Teil 4 der Predigtreihe „Schmecket und sehet“ -Das  Abendmahl

 


    „Und ich hörte etwas wie eine große Stimme einer großen Schar und wie eine Stimme großer Wasser und wie eine Stimme starker Donner, die sprachen: Halleluja! Denn der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen! Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitet. Und es wurde ihr gegeben, sich anzutun mit schönem reinem Leinen. Das Leinen aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.

    Und er sprach zu mir: Schreibe: Selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind. Und er sprach zu mir: Dies sind wahrhaftige Worte Gottes.“

Liebe Gemeinde,
    in 3 Anläufen haben wir uns mit dem Abendmahl befasst: als Mahl der Befreiung, als Mahl der Vergebung und des Bundes, als Mahl der Gemeinschaft haben wir es bereits kennen gelernt. Heute aber heißt es: „Das Hochzeitsmahl des Lammes Gottes“. Diese Formulierung fällt gegenüber den ersten dreien aus dem Rahmen. Sie weist nämlich nicht zurück, wie diese es tun, sondern voraus, nach vorn, in die Zukunft. Sie spricht von etwas, das noch aussteht, das wir noch nicht kennen – ja und fast wäre ich geneigt hinzuzufügen: über das wir demzufolge eigentlich auch noch gar nichts sagen können! – Dann jedoch wäre die Predigt hier bereits zuende, und das wäre nun doch nicht ganz so, wie Sie es vermutlich erwarten und ich es mir überlegt habe!

    Gleichwohl: das will ernstgenommen werden: ich werde heute über etwas reden, das weder ich noch sonst jemand von uns bislang jemals erlebt hat. Und doch hoffe ich, ich werde nicht darüber reden wie der sprichwörtliche Blinde von der Farbe.

    Wenn die Heilige Schrift von Gottes Reich redet, dann tut sie dies unter anderem so, dass sie von einem großen Festessen spricht. So spricht bereits der Prophet Jesaja (Jesaja 25,6-8) zum Beispiel ganz unverblümt von einem „fetten Mahl“, das Gott am Ende der Zeit auf dem Berg Zion zubereiten wird. Das geschundene Volk Israel soll rehabilitiert werden, aber auch die nichtjüdischen Völker, die sogenannten „Heiden“, werden davon profitieren. Ein „fettes Mahl“, wo niemand mehr die Kalorien zählt, wo jede Fastenzeit vorbei ist, ja wo die Tränen abgewischt werden und der Tod vernichtet wird und es nur noch eines gibt: Genuss pur ohne Einschränkung!

    Darf ich es mit einem – zugegeben – etwas banal wirkenden Vergleich sagen: das ist so ähnlich wie bei den Asterix-Heften. Nachdem es da ja immer hoch her gegangen ist, ist das Finale, das Schlussbild immer gleich: ein großes Festessen, wo alle auf ihre Kosten kommen – na ja, fast alle: Missklänge sind in der allseitigen Harmonie natürlich unerwünscht und bleiben außen vor – personifiziert in der Gestalt des unseligen Barden Troubadix, der gefesselt und geknebelt irgendwo in der Ecke sitzen muss.

    Aber auch wenn dieser Vergleich tatsächlich recht banal wirkt, er nimmt etwas Grundmenschliches auf: wo gefeiert wird bei uns, da sind Essen und Trinken immer mit dabei. Nichts bringt die ungetrübte Lebensfreude schöner zum Ausdruck. Stellen Sie sich mal vor, Sie wären bei einer großen Geburtstags- oder Hochzeitsfeier eingeladen, aber dann gäbe es nichts für das leibliche Wohl! Na die Feier wäre wohl recht schnell zuende, und der Gastgeber hätte seinen Ruf weg!

    Also: auch in der Bibel geht es im Zusammenhang des Reiches Gottes um ein großes Festessen. Und doch ist es mit dem großen Mahl bei Gott nicht ganz so einfach. Insbesondere wenn wir einmal nach der Gästeliste fragen, die dabei den Ausschlag über die Teilnehmenden gibt. Erinnern wir uns an die Lesung aus Lukas 14: Lade nicht deine Freunde oder Verwandten, sondern die, von denen du keine Gegeneinladung erwarten kannst: die Armen, die Krüppel, die Lahmen, die Blinden. Und dann folgt die Geschichte vom so genannten großen Abendmahl, wo von den ursprünglich Eingeladenen einer nach dem anderen absagt, so dass der Gastgeber dann die sprichwörtlich Gewordenen „von den Hecken und Zäunen“ einlädt und den Anderen am Ende sogar den Zutritt verweigert.

    Da weht also plötzlich ein äußerst rauer Wind, das große Festmahl betreffend. Auf einmal ist es gar nicht selbstverständlich, dass ich da auch eingeladen bin. Sondern das scheint etwas damit zu tun zu haben, wie ich mich verhalte. Wenn ich meine, ich könnte Gott erst mal einen Korb geben, mir stünden bei ihm ja doch am Ende immer alle Türen offen – dann habe ich mich enorm verschätzt. Wer meint, diesen Gastgeber versetzen oder warten lassen zu können, der wird sehen, wohin das führt. So lässt Gott nicht mit sich umspringen. Die Einladung ablehnen, das heißt bei ihm sozusagen: die Eintrittskarte verfällt und wird augenblicklich umgewidmet.

    Und deshalb heißt es in unserem Predigttext aus Offenbarung 19 auch klar und deutlich: „Selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind!“ Wobei sich nun sicher sofort die nächste und wichtigste Frage anschließt: gehöre ich auch dazu? Kann ich das überhaupt wissen? Und: nach welchen Kriterien stellt Gott denn wohl seine Gästeliste auf?

    Ich vermute zudem: es sperrt sich etwas in uns, uns vorzustellen, diese Gästeliste sei in irgendeiner Form limitiert. Sollte Gott an seinem Tisch irgendeine Beschränkung nötig haben? Oder sollte er eine solche sogar wollen? War nicht in den vorangegangenen Teilen der Predigtreihe die Rede davon, grundsätzlich sei jeder zum kirchlichen Abendmahl eingeladen? Warum sollte dies nun bei Gottes großem Festmahl anders sein?

    Liebe Gemeinde, ich bin fest überzeugt: es ist in keiner Weise anders. Das harte Gleichnis in Lukas 14 will keine neuen Beschränkungen einführen, und die Offenbarung des Johannes will das auch nicht. Aber beide wollen mit Nachdruck dies einschärfen, was ebenso schon in den letzten Teilen der Predigtreihe anklang: es hat Konsequenzen, wie ich mich gegenüber der Einladung zum Mahl verhalte. Und es hat Konsequenzen für die – darf ich es so nennen: „Bekömmlichkeit“ des Mahles für mich, wie ich mich ansonsten im Leben gegenüber meinen Mitmenschen verhalte.

    Wir sahen: dem Verräter Judas bekommt das Abendmahl nicht. Er führt sein grausames Vorhaben zuende – und dann ist es zu spät, noch einmal umzukehren. Judas erhängt sich selbst.

    Die Korinther, so sahen wir es am vergangenen Sonntag, lassen es an allen Ecken an der angemessenen Haltung zu ihren sozial schwächeren Mitmenschen fehlen, und sie entehren durch ihr Verhalten die Mahlfeier. Paulus redet ihnen heftig ins Gewissen. Wer weiß, vielleicht haben sie die Umkehr dann ja geschafft.

    Jedenfalls haben wir es hier nicht in dem Sinne mit einem „Sonntagsmahl“ zu tun, als wäre es völlig egal, wie wir uns im Alltag verhalten. Und da meine ich: das ist gut so; das verleiht dem Abendmahl eine Ernsthaftigkeit, die es umso wertvoller macht.

    In der Offenbarung des Johannes ist die Situation noch dramatischer: dieses ganze letzte Buch der Bibel ist geprägt vom Gegenüber der kleinen, verfolgten, christlichen Gemeinde und dem mächtigen brutalen Verfolgerstaat Rom. Dieser wird hier als die „Hure Babylon“ bezeichnet: zunächst gebärdet sie sich als unbesiegbar; die christliche Gemeinde scheint ihr hilflos ausgeliefert zu sein. Aber im Kapitel 18 wird der Untergang Babylons geschildert. Ein für alle Mal muss Babylon, und das heißt: der römische Verfolgerstaat, vergehen. Die christliche Gemeinde jedoch wird gerettet; ihre Verfolgung ist vorbei, und sie hat Anteil am Hochzeitsmahl des Lammes, das nun im Kapitel 19 gefeiert wird.

    Dabei ist dieses Lamm kein anderer als Jesus Christus, die Gemeinde selber ist seine Braut, und zugleich erscheinen alle, die Anteil an der Feier haben, als Gäste des Lammes.

    Das heißt also: zu diesem Mahl geladen ist, wer sich in der Bedrohung durch die Verfolgung als treu gegenüber Christus erwiesen hat. Insbesondere wer persönlich gelitten hat, soll nun den lang ersehnten Ausgleich erfahren.

    Was mag das für uns bedeuten? Für uns, die wir – Gott sei Dank! – in völlig anderen Verhältnissen leben? Natürlich kann es nicht darum gehen, hier den Status des Verfolgten zum Kriterium für die Einladung zu Gottes Mahl zu erheben. Im Gegenteil: wir sollten froh darüber sein, dass uns Derartiges erspart bleibt! Im Gegensatz übrigens zu etlichen Christen in gar nicht so wenigen Staaten dieser Erde.

    Umso mehr aber haben wir Anlass, für solche Geschwister im Glauben und überhaupt für Menschen, die im Großen wie im Kleinen unter Verfolgung und Unterdrückung leiden, sensibel zu sein und an unserem Ort und mit unseren Möglichkeiten zu tun, was wir können, um ihnen beizustehen. Es bringt überhaupt nichts, ständig sorgenvoll darüber nachzusinnen, ob unsereiner nun auf Gottes Gästeliste steht oder nicht. Ich bin so frei, Ihnen auf den Kopf zuzusagen: Ja, herzlichen Glückwunsch, Sie stehen drauf! Aber nun wird es erst spannend: Ihr Verhalten gegenüber denen, die Sie brauchen, wird den Ausschlag darüber geben, ob Sie auf diese Gästeliste gehören und auf ihr stehen bleiben werden oder nicht!

    Letzten Endes, das sahen wir, bestand die Gästeliste Jesu, als er das Abendmahl einsetzte, aus einem Haufen höchst unzuverlässiger Gesellen: der 12 Jünger nämlich, die ihn bald darauf allesamt hängen ließen und die Flucht ergriffen. Aber sie kamen zur Besinnung und kehrten um – mit einer Ausnahme, wie wir hörten. Also bleibe ich dabei: jeder ist eingeladen – aber jeder muss auch etwas aus seiner Einladung machen und sich ihr gemäß verhalten!

    Und in diesem Zusammenhang ist es von größter Bedeutung, wer hier sein Hochzeitsmahl feiert: „das Lamm“ – wir hörten es. Diese Vorstellung kann ja unfreiwillig komisch wirken: das Lamm, also nicht gerade das imposanteste Tier, dafür das Opfertier par excellence! Ein Tier wie zur Schlachtung geboren! Dieses Tier – ein Bräutigam? Würden wir hier in der Gemeinde oder sonst wo eine Umfrage machen: Welches Tier würden Sie am liebsten sein? – na ich vermute mal, die Antwort „Ein Lamm!“ käme so gut wie nie, und wenn jemand sie doch gäbe, so würde dies einiges ungläubiges Erstaunen hervorrufen, und wir würden denken: der so geantwortet hat, ist ja wohl nicht ganz bei Trost!

    Aber natürlich ist es Absicht, dass die Offenbarung das Lamm und niemanden sonst seine Hochzeit feiern lässt! Das Opfertier wird zum Sieger, und damit werden sämtliche Opfer der Weltgeschichte rehabilitiert! Gott wird nicht auf ewig die Ungerechtigkeit triumphieren lassen, sondern er wird dem Recht zur Durchsetzung verhelfen! Und alle diejenigen, die sich zu Lebzeiten schon im Kleinen daran beteiligt haben, dem Recht gegenüber aller Ungerechtigkeit Geltung zu verschaffen, sie alle werden dann auch Anteil am Hochzeitsmahl des Lammes haben!

    Noch einmal: ich möchte nicht beginnen, darüber zu spekulieren, wie viele und vor allem: welche Menschen wohl bei diesem Mahl dabei sein werden – und wie viele und welche dann nicht. Auf meine eigene Beteiligung kann ich nur hoffen, kann versuchen, mich – häufig sicher mehr schlecht als recht – entsprechend in meinem Alltag zu verhalten, und dann überlasse ich diese Frage doch lieber wiederum vertrauensvoll Gott selber.

    Vor allem möchte ich nicht allzu tiefsinnig über der Frage werden, ob dieses Hochzeitsmahl des Lammes für mich überhaupt wirklich ein fröhliches und unbeschwertes Mahl sein kann, wenn der eine oder die andere, die ich so vor Augen habe, möglicherweise NICHT daran teilnehmen werden. Oder aber mir fallen andere ein, wo ich denke: wenn der oder die dabei wären, wäre mir schon von vornherein die Lust an diesem Mahl vergangen. – Nein, solcherlei Spekulationen werden wohl kaum zufriedenstellende Antworten nach sich ziehen. Sie werden mich höchstens daran hindern, mich den Aufgaben zu stellen, die ich hier und jetzt im Hinblick auf meine Mitwelt habe. Das jedoch wäre sicher nicht im Sinne des himmlischen Hochzeitsmahles!

    Liebe Gemeinde, blicken wir zurück: als Mahl der Befreiung, als Mahl der Vergebung und des Bundes sowie als Mahl der Gemeinschaft haben wir das Abendmahl schon an den vergangenen Sonntagen kennen gelernt. In jedem Fall geht davon eine stärkende und belebende Wirkung aus. „Wegzehrung“ habe ich im ersten Teil der Reihe das Abendmahl genannt, „Wegzehrung“ für die nächste Etappe des Weges, den jeder von uns zu gehen hat. Wir sahen: in alledem sagt Christus uns seine leibhaftige Gegenwart zu – wie auch immer dies zu verstehen sein mag. Und wir sahen: es ist konstitutiv, dass jeder dabei Dasselbe und dieselbe Menge erhält. Schon darin bildet sich ab, was im Reich Gottes einmal ungetrübt gelten soll.

    Nun kommt noch ein wesentlicher Aspekt zu alledem hinzu: wir feiern heute schon das Abendmahl als eine Vorwegnahme des Hochzeitsmahls des Lammes, das uns einmal am Ende aller Zeit bevorsteht. So hat Jesus ja selber sein Abendmahl gefeiert; schließlich sagt er zu seinen Jüngern: „Ich werde nicht mehr vom Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes.“ (Markus 14,25)

      Dabei wird es dann wirklich das von Jesaja erwähnte „fette Mahl“ geben, mit üppiger Speisekarte und ohne irgendwelche Abstriche. „Genuss pur“, wie ich eingangs sagte. Wir dürfen das alles bereits im Blick haben. Aber noch sind wir nicht so weit. Noch bleiben wir bei einem Bissen Brot bzw. einer Oblate und einem Schluck Wein bzw. Saft. Die gewisse Kargheit, die darin liegt, ist Ausdruck der Vorläufigkeit dieses Mahles. Gerade weil wir davon nicht satt werden, erinnert uns dieses Mahl immer wieder neu daran, dass wir auf dieser Welt, in diesem Leben noch nicht die Vollendung erwarten sollten.

    Und doch gilt zugleich das, was der Neutestamentler Joachim Jeremias in die Worte kleidet: „Tischgemeinschaft ist Lebensgemeinschaft.“ Das wird ansatzweise schon heute in jeder Abendmahlsfeier deutlich, und eines Tages wird es beim Hochzeitsmahl des Lammes in Vollendung sichtbar und „schmeckbar“ sein. So gesehen macht das Abendmahl im wahrsten Sinne des Wortes „Appetit auf mehr“, und genau das soll es auch machen!

    Lassen Sie uns deshalb den Bissen Brot und den Schluck Wein so feiern, dass wir stets bedenken: so wie in einem Samenkorn bereits die ganze Frucht beschlossen liegt, liegt in dem einen Bissen Brot und in dem einen Schluck Wein im Grunde bereits alles, was Gott uns einst in Vollendung beim Hochzeitsmahl des Lammes schenken möchte. Und so liegt in der Gemeinschaft um den Tisch des Herrn herum schon die ganze ungetrübte Gemeinschaft aller Menschen beschlossen, die in Ewigkeit gelten soll. Wir sehen also: wirklich alles liegt in der Abendmahlsfeier schon beschlossen – anders gesagt: Christus selbst liegt darin.

    Lassen Sie uns deshalb das Abendmahl fröhlich und hoffnungsvoll feiern – heute und immer wieder neu! Lasst uns schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist! Und lasst uns dann gestärkt an die Arbeit gehen und tun, was uns geboten ist! Amen.

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