Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 3 der Predigtreihe „Schmecket und sehet“ - Das Abendmahl

 


      „Dies aber muss ich befehlen: Ich kann’s nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. Zum ersten höre ich: Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, sind Spaltungen unter euch; und zum Teil glaube ich’s. Denn es müssen ja Spaltungen unter euch sein, damit die Rechtschaffenden unter euch offenbar werden.
      
      Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn. Denn ein jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, und der andere ist betrunken.
      
      Habt ihr denn nicht Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben? Was soll ich euch sagen? Hierin lobe ich euch nicht.“


Liebe Gemeinde,
    das scheint ja hoch hergegangen zu sein in Korinth! Hafenstädte haben ja nie den besten Ruf, was die Einhaltung von Sitte und Ordnung angeht. Und das war in Korinth nicht anders, ja noch mehr: die Unsitten der Stadt strahlten offensichtlich kräftig aus in die Korinther christliche Gemeinde!

    Wir müssen zunächst mal verstehen, worauf Paulus in seinen Worten anspielt: Abendmahl, das war damals in Korinth nicht diese strenge liturgische Feier, wie wir sie kennen. Nein, die liturgische Feier war verbunden mit einem so genannten „Sättigungsmahl“, zu dem die Gemeinde zusammenkam. In diesem Rahmen ging die Feier dann über in die liturgische Abendmahlsfeier im engeren Sinne.

    Und dieser Zusammenhang, in dem das alles stattfand, war wohl völlig außer Kontrolle geraten. Fress- und Saufgelage wurden da veranstaltet. Wenn man in so was erst mal so richtig drin ist, dann fällt es in der Tat schwer, einen glaubwürdigen Übergang in eine seriöse liturgische Feier zu vollziehen. Und es geht nicht einfach nur um die Einhaltung eines antiken „Knigge“ an Tischmanieren. Nein, es geht um viel mehr und um viel Grundsätzlicheres:

    „Jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg“, so schildert es Paulus. Und weiter: die, denen es gut geht, scheinen ihre gesicherten Lebensverhältnisse so dick vor sich herzutragen, dass sie, so Paulus, diejenigen anderen „beschämen die, die nichts haben“. Die sozialen Unterschiede zwischen den Gemeindegliedern – ausgerechnet im Zusammenhang des Abendmahls werden sie offenkundig! Und das scheint Paulus nicht akzeptieren zu können. Oder anders gesagt: da, wo die christliche Gemeinde das Abendmahl feiert, scheint es überhaupt nicht egal zu sein, wie man miteinander umgeht im Hinblick auf Besitz und Mangel, auf unterschiedliche soziale Verhältnisse, in denen man ansonsten lebt. Oder noch mal anders formuliert: vom Abendmahl her scheint sich ein Anspruch zu ergeben, wie eine christliche Gemeinde ihr soziales Miteinander zu gestalten hat.

    Nun könnten wir ja zunächst völlig zu Recht sagen: das Problem der Korinther ist nicht unser Problem. Hier findet nicht vor der liturgischen Abendmahlsfeier eine Schlacht am kalten Büffet statt, bei der nur der Stärkste den Sieg davonträgt. (Und ich unterstelle mal: das wird auch heute nicht anders sein, wo wir ja nach dem Gottesdienst für alle, die wollen, eine Gulaschsuppe bereithalten!) Nein, wir wissen, wie man sich bei Tisch benimmt, und am Tisch des Herrn zumal. (Höchstens die eine oder andere Konfifreizeit hat mich hier schon mal die Stirn runzeln lassen... Aber insgesamt bleibe ich dabei: das Problem der Korinther ist nicht das unsrige).

    Und doch meine ich: im Abendmahl, so wie Paulus es hier stark macht, liegt eine Symbolik verborgen, die uns ganz elementar betrifft und gerade in sozialer Hinsicht so manche Frage aufwirft.

    Soviel ist jedenfalls bei Paulus ganz deutlich: das Abendmahl ist ein Gemeinschaftsmahl. Keine Rede ist davon, dass man es allein im stillen Kämmerlein feiern sollte. Es ist vielmehr das Mahl der Kirche. Dort gilt aber nun etwas, das uns vielleicht zwar wie eine Selbstverständlichkeit vorkommt, das aber im Hinblick auf die Kritik des Paulus an den Korinthern auf einmal sehr wichtig wird: im Abendmahl bekommt jeder gleichviel! Ein Stück Brot bzw. eine Oblate, einen Schluck Wein bzw. einen Einzelkelch Saft. Unvorstellbar, dass jemand sich etwa noch mal hinten anstellte, nachdem er gerade vorn mitgefeiert hat!

    Aber nun machen wir uns die Symbolik klar, die in alledem liegt: da kommen Menschen nach vorn zum Altar und bilden eine Gemeinschaft. Manche mögen sich kennen; andere sehen sich zum ersten Mahl. Da kommen Begüterte und weniger Begüterte. Politisch „Rechte“ und politisch „Linke“. Kirchlich besonders Aktive und Gelegenheitsbesucher. Und so weiter und so fort. Die Gemeinschaft, die hier vorne entsteht, ist zufällig und äußerst „bunt“, aber gerade das ist gewollt! Ich, der ich natürlich noch mehr als andere hier viele von Ihnen kenne, mache mir manchmal klar, was das für eine Mischung von Menschen ist, die auf diese Weise zufällig hier zusammenstehen. Und ich finde es toll, was sich dabei bisweilen für Konstellationen ergeben.

    Wenn das nun aber so ist: dass beim Abendmahl die unterschiedlichsten Menschen nebeneinander stehen und Dasselbe in derselben Quantität gereicht bekommen, und wenn darüber hinaus Paulus gegenüber den Korinthern mit Nachdruck geltend macht, dass sie als Christen derselben Gemeinde aufeinander Rücksicht zu nehmen haben, dann – so denke ich – spiegelt das Abendmahl bereits jetzt einen Zustand, den wir in Vollendung wohl auf dieser Erde nicht erleben werden: ungetrübte Gerechtigkeit und Rücksichtnahme aufeinander, höchste Sensibilität für die sozialen Belange unserer Mitmenschen.

    Aber auch wenn das eine Vision ist, die noch weit von ihrer Vollendung entfernt sein dürfte, so ergibt sich eben doch schon jetzt daraus ein Anspruch für eine das Abendmahl feiernde Gemeinde: es kann ihr schlechterdings nicht egal sein, wenn da ein Nachbar in irgendeiner Misere sitzt. Es wäre zutiefst heuchlerisch, zwar am Tisch des Herrn nebeneinander zu stehen und von denselben Gaben dieselbe Menge zu sich zu nehmen, dann aber im Alltag sämtliche Ungerechtigkeiten für „ganz normal“ zu halten. Du wirst in der Abendmahlsfeier und durch die Abendmahlsfeier an Deinen Mitmenschen gewiesen, mit dem Du Gottes Gaben teilst. Und Du hast kein Recht, Dich nach beendeter Feier wieder in einen alten egoistischen Trott zu begeben.

      Vielleicht sind wir es nicht gewöhnt, das Abendmahl unter diesem Vorzeichen zu feiern. Ja vielleicht wird uns sogar etwas unangenehm dabei. Letzteres wäre wohl gar nicht so schlecht, denn damit gäben wir zu erkennen: wir haben tatsächlich etwas vom Gemeinschaftscharakter dieses Mahls begriffen! Jedenfalls erscheint es mir durchaus möglich, ja notwendig, aus der Gemeinschaft bei der Abendmahlsfeier heraus entscheidende Impulse für christliches Engagement zugunsten der Benachteiligten zu entwickeln.

    Der Gemeinschaftsgedanke beim Abendmahl verdient aber eine noch weitergehende Reflexion. Was für Menschen sind es denn, mit denen Jesus in der Nacht vor seinem Tod das Abendmahl erstmals gefeiert hat? Es sind die Jünger, Jesu engste Vertraute. Soweit wirkt das auch nicht erstaunlich. Aber nun erfahren wir durch die Berichte von diesem ersten Abendmahl: es war Jesus schon zu diesem Zeitpunkt, als er es einsetzte, völlig klar, wie die Geschichte weitergehen würde: alle werden sie ihn fluchtartig verlassen, ausnahmslos. Das pathetische Bekenntnis des Petrus wird von Jesus quittiert mit dem Hinweis auf die Verleugnung noch vor dem Hahnenschrei. Jesus weiß: sie alle, meine 12 Jünger, werden mich gerade da im Stich lassen, wo ich sie am nötigsten hätte.

    Da drängt sich nun aber doch die Frage auf: welchen Grund sollte Jesus haben, mit dieser unzuverlässigen Bande sein Mahl zu feiern? Sollte er sich dazu nicht andere Leute suchen, zuverlässigere Leute?

    Liebe Gemeinde: Jesus sucht sich keine anderen als diese 12. Er würdigt die, die diese Würdigung gerade nicht verdient haben. Und sie werden es auch sein, die später die christliche Kirche voranbringen werden. Keine Helden, keine moralischen Supermänner, sondern diese menschlich-allzumenschlichen Flüchtlinge. Mit ihnen sucht Jesus Gemeinschaft! Und deshalb gilt auch für uns: niemand braucht zu befürchten, Jesus meine nicht auch ihn oder sie mit dem Angebot seiner Gemeinschaft, die im Abendmahl ihren sinnenfälligsten Ausdruck erreicht.

    Wir müssen aber noch einen Schritt weitergehen: da feiert ja einer mit, von dem man es nun wirklich keinesfalls erwarten würde: Judas, der Verräter, der Jesus nicht „nur“ angsterfüllt verlassen hat, wie die anderen Jünger, der vielmehr höchstpersönlich und aktiv Jesu Tod betrieben hat. Auch er feiert das Abendmahl mit! Dieser Gedanke mag uns unerträglich sein, aber Jesus hat auch an ihn Brot und Wein ausgeteilt und ihm so an seinem Leib und seinem Blut Anteil gegeben.

    Was mag ihn dazu bewogen haben? Wollte er ihm im letzten Augenblick gleichsam die Augen öffnen: „Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mit verraten.“ – ist das so zu verstehen: Judas, du hast mit mir Gemeinschaft, und dennoch schickst Du Dich an, mich ans Messer zu liefern?

    Nun, wir wissen: Judas hat nachher sogar das Zeichen des Kusses missbraucht, um den Schergen zu zeigen, wen sie zu verhaften hatten. Wir wissen auch, dass Judas erst in dem Moment zur Besinnung gekommen ist, als es zu spät war, und dass er sich nachher selbst umgebracht hat, weil er mit seiner Schuld nicht leben konnte.

    Diese Geschichte des Judas ist erschütternd. Ich halte es freilich aus verschiedenen Gründen für sehr wichtig, dass auch sie im Neuen Testament überliefert wird. Ein Grund, auf den es mir heute besonders ankommt: wir sehen an der Geschichte des Judas: von Jesu Seite ist niemand, wirklich niemand von vornherein ausgeschlossen von der Gemeinschaft, die er schenkt. Sogar der, der gerade dabei ist, sich zum Helfer der Mörder zu machen, darf mitfeiern. Dieser Gedanke erregt Widerspruch. Die katholische Kirche ist der Auffassung, Judas habe die Runde vor der Verteilung des Mahls verlassen. Ich fordere Sie auf: lesen Sie selber, was in den Abendmahlsberichten bei Matthäus, Markus und Lukas dazu steht. Ich denke, es gibt keinen Zweifel, dass Jesus sogar Judas seine Tischgemeinschaft geschenkt hat – dass Judas daran gescheitert ist, ist demnach nicht Jesu Schuld, wohl aber des Judas Tragik.

    Liebe Gemeinde, in Korinth ging es im Zusammenhang mit dem Abendmahl drunter und drüber. Das mag so bei uns nicht der Fall sein. Aber auch wir haben allen Grund, uns von Paulus rufen zu lassen, es mit der Gemeinschaft am Tisch des Herrn und überhaupt in der Kirche ernster zu nehmen. Wo die ungerechte Verteilung der Güter auf Erden unserer Tischgemeinschaft widerspricht, da haben wir Einiges zu tun. Es gehörte bekanntlich zum Beeindruckenden der ersten christlichen Gemeinde, der „Urgemeinde“ in Jerusalem, dass deren Gemeinschaft in jeder Hinsicht als glaubwürdig angesehen wurde. Woraufhin diese Gemeinde stetig wuchs.

    Nun haben wir als noch ganz junge Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst gerade eine Phase der Anfangseuphorie hinter uns. Das war schön, und ich möchte diese Phase nicht missen. Aber wenn auch bei uns der Alltag in der Gemeinde eingekehrt ist – und dazu gehört im übrigen auch die Wahl eines neuen Presbyteriums! –, dann werden solche Fragen wieder wichtig wie die, die Paulus den Korinthern stellt: entspricht eure Gemeindepraxis dem, was Jesus uns hinterlassen hat? Sind wir von unseren Ursprüngen her geprägt oder verzetteln wir uns sonst wo? Und dazu gehört die Frage nach der Glaubwürdigkeit unserer Gemeinschaft, ausgehend vom Abendmahl, aber dann weit darüber hinaus gehend.

    Wer nun resignierend feststellt: o je, das kriegen wir doch niemals wirklich glaubwürdig hin! – der mag sich daran erinnern lassen, wer Jesu erste Abendmahlsgäste waren: sämtlich keine „Lichtgestalten“, die sich aber von ihm haben mitnehmen lassen auf einen glaubwürdigen Weg – mit einer Ausnahme, wie wir sahen, aber das ist nicht Jesu Schuld. Sein Ruf an uns steht im Raum – es ist an uns, ob und wie wir darauf reagieren. Amen.
    

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.