Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 5 der Predigtreihe "Mit Gott im Gespräch - das Gebet"



Liebe Gemeinde,
gegen Ende, da spitzt sich alles zu. Das ist eine Erkenntnis, die zu gewinnen uns nicht schwer fallen sollte. Gegen Ende, da spitzt sich alles zu – das gilt für praktisch jede gute Geschichte, für jedes Buch, für jeden Film. Und es gilt auch für unsere Predigtreihe. Heute möchte ich mit Ihnen die dramatischste, ja die erschütterndste Gebetssituation bedenken, die ich in der Bibel überhaupt kenne. Es ist der am Kreuz hängende, zutiefst gedemütigte und gefolterte Jesus, der hier betet.

Was für Worte mag so einer überhaupt noch für sein Gebet finden: mitten im Vollzug einer der brutalsten Todesstrafen, die es gibt? Nichts wäre verständlicher, als dass dem Gekreuzigten jedes Wort im Halse stecken bliebe, erst recht jedes Wort an Gott! Nicht nur, weil das körperliche Leiden jedes Wort im Keime zu ersticken droht. Nein, auch und erst recht aufgrund alles dessen, was dieser Kreuzigung vorangegangen ist: hatte Jesus nicht sein gesamtes Leben in den Dienst der Verkündigung des gnädigen Gottes gestellt? Also des Gottes, der sich uns Menschen zuwendet, der uns mit Geduld, mit Nachsicht, ja mit geradezu unendlicher Liebe begegnet? Und jetzt das: Verhaftung, Folter, grausamer Tod! Mit Verlaub: dann kann es doch wohl soweit nicht her gewesen sein mit der göttlichen Geduld, mit seiner Nachsicht, mit seiner geradezu unendlichen Liebe!

Wie eine große Illusion mutet dieser Gott an, den Jesus verkündigt hat. Und wie das so ist: bei so jemandem, dessen große Reden und das eigene jämmerliche Ergehen dermaßen weit auseinanderklaffen, lässt der Spott der Umstehenden nicht lange auf sich warten: „Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!“ Oder: „Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der Christus, der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben.“ So ist das: wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Im Hinblick auf Jesus nimmt dieses kleine Sprichwort geradezu furchterregende Ausmaße an.

Eigentlich ist hier doch jedes Beten gerade an sein Ende gekommen. Mit reichlich Zynismus gesagt: wenn schon das Gebet Jesu im Garten Gethsemane nichts genützt hat, das wir vorhin in der Lesung gehört haben, dann gibt es jetzt schlicht und einfach nichts mehr zu beten.

Und ich bin mir sicher: an dieser Stelle stand oder steht so mancher von uns auch. Wir sind zum Glück nicht von Kreuzigung bedroht. Aber es gibt sogenannte Schicksalsschläge, auch mitten unter uns, die sind in ihren Auswirkungen ebenfalls verheerend. Da brechen dann, wie wir sagen, Welten zusammen: ein totales Zerwürfnis mit einem einst doch geliebten Menschen, eine unheilbare Krankheit, Erwerbsunfähigkeit eines Familienvaters oder einer Familienmutter ohne Absicherung, oder ganz „einfach“ das Ende aller seelischen und damit bald auch aller geistigen und körperlichen Kräfte – auf einmal sind sie nicht mehr da.

Beten? Manchem fehlt schlicht und ergreifend die Kraft dazu. Und natürlich nagt tief im Herzen dabei auch der Gedanke: es nützt ja doch nichts. Ich kann nicht mehr – nicht einmal mehr beten. Und wozu auch?

Das, liebe Gemeinde, ist Jesu Situation. Und was tut er? Er betet. Markus und in seinem Gefolge Matthäus, sie überliefern einen einzigen Satz, den Jesus am Kreuz spricht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Nun weiß ich: es werden noch weitere Sätze Jesu am Kreuz im Neuen Testament überliefert. Im Lukas- und im Johannesevangelium jeweils 3 Sätze. Sie klingen sehr anders als dieses Wort bei Markus und Matthäus. Ich lasse sie heute außer Acht. Nur soviel: wir sollten es uns nicht so vorstellen, als hätten die Evangelisten gleichsam mit dem Stenoblock unter dem Kreuz gestanden und Jesu Worte mitgeschrieben, so gut oder schlecht, wie sie sie eben verstanden haben. Dann hätten ja erstaunlicherweise Markus und Matthäus dasselbe eine Wort gehört, Lukas hätte 3 andere Worte gehört und Johannes noch mal 3 andere. Nein, diese Jesusworte am Kreuz bei Lukas und Johannes sind vermutlich keine solchen Worte, die Jesus tatsächlich am Kreuz gesprochen hat. Sie spiegeln bereits die theologische Reflektion der späteren christlichen Kirche wider, die sie dem sterbenden Jesus in den Mund gelegt hat. Das macht diese Worte nicht „falsch“ oder bedeutungslos, überhaupt nicht. Lassen Sie uns darüber ein ander Mal nachdenken. Aber wenn wir denn fragen, ob Jesus wirklich am Kreuz etwas gesagt hat, dann dürften wir am ehesten bei Markus und Matthäus fündig werden, bei diesem einen Satz, dieser einen Frage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Wobei: ist das eigentlich ein Gebet? Ist es nicht ein einziger zorniger Aufschrei eines zutiefst Verzweifelten? – Nun, Gebete kommen eben nicht immer glattpoliert und feingeschliffen daher. In der Situation Jesu wohl schon gar nicht. Was er von sich gibt, ist ein Schrei. Aber nicht ein Schrei einfach hinaus in die Welt – oder auch ins Nichts hinein, nein: Jesus schreit Gott an. Damit ist sein Schrei ein Gebet.

Und ein Weiteres ist wichtig: dieser Schrei ist nicht einmal selbst formuliert. Jesus betet nicht frei, nicht „originell“, sondern er – zitiert. Er spricht einen Psalmvers, den Beginn des 22. Psalms: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? – So betet dort bereits der sogenannte „leidende Gerechte“, und mit ihm das Volk Israel als Ganzes, das diese Erfahrung der Gottverlassenheit in seiner Geschichte bekanntlich mehr als einmal hat machen müssen.

Ich finde das sehr nachdenkenswert, dass Jesus hier nicht sozusagen „frei spricht“, sondern diesen Psalmvers betet. Ja ich denke geradezu: hier könnte ein Schlüssel liegen, der es uns ermöglicht, selbst da noch zum Gebet zu finden, wo wir genau das für unmöglich halten, wo wir zugleich denken: ich kann es nicht mehr, und: es nützt ja eh nichts.

Denn hier sehen wir doch: Jesus ist in derselben Lage. Vielleicht gilt ja auch für ihn: Ich finde einfach keine Worte mehr. Verständlich wäre dies jedenfalls. Etwas sarkastisch formuliert: wer am Kreuz hängt, der ist nicht mehr sonderlich kreativ! Dem fällt tatsächlich nichts mehr ein.

Das heißt: Moment, ganz so ist es nicht! Dem fällt zwar nichts Neues mehr ein, wohl aber etwas Altes, darf ich sagen: etwas Bewährtes! Mit Worten wie denen aus Psalm 22 ist Jesus großgeworden. Und auf einmal werden sie für ihn zur Sprachhilfe, wo seine eigenen kreativen Potentiale verstummt sind!

Liebe Gemeinde, das ist es, was die Bibeltexte für uns sein wollen und was sie für uns so unvergleichlich wichtig macht: Sprachhilfe wollen sie sein und wollen sie geben! Ich weiß, das mag jetzt irgendwie total altklug und abgegriffen klingen, aber dennoch ist es wahr: es tut gut, auf solche generationenlang bewährte Worte zurückgreifen zu können, wenn einem buchstäblich nichts mehr einfällt, wenn es einem nur noch die Sprache verschlägt! Die ständige Nötigung zu Originalität in dem, was wir sagen, zu Kreativität in dem, was wir formulieren – sie kann in Zeiten der Krise zur Tyrannei werden und uns noch mehr lähmen, als wir ohnehin schon gelähmt sind. Sie lässt uns verstummen. Und dann ist uns der Tod bereits bedrohlich nahe gerückt. Denn sein Wesen besteht ja darin, uns stumm zu machen. Stumm. Ein für allemal. Es sind biblische Texte wie die Psalmen, die sich, so gesehen, dem Tod widersetzen. Indem sie uns Sprache verleihen, wo wir das aus eigener Kraft nicht können.

Noch besser gelingt das übrigens, wo diese Sprache auch noch mit einer Melodie verbunden ist. So nisten sich Worte ja noch viel tiefer in unserem Herzen ein. Und sie können genau dann wieder zu sprechen oder eben: zu singen beginnen, wo wir von uns selbst aus keinen Ton mehr hervorzubringen imstande sind. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass dann weniger wir diese Worte oder Lieder beten und singen, als dass sie sozusagen selber beginnen, in uns zu beten und zu singen! Jedenfalls meine ich, wir haben allen Grund, diese alten Worte und Lieder wertzuschätzen. Um es mit einem schönen Wort des Theologen Fulbert Steffensky zu sagen: sie sind so wertvoll, denn unsere Vorfahren haben sie uns „vorgewärmt“!

Aus diesem Grunde lasse ich nach wie vor meine Konfirmanden einige – wenige! – biblische Basistexte und Lieder lernen. Das ist gar nicht so leicht durchzusetzen, und so mancher nimmt diese Aufgabe auch ziemlich „locker“. Aber ich möchte den Jugendlichen diese „Sprachhilfe“ zumindest nicht vorenthalten! Wer weiß, wann sie sie einmal gut brauchen können!

Ich persönlich erinnere mich jedenfalls gut an folgende Situation: ich war gerade aus dem Völkermord in Rwanda zurück nach Deutschland gekommen und sollte eine Andacht halten. Damals waren wir noch ziemlich traumatisiert, und wir erhielten fast täglich Nachrichten, dass der eine Freund oder die andere Freundin oder auch ganze Familien ermordet worden waren. Und da hieß es: nun halte mal eine Andacht! – Geht mir doch weg, war mein erster Gedanke. Doch urplötzlich kam mir dieses Psalmwort in den Sinn: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und ich fand mich in keinem anderen Bibelwort auch nur entfernt so wieder wie in diesem! Ich habe es damals zur Grundlage meiner Andacht gemacht.

Und so wie mit den Leuten damals möchte ich auch heute mit Ihnen das teilen, was mir an diesem Gebetsschrei so wichtig ist:
nicht wahr, formal ist dieses Gebet eigentlich – mit Verlaub – großer Blödsinn! Da schreit jemand zu Gott, dessen Abwesenheit er doch zugleich beklagt! Denn der Beter fragt ja nicht etwa, ob Gott vielleicht anwesend ist oder nicht. Nein, er geht fest von seiner Abwesenheit aus und möchte nun den Grund dafür wissen! Und doch richtet er diese seine Frage wiederum an niemand anderen als an den, dessen Abwesenheit Anlass für sein Gebet ist!

Rein logisch betrachtet ist dies also alles ein einziger großer Widerspruch. Aber gerade das macht dieses Gebet wiederum so lebensnah. Denn auch bei uns und in unserem Alltag geht es ja nun wahrlich nicht immer streng nach den Regeln der Logik zu. Und den Menschen, der ein widerspruchsfreies Verhältnis zu Gott hätte, den möchte ich erst mal kennen lernen! Nein, da steht so Vieles unausgeglichen und spannungsvoll nebeneinander: das Vertrauen in seine Liebe und die Enttäuschung darüber, wie wenig sie oft in unserer Welt zur Geltung kommt; die Freude über viele wunderschöne Bibeltexte und die Bestürzung über andere Bibeltexte, die mir geradezu wie eine Verhöhnung der anderen vorkommen – und noch so manches Andere mehr. Unser Glaube hat Anteil an den Spannungen des Lebens – ja ich schöpfe immer am ehesten da Verdacht, wo eine Religion oder Weltanschauung allzu „wasserdicht“ rüberzukommen versucht!

Martin Luther hat für diese Situation ein Bild geprägt: er sagt, er flüchte oft regelrecht im Gebet weg vom verborgenen Gott und hin zum offenbaren Gott, also: weg von dem Gott, den er nicht versteht, ja dessen gütige Macht über uns und diese Welt ihm oft genug fragwürdig ist, und hin zu dem Gott, den er daneben doch auch kennt: den Gott nämlich, der uns in Jesus Christus mit seiner Liebe begegnet. Haarscharf gerät Luther in diesem Bild dahin, dass er Gott in 2 Götter teilt. Er bringt damit den Zwiespalt zum Ausdruck, in den wir als glaubende und betende Menschen immer wieder kommen. Und ich füge hinzu: dies ist derselbe Zwiespalt, in dem auch schon Jesus am Kreuz seinen Schrei nach Psalm 22 betet.

Dieses Gebet passt also durchaus in unsere so zerrissene und widersprüchliche Welt. Aber: wie steht es nun mit einer Antwort auf die gestellte Frage? „Mein Gott, mein Gott: warum hast du mich verlassen?“ Gott ist gefragt – wird er nun reagieren und damit seine Gegenwart doch dokumentieren? Oder wird er schweigen und damit seine Abwesenheit unter Beweis stellen?

Im Psalm 22 liegt die Sache so: der Beter klagt in höchsten Tönen; dabei beschwört er zwischendurch regelrecht die früheren Heilstaten Gottes und ruft ihn daraufhin umso dringlicher zu Hilfe. Und was passiert? Ohne dass wir erführen, wie und warum, ändert der Psalmist von jetzt auf gleich seinen Ton: mitten aus seiner Klage heraus bricht auf einmal der Satz: „Du hast mich erhört!“ Und es folgt ein Lob- und Danklied auf den rettenden Gott.

Und bei Jesu Kreuzigung? Da geschieht zunächst nichts, was Jesu Schicksal wenden würde. Später, das wissen wir, erklingt die Osterbotschaft vom auferstandenen Christus, der den Tod überwunden hat. Aber schon gleich nach Jesu Tod werden vom römischen Hauptmann unter dem Kreuz die bemerkenswerten Worte überliefert: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“

Nun mögen wir einwenden: das alles besagt für uns und unsere Gebetssituation doch noch gar nichts! Zum einen: was wissen wir denn, ob diese Fortsetzung des Klagepsalms oder auch und erst recht die Fortsetzung der Geschichte Jesu nicht vielleicht bloße Phantasie, bloßes Wunschdenken der biblischen Verfasser waren? Und zum anderen: selbst wenn da was dran ist: welche Auswirkungen hat das alles denn auf mich und meine persönliche Misere, in der ich stecke?

Ich denke, uns ist allen klar, dass es da keinen Automatismus gibt: ordentlich gebetet – Not gewendet – alles prima. Nein, so geht das nicht. Und doch möchte ich es ernstnehmen, dass die Bibel uns nicht nur Sprachhilfe gibt, um unsere Klage vor Gott zum Ausdruck zu bringen, sondern dass sie uns eben auch davon erzählt, wie nach der Klage Leid gewendet wird und wie dies wiederum Menschen zu Dankliedern veranlasst!

Das mag nun alles nicht eins zu eins auf uns hier und heute übertragbar sein. Aber es ist auch dies der Ausdruck von Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben und mit denen sie uns Mut machen wollen, diesen Gott einfach nicht loszulassen, sondern ihm selber durch unsere Gebete in den Ohren zu liegen und auf seine Antwort zu vertrauen! Derjenige jedenfalls, der von vornherein das Beten bleiben lässt, weil er ja doch nicht mit einer Reaktion seitens Gottes rechnet, nimmt sich ja selber jede Chance, eine Erfahrung mit Gott zu machen. Vor dieser dann wirklich nur noch trostlosen Situation möchte der Psalm 22, möchten die Psalmen insgesamt und möchte Jesus uns bewahren!

Und nicht zuletzt, liebe Gemeinde, möchte auch ich Sie und uns davor bewahren – mit dieser Predigtreihe, die heute zuende geht. Ich weiß ja nicht, wie es bei Ihnen mit dem Beten bestellt ist. Aber ich habe doch oft den Eindruck, dass wir kaum noch geübt darin sind. Dass wir es vielleicht einfach verlernt haben. Oder es aus Angst und Resignation gar nicht mehr praktizieren. Noch einmal: wer es gar nicht probiert, wird auch keine Erfahrungen mit Gott machen. Wer sich jedoch daran macht – nicht nur einmal, sondern in der Tat immer wieder! –, dem öffnen sich vielleicht Tore der Gotteserfahrung, wie er sie schon gar nicht mehr für möglich gehalten hätte. Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.