Teil 2 der Predigtreihe „Schmecket und sehet“ - Das Abendmahl

 

„Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“


Liebe Gemeinde,
    „Das Mahl der Vergebung und des Bundes“ – so habe ich den 2. Teil meiner Predigtreihe zum Abendmahl überschrieben, der die soeben gehörten Worten aus dem Markusevangelium auslegen soll. Ich nehme an, diese Worte sind Ihnen irgendwie bekannt vorgekommen. Es ist eine Version der Einsetzungsworte, die vor jeder Abendmahlsfeier gesprochen werden. Diese Einsetzungsworte zum Abendmahl sind in 4 Versionen im Neuen Testament überliefert: 3 davon bei den Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas sowie eine Version bei Paulus im 1. Korintherbrief, Kapitel 11. Leichte Varianten dieser Worte in den 4 Versionen können nicht darüber hinwegtäuschen, worum es hier geht: Jesus deutet Brot und Wein als seinen Leib und sein Blut, er schließt durch dieses Mahl einen „Bund“ mit den Empfängern, und dies alles geschieht für andere Menschen, zu ihren Gunsten.

    Diese Elemente sind in allen 4 Versionen der Abendmahlsworte anzutreffen. Und sie sind dann je nachdem noch besonders ausgedeutet worden. Manchmal wird der Bund ausdrücklich als „neuer“ Bund qualifiziert; manchmal wird gesagt, Christi Blut werde vergossen für „viele“ oder für „euch“; dieser Vorgang wird des weiteren dahin gedeutet, er geschehe „zur Vergebung der Sünden“. Ob nun ausdrücklich oder im Hintergrund: die beiden Aspekte „Vergebung“ und „Bund“ sind jedenfalls stets im Blick, sowie auch die Identifikation von Brot und Wein mit Leib und Blut Jesu. All das klingt sehr geheimnisvoll – Grund genug, heute einmal intensiv darüber nachzudenken.

    Wobei man damit ein Fass aufmacht, das eine enorme Herausforderung darstellt: zum einen liegt in diesen Worten und ihrem Verständnis eine der höchsten Hürden der Ökumene. Wie ist das zu verstehen, wenn Jesus sagt: „Das ist mein Leib; das  ist mein Blut“? Die Katholiken haben dazu ihre ganz besondere Ansicht: in der heiligen Messe, so glauben sie, „wandeln“ sich Brot und Wein in Leib und Blut; sie verändern ihre „Substanz“.

      Das sehen wir sehr viel reservierter, aber auch innerprotestantisch gibt es hier seit jeher derartige Differenzen, dass das zarte Pflänzchen der Reformation genau an dieser Stelle bereits im 16. Jahrhundert in mehrere „Flügel“ zerbrach.

    Auf der anderen Seite stellt die zeitgenössische Philosophie, zum Teil auch die Theologie gerade das Abendmahl ganz grundsätzlich in Frage: bewegen wir uns mit dem Abendmahl nicht geradezu auf der Schwelle zum Kannibalismus? Diese Worte über Brot und Wein: „Das ist mein Leib; das  ist mein Blut“ – nicht wenige Menschen und auch Theologen unserer Zeit fühlen sich dadurch geradezu angewidert. Und sie fragen sich: was steckt eigentlich dahinter, wenn so der Weg zur Vergebung von Sünden und zum Bundesschluss zwischen Gott und Mensch dargestellt wird? Wie martialisch mutet das alles nicht an! Und schon steht mit der Abendmahlslehre das gesamte Kreuzesgeschehen zur Debatte: wie müssen wir uns das vorstellen: geht es da um einen Gott, der wie ein blutrünstiger Moloch ein Menschenopfer fordert, um sich gnädig gegenüber seinen Kreaturen stimmen zu lassen? Der atheistische Philosoph Herbert Schnädelbach meinte vor einigen Jahren, für den neu-testamentlichen Gott gelte offenbar die Devise: „je blutiger, desto authentischer“. An so einen Gott sollen wir glauben, auf ihn wie ein Kind unser Vertrauen setzen? Ich bitte Sie!

    Gerade von den Einsetzungsworten her ergibt sich also: intensivste Abendmahlsfrömmigkeit stößt auf empörte Ablehnung des Abendmahlsgeschehens. Und wir irgendwo mittendrin! Ich will versuchen, in diesem „Dickicht“ ein paar „Schneisen“ zu schlagen.

    Zunächst zur modernen Kritik am Abendmahl: in der Tat: die Vorstellung eines blutrünstigen Gottes, der nach einem Menschenopfer lechzt, um daraufhin Sünden vergeben zu können – diese Vorstellung ist schlichtweg furchtbar! Aber wird diese Vorstellung dem biblischen Zeugnis wirklich gerecht? 2 Hinweise möchte ich dieser Meinung entgegensetzen:

    Erstens: es ist ja nun kein Zufall, dass diese Abendmahlsworte ausgerechnet und pointiert von demjenigen gesprochen werden, den die Bibel den Sohn Gottes nennt, dem sie also eine Nähe zu Gott bescheinigt, wie sie ansonsten niemandem zukommt! Es ist sozusagen „ein Stück von Gott selbst“, das hier diesen wahrlich grausamen Weg ans Kreuz auf sich nimmt. Gott ist doch nun wirklich nicht jemand, der da säße wie ein auf seine Blutration wartender Dracula! Nein, wo der Sohn leidet, da leidet der Vater doch mit – wie im wirklichen Leben! In der Tat heißt es im Neuen Testament: „Gott hat Christus für uns dahingegeben“, und wir mögen uns völlig zu Recht die Frage stellen: war das nötig? Warum hat er das seinem Sohn und damit sich selbst angetan? – Aber eben tatsächlich auch: „sich selbst“! Warum hat er dieses Furchtbare Geschehen nicht nur geschehen lassen, sondern offensichtlich selber herbeigeführt? Wo Jesus und mit ihm Gott selber es anders doch viel einfacher und angenehmer hätten haben können? Auf diese Frage komme ich noch zurück. Sie halte ich für sehr nachvollziehbar und wichtig. Die Vorstellung Gottes, der sehnlichst sein Opfer erwartet, erscheint mir dagegen eine einzige üble Karikatur zu sein.

    Zweitens: diejenigen, die die Deutung des Todes Christi als eines Opfertodes so vehement ablehnen, weil sie darin eine Verherrlichung des Opferkultes erblicken – sie sollten immerhin zur Kenntnis nehmen, was wir schon in der Lesung aus Hebräer 9 hörten: Jesu Opfertod geschah „ein für allemal“ und hat somit gerade keinen neuen Opferkult begründet, sondern im Gegenteil jeden bisherigen Opferkult an sein Ende kommen lassen! Das kann man auch in der Religions- und Missionsgeschichte nachweisen. In Afrika habe ich es selber gehört: da wurde der christliche Glaube als Befreiung empfunden, als Befreiung von der Pflicht zum immer neuen Opfer! Ein für allemal hat Christus in seiner Person ein Opfer für die Sünden der Welt gebracht, das nicht mehr wiederholt zu werden braucht und nicht weiter überboten werden kann. Und zwar gerade deshalb, weil hier Gott in seinem Sohn sozusagen selbst in den Ring gestiegen ist und die Errettung der sündigen Welt in die eigene Hand genommen hat. Nun gibt es ja in unserer Zeit durchaus religiöse oder auch pseudoreligiöse Strömungen, die den Opferkult neu beleben wollen – so etwa der Satanismus. Es dürfte jedoch kein Zufall sein, dass diese Strömungen dezidiert antichristlich auftreten und in der Kirche ihren größten Feind erblicken!

    Aber nun zu der vorhin angedeuteten Frage: was soll das denn heißen: Christi Tod war das ein für alle Mal gültige Opfer für unsere Sünden? Warum sollte dafür solch ein Tod nötig gewesen sein? Ginge das nicht auch – ich nenn’s mal so: billiger?

    Das, liebe Gemeinde, sieht die Bibel nun freilich grundlegend anders! Nein, „billiger“ kommt Vergebung nicht zustande. Mit den Worten unserer Lesung aus Hebräer 9 gesprochen: „Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung.“ (Hebräer 9,22) Und warum nicht?

    Ich glaube, diese Frage, die uns Heutigen so schnell auf den Lippen liegt, signalisiert letztlich ein ziemlich locker-flockiges Verständnis, das wir von diesem Phänomen „Sünde“ haben. Vor einigen Jahren habe ich zu diesem Begriff ja schon mal eine ganze Predigtreihe gehalten. Hier nur in aller Kürze: wäre mit der „Sünde“ lediglich der eine oder andere Fehlgriff unsererseits gemeint, der mit einem freundlichen „Schwamm drüber“ wieder aus der Welt zu schaffen wäre, so bliebe die Vorstellung des Opfertodes Christi in der Tat befremdlich. Aber da gibt es ja noch ganz Anderes, wo uns das Wort „Vergebung“ ja förmlich im Halse stecken bleibt: als ich im vergangenen Sommer im Rahmen der Notfallseelsorge am Rande mit dem furchtbaren Mordfall „Hannah“ in Oberdollendorf befasst war, da bekam ich so Einiges zu hören, was ich hier lieber nicht detailliert wiedergebe: im Hinblick darauf, was der eine Bürger oder die andere Bürgerin dem Mörder alles an „Behandlung“ wünschte. Ähnlich, was im Internet so aus „Volkes Stimme“ zu lesen war, nachdem die beiden Jugendlichen in München den Rentner in der U-Bahn fast totgeschlagen und –getreten hatten.

    Wie steht es überhaupt mit der „Vergebbarkeit“ solcher Verbrechen? Da hat man doch auf einmal größte Schwierigkeiten, dieses Wort noch in den Mund zu nehmen! Aber genau jetzt wird es schwierig: auf der einen Seite haben wir also heute die Neigung, die Notwendigkeit eines Opfertodes Christi für die Sünden der Menschheit überhaupt nicht mehr gelten zu lassen, und auf der anderen Seite sind wir bei bestimmten Delikten überraschend schnell bei der Hand damit, von Vergebung gar nichts mehr wissen zu wollen. Im einen Fall halten wir Vergebung also so gut wie gar nicht mehr für nötig, im anderen Fall für unmöglich! Wobei wir unser eigenes Handeln interessanterweise in aller Regel sehr schnell auf die erste Seite zu stellen bestrebt sind und uns dort ganz angemessen platziert finden.

    Ja und wo ist dann eigentlich die Grenze zwischen „nicht nötig zu vergeben“, „leicht vergebbar“, „unter Umständen vergebbar“ und „keinesfalls vergebbar“? Was sind die Kriterien dieser Einteilung? Wie steht es etwa damit, wenn ein Top-Manager eine Million an Steuern hinterzieht? Auch dazu kann man an manchen Stellen im Internet hoch interessante Kommentare lesen, die denen zu Gewaltverbrechen gar nicht mal so unähnlich sind!

    Die christliche Anschauung von Sünde und Vergebung macht das alles nicht mit, diese Kategorisierungen und Einteilungen. Sie mutet uns zu, uns mehr oder minder bürgerlich-korrekt Lebende grundsätzlich in dieselbe Schublade zu packen wie schwere Verbrecher. Nicht als seien nachts alle Katzen grau und als sei kein Unterschied in unserem jeweiligen Verhalten auszumachen. Wohl aber so, dass sie festhält: keiner von Euch ist so perfekt, dass er des Opfers Christi nicht bedürfte, und andererseits ist keiner von Euch so tief gefallen, dass Gott ihn mit seiner Vergebung nicht mehr erreichen könnte.

      Diese theologischen Einsichten haben übrigens enorm wichtige Folgen für unseren Staat und unsere Gesellschaftsordnung: etwa die unbedingte Hochachtung der Menschenwürde jedes Einzelnen, auch des Schwerverbrechers, in unserem Grundgesetz. Weiter folgern daraus so manche Standards unserer Rechtskultur, etwa die Gleichheit aller vor dem Gesetz, oder der Verzicht auf die Todesstrafe, oder dies, dass Lynchjustiz jeder Art verboten ist, dass vielmehr jeder noch so abscheuliche Verbrecher bei uns ein Anrecht auf ein geordnetes Verfahren unter Inanspruchnahme eines Verteidigers hat – und so weiter und so fort. Alle diese Dinge stellen für mich Errungenschaften ersten Ranges dar. Und so sehr auch mir manchmal angesichts mancher Verbrechen die Seele kocht: ich möchte auf diese Grundsätze nicht verzichten! Ob sie aber ohne diese christlichen Grundlagen zustande gekommen wären? Ohne diese Grundlagen, die uns sagen: von Gott wird niemand, auch der größte Sünder, jemals als grundsätzlich verloren angesehen! Dann aber, angesichts der Ungeheuerlichkeit so mancher Sünde, ist es eben nicht getan mit dem lockeren „Schwamm drüber“, sondern da bedarf es mehr: da bedarf es etwas, das Menschen aus eigener Kraft nicht leisten können, das vielmehr nur Gott selber zu bringen imstande ist: das Opfer Christi.
      
      Erst recht aber möchte ich nicht verzichten auf die Ermahnung der Bibel, die uns sagt: jeder von euch hat das Opfer Christi zur Vergebung seiner Schuld nötig, und zugleich: es gibt niemanden, von dem von vornherein klar wäre: den kann Gottes Vergebung nicht erreichen. Gerade weil ihr Preis so hoch ist, schließt sie niemanden von vornherein aus. „Christi Leib, für dich gebrochen; Christi Blut, für dich vergossen!“ – indem wir diese Worte hören, sie uns gesagt sein lassen und Brot und Wein miteinander teilen, haben wir spürbar Anteil an der Vergebung, die er wirkt. Ich meinerseits kann nur sagen: Gott sei Dank ist das so!

    Aber nun zu der ökumenischen Gretchenfrage: „Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut“ – wie sollen wir diese Worte Jesu verstehen? Die katholische Kirche antwortet auf diese Frage mit der Lehre von der sogenannten Transsubstantiation. Nun: mag das Wort auch kaum auszusprechen sein, die gemeinte Sache ist durchaus erklärbar: dahinter steht freilich eine bestimmte Begrifflichkeit aus der Philosophie, die man vorneweg verstehen muss:

Die Substanz und die Akzidenz: bei einem Tisch z.B.:
Substanz des Tisches: die Idee: eine waagerechte Platte, ca. hüfthoch, mehrere Beine, auf denen sie steht.
Akzidenz: Material, Form (eckig oder rund ...), Zahl der Beine, Farbe etc.    
Nun bleibt der Tisch dadurch ein Tisch, dass seine „Substanz“ gleich bleibt, unabhängig davon, ob die Akzidenzien sich verändern.

    Und nun zurück zum Abendmahl: die katholische Lehre besagt: wenn der Priester die Worte der Wandlung spricht, so verwandelt sich die Substanz von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. Zugleich jedoch bleiben die Akzidenzien erhalten, so dass wir äußerlich keine Veränderung wahrnehmen: das Material, die Form, die Größe, der Geschmack – all dies bleibt erhalten. So nimmt der katholische Christ den die Substanz des Leibes Christi unter den Akzidenzien von Brot und Wein zu sich. Und die Substanz des Leibes Christi bleibt auch nach der Feier erhalten; deshalb die besondere Bedeutung des Tabernakels in jeder katholischen Kirche, denn dort wird nichts Geringeres aufbewahrt als der Leib Christi!

    Die evangelische Kirche lehnt diese Transsubstantiationslehre ab. Und zwar nicht etwa aus Geringschätzung der Gegenwart Christi bei der Abendmahlsfeier. Sondern deshalb, weil sie in dieser Lehre den Versuch erblickt, mittels einer philosophischen Denkkategorie das Geheimnis der Gegenwart Christi beim Abendmahl erklären und damit auflösen zu wollen. Sagen wir es so: evangelische Theologie glaubt an Christi Gegenwart bei der Abendmahlsfeier, ja speziell lutherische Theologie glaubt auch an das, was sie die „Realpräsenz“ Christi in Brot und Wein nennt. Aber wir verzichten darauf, das „Wie“ dieser Gegenwart erklären zu wollen.

    Und ich meine, wir tun gut daran, hier nicht allzu gut Bescheid wissen zu wollen. Eine kleine, eigentlich ganz einfache Beobachtung halte ich in diesem Zusammenhang für wichtig: im Griechischen des Neuen Testaments steht da tatsächlich immer sehr massiv: „Das ist mein Leib; das ist mein Blut.“ Aber wenn man sich fragt, was Jesus denn bei den Einsetzungsworten wohl im Original gesagt hat, muss man natürlich ins Aramäische zurückübersetzen, denn das war seine Muttersprache. Und siehe da: im Aramäischen wie auch im Hebräischen gibt es gar kein Wort für dieses „ist“! Stattdessen ist dort ein sogenannter Nominalsatz zu vermuten, der etwa gelautet haben muss: „Dies hier – mein Leib; das hier – mein Blut!“ Wenn demnach Jesu Muttersprache eigentlich dem erbitterten Streit zwischen den Konfessionen hier gleichsam den Boden entzieht – wäre das nicht eigentlich ein Grund, diesen Streit niedriger zu hängen?

    Zumal es wenigstens bei den Versionen der Abendmahlsworte nach Lukas und Paulus im Hinblick auf die Abendmahlsfeier außerdem heißt: „Dies tut zu meinem Gedächtnis!“ Das Abendmahl als „Gedächtnismahl“; Jesus dabei gegenwärtig in der Form, dass seiner „gedacht“ wird – so sagen es klassisch die Reformierten. Für Katholiken und auch für Lutheraner wäre das zu wenig! Aber muss man nicht feststellen: hierfür liegt immerhin eine klare biblische Grundlage vor?! Was man für die Lehre von der Transsubstantiation nicht sagen kann! Die Gegenwart Christi bei der Abendmahlsfeier wird jedenfalls dort nicht weniger respektiert, wo man darauf verzichtet, sie erklären zu wollen! Und ich bedaure es zutiefst, dass diese Unterschiede zwischen den Konfessionen von der katholischen Kirche als so gravierend angesehen werden, dass sie der Auffassung ist, mit uns Protestanten sei kein gemeinsames Abendmahl möglich.

    Ein letzter Gedanke zu dem Stichwort, das uns noch fehlt: dem Stichwort des Bundes, den Jesus durch sein Blut mit denen schließt, die an ihn und an seine Gegenwart auch in der Abendmahlsfeier glauben. Im Alten Testament ist ja mehrfach vom Bund Gottes mit den Menschen die Rede, insbesondere mit dem Volk Israel. Nun wurde dieser Bund immer wieder von Israel gebrochen, so dass sich die Sehnsucht nach einem neuen Bund Bahn bricht, den Gott im Jeremiabuch dann auch verheißt.

    Die frühe Kirche hat dann von Anfang an das Christusgeschehen unter anderem auch als Erfüllung dieser Verheißung des neuen Bundes gedeutet. Lukas und Paulus schließen sich dieser Deutung an, indem sie wiederum über Markus und Matthäus hinaus präzise vom „neuen“ Bund sprechen, der im Blut Christi Gestalt annimmt. Und der Hebräerbrief sagt auch hier: ein für alle Mal ist nun der neue Bund geschlossen worden: nicht mehr mit Tierblut besiegelt wie einst der alte Bund, sondern mit Christi Blut. Nun könnten sich sogleich wieder all die Ressentiments melden, die wir im Hinblick auf den Opfertod Christi vorhin erörtert haben. Aber achten wir sofort darauf, in welcher Form hier von dem neuen Bund die Rede ist:

    Dazu muss man wissen: wenn Gott mit den Menschen einen Bund schließt, dann stehen sich ja nicht einfach zwei gleichberechtigte Partner gegenüber. Sondern diese Bundesschlüsse knüpfen an die Tradition an, dass ein Stärkerer einem Schwächeren einen Bund anbietet – wobei sich dieser Stärkere üblicherweise dann natürlich die Vereinbarungen (das „Kleingedruckte“ sozusagen!) so zurechtbastelt, wie er es braucht.

    Was aber tut Gott? Er gibt seinen Sohn, sein eigenes Fleisch und Blut für uns Menschen! Und was will er von uns? Nichts weiter als unseren Glauben, der aber gerade keine echte „Gabe“, keine Leistung ist, sondern schlicht und ergreifend die Bereitschaft, alles aus Gottes Händen zu empfangen.

      Und dies dokumentiert sich wiederum im Empfang des Abendmahls: nicht wahr, da kommen wir doch auch mit leeren Händen nach vorn und lassen sie uns mit Gottes Gabe füllen! Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern zeigt sehr genau an, was hier ganz grundsätzlich geschieht. Gott teilt aus an den, der nichts zu bringen hat – außer eben seine leeren, zum Empfang geöffneten Hände.
      
      Und wer darf hier etwas empfangen? Wer kommt in den Genuss des Abendmahls und damit zugleich des neuen Bundes? „Für viele“ ist Christi Blut vergossen – so heißt es hier. Da fragt man sich ja sofort: wer mag das sein? Und vor allem: wer nicht? „Viele“ – okay, das ist mehr als „Wenige“. Aber irgendwer scheint doch nicht dazuzugehören – oder?
      
      Liebe Gemeinde: im Griechischen wie im Aramäischen liegt hier eine Bedeutung zugrunde, die gerade nicht ausgrenzen will. „Die Vielen“, „Unzählige“ – so könnten wir sinngemäß sagen. Ausschließen von diesem Heil, von diesem Bund kann sich ein Mensch nur selber. Von Gott her ist dies nicht gewollt!
      
      Und genau darin liegt das Vermächtnis des neuen Bundes, den Christus durch sein Blut mit uns geschlossen hat. Weil er diesen Charakter eines Vermächtnisses hat und mit Christi Tod in so enger Verbindung steht, darum hat es sich eingebürgert, vom neuen Bund als vom „Neuen Testament“ zu sprechen: von dem, was Jesus uns hinterlassen hat, was gleichsam sein Erbe für uns ist und was unter uns Gestalt annehmen soll. Niemand ist davon ausgeschlossen; niemand meine zugleich aber auch, er benötige diesen Bund und dieses Abendmahl, in dem dieser Bund sinnenfällig wird, nicht. So führt das Mahl der Vergebung und des Bundes zur Gemeinschaft aller derer, die daran teilhaben. Das jedoch ist das Thema der nächsten Predigt am kommenden Sonntag! Amen.

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