser Abendmahl:

    dieses ist, wir sahen es, unter den Bedingungen unserer irdischen und damit: unserer vorläufigen Existenz kein opulentes Festmahl, sondern – ich möchte es einmal so nennen: eine Wegzehrung! Und das ist im Vergleich zum Festmahl beileibe keine Abwertung, im Gegenteil: kommt dadurch doch dies zum Ausdruck, dass Gott uns gerade auf unseren schweren Wegen begleiten und an unserer Seite mitgehen möchte, ja noch mehr: dass er uns für diese unsere schweren Wege die nötige Kraft, die nötigen „Nährstoffe“ geben will!

    Diese „Nährstoffe“ – für Israel damals waren sie Manna, Wachteln und Wasser. Für uns heute will das Abendmahl diese Funktion einnehmen. Und das heißt: Christus selber ist es, der diese Funktion wahrnimmt, der uns nicht allein durch sein Wort, sondern durch Brot und Wein auf unseren Wegen die nötige Wegzehrung gibt.

    Das Abendmahl als Wegzehrung – an dieser Stelle möchte ich etwas zum ökumenischen Dilemma des Abendmahls sagen. Die Gemengelage ist ja momentan etwa folgende: die evangelische Kirche lädt Mitglieder anderer von ihr als christliche Kirchen anerkannter Glaubensgemeinschaften zur Teilnahme am evangelischen Abendmahl ein. Eine umgekehrte Einladung gibt es zumindest seitens der römisch-katholischen Kirche sowie der orthodoxen Kirchen nicht. Bei der katholischen Kirche sind es insbesondere Differenzen über die Art der Gegenwart Christi bei der Abendmahlsfeier sowie über die Frage nach der Gültigkeit des geistlichen Amtes, dem allein die Leitung einer Abendmahlsfeier zukommt, die bislang als unüberwindliche Hindernisse für eine gemeinsame Feier des Abendmahls angesehen werden.

    Das bedeutet, anders gesagt: für die katholische Kirche kann nach dieser Logik eine gemeinsame Abendmahlsfeier erst am Ende des Weges ökumenischer Verständigung möglich werden! Solange es die erwähnten Differenzen gibt, kann es demzufolge kein gemeinsames Abendmahl geben, und bekanntlich wurden einige katholische Priester streng gemaßregelt, die entweder evangelische Christen öffentlich zum Mitfeiern des katholischen Abendmahls eingeladen hatten oder aber die selber an evangelischen Abendmahlsfeiern teilgenommen hatten.

    Hier möchte ich aber nun zu bedenken geben: wenn das Abendmahl im Rückbezug auf das Passahmahl ganz wesentlich ein Mahl der Wegzehrung ist, könnte man daraus nicht den Gedanken entwickeln, es ganz bewusst nicht erst nach dem Ende aller Differenzen zwischen den Kirchen, sondern längst davor gemeinsam zu feiern?! Immerhin hat Gott seinem Volk in der Wüste die „himmlische“ Speise längst vor dem Ende der Reise gegeben, noch dazu in eine Situation hinein, die gerade nicht von ungetrübtem Glauben geprägt war, sondern im Gegenteil: von erheblichem Wankelmut und großen Zweifeln! Aber gerade dort, in der Krise, brauchte Israel die Stärkung auf dem Weg! – Ob wir, die Christen aus den vielen Konfessionen, die gemeinsame Feier nicht ebenso gerade heute brauchen?! Um Kraft zu schöpfen für die nächste Etappe unseres Weges?! Ich gestehe: ich bin traurig darüber, dass diese Betrachtungsweise katholischerseits so wenig Anklang findet, jedenfalls was die Ebene der Kirchenleitung angeht! Aber ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben.

    Wir sahen also: schon die Geschichte Israels zeigt uns, wie Gott sein Volk nicht in der Misere sitzen lässt, sondern ihm den Aufbruch in die Freiheit ermöglicht. Und wie er es dabei von Anfang an und immer wieder aufs Neue ernährt und ihm die nötigen Kräfte verleiht. Aber nun würden wir Paulus Unrecht tun, wenn wir einen wichtigen Punkt nicht ansprächen: Paulus, wird im weiteren Verlauf von 1. Korinther 10 deutlich, führt das Beispiel des Volkes Israel und der Speise, die es von Gott bekam, aus dem Grunde an, dass er die Christen in Korinth und darüber hinaus warnen will: Denkt nicht, das gehe alles ganz automatisch und wie von selbst: Gott ist – einmal mehr etwas bissig formuliert – kein „Essen auf Rädern“-Service, der euch verspricht, Tag für Tag zu einer bestimmten Zeit die Tagesration zu bringen. Wenn er „Wegzehrung“ gibt, dann mit der Erwartung, dass der Weg dann auch tatsächlich gegangen wird! Paulus erinnert in der Folge daran, dass auch Mitglieder des Volkes in der Wüste umgekommen sind, weil ihr Vertrauen auf den sie versorgenden Gott so wankelmütig war.

    Das heißt doch: nehmt die Gelegenheit wahr, die Gott euch bietet! Und wendet euch ihm, der euch ernährt, zu, statt im nächsten Augenblick zu anderen Göttern welcher Art auch immer abzuwandern! Um einmal mehr im Bilde zu bleiben: wer meint, auf die Wegzehrung verzichten zu können, wird mit der nächsten Etappe des Weges seine Probleme bekommen!

    Und auch das Abendmahl will gefeiert werden! Ich weiß, es gibt christliche Traditionen, besonders im Protestantismus, wo man das Abendmahl strikt nur einmal im Jahr oder jedenfalls sehr selten feiert. Und es geht mir auch nicht darum, hier wie ein Arzt eine bestimmte Dosis pro Jahr oder pro Monat zu empfehlen. Aber wenn wir darauf vertrauen, dass hier etwas ausgeteilt wird, das als Kraftquelle für den nächsten Teil einer zurückzulegenden Wegstrecke dient, dann ist doch eigentlich nicht einzusehen, warum wir diese Quelle für uns ungenutzt lassen sollten!

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.