Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 2 der Predigtreihe "Mit Gott im Gespräch - das Gebet"

 

 

Liebe Gemeinde,
      „Bittet – so wird euch gegeben; suchet – so werdet ihr finden; klopfet an – so wird euch aufgetan!“ So lauteten die provozierenden Worte Jesu, die letzten Sonntag unser Predigttext waren. Dann sahen wir, dass es mit diesen Worten keine so einfache Sache ist. So selbstverständlich ist das alles nicht, was Jesus da sagt! Und doch: ich habe mich bemüht, durch die Probleme mit diesen Worten hindurch das Entscheidende dessen festzuhalten, was Jesus meint: wenn wir beten, dann sind das keine einfach in den Wind gesprochenen Sätze, ohne Ziel und Adressaten. Nein, wir werden gehört, und wir dürfen mit Antwort rechnen.
      
      Heute möchte ich mit ihnen einen Predigttext teilen, der eine andere Sprache spricht. Ob er wirklich am Ende ein echter Widerspruch zu den Worten Jesu vom letzten Sonntag ist, mag damit zwar noch nicht gesagt sein. Aber zunächst einmal redet unser heutiger Text, das 3. Kapitel aus dem Buch mit dem bezeichnenden Namen „Klagelieder des Jeremia“  tatsächlich anders, sehr anders sogar!
      
      Es geht schon los mit folgenden Worten:
- Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmes Gottes. Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht. (V. 1-2)
   Und in der Folge finden sich etwa folgende Sätze:
- Wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er – Gott – sich die Ohren zu vor meinem Gebet. (V. 8)
- Oder: Du – Gott – hast dich mit einer Wolke verhüllt, dass kein Gebet hindurchkonnte. (V. 44)

      Also nicht nur: Du – Gott – hast mich mit Deiner Antwort auf meine Frage warten lassen. Oder: es ist alles etwas anders gekommen, als ich es erbeten hatte. Auch nicht etwa: Dieses oder Jenes, was du erbeten hast, war anmaßend; das bekommst du nicht; oder nicht einmal: Was du erbittest, kann ich dir nicht geben. – Das wären allesamt zwar keine wirklich zufriedenstellenden Antworten an jemanden, der ein inständiges Bittgebet gen Himmel geschickt hat, aber sie wären irgendwo dennoch akzeptabel – finde ich wenigstens.
   
      Nein, der entscheidende Punkt, der uns hier entgegenschallt und der uns zugleich, so vermute ich, ungemein irritiert und ratlos stehen lässt, ist ein anderer: Gott will hier die Gebete nicht hören. Er verschließt ganz bewusst die Ohren davor. Gäbe es irgendwelche begründeten Einwände gegen das, was der Beter sagt, so könnten wir das nachvollziehen, ja wir würden sie vermutlich sogar noch unterstützen. Erwiese es sich, dass Gott alles versucht, dem in Not Geratenen zu helfen, aber unglücklicherweise dazu nicht fähig wäre – nun, dann wären wir zwar sicher nicht zufrieden; so Mancher würde sich vielleicht auch enttäuscht von Gott abwenden, aber immerhin: dann wäre jedenfalls „im Prinzip“ Gottes Wille zur Erhörung des Gebets vorhanden!
      
      Aber was wir hier in Klagelieder 3 erleben, ist etwas Anderes. Gott könnte, aber er will nicht hören, nicht einschreiten, nicht helfen. Wie gehen wir mit so einem Bibeltext um?
      
      Ich kann mir mehrere Reaktionsmöglichkeiten vorstellen. Der eine mag daraus den Schluss ziehen: Gott – wenn es ihn überhaupt gibt, dann ist er wohl ein Zyniker ohnegleichen. Meines Vertrauens nicht würdig. Ein anderer könnte ganz einfach an so einem Gott verzweifeln: all meine Hoffnung – umsonst. Wieder jemand anders könnte sich auflehnen und diesem schweigenden Gott seinen Widerspruch entgegenschleudern: was tust du da, du sogenannter Herrscher der Welt? Du sogenannter Allmächtiger? Wie kann das sein, dass du da sitzt und zuguckst, wie wir hier zugrunde gehen?!
      
      Irgendwie kann ich alle diese 3 Reaktionsmöglichkeiten verstehen. Je nach Charakter der von Gottes Schweigen betroffenen Menschen erscheinen sie allesamt nachvollziehbar. Gleichwohl möchte ich uns etwas Anderes empfehlen: erst einmal sollten wir schlicht und einfach die Worte aus dem 3. Kapitel der Klagelieder in ihrem Zusammenhang lesen. Und das möchte ich in 3 Anläufen mit Ihnen gemeinsam tun.
      
      Zunächst: nach langen Versen der Klage, der Beschreibung seines hoffnungslosen Zustandes fasst der Beter seine Misere in dem Satz zusammen (V. 18): Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den HERRN sind dahin. – Dann jedoch fährt er völlig unvermittelt fort: Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin! (V. 19) Und er fügt umgehend hinzu: Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir’s. Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und deine Treue ist groß. (V. 20-23)
      
      Liebe Gemeinde: das, was wir hier soeben gehört haben, ist nicht weniger als ein gebeteter Salto mortale! Wobei: „mortale“ ist eigentlich gerade falsch: das hieße ja: „tödlich“, aber hier geht es ja um das Gegenteil, um einen Salto vom Tod weg und hin zum Leben, um einen „Salto vitale“ also!
      
      Ist diese Art zu beten nachvollziehbar? Was veranlasst diese Kehrtwendung um 180 Grad? Konkret wird es uns nicht gesagt, außer dass es da in diesem einen kleinen Sätzchen heißt: Meine Seele sagt mir’s. Das heißt doch: der Beter greift sozusagen durch sein aktuelles Leiden hindurch zurück auf Lebenserfahrungen, die er von früher hat und die ihn daran erinnern: Gottes Schweigen ist zwar bisweilen furchtbar, ja geradezu unerträglich, aber eines ist es nicht und niemals: nämlich ewig. Er wird wieder zu hören und zu reden und zu helfen beginnen.
      
      Jetzt mag Mancher unter uns bei sich denken: na ja, das klingt ja doch ziemlich nach einer Durchhalteparole, nach Zweckoptimismus, da wo es keinen anderen positiven Anknüpfungspunkt gibt. Aber: ist das überzeugend?
      
      Liebe Gemeinde, da sage ich ganz klar: es ist solange nicht überzeugend, wie wir quasi von außen her versuchen, diese Kehrtwendung des Beters zu verstehen und das Gewicht ihrer Begründung abzuwägen. So betrachtet, wird sich der Verdacht, hinter allem stehe nichts als eine letzten Endes ja doch illusionäre verzweifelte Hoffnung, nicht zerstreuen lassen. Umso dringender jedoch bitte ich Sie: wenn Sie sich in einer Lage befinden, die der des Beters ähnelt, dann tun Sie doch einfach mal genau das, was er auch getan hat: lassen Sie Ihr Leben vor Ihrem inneren Auge, vor Ihrer Seele Revue passieren. Da ist vielleicht ja viel mehr an Grund zur Dankbarkeit, als Sie im Augenblick des akuten Leidens wahrnehmen. Nicht umsonst heißt es in Psalm 103: „Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Und diese Erinnerung kann dann tatsächlich auch wieder Hoffnung für die Zukunft machen.
      
      Ich möchte wahrlich nicht jede Situation des Leides schönreden. Aber mir fällt doch auf – bei anderen und auch bei mir selber –, wie defizitorientiert wir heute häufig sind. In einer Zeit, wo so Vieles machbar geworden ist, hat uns Heutige viel stärker als die Generationen vor uns die Erwartung beschlichen, es müsse im Leben eigentlich alles mehr oder minder reibungslos funktionieren. Und wenn es das nicht tut, dann sind wir zuhöchst irritiert. Dann blicken wir schnell vorwurfsvoll auf Gott: Wie konntest Du es soweit kommen lassen? Warum greifst Du nicht ein? Oder am besten schon gar nicht mehr in der Anredeform, also als Gebet, sondern nur mehr in der 3. Person: Wie kann Gott das zulassen?
      
      Nicht als könnten diese Fragen nicht sehr berechtigt sein. Aber wenn ich zum Beispiel einen über 80 Jahre alten Senior sehe, der bislang eigentlich durchweg gesund war, der vor Jahren unverletzt aus dem Krieg wieder nach Hause kam, dann einen gutbezahlten Beruf hatte, niemals arbeitslos war, Frau, Kinder und Enkelkinder hat – wenn dieser Senior mir nach der Diagnose „Alterskrebs“ sagt: Hat der liebe Gott mich eigentlich total vergessen? – dann fällt es mir schon schwer, einfach so in seine Klage einzustimmen. Hatte er sein bisheriges weitgehend sorgenfreies Leben vielleicht für eine Selbstverständlichkeit gehalten und unterschwellig den Anspruch gehabt, das habe gefälligst immer so weiterzugehen? Ich meine schon, hier täte zunächst die Erinnerung gut: „und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“
      
      Noch einen weiteren Ansatzpunkt bietet uns das 3. Kapitel der Klagelieder, um mit dem Schweigen Gottes auf unser Gebet umzugehen: Ich lese die Verse 33-36: Nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschen. Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt und eines Menschen Sache verdreht – sollte das der HERR nicht sehen? Und dann V. 39-40: Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde! Lasst uns erforschen und prüfen unsern Wandel und uns zum HERRN bekehren!

    Im Grunde ist es eine Binsenweisheit, die der Beter hier ausspricht: in Situationen der Krise sollte sich zunächst mal jeder an die eigene Nase packen und fragen: was habe ich denn zu dem beigesteuert, was ich hier beklage? – Jedenfalls geht es nun wirklich nicht an, den Blick immer gleich voller Empörung auf Gott zu richten. Wer bei regennasser Straße mit 120 Sachen einen Unfall hat, für dessen Klage ist Gott nicht der richtige Adressat! Und auch hier gilt wiederum: wir haben uns angewöhnt, selbst bei in mancherlei Hinsicht hochriskantem Lebensstil immer das Optimum, das Bestmögliche zu erreichen und das auch noch für selbstverständlich zu halten. Mit welchem Recht eigentlich?

    Ich weiß, es ist nicht angenehm, aber es bleibt dennoch wahr: der Kettenraucher hat eben keinen Grund, sich bei Gott zu beschweren, wenn er an Lungenkrebs erkrankt; überhaupt sind die ganzen sogenannten „Zivilisationskrankheiten“, ähnlich wie auch viele Unfälle und manches mehr so gesehen nicht auf ein Versagen Gottes, sondern auf unser aller Lebensstil zurückzuführen.

    Nun weiß ich durchaus, wo das Problem liegt: klar, der eine erkrankt und der andere nicht. Obwohl sie doch beide unter denselben Lebensbedingungen gelebt haben. Aber hier meine ich nun, es ist nicht einsichtig, wieso wir uns einbilden, das Optimum sei im Grunde das Normale. Manchmal denke ich: tagtäglich wären Dankgebete angebracht für jeden Tumor, den unsereiner bei der stetig fortschreitenden Zerstörung unseres Planeten und auch unserer eigenen Gesundheit nicht bekommt! Wäre das nicht einmal eine gute, eine angemessene Betrachtungsweise?

    Und doch: es ist ebenso klar, dass dieses Deutungsmuster: „Ein jeder murre wider seine eigene Sünde“ auch nicht in jedem Fall eine geeignete Maßnahme gegenüber dem Schweigen Gottes auf unsere Gebete ist. So sehr ich auf der einen Seite meine, es ist wichtig, dass wir uns zunächst mal an der eigenen Nase packen, so sehr ist auf der anderen Seite doch auch klar: es bleiben noch genug Situationen übrig, wo Menschen beten und nicht gehört werden und wo man beim besten Willen nicht sagen kann, warum wieso, weshalb, wo sie selber keinerlei Schuld daran tragen, was ihnen da Anlass zur Klage gibt.

      Da erwarten 2 Frauen, beide gläubige Christinnen, jeweils ein Kind und danken Gott für eine komplikationslose Schwangerschaft. Und dann ist das eine Kind kerngesund, das andere schwerstbehindert. Da betet jemand inständig um einen Arbeitsplatz – und muss sehen, wie er ihm vor der Nase weggeschnappt wird durch jemanden, dem auch nur der leiseste Gedanke an Gott schnuppe ist. Da leidet jemand an schweren Depressionen, und weder diverse Therapien noch auch jahrelanges Beten befreien ihn davon. Vielleicht geht es manchmal ein Stück bergauf, dann aber auch immer wieder bergab; aber so ganz grundsätzlich, wie man es sich nun mal wünschen würde, wird er sein Problem nicht los.
      
      Lassen Sie uns ein weiteres Mal auf eine Passage aus Klagelieder 3 hören: Da heißt es in V. 52-62: Meine Feinde haben mich ohne Grund gejagt wie einen Vogel. Sie haben mein Leben in der Grube zunichte gemacht und Steine auf mich geworfen. Wasser hat mein Haupt überschwemmt; da sprach ich: Nun bin ich verloren. Ich aber rief deinen Namen an, HERR, unten aus der Grube, und du erhörtest meine Stimme: „Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!“ Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht! Du führst, HERR, meine Sache und erlösest mein Leben. Du siehst, HERR, wie mir Unrecht geschieht; hilf mir zu meinem Recht! Du siehst, wie sie Rache üben wollen, und kennst alle ihre Gedanken gegen mich, die Reden meiner Widersacher und ihr Geschwätz über mich den ganzen Tag. Sieh doch: ob sie sitzen oder aufstehen, singen sie über mich Spottlieder.
      
      Liebe Gemeinde: was für ein Rauf und Runter in der Seele dieses Beters! Zunächst beschreibt er ein weiteres Mal seine Not, seine unverschuldete Not, wie er ausdrücklich betont! Schon hier mag man innehalten und sich fragen: ist das noch derselbe Beter, der doch wenige Verse zuvor das Schweigen Gottes dadurch erklärt hat, dass er auf die menschliche Sünde verwies, die an allem schuld sei? – Aber nun weiter: dieser notleidende Beter schreit zu Gott – und der, so heißt es plötzlich völlig unvermittelt: hört seine Stimme und hilft ihm: „Du erlösest mein Leben!“
      
      Uff, geschafft – sollte man meinen. Was aber folgt dann? Gleich im nächsten Vers heißt es: „Du siehst, HERR, wie mir Unrecht geschieht...“ Und es folgt eine einzige Litanei von Bitten um erneute Erlösung und um Bestrafung der Feinde! –
      
      Ja was denn nun? Gerade erlöst, schon wieder bedroht? Was ist das für eine Achterbahnfahrt, die hier beschrieben wird?? Und so mancher findige Hörer könnte auf die Idee kommen: ob das wohl immer ein zusammenhängender Text war? Oder ob da nicht vielleicht unterschiedliche Teile nachträglich zusammengefügt worden sind, das jedoch – zugegeben – nicht sehr geschickt, so dass nun alles durcheinander zu gehen scheint? Solche nachträglichen Zusammenfügungen verschiedener Traditionen soll es ja in der Bibel immer wieder gegeben haben, wenn man der Wissenschaft glauben darf.
      
      Nun: diese Vermutung ist irgendwo recht pfiffig, und sie könnte die in der Tat bestehenden Spannungen und logischen Sprünge unseres Textes wirklich erklären – bloß: gerade für unser Kapitel Klagelieder 3 erweist sie sich von vornherein als rundweg falsch. Warum? Weil dieses Kapitel nachweislich ein zusammenhängendes Stück Bibel ist. Es ist in der Form eines sogenannten dreifachen Akrostichons geschrieben, und das bedeutet Folgendes: die Verse 1-3 des Kapitels beginnen im Hebräischen jeweils mit dem Buchstaben Alef, dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets; die Verse 4-6 beginnen mit dem Buchstaben Beth, dem zweiten Buchstaben des hebräischen Alphabets, dann die Verse 7-9 mit Gimel, dem dritten Buchstaben des hebräischen Alphabets – und so weiter bis zum Buchstaben Taw, dem 22. Buchstaben des hebräischen Alphabets. Das hebräische Alphabet hat 22 Buchstaben, diese kommen jeweils dreimal hintereinander als Versanfänge vor; folglich hat das Kapitel 3 der Klagelieder 3 mal 22 gleich 66 Verse. (Ich zeige das gern jedem Interessierten nachher in der Hebräischen Bibel; das kann man im Schriftbild sehr schön erkennen, auch ohne ansonsten etwas von dieser Sprache zu verstehen!)
      
      Also: hier haben wir es gerade nicht mit einem „Patchwork“ zu tun, nicht mit einer Aneinanderreihung und „Durcheinanderwerfung“ ursprünglich völlig selbständiger Sätze und Textfetzen. Nein, das Kapitel ist ein sehr kunstvolles und mit geradezu mathematischer Präzision penibel aufgebautes Stück Poesie, und sein so gar nicht geradliniger, sondern äußerst sprunghafter Inhalt steht im totalen Kontrast zu seiner durch und durch geordneten, strengen Form. Was mag dieser Kontrast bedeuten?
      
      Ich sehe darin die gesammelte Lebensweisheit des Beters am Werk, und zu meiner eigenen Überraschung wurde mir dieses Kapitel gerade nach der Einsicht in diesen Kontrast wirklich tröstlich: der Beter will sagen, so verstehe ich ihn: Das ist das Leben auf dieser Erde! Da geht es in der Tat häufig hin und her, da gibt es Brüche, auch Rückschläge, dann aber auch wieder neuen Trost, neue Zuversicht – dann aber wiederum erneute Infragestellungen und Herausforderungen. Aber all das ist nicht willkürlich mal so, mal so. Selbst das, was äußerlich als großes Durcheinander ohne Ziel erscheinen mag, wird in einer inneren Ordnung zusammengehalten und kann daraus nicht ausbrechen.
      
      Ja noch über Klagelieder 3 hinaus möchte ich an Psalm 88 aus der Lesung vorhin erinnern. Der endet nicht einmal, wie es bei Klagelieder 3 immerhin der Fall ist, mit einer Bitte an Gott, sondern mit dem im Grunde ja furchtbaren Satz: „Meine Freunde und Nächsten hast du – Gott – mir entfremdet, und meine Verwandten hältst du fern von mir.“ Kein Dank für irgendein Eingreifen Gottes, ja nicht einmal mehr der Ruf danach! Eigentlich hoffnungslos, wie dieser Psalm zu Ende geht: da hat Gott sich offensichtlich nicht nur zeitweise mit einer Wolke verdeckt, nein: da rechnet der Beter schon gar nicht mehr damit, dass diese Wolke jemals wieder verschwinden könnte, ja er lässt nicht einmal dies durchblicken, dass Gott irgendwann mal wieder ein Interesse daran haben könnte, in sein, des Beters, Leid einzugreifen.
      
      Eigentlich nur noch erschütternd, so etwas zu lesen. Und doch: ebenso wie das so ungeordnet erscheinende Wechselspiel zwischen Not und Erlösung, Rückschlägen und erneuten Bittgebeten in Klagelieder 3 gleichsam eingebettet ist in die strenge Form des dreifachen Akrostichons, so ist Psalm 88 eingebettet in die 150 Psalmen, die dann doch immer wieder auch von Gottes Erbarmen singen, von seiner Gnade und Liebe. Die individuelle Leidenssituation des jeweiligen Beters, der kein geöffnetes Ohr Gottes mehr erkennen kann, wird dadurch nicht einfach zum Guten gekehrt, wohl wahr. Aber sie wird sozusagen „mitgenommen“ auf einen Weg, auf dem auch viele andere, auch verheißungsvolle und beglückende Lebenssituationen „mit im Gepäck“ sind.
      
      Vielleicht, liebe Gemeinde, können und sollten wir heute nicht mehr sagen als das. Wir neigen in der Kirche und auch sonst sehr dazu, Situationen des Leides, auch Situationen des für uns gerade nun einmal nicht geöffneten Ohres Gottes  manchmal allzu schnell zu „glätten“, indem wir das Gute beschwören und mit mancherlei Aktionismus geradezu herbeireden wollen. Derlei Versuche entlarven sich dann schnell als Ausdruck dessen, dass wir diese Situationen des Leides nicht ertragen und sie deshalb bestrebt sind, sie schnell „wegzureden“.
      
      Die Bibel ist da bisweilen härter, zugleich aber auch realistischer, lebensnäher. Wir sollten nicht versuchen, es „besser“ zu machen als sie. An vielen Stellen begegnet sie dem Leid zwar mit Hinweis auf Gottes geöffnetes Ohr, mit der Aussicht, dass alles Böse auf unserer Welt einmal von Gott besiegt werden wird.

      Aber dann gibt es auch Stellen wie unsere heutige, die nicht gleich alles Böse ins Gute kehren, sondern die das Leid jedenfalls zunächst einmal einfach stehen lassen. Und die es doch nicht einfach „ungeordnet“ im Raume stehen lassen, sondern durch versteckte Andeutungen hindurch darauf verweisen, dass da dennoch eine Ordnung vorhanden ist. Die aber zunächst ganz ehrlich festhalten: ja, das gibt es: den sich verhüllenden Gott, der uns nicht an sich heranlässt. Wenn er seine Barrieren aufrichtet, dann wird es uns nicht möglich sein, sie einfach einzureißen. Tun wir lieber, was unser Kapitel Klagelieder 3 uns empfiehlt:
      zum Ersten: mustern wir unser eigenes Leben und unsere eigene Verantwortung für so Vieles, das uns Anlass zur Klage gibt, einmal durch! Werden wir uns dieser Verantwortung bewusst und nehmen sie künftig wahr;
      zum Zweiten: richten wir unsere Erinnerung auf das Viele, das wir von Gott bereits empfangen haben.
      Und dann heißt es zum Dritten wohl tatsächlich: bringen wir Geduld mit, gestatten wir uns dabei durchaus auch, laut zu klagen und unserem Herzen Luft zu machen – und vertrauen wir doch in alledem darauf: es steht eine Ordnung hinter den Dingen, auch wenn wir sie nicht immer wahrnehmen können. Amen.
    

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.