Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 4 der Predigtreihe „Mit Gott im Gespräch - das Gebet“


 

Liebe Gemeinde,
      es gibt im Neuen Testament eine Geschichte, da wird nicht einfach „nur so“ gebetet und da wird auch nicht einfach nur über das Gebet gesprochen, sondern da werden 2 Gebete gegenübergestellt. 2 Gebete, die sich praktisch zeitgleich und am selben Ort ereignen – oder jedenfalls: unter demselben Dach. Zu den beiden sehr unterschiedlichen Gebeten hat Jesus eine sehr deutliche Meinung. Diese Geschichte aus dem Lukasevangelium, Kapitel 18, die Verse 9-14, soll unser heutiger Predigttext sein:

      „Jesus sagte aber zu etlichen, die sich selbst vermaßen, dass sie fromm wären, dies Gleichnis: Es gingen 2 Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Und der Zöllner stand von ferne, wollte auch seine Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“


Liebe Gemeinde!

„Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob!, rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!“

      Soweit die „Auslegung“ unseres Predigttextes durch den Dichter Eugen Roth. Und ich meine, er hat einen ganz entscheidenden Punkt getroffen: das Gleichnis ist doch so einfach, die Rollen sind so klar verteilt, Gut und Böse sind so eindeutig zugeordnet, dass unsere Parteinahme gar nicht anders ausfallen kann: wir identifizieren uns mit dem Zöllner. Der Pharisäer hingegen hat nicht den Hauch einer Chance, so unsympathisch ist er. Gott sei Dank: so bin ich nicht!

      Aber genau das ist das Vertrackte: eben indem wir so sprechen oder zumindest denken, sind wir’s doch! Denn wir folgen derselben Logik wie er: wir vergleichen uns mit anderen, um uns über sie erheben und in ein gutes Licht stellen zu können. Darin liegt das Problematische im Gebet des Pharisäers, das Unangenehme. Ansonsten ist das, was er sagt, ja gar nicht so falsch – ich denke, wir haben allen Grund, unsere traditionellen Klischees von diesen beiden Gestalten, Pharisäer und Zöllner, zu korrigieren:

      Und Umgekehrtes gilt vom Zöllner:  Das waren äußerst unangenehme, schmierige Kollaborateure, die sich auf Kosten ihrer jüdischen Landsleute den römischen Besatzern an den Hals geschmissen und sich dadurch eine goldene Nase verdient hatten.

      Die Sympathie bzw. Antipathie war also für die Menschen, denen Jesus dieses Gleichnis erzählt, klar verteilt – aber eben genau umgekehrt, als sie es bei uns heute sind. Damals galt: der Pharisäer ist ein wirklich rechtschaffener Mann, der es ernst mit seinem Glauben meint und ihn konsequent in die Tat umsetzen will. Der Zöllner hingegen ist der verhasste Handlanger der Besatzer. Wenn uns dieses Gleichnis heute so angenehm runtergeht, dann steckt dahinter vermutlich nicht zuletzt eine antijüdische Auslegungstradition. Die Pharisäer kommen ja fast immer schlecht weg, und der Zöllner wird im Handumdrehen als „typisch christlich“ hochstilisiert – obwohl dazu im Text selber übrigens kein Sterbenswörtchen steht! Und außerdem belegt der jüdische Theologe Ernst-Ludwig Ehrlich in einer Auslegung unseres Textes mit vielen Talmud-Zitaten sehr gut: ein Beter, der sich selbst vor Gott nur beweihräuchern wollte, wäre auch nach jüdischen Grundsätzen völlig unten durch.
      
      Aber noch einmal: zu Jesu Zeiten war das Gleichnis eine echte Provokation, gerade weil jeder wusste, was für religiös ernsthafte Menschen die Pharisäer und was für üble Abzocker die Zöllner waren!

      Denn soviel ist ja unmissverständlich klar: der Pharisäer verspielt alles, weil er meint, er könne sich dadurch vor Gott von den anderen Menschen und besonders von diesem ungeliebten Zöllner absetzen, „erhöhen“. Formal ist sein Gebet zwar ein Dankgebet, aber inhaltlich ist es ein einziges Eigenlob, und das tut bekanntlich nur eines: es stinkt – in diesem Fall stinkt es sogar im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel!

      Und Jesus bescheinigt diesen „Gestank“ ganz unverblümt denen, an die er dieses Gleichnis richtet:  „Etliche, die sich selbst vermaßen, dass sie fromm wären“, das heißt doch: diese Leute und mit ihnen der Pharisäer beginnen zu messen, zu vermessen: nämlich seine Leistungen im Vergleich zu denen der anderen, besonders des Zöllners. Das „Messergebnis“ aus seiner Sicht: bei mir gibt es mehr zu messen als bei den anderen; ja sie können sich mit mir nicht messen.

      Dazu sagt Jesus: Nein, mein Lieber, das Maß ist voll! Bei dem, was du da vermessen hast, hast du dich vermessen, ja du bist vermessen! Und mit dieser Vermessenheit wirst du bei Gott nicht landen – höchstens auf dem Bauch. Wer meint, sich durch noch so beeindruckende Leistungen bei Gott eine besonders gute Nummer im Vergleich zu anderen Menschen verschaffen zu können, der irrt gewaltig!
 
      Und der Zöllner? Sein Gebet ist völlig anders als das des Pharisäers. Zunächst fällt auf, wie ungewohnt, ja wie peinlich die ganze Situation offenbar für ihn ist: er steht „von ferne“, also wohl hinten im Tempel. Er ist ganz offenbar irgendwie fremd hier. Das ist nicht seine Welt; er ist eben kein religiöser Profi!

      Und weiter: er hält nicht die Etikette ein, die unser Beten meist bestimmt: er äußert keinerlei Dank, bevor er bittet, und sein Gebet ist auch überhaupt nicht irgendwie systematisch aufgebaut. Nein: mit einem einzigen Bittruf fällt er gleichsam mit der Tür ins Haus. Mir geht durch den Kopf: das hast du im Predigerseminar doch ganz anders gelernt...

      Also kein wohlgeformtes, gestyltes Gebet, sondern im Grunde ein einziger Hilfeschrei, begleitet von einer Geste, die in ihrer Einfachheit und Klarheit Dasselbe sagt wie die wenigen Worte, die der Zöllner spricht: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Nicht blankpoliert, sondern rau und schroff tritt der Zöllner Gott entgegen – aber damit auch umso echter, authentischer.

      Ohne, dass wir irgendwelche Hintergründe wüssten, was den Zöllner so zu Gott kommen lässt – eines wird klar: dieser Mann kommt ungeschminkt; er weiß, was er ist, und er sagt es auch: ein Sünder, einer, der Gott nicht gerecht wird, zugleich jedoch einer, der genau daran verzweifelt, der das nicht übertünchen oder wegdiskutieren will, sondern der seine ganze Misere mit diesem einen Satz vor Gott bringt: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

      Hier geht es wirklich nur um den betenden Zöllner und um den angebeteten Gott – von einem Vergleich mit anderen, gar noch mit dem Pharisäer keine Spur! Hier wird nicht auf Nebenkampfschauplätze ausgewichen, hier wird der entscheidende Satz gesagt. Und der ist ein offenes Bekenntnis des Zöllners zu seiner Misere, die er selber verschuldet hat. Kein Wort der Selbstrechtfertigung; keinerlei Fassade, die er aufbaut.

      Ich frage mich und ich frage Sie, liebe Gemeinde: wo stehen wir in dieser Geschichte, jetzt, nachdem wir sie etwas genauer unter die Lupe genommen haben? Ich meine, wenn wir auch nur halbwegs ehrlich uns selbst gegenüber sind, wird uns unsere zumindest am Anfang so klare Identifikation mit dem Zöllner schwer werden. So offen, ungeschminkt und ehrlich treten wir Gott doch wohl kaum einmal gegenüber! Da bitten wir ihn vielleicht durchaus um Vieles, und wir tun es aufrichtig und mit besten Absichten. Aber dieser knappe Satz: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ – ich glaube, so klingen die wenigsten Gebete aus unserem Munde. Selbst die gottesdienstlichen Sündenbekenntnisse kommen geschliffener daher. Und außerdem haben sie ja nicht zuletzt den Effekt, dass der Einzelne sich gut und diskret darin bergen kann – was umgekehrt bedeutet: er muss nicht selber hingehen und aus eigener Verantwortung zu beten beginnen.

      Doch nun ist andererseits ebenso klar: so wie der Pharisäer beten wir heute nun auch wieder nicht. Überhaupt ist es, bis auf kleine Gruppen innerhalb der Kirche ziemlich aus der Mode gekommen, sich seiner Frömmigkeit zu rühmen. Gott sei Dank! – sage ich dazu!

      Aber etwas subtiler hat sich doch Einiges von der Mentalität dieses Pharisäers bei uns gehalten. Immer wieder bekomme ich bei Besuchen und anderen Gesprächen ungefähr Folgendes zu hören: „Also Herr Pfarrer, ich gehöre zwar nicht zu denen, die Sonntag für Sonntag in die Kirche rennen, aber ich tue bestimmt mindestens soviel Gutes wie diese Leute – vermutlich eher noch etwas mehr

      Oder bisweilen geht es gerade in puncto Geld sehr unverblümt zu: „Herr Pfarrer: ich zahle nun seit soundsovielen Jahren Kirchensteuer – da kann ich doch wohl noch diesen oder jenen Dienst von der Kirche verlangen

      Gerade hierzulande haben wir uns angewöhnt, mit einigem Stolz auf unsere Leistungen zu blicken. Warum auch nicht? Da ist Vieles geleistet worden – warum sollte man das nicht sagen dürfen? Noch einmal: der Fehler des Pharisäers ist ja auch gar nicht dies, dass er um seine guten Taten weiß und von mir aus auch darüber spricht. Nein, falsch wird es erst da – aber da auch umso heftiger! –, wo wir im Angesichte Gottes etwa meinen, Vergleiche ziehen zu können, und das natürlich mit dem Ziel, uns selber zu Lasten anderer in die Sonne stellen zu können.

      Gegen diese Haltung ist Gott allergisch. Denn hier wird unser Glaube, unser kindliches Vertrauen zu ihm, zerstört. Es wird ersetzt durch den Versuch der Selbstdarstellung. Und sofern diese zulasten anderer Menschen geht, ist sie, ich möchte es einmal so nennen: grundsätzlich asozial. Sie hat nicht mehr das Wohl der Gemeinschaft im Blick, sondern lediglich den Ruhm des Selbstdarstellers. So jemand tritt Gott nur vordergründig dankbar gegenüber. In Wirklichkeit bejubelt er sich selbst. Gott ist für ihn das Publikum, dessen Applaus er anstrebt. Das aber ist mit Gott nicht zu machen. Nicht dass er den Pharisäer nicht für seine religiöse Ernsthaftigkeit anerkennen wollte. Aber das Asoziale, das dabei mitschwingt, das macht er nicht mit. Wo formale Dankbarkeit umschlägt in selbstzufriedene Eitelkeit, da weist Gott sie zurück. Er will nicht applaudierendes Publikum sein, sondern, um mit Jesus zu sprechen: unser Vater oder auch unsere Mutter. Es täte dem Pharisäer gut, sich einmal klarzumachen: das Publikum applaudiert immer nur soweit, wie die Leistung stimmt; die Liebe von Eltern dagegen trägt auch, ja sie trägt gerade da, wo die Leistung ausbleibt.

      Das scheint ausgerechnet der Zöllner begriffen zu haben, oder er ahnt es zumindest. Er spricht Gott zwar nicht ausdrücklich als Vater oder Mutter an, aber in der Sache tut er es. Und Gott antwortet ihm: er verzeiht ihm, einfach so, ohne Bedingung, ja ohne auch nur einen Satz moralischer Belehrung anzufügen. Ja sogar ohne dass deutlich wird, ob der Zöllner nun überhaupt das Gefühl oder die Gewissheit hat, dass jetzt wirklich alles in Ordnung ist. Auf seine subjektiven Empfindungen kommt es offenbar gar nicht an – jedenfalls schweigen sich Jesus und auch Lukas darüber aus.

      Nun ist aber eines noch sehr wichtig: die ganz schlauen Hörer des Gleichnisses und der Predigt könnten auf eine falsche Idee kommen: auf die Idee nämlich, die Haltung des Zöllners sozusagen zur geistlichen Methode zu machen, nach dem Motto: Wir haben ja nun gelernt: erhöhen sollen wir uns nicht, sondern vielmehr erniedrigen. Dann machen wir das doch, und zwar immer und überall! Was dabei herauskommt, nenne ich einmal ein „geistliches Understatement“. Da macht sich jemand ganz klein, nur um es zu provozieren, für groß erklärt zu werden, z.B. Höflichkeitsüberbietungen: „Das kann ich doch nicht annehmen; das habe ich doch nicht verdient...“ – Stellen Sie sich einmal vor, wir würden solche Sätze ernstnehmen und entsprechend beantworten: „Ja da haben Sie auch Recht; das haben Sie wirklich nicht verdient; ich nehme das Geschenk am besten wieder mit...“
Oder  zur Schau getragene Selbstkritik, z.B. bei Sängern: „Ich war ja heute ganz und gar nicht zufrieden mit meiner Leistung...“ – Und wieder: stellen wir uns einmal vor, wir würden nun in dasselbe Horn stoßen: „In der Tat, du warst heute total mies drauf da vorne auf der Bühne...“
      Nein, es ist doch klar: Leute, die so reden, gieren förmlich danach, nach der rhetorischen Selbsterniedrigung durch ihr Gegenüber umso mehr „erhöht“ zu werden! Das jedoch ist sicher nicht das, was Jesus mit dem letzten Satz des Predigttextes meint!

      Was der Zöllner tut, hat gerade keinerlei Methode; es kann nicht zur Lebensphilosophie gerinnen, wenn es denn echt und authentisch bleiben soll. Es kann nur je und je aus tiefstem Herzen kommen, ehrlich und schnörkellos.

      Wo dies geschieht, da jedoch wird Gottes Reaktion nicht auf sich warten lassen: „Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus.“ „Gerechtfertigt“: mit diesem Wort sind wir mitten im Zentrum neutestamentlicher und reformatorischer Theologie. Gott erklärt den für gerecht, der es nach menschlichem Ermessen gerade nicht ist, der nichts geleistet hat und damit nichts verdient. Er erklärt den für gerecht, der nichts getan hat, als ohne Vorbehalt seine Ungerechtigkeit zu bekennen und um Gnade zu bitten. Noch einmal anders gesagt: er erklärt den für gerecht, der es endlich aufgegeben hat, sich mit anderen vergleichen und sich dadurch selbst rechtfertigen zu wollen, der vielmehr alles ohne Netz und doppelten Boden, dafür aber voller Vertrauen in Gottes Hände legt.

      Eigentlich, liebe Gemeinde, ist das ja etwas Wunderschönes. Aber doch nur für den zu haben, der auf jeden Versuch der eigenen Nabelschau verzichtet. Wer von uns könnte glaubwürdig versichern, solch ein Mensch zu sein? Nun ja, vielleicht ist es ja so: gerade derjenige, der erkennt: nein, so bin ich in der Regel überhaupt nicht, aber ich sehe das und erkenne, dass ich auf diese Weise letzten Endes nicht glücklich werde – gerade der könnte dem gerechtfertigten Zöllner näher sein, als er es vielleicht selber glaubt. Es bleibt dabei – und das ist ein erstaunliches Detail unserer kleinen Geschichte: der Zöllner geht gerechtfertigt nach Hause – aber es wird gar nicht gesagt, ob er das überhaupt weiß. Und der Pharisäer geht nicht gerechtfertigt nach Hause – obwohl zu vermuten ist, dass er genau das von sich denkt.
      
      Das bedeutet doch eine Warnung an die allzu Sicheren – und zugleich einen Trost für die, die mit sich selbst nie so ganz im Reinen sind. Vielleicht bleiben ihnen wie dem Zöllner die Zweifel über sich selber durchaus erhalten. Aber diese Zweifel, das ist die Botschaft unserer Geschichte, sollen sie gerade nicht entmutigen, so dass sie das Beten bleiben lassen! Im Gegenteil: sie dürfen und sollen im Zöllner sozusagen ihren „Vorbeter“ entdecken! Gott spricht sie wie schon ihn gerecht. Und das ist es, was zählt. Gott sei Dank! Amen.