Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Die „Rachepsalmen“

Teil 1 der Predigtreihe: „Und das steht in der Bibel?
Empörendes und Verstörendes aus dem Alten und dem Neuen Testament“

 

 

     „Gott der Rache, HERR, Gott der Rache, erscheine! Erhebe dich, du Richter der Welt; vergilt den Hoffärtigen, was sie verdienen! HERR, wie lange sollen die Gottlosen, wie lange sollen die Gottlosen prahlen? Es reden so trotzig daher, es rühmen sich alle Übeltäter. HERR, sie zerschlagen dein Volk und plagen dein Erbe. Witwen und Fremdlinge bringen sie um und töten die Waisen und sagen: Der HERR sieht’s nicht, und der Gott Jakobs beachtet’s nicht.

    Merkt doch auf, ihr Narren im Volk! Und ihr Toren, wann wollt ihr klug werden? Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen? Der die Völker in Zucht hält, sollte der nicht Rechenschaft fordern – er, der die Menschen Erkenntnis lehrt? Aber der HERR kennt die Gedanken der Menschen: sie sind nur ein Hauch!

    Wohl dem, den du, HERR, in Zucht nimmst und lehrst ihn durch dein Gesetz, ihm Ruhe zu schaffen vor bösen Tagen, bis dem Gottlosen die Grube gegraben ist. Denn der HERR wird sein Volk nicht verstoßen noch sein Erbe verlassen. Denn Recht muss doch Recht bleiben, und ihm werden alle frommen Herzen zufallen.

    Wer steht mir bei wider die Boshaften? Wer tritt zu mir wider die Übeltäter? Wenn der HERR mir nicht hülfe, läge ich bald am Orte des Schweigens. Wenn ich sprach: Mein Fuß ist gestrauchelt, so hielt mich, HERR, deine Gnade. Ich hatte viel Kummer in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele.

    Du hast ja nicht Gemeinschaft mit dem Richterstuhl der Bösen, die uns das Gesetz missbrauchen und Unheil schaffen. Sie rotten sich zusammen wider den Gerechten und verurteilen unschuldig Blut. Aber der HERR ist mein Schutz, mein Gott ist der Hort meiner Zuversicht. Und er wird ihnen ihr Unrecht vergelten und sie um ihrer Bosheit willen vertilgen; der HERR, unser Gott, wird sie vertilgen.“

      „Gott der Rache, HERR, Gott der Rache, erscheine!“ -  liebe Gemeinde: „Und das steht in der Bibel?“ So steht es nicht nur über der Predigtreihe, die heute beginnt, so mag mancher unter uns auch beim Hören dieses Psalms gedacht haben. „Empörend“ und „verstörend“ wirkt er über lange Strecken, und so gar nicht „biblisch“, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie wir es meist gern hätten. Der „liebe Gott“ jedenfalls kommt hier nicht vor. Gerade deshalb, weil der Psalm so wirkt, habe ich ihn für den heutigen Gottesdienst ausgewählt! Gerade um solche Bibeltexte einmal aus der Versenkung zu holen, habe ich mir diese Predigtreihe überlegt. Wahrlich nicht, weil ich solche Verse nun besonders schön fände – im Gegenteil: am liebsten möchte ich sie ganz unten in der Versenkung verschwinden lassen. Und es dürfte kein Zufall sein, dass man sie in unseren Gottesdiensten kaum zu Gehör bekommt.
      
      Denn wir gehen mit der Bibel schon auf eine Art und Weise um, die ziemlich fragwürdig ist. Sonntag für Sonntag werden da Texte als Lesungen oder als Grundlage für die Predigt vorgetragen, und sie sind wohl ausgewählt. Aber mit jedem Text, den man auswählt, trifft man auch eine Entscheidung gegen viele andere Texte. Und dabei fällt sehr viel hinten runter: wenn wir einmal die Bibeltexte, die regelmäßig in der Kirche erklingen, den anderen gegenüber stellen, die niemals hier laut werden, dann haben Letztere ganz eindeutig das Übergewicht.
      
      Und gerade die unangenehmen Texte kommen bei einer solchen Auswahl nicht vor – kein Wunder, wenn man bedenkt, wie wenig geeignet sie für die kirchliche Verkündigung erscheinen! Sie wirken nicht gerade werbend für den Glauben, sondern bestätigen oder wecken alle Kritik, die dem Glauben und der Kirche gern entgegengebracht werden. Sie sind kontraproduktiv – also raus damit!
      
      Aber ist das nicht in einem hohen Maße unredlich? Ist die Bibel ein Buch, aus dem man sich gleichsam nur die Rosinen herauspicken kann, ohne sich an ihrer Gesamtheit zu vergehen? Kann peinlich berührtes Verschweigen seitens der Theologen eine geeignete Methode des Umgangs mit bestimmten Bibeltexten gegenüber der Gemeinde sein?  
      
      Ich möchte dieser in der Kirche weithin praktizierten Unart durch die Predigtreihe ein wenig entgegensteuern. Das ist unangenehm, für Sie und auch für mich – wohl wahr. Und doch verbinde ich Hoffnungen damit: zum einen hoffe ich, dass sogar diese Texte „irgendwo“ eine Botschaft für uns haben. Ja, ich will auch diese Texte als Bestandteil dessen würdigen, was wir „Heilige Schrift“ nennen. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch zur Auseinandersetzung anregen; ich möchte  diese Texte mit anderen Bibeltexten gleichsam in ein Gespräch bringen und von da her ihren Stellenwert im Ganzen der Bibel zu bestimmen versuchen. Und wo begründeter Widerspruch gegen diese Texte laut werden muss, da soll er es auch. Das ist allemal besser, als wenn wir das Unangenehme einfach unter den Tisch fallen ließen.
      
      Soviel steht jedenfalls fest: die Bibel ist keine Sammlung „goldener Worte“, nein: sie ist rau und sperrig und stellt sich quer zu mancher trivial-religiöser Erwartung, die wir in oberflächlicher Manier oft an sie haben. Auf den ersten Blick ärgert uns das vielleicht. Aber ich möchte gleich hinzufügen: Gott sei Dank ist die Bibel so rau und sperrig, wie sie ist! Nur so bleibt sie lebensnah, so wahr im richtigen Leben eben auch nicht alles glatt und widerspruchsfrei zugeht! Insofern bin ich der Kirche dankbar und habe großen Respekt davor, dass sie allen Versuchen widerstanden hat, sich die Bibel „schönzuschreiben“: das Unangenehme und Widerspruch Provozierende einfach zu tilgen und nur das schnell Konsensfähige übrig zu lassen. Solche Versuche hat es gegeben: der Theologe Markion hat in den Anfängen der Kirchengeschichte mit Bemühungen um eine „gereinigte“ Heilige Schrift die Kirche in eine lebensbedrohliche Zerreißprobe geführt. Aber er hatte letztlich keinen Erfolg – ich meine: zum Glück!
      
      Und noch etwas ist wichtig: vielleicht meint mancher, die unangenehmen, schockierenden, peinlichen Bibelstellen seien eine typisch alttestamentliche Angelegenheit. Da müsse man also vom christlichen Glauben her ansetzen, Vieles nachbessern, und die Botschaft des Neuen Testaments bügle sicher so manches grade, was im Alten Testament so anstößig ist.
      
      Hier kann ich nur sagen: Vorsicht! So einfach ist die Sache nicht! Ich habe in dieser Predigtreihe sehr bewusst 3 Gottesdienste zum Alten Testament und 3 zum Neuen Testament vorgesehen! Schockierende Passagen gibt es in beiden Testamenten, ebenso wie beide wunderschöne Texte enthalten, die wie Balsam für die Seele wirken. Verfallen wir hier also nicht in Klischees, die sich am Ende in gefährlicher Manier als antijüdisch entpuppen! –
      
      „Gott der Rache, HERR, Gott der Rache, erscheine!“ -  liebe Gemeinde: das ist der Beginn des Psalms 94 aus dem Alten Testament, aber das Neue Testament steht dem nicht nach, wenn wir an den letzten Vers des Lesungstextes aus Matthäus 24 denken: „Dann wird der Herr den Knecht in Stücke hauen lassen und ihm sein Teil geben bei den Heuchlern; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ – Was ist das für ein Gott, mit dem wir es hier im Alten wie im Neuen Testament zu tun bekommen? Ein blutgieriger Moloch, sozusagen „Gott-zilla“ senkrecht von oben? Was für kranke Geister lassen sich solche Geschichten einfallen? Welche Psychopathie bricht sich hier Bahn? Der Freiburger Psychologieprofessor und Kirchenkritiker Franz Buggle schreibt über die Psalmen: Sie sind „ein in weiten Teilen und selten sonst so zu findendem Ausmaß von primitiv unkontrollierten Hassgefühlen, Rachebedürfnissen und Selbstgerechtigkeit bestimmter Text.“
      
      Nun, bevor wir so angewidert reagieren, sollten wir zumindest genau hinschauen, worum es genau geht, wer hier spricht und aus was für einer Situation heraus. Manches Unverständnis unsererseits gegenüber solchen Texten dürfte eine Menge damit zu tun haben, dass es uns heute so unverschämt gut geht, jedenfalls im Vergleich zu denen, die hier schreiben bzw. sprechen oder genauer gesagt: schreien. Der Theologe Norbert Lohfink stellt fest: „Der Beter und seine Feinde – das ist einfach das dominante Thema des Psalters.“
      
      Hier ist das eindeutig: „Es reden so trotzig daher, es rühmen sich alle Übeltäter. HERR, sie zerschlagen dein Volk und plagen dein Erbe. Witwen und Fremdlinge bringen sie um und töten die Waisen...“
      
      Feinde zu haben, unter ihnen zu leiden, Tag und Nacht in Angst und Bedrohung leben zu müssen – das kennt unsereiner so gut wie gar nicht mehr. Aber hier, in den Psalmen, da sprechen, seufzen und schreien Menschen, Angehörige des Volkes Israel aus höchster Not heraus. Menschen, die erfahren haben, was es bedeutet, dem Tod geradewegs ins Gesicht zu blicken, denen vielleicht ihre Habe und nicht selten auch ihre Liebsten genommen wurden. Ohnmächtig wenden sie sich an die einzige Adresse, die ihnen noch bleibt: an Gott. Da spricht man nicht mehr wohl abgewogen: einerseits – andererseits; vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Nein, es ist geradezu Zeichen eines letzten Restes an seelischer Gesundheit, wenn jemand in so einer Situation nicht apathisch erstarrt, sondern in der Lage ist, sein Leid zu artikulieren und es herauszulassen!
      
      Als meine Familie und ich 1994 aus dem Völkermord in Rwanda geflohen waren, wurde ich um die Predigt in einem Gedenkgottesdienst für einige den Veranstaltern persönlich gut bekannte ermordete Rwander gebeten – hier in Bonn übrigens, in der katholischen Kirche St. Helena in der Bornheimer Straße, noch bevor klar war, dass wir schließlich selber in Bonn landen würden. Ich wälzte meine Bibel hin und her auf der Suche nach einem geeigneten Predigttext. Und nach langem hilflos-verzweifelten Suchen landete ich bei Psalm 94 – zum allerersten Mal; noch nie hatte ich darüber je gepredigt. Aber zum ersten Mal in meinem Leben war ich da plötzlich in einer Situation, wo ausgerechnet dieser Psalm mir die Worte zur Verfügung stellte, die ich brauchte. Dieser Psalm, den ich früher auch immer wie manchen anderen Bibeltext verschämt aus meinem theologischen Repertoire ausgeblendet hatte –  auf einmal begann er zu sprechen! Die extreme Herausforderung und Belastung, unter der ich stand, etwas zu sagen angesichts dieses furchtbaren Völkermordes, dem ja auch etliche meiner Freunde und Kollegen zum Opfer gefallen waren, diese extreme Belastung konnte sich nur in diesem seinerseits extremen Text Luft verschaffen!
      
      Soviel sollte also klar sein: dies ist ein Text für einen Leidenden, einen zutiefst Gedemütigten. Der, dem es gut geht, hat sicher kein Recht, so zu sprechen. Es geht nicht darum, dass jemand seinen latenten Sadismus nun auf einmal mit biblischen Worten artikulieren könnte! Nur die extreme Not legitimiert so einen Text. Aber für diese Not kann so ein Text bisweilen die letzte Zuflucht sein, die letzte Sprachhilfe, die den Leidenden überhaupt noch erreicht!
      
      Und dann ist es allerdings auch wichtig zu sehen: diese Psalmen sind bei allem „Extremismus“ in ihrer Wortwahl doch nicht einfach nur Hasstiraden. Es artikuliert sich in ihnen nicht einfach nur blinde Wut. Sie sind nicht nur Ventil angehäuften Leidensdruckes und angestauter Aggression. Von Rache ist die Rede, ja, von Vergeltung, aber diese wird Gott anvertraut. Er soll sie üben. Nun mag man einwenden: es blieb dem Beter ja auch keine Möglichkeit, selber dreinzuschlagen. Er ist ja am Boden zerstört. – Gut, aber zugleich begegnen wir im Alten Testament immer wieder dieser Vorstellung, dass Rache grundsätzlich nicht den Menschen zukommt: „Mein ist die Rache!“, spricht der HERR. So heißt das dann. Und das nicht, weil es Gott besonderen Spaß machte, nun so richtig loszulegen, sondern, weil bei ihm gerade diese so schwere Aufgabe, bei der man so leicht über jedes Ziel hinausschießt, besser aufgehoben ist, als sie es bei Menschen je sein könnte.
      
      Das ist ähnlich wie mit dem staatlichen Gewaltmonopol bei uns heute. Aus gutem Grunde liegt das eben nicht bei irgendwelchen Privatpersonen. Und aus ebenso gutem Grunde reklamiert Gott in der Bibel dieses Gewaltmonopol für sich.
      
      Machen wir uns einen Moment lang klar, was es bedeuten würde, wenn es kein solches Gewaltmonopol gäbe: wo man es ohne ein solches probieren würde, wo „An-archie“ umzusetzen versucht würde, würde die Gewalt mitnichten aus der Welt verschwinden! Sie würde vielmehr im Handumdrehen von denen geübt werden, die am skrupellosesten und brutalsten sind. Ruckzuck hätten wir das Gesetz des Dschungels. Um das zu vermeiden, bedarf es eines geordneten, an Recht und Gesetz gebundenen Gewaltmonopols. Wenn dem Schwachen Unrecht widerfährt, so ist das zu ahnden. Wenn, wie in der neutestamentlichen Lesung vorhin, ein Vorgesetzter seine Untergebenen schikaniert und quält, dann geht es ohne empfindliche Strafe nicht ab. Und wenn wir leider nun mal in einer Welt von Mord und Totschlag leben, dann hat es einen guten und wichtigen Sinn, wenn wir im Glaubensbekenntnis von Jesus Christus sagen: er kommt zu richten die Lebenden und die Toten. Die einseitige Rede von der Liebe, die nicht auch von der Gerechtigkeit spricht, sie ist zutiefst tyrannisch, hohl, menschenfeindlich. Ein „lieber Gott“ ohne Gewaltmonopol, er wäre eine Witzfigur und unseres Glaubens nicht würdig! Genau dafür scheinen die Verbrecher, von den Psalm 94 spricht, Gott ja zu halten: angesichts aller ihrer Verbrechen heißt es von ihnen: „Sie sagen: Der HERR sieht’s nicht, und der Gott Jakobs beachtet’s nicht.“ Demgegenüber packt der Psalmist Gott geradezu bei seiner Ehre: Willst du dir das attestieren lassen? Willst du dich so vorführen lassen? Wenn nicht, Gott, dann – modern gesprochen: zeig diesen großmäuligen Verbrechern mal so richtig, wo der Hammer hängt!
      
      So verstanden wird der Psalm ja vielleicht doch etwas nachvollziehbarer. Wobei ich vermute: es bleibt auch jetzt noch einiges an Distanz unsererseits. Wir erkennen vielleicht an: ja, Strafe muss es geben. Aber was für Strafen? „Rache“ – das klingt fast automatisch nach „blinder Rache“, also nach maßloser Rache, nach Vendetta, so wie wir das von der Mafia kennen: ein getötetes Familienmitglied auf der einen Seite schreit nach mehreren zu tötenden Mitgliedern der Familie auf der anderen Seite.
      
      Ich gebe zu: es gibt Bibeltexte, wo die Strafe Gottes maßlos erscheint. Etwa in unserem – wie gesagt: neutestamentlichen! – Lesungstext aus Matthäus 24: da ist es sicher nicht in Ordnung, dass der Vorgesetzte seine Arbeiter schikaniert – aber ihn dafür in Stücke hauen? Was soll das?
      
      Hier kommen wir an einen Punkt, der uns in der gesamten Predigtreihe noch oft beschäftigen wird: die Bibel selbst kann von maßloser Rache reden, sogar mit Gott als Rächer, und sie tritt auf der anderen Seite doch zugleich der Maßlosigkeit der Rache entgegen. Im Verlaufe unseres Psalms heißt es ja: „Recht muss doch Recht bleiben!“ Davon weiß der Beter etwas, auch wenn er in seinem ohnmächtigen Zorn an anderer Stelle Gott dazu aufruft, der solle die Feinde „vertilgen“. Hier gilt eindeutig: der Beter schießt übers Ziel hinaus. Es mag verständlich sein, dass er das in seiner Verzweiflung tut. Aber es wird dadurch von der Sache her nicht richtiger.
      
      Vielleicht haben Sie auch von dieser grauenhaften Geschichte des kleinen Mädchens Ayla gehört, das einem Sexualmord zum Opfer fiel. Der Mörder wurde gefasst und vor wenigen Tagen verurteilt. Nun ging der Vater des Mädchens hin und machte die Wohnung der Lebensgefährtin des Mörders ausfindig. Er stellte sich davor und drohte damit, diese Frau samt ihren Kindern umzubringen, aus Rache für den Mord an seiner Tochter. Und da frage ich nun: wer könnte diesen Vater für seine bedrohende Rhetorik wirklich kritisieren? Im Grunde ist er doch völlig ohnmächtig und hilflos; er weiß doch selber, dass nichts auf der Welt ihm seine Tochter wiederbringen wird. So ist seine Drohung ein Ausdruck eben dieser Ohnmacht und Hilflosigkeit. Zugleich ist natürlich klar: Der Rechtsstaat darf es nicht zulassen, dass der Mann am Ende wirklich seine Drohung wahr zu machen versucht. Diese Lebensgefährtin des Mörders und ihre Kinder, sie leiden ohnehin schon mehr als genug – obwohl sie gar nichts verbrochen haben! Wo nötig, muss der Rechtsstaat sie nach Kräften schützen. Mag auch der Schrei nach maßloser Rache nachvollziehbar sein, sie selber darf auf keinen Fall geübt werden. So ist es gut und notwendig, dass es ein Gewaltmonopol gibt – und es ist eine hohe Kunst, es verantwortlich auszuüben!
      
      Und dass die Bibel schon im Alten Testament einer maßlosen, blinden Rache gerade nicht das Wort redet, sehen wir schon an dem klassischen Text des Alten Testaments zu Rache und Vergeltung: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ – Hier wird eben keineswegs zur Rache gerufen; es wird vielmehr die Rache begrenzt: sie ist nun nicht mehr maßlos, sondern ihr Maß ist der Schade, der nach Ausgleich verlangt. Es bedeutet eine kulturhistorische Leistung ersten Ranges, dieses Prinzip gegen alle Bestrebungen einer Vendetta durchgesetzt zu haben!
      
      Und doch kann man fragen: sollte das alles sein? Stellt Jesus nicht dem „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ noch etwas ganz Anderes entgegen: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar!“?
      
      Liebe Gemeinde, darüber eingehend nachzudenken, würde eine eigene Predigt erfordern. In der Tat sind die Rachepsalmen nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn es darum geht, über angemessene Reaktionen gegenüber Verbrechern nachzudenken. Aber sie sind auch und erst recht nicht einfach Ausdruck einer psychopathischen Sehnsucht nach Gewalt gegen andere. Nein, sie sind zum einen der letzte „kommunikative Strohhalm“, der den Leidenden bisweilen noch bleibt. Und zum anderen erinnern sie daran, dass es Gott allein zukommt, über die letztendliche Bestrafung von Verbrechern zu befinden. So schaffen sie den Bedrängten die ersehnte Luft, und zugleich kanalisieren sie alle Vergeltungsansprüche in Richtung auf den, der allein angemessen darüber befinden kann und wird. Sie mögen uns trotz allem nicht sympathisch sein, aber ich hoffe, wir erkennen jetzt besser, dass sie alles andere als einfach destruktiv sind. Sie haben vielmehr ungeachtet mancher Überzeichnung ihren guten Sinn: in seelsorglicher Hinsicht für den Leidenden, der sie betet, und in ethischer Hinsicht für eine Rechtspraxis, die gerade nicht maßlos zuschlägt, wo irgendwer das möchte.
      
      Und so habe jedenfalls ich meine Meinung im Laufe der Zeit geändert: ein Rachepsalm wird sicher nie mein Lieblingstext in der Bibel werden, aber in bestimmter Hinsicht bin ich inzwischen fast froh, dass auch solche Texte in der Bibel Raum gefunden haben. Es gibt Situationen, da helfen sie – und da hilft nichts Anderes. Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.