Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 1 der Predigtreihe „Mit Gott im Gespräch –das Gebet“


 
 „Mit Gott im Gespräch – das Gebet“ – Liebe Gemeinde, so habe ich meine diesjährige Predigtreihe überschrieben. Nun, „das Gebet“ als zentrales Thema des Glaubens, das ist so sicher wie – ja wie das Amen in der Kirche eben. Aber: „mit Gott im Gespräch“? Da wird es schon schwieriger!
      
      Eine Episode aus dem Konfirmandenunterricht, in jedem Jahrgang ähnlich zu erleben, und gerade letzte Woche war es wieder soweit: wir haben im älteren Jahrgang das Thema „Gebet“ begonnen, und zwar mit einer kleinen Übung aus unserem „Kursbuch Konfirmation“: da sind eine ganze Reihe von Sätzen zum Stichwort „Gebet“ abgedruckt, und die Konfirmanden sind aufgefordert, dazu jeweils „Ja“ oder „Nein“ anzukreuzen, je nachdem, ob sie ihnen zustimmen oder nicht. Einer dieser Sätze lautet: „Wer betet, spricht mit sich selbst.“ Und ein anderer: „Wer betet, spricht mit Gott.“ Man kann jedes Mal neu geradezu darauf wetten, dass an dieser Stelle eine Diskussion beginnt. Für manche Konfirmanden kommt gar nichts anderes infrage, als den ersten Satz mit „nein“ und den zweiten mit „Ja“ zu quittieren. Wer betet, spricht eben nicht mit sich selbst, sondern mit Gott. Genau das macht das Gebet zum Gebet. Punkt.
      
      Aber wie gewohnt erhob sich auch diesmal in jeder Teilgruppe Widerspruch: Das kann man ja nun mal nicht beweisen, dass Gott zuhört, wenn jemand betet. Geschweige denn, dass er  Gebete erhört und dann sogar antwortet. Am Ende ist möglicherweise ja doch alles nur ein Selbstgespräch?! Als solches vielleicht sogar irgendwo sinnvoll, aber doch nicht das, was der Beter eigentlich gedacht hat! Wir einigen uns dann meistens darauf festzustellen: Wenn da stünde: „Wer betet, rechnet damit, dass er mit Gott spricht“ – dann wäre der Satz unbestreitbar. Aber so einfach geradeheraus: „Mit Gott im Gespräch“ – so selbstverständlich ist das nicht!
      
      Mit dieser Frage eng verbunden ist eine zweite: „Beten nutzt doch nichts“ – so lautet ein weiterer dieser Sätze in unserem „Kursbuch Konfirmation“. Die meisten Konfirmanden markieren hier ein „Nein“. Sie meinen also, es nutze durchaus etwas. Wenn ich dann aber frage, worin denn der Nutzen wohl bestehe, dann wird es erneut schwierig, und oft kommt die Antwort: Na ja, zumindest hat sich der Beter erleichtert, indem er im Gebet seine Sorgen ausgesprochen hat. – Aber ist das wirklich der beabsichtigte „Nutzen“ des Gebets?, frage ich dann. Könnten wir allein von diesem „Nutzen“ her das Beten für sinnvoll halten? Ein Gebet, jedenfalls wenn es ein Bittgebet ist, verlangt nach Antwort und nicht nur nach der Feststellung: schön, dass du’s dir von der Seele geredet hast!
      
      Ich möchte heute einen Abschnitt aus der Bibel mit Ihnen teilen, der provozierend konkret vom „Nutzen“ des Gebets spricht. Er steht im Lukasevangelium, Kapitel 11, die Verse 9-13:
      
      Jesus Christus spricht: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt, wer suchet, der findet, und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
      
      Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?
      
      Wenn nun auch ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten?“
      
      Provozierend konkret, so sagte ich, wird hier vom Nutzen des Gebets gesprochen: auf die Bitte folgt die Gabe; auf die Suche der Fund; auf das Klopfen das Öffnen der Tür. Und an dieser Stelle lasse ich mich gern mal provozieren: Als wenn das alles immer so einfach wäre!! Wie bei einem Automaten: oben werfe ich etwas hinein, und unten fällt das gewünschte Produkt heraus. Nein: einen solchen Automatismus: Bitte – Erhörung kenne ich jedenfalls nicht!
      
      Haben wir es hier also mit einem Bibeltext zu tun, der zwar viel verspricht – ja geradezu alles! –, der dann aber wenig hält – ja geradezu nichts? Ja zeigt nicht die Bibel selber an allen Ecken Beispiele von Bitten, die nicht erhört wurden? Hat nicht Jesus selber diese Erfahrung in seiner bittersten Stunde machen müssen: „Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ Das war seine Bitte im Garten Gethsemane angesichts der drohenden Verhaftung und allem, was ihn dann erwartete! Und wie wir wissen, hat Gott diese Bitte nicht erhört. Ja man sollte doch meinen: gerade in dem Moment, als Jesus den, den er seinen und unseren himmlischen Vater nennt, am dringendsten gebraucht hätte, da hat der ihm seine Gegenart versagt! „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Ist nicht, so gesehen, Jesu eigenes Leben letztens Endes der „beste“ Beweis dafür, dass er mit diesem seinem Wort vom Bitten und Gegeben bekommen geirrt hat?
      
      Hier möchte ich freilich nun doch etwas Vorsicht walten lassen, ehe wir allzu schnell diese Schlussfolgerung ziehen. Eine ganz einfache Beobachtung kann uns weiterhelfen: so dumm können die Menschen, die dieses Wort Jesu gesammelt und weiter überliefert haben, ja nun nicht gewesen sein, dass ihnen diese Spannung nicht aufgefallen wäre! Und überhaupt: diese Erfahrung ist ja nun wirklich nicht neu: dass wir eben nicht immer das bekommen, was wir gern hätten, dass wir nicht immer finden, was wir suchen, und dass uns nicht überall jemand öffnet, wo wir klopfen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Das haben die Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten gewusst, keine Frage. Meine Mutter erzählt gern, dass ich als kleiner Junge meine Abendgebete eine Zeit lang regelmäßig mit der Bitte beschlossen habe: „Und, lieber Gott, bitte lass mich einen guten Torwart werden!“ – Na ja, also: mit der Erfüllung dieser Bitte ist es leider nie so recht was geworden!
      
      Wenn dieses Wort Jesu nun aber doch im Neuen Testament überliefert wird, dann muss da mehr dran sein, als wir vielleicht im ersten Moment meinen. Ich möchte versuchen, das, was für meine Begriffe „da dran“ ist, in mehreren Schritten zu entfalten:
      
      Zunächst: da steht ja gar nicht einfach: „Wenn ihr bittet, dann wird euch gegeben.“ Sondern es steht da ein Imperativ: „Bittet, so wird euch gegeben!“ Jesus macht zu allererst Mut zum Beten, ja er macht Mut zum Bitten! Dahinter mag ja schon bei ihm eine Erfahrung stehen, die ich heute sehr häufig mache, und das nicht nur bei anderen, sondern auch bei mir selber: ich erbitte gar nicht so häufig etwas von Gott. Die Unmittelbarkeit meines Gebetes, ich möge ein guter Torwart werden, die sich darin dokumentierende Unbefangenheit Gott gegenüber, sie ist mir abhanden gekommen! Ich ertappe mich auch als Christ und Pfarrer immer wieder dabei, dass ich eigentlich nur wenig echte Bitten an Gott richte. Dass ich vielmehr unterschwellig davon überzeugt bin: die Dinge kommen oder sie kommen nicht. Das geschieht nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Und hat mit Gott nicht viel zu tun. Vielleicht bitte ich ihn so ganz allgemein: Gib mir die Kraft, meinen Alltag mit seinen ganzen Problemen zu bewältigen. Aber ich verzichte darauf, ihn wirklich konkret um dieses oder jenes zu bitten.
      
      Und warum verzichte ich darauf? Da habe ich nun doch den starken Verdacht: weil ich mir von vornherein die Enttäuschung ersparen will, wenn das Erbetene nicht eintrifft. Das heißt aber doch indirekt: ich rechne überhaupt nicht groß damit, dass Gott wirklich konkret Einfluss auf mein Leben nimmt. Und so wird unter der Hand die Kategorie „Hoffnung“ etwas, das allenfalls das Eintreffen von etwas ohnehin Möglichem beschreibt. Das ist zwar nicht nichts – immerhin hätte alles ja auch ganz anders kommen können. Aber ist es noch das, was die Bibel meint, wenn sie schon von Abraham sagt: „Er hoffte, wo nichts zu hoffen war!“?
      
      Wir werden also von der biblischen Botschaft durchaus aufgefordert, von Gott etwas zu erhoffen, zu erbitten und dadurch zu zeigen, dass wir tatsächlich mit ihm rechnen. Aber nun ist das natürlich auch nicht ohne Probleme: wie gesagt: Gott ist nicht der Automat, in den wir oben einen Wunsch hineinstecken, und unten fällt seine Erfüllung heraus.
      
      Aber nun mal ganz ernsthaft gefragt: wäre das eigentlich erstrebenswert? Und ist es wirklich Anlass zur Enttäuschung, dass Gott nicht so ist? Was wäre das für ein Gott? Wenn wir mit diesem Wort „Gott“ noch irgendetwas verbinden, was mit „Geheimnis“ zu tun hat, mit einer Sphäre, die uns Menschen entzogen bleibt, dann kann Gott schlichtweg nicht so ein Automat sein. Dann wäre er nicht mehr der eigentlich Handelnde; er wäre nicht mehr Subjekt, sondern nur noch Objekt unserer Wünsche, um nicht zu sagen: Erfüllungsgehilfe, Steigbügelhalter unserer Lust und Laune. Sofern zu „Gott“ noch in irgendeiner Form dies gehört, dass er der Herr der Welt ist, dann kann er das alles nicht sein.
      
      Und ich unterstelle einmal: im Grunde wissen wir nicht nur, dass er so nicht ist, sondern wir wissen auch, dass das letztlich gar kein erstrebenswerter Gott wäre, ja dass er uns so nicht gut täte – ebenso wenig wie es etwa dem Fischer und seiner Frau im besagten Märchen gut getan hat, alle Wünsche durch den Fisch erfüllt zu bekommen. Dadurch wurde nur menschliche Maßlosigkeit gefördert. Je mehr ihr erfüllt wird, desto unheimlicher wird einem diese Frau.
      
      Oder nehmen wir einen Vergleich aus unserem Alltag: wäre es wirklich erstrebenswert, dass Mutter und Vater ihrem Kind jeden Wunsch umgehend und vollständig erfüllen? Sicherlich nicht. Und ich behaupte: das wird das Kind mit zunehmendem Alter auch erkennen. Es wird eines Tages seinen Eltern für manche Durststrecke in seinem Leben, auch für manches zunächst einmal nervige Einwirken der Eltern auf sein Leben regelrecht dankbar sein. Und zwar deshalb, weil die Eltern es gerade durch manche Enttäuschung zwingen, zu reifen, erwachsen zu werden. Und wenn dieser ganze Erziehungsprozess gut verläuft, dann wird da nachher ein Mensch stehen, der es gelernt hat, auch mit den Schattenseiten des Lebens zurechtzukommen, zumindest daran nicht völlig zu verzweifeln.
      
      Und wir wissen, dass gerade solch eine Erziehung zu einem reifen Menschen für die Eltern keine leichte Sache ist. Oft wäre es leichter und angenehmer, dem Kind einfach zu geben, wonach es verlangt. Denn wenn es das nicht bekommt, beginnt es zu schreien, sich zu beschweren und den Eltern damit das Leben schwer zu machen. Aber da muss man dann sowohl als Vater und Mutter als auch als Kind halt mal durch, eines höheren Zieles wegen. Ja es ist ein ganzes Stück weit eine Würdigung des Kindes durch seine Eltern, wenn diese ihm nicht jeden Wunsch von den Lippen ablesen und im Handumdrehen erfüllen. Dabei kommen bekanntlich nur verwöhnte Blagen heraus, die für ihre Mitmenschen ziemlich unerträglich sind – eben wie die Frau des Fischers im Märchen.
      
      Allerdings: eines ist vor allem anderen wichtig: auch hinter der Weigerung eines Vaters oder einer Mutter, dem Kind eine Bitte zu erfüllen, muss immer dieses höhere Ziel stehen, das Kind letzten Endes weiter nach vorn zu bringen, oder anders gesagt: ihm letzten Endes nicht etwa weniger zu geben, als es erbittet, sondern im Gegenteil: mehr und vielleicht auch: Anderes – soviel, wie es selber gar nicht erbeten hätte! Niemals darf es so sein, dass Eltern aus Desinteresse oder Gleichgültigkeit ihrem Kind eine Bitte abschlagen. – Aber nun, wenn wir das anerkennen, nun stellt sich die spannende Frage: wie ist das denn bei Gott? Was gibt er uns denn nun wirklich – gerade wenn wir oft das Vordergründige, das wir gern hätten, nicht bekommen? Was lässt er uns finden, wenn wir das, was wir vor unserem inneren Auge schon sehen, nicht immer finden können? Inwiefern öffnet er uns die Tür, wenn wir doch oft den Eindruck haben: gerade da, wo ich mir eine Tür offen wünsche, bleibt sie verschlossen?
      
      Ich nehme eine erste Hilfe zur Beantwortung dieser Fragen aus dem zweiten Teil unseres Predigttextes. Da vergleicht Jesus Gott mit einem Vater: der wird von seinem Sohn um einen Fisch gebeten bzw. um ein Ei – um Grundnahrungsmittel also, die er zum Leben braucht. Und dann heißt es: der Vater gibt dem Sohn jedenfalls keine Schlange und keinen Skorpion – giftige, gefährliche Tiere also. Anders gesagt: er gibt seinem Sohn jedenfalls nicht das Gegenteil dessen, worum er bittet: wo der Sohn sein Leben sichern will, da wird der Vater ihn nicht dem Tode preisgeben. Ich interpretiere mal weiter: vielleicht gibt er ihm genau das, was er erbittet: den Fisch und das Ei. Vielleicht aber auch etwas Anderes, aber mit demselben Ziel: seinem Sohn das Leben zu ermöglichen. Vielleicht ein Stück Brot, oder eine Kanne Milch. Oder er gibt dem Sohn ganz einfach den Rat: „Hör zu: was Du suchst, ist hier oder dort; geh hin und hol es Dir!“ Sollte der Sohn nun sauer auf den Vater sein, weil er ihm seine Bitte nicht ganz konkret und gemäß seinem „Wunschzettel“ formuliert hat? Sollte er nicht eher dankbar sein: ich wollte ein „Lebensmittel“, und Du hast es mir gegeben; vielleicht in anderer Form, oder – im Grunde ja noch besser: Du hast mich befähigt, es selber zu finden. Immerhin: jetzt, im Nachhinein, glaube ich: Irgendwie hast Du es gesteuert, dass ich bekam, was ich brauchte. Und darauf kommt es an!
      
      Und dann bietet unser Bibeltext noch eine zweite Hilfe an: wie ist das, wenn ich den Eindruck habe: ich bitte, und dann bekomme ich doch nicht das, worum ich gebeten habe? Die zweite Hilfe, die ich meine, sie liegt im letzten Vers unseres Textes verborgen, und der ist in der Tat geneigt, alles Bisherige auf den Kopf zu stellen – dann jedenfalls, wenn wir meinen sollten, es gehe hier darum, dass Gott uns möglichst schnell und umfassend alle unsere Wünsche zu erfüllen hätte: Jesus sagt: Wenn nun auch ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten?
      
      Was ist die Gabe Gottes, von der hier die Rede ist? Der „heilige Geist“. – Ich spüre, wie sich an dieser Stelle Unzufriedenheit unter uns breit macht. Mal ehrlich: wer bittet denn schon darum: um den „heiligen Geist“? Bei uns hier und heute jedenfalls! Und im übrigen: wie sollten wir je zweifelsfrei feststellen, ob Gott ihn uns gegeben hat oder nicht? Heißt es nicht auch in der Bibel, und ebenfalls aus dem Munde Jesu: „Der Geist weht, wo er will!“? Und schon wirkt die ganze kleine Szene aus Lukas 11 wie eine große Mogelpackung: erst wird ganz dick aufgetragen; es werden riesige Erwartungen geweckt – und dann entpuppt sich alles als Schaumschlägerei, die sich in der Alltagswirklichkeit nicht nachweisen lässt. Na toll!
      
      Aber auch an dieser Stelle rate ich uns zur Vorsicht, wenn wir nun allzu schnell ein vernichtendes Urteil über Jesu Worte fällen wollen. Zunächst machen wir uns einmal klar: Jesus will durch den Vergleich Gottes mit dem Vater zeigen: Gottes Gabe ist nicht etwa kleiner als das, was der Vater seinem Sohn geben kann und selbstverständlich geben wird, nein im Gegenteil: sie ist größer!
      
      Und dann: der „heilige Geist“ steht in der Bibel in der Tat und ganz grundsätzlich für etwas, was sich niemand selber geben kann, was wir vielmehr nur von Gott erbitten können: die – ich nenne es mal so: „Lebenskraft“ durch und durch! Wer darum bittet, bittet also gerade nicht um etwas Abstruses, Uninteressantes oder gar Überflüssiges, im Gegenteil: er bittet um das „Lebenselixier“ schlechthin, um die Energiequelle sozusagen, die ihm in jeder Situation soviel Widerstandskraft geben möchte, wie er braucht! Die Bitte ist also gar nicht abseitig, sondern sie ist im besten Sinne massiv, ja unbescheiden! Und Gott will offensichtlich in diesem Sinne durch und durch unbescheidene Beter! Er will so gebeten werden, weil allein er der Adressat ist, der so eine Bitte überhaupt erfüllen kann! Hier gilt in der Tat das Sprichwort: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!“
      
      Wobei Gott freilich für die, die sich bittend an ihn wenden, immer auch Irritationen, oder positiver formuliert: Überraschungen bereit hält:
      Noch mal ein Blick auf den Konfirmandenunterricht: Beten – nutzt das was? Beispiel Mary Verghese: eine  junge, kurz vor dem Examen stehende indische Ärztin, seit einem Autounfall ist sie von der Hüfte abwärts gelähmt; sie hat diese Krankheit nie im medizinischen Sinne besiegt, aber gelernt, mit ihr zu leben. Und sie wurde eine aus dem Rollstuhl heraus arbeitende Spezialchirurgin, die anderen Behinderten viel Mut gegeben hat. Sie hat ein Buch geschrieben: „Ich bat ihn (Gott) um Füße, und er gab mir Flügel.“ Ich finde diesen Titel zutiefst beeindruckend. Er beschreibt besser als jede Erklärung, wie das bei Gott gehen kann: da bittest du etwas, ja du bittest inständig, und das, was du erbittest, ist ja nun wahrlich nichts Unnötiges oder Unverschämtes. Er gibt es dir nicht. Ja du erlebst so manche Enttäuschung mit Gott. Und dann, manchmal von jetzt auf gleich, manchmal eher langsam in kleinen Schritten, da stellst du fest: er hat dir doch etwas gegeben. Etwas, um das zu bitten dir niemals eingefallen wäre. Ja etwas, das zu bekommen völlig außerhalb deines Blickfeldes lag. Etwas, das dir nicht alles Leid erspart, wohl wahr! Aber etwas, das dich tatsächlich wieder aufleben lässt, wie du es nie für möglich gehalten hättest!
      
      Nun weiß ich ja nicht, liebe Gemeinde, ob Ihnen so ein Hinweis auf einen Menschen wie Mary Verghese etwas bringt. Ich weiß durchaus, dass es Menschen gibt, denen Gott – um mit Mary Verghese zu sprechen – weder Füße noch Flügel verleiht. Lückenlos systematisieren und für allgemeingültig erklären können wir Jesu Worte nicht. Und es wird uns auch weiterhin so manche Anfechtung begleiten über Gebete, auf die wir keine Antwort hören können. Aber vielleicht können wir doch einander Mut machen, und zwar gleich zu Mehrerem:
1. es mit dem Beten doch einfach mal wieder oder auch erstmals ernsthaft zu versuchen! Vielleicht steckt ja doch mehr dahinter, als wir auf den ersten Blick glauben,
2. Durchhaltekraft mitzubringen und offen dafür zu sein, Gott auch wirklich in unserem jeweiligen Leben zu entdecken – vielleicht auch ganz anders, als wir es uns zunächst zurecht gelegt hatten,
3. die Hoffnung nicht aufzugeben, dass wir nicht nur nicht weniger , sondern am Ende sogar mehr von Gott bekommen werden, als wir überhaupt auf die Idee kommen von ihm zu erbitten.

      Letzten Endes, liebe Gemeinde, ist das Gebet der Test darauf, wie es um unser Verhältnis zu Gott steht: „Man kann nicht anders beweisen, dass man mit der Wirklichkeit Gottes rechnet, als dass man zu ihm betet.“ So sagt es der Theologe Gerhard Ebeling. Ich meine, er hat Recht. Und demjenigen, der es im Gebet mit Gott versucht, dem steht, so sagt es Jesus, noch manche Überraschung bevor. Es wäre schade, würden wir uns darum bringen, sie erleben zu dürfen! Amen.