Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Gott als Urheber des Bösen in der Welt?!

Teil 2 der Predigtreihe: „Und das steht in der Bibel?
Empörendes und Verstörendes aus dem Alten und dem Neuen Testament“

 

 Liebe Gemeinde,
      „unde malum?“ So fragten schon die alten Lateiner. Zu deutsch: „Woher kommt das Böse?“ – Diese Frage bewegt die Menschheit seit alters her, und es dürfte kaum eine Frage geben, auf die zu antworten schwerer fiele als auf diese.
      
      Für den Glaubenden ist diese Frage vielleicht noch schwerer als für den Atheisten. Denn ersterer definiert sich ja förmlich dadurch, dass er allen Widerständen zum Trotz an seiner Hoffnung festhält und auf einen guten Gott hinter allem Bösen auf der Welt vertraut, der letzten Endes alles zum Guten wenden wird. Hier verändert sich die Frage nach dem Ursprung des Bösen ein wenig zur sogenannten „Theodizeefrage“, zur Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des Bösen in der Welt, zur Frage: „Wie kann Gott das Böse zulassen?“. Wenn denn solch ein Gott doch alle Fäden in der Hand hält, wenn er als Schöpfer des Universums geglaubt wird, als der, der alles, was lebt, irgendwann und irgendwie einmal ins Werk gesetzt hat – dann stellt sich die Frage nur umso dringlicher: „Unde malum?“ „Woher kommt das Böse?“ Es passt nun mal überhaupt nicht dazu, dass es im ersten Kapitel der Bibel nach jedem Schöpfungstag stereotyp im Hinblick auf die Schöpfungswerke heißt: Und Gott sah, dass es gut war. Und am Ende zusammenfassend sogar: Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!
      
      Ja sollte Gott da irgendetwas übersehen haben? Irgendeine „Lücke im System“, durch die nun gänzlich andere Mächte in die Welt eindringen können, ähnlich wie ein Virus in eine eben doch nicht nach allen Seiten hin abgeriegelte Gesellschaft? Aber vor allem: wie kommt es dazu, dass es diesen Virus überhaupt gibt? Jede Antwort ist irgendwo unbefriedigend. Die Theodizeefrage läuft, kurz gesagt, auf die wenig attraktive Alternative zu: entweder Gott kann das Böse nicht verhindern – das wirft die bange Frage nach der Allmacht Gottes auf; oder er will es nicht verhindern, ja er steht vielleicht sogar selber an seinem Ursprung – das wirft die sicher nicht weniger bange Frage nach Gottes Güte und Liebe auf. Beides zusammen scheint nicht zu gehen, nicht in dieser unserer Welt, in der das Böse mit Händen zu greifen ist.
      
      Ich habe vor vielen Jahren einen Vortrag gehört, der sich mit dieser unangenehmen und schwierigen Alternative beschäftigte. Er wurde gehalten von dem jüdischen Philosophen und Naturwissenschaftler Hans Jonas, der in Tübingen, wo ich damals studierte, einen Preis verliehen bekam. Unter dem Titel „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ kommt Jonas mit Blick auf die millionenfache Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten zu dem Schluss: „Nach Auschwitz können wir mit größerer Entschiedenheit als je zuvor behaupten, dass eine allmächtige Gottheit entweder nicht allgütig oder (...) total unverständlich wäre. Wenn Gott auf gewisse Weise und in gewissem Grade verstehbar sein soll (und hieran müssen wir festhalten!), dann muss sein Gutsein vereinbar sein mit der Existenz des Übels, und das ist es nur, wenn er nicht all-mächtig ist. (...) Kein rettendes Wunder geschah; durch die Jahre des Auschwitz-Wütens schwieg Gott. (...) Und da sage ich nun: nicht weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte, griff er nicht ein.“ Und zur „Erklärung des Bösen“ sagt Jonas: „... aus den Herzen der Menschen allein steigt es auf und gewinnt es Macht in der Welt.“
      
      Das heißt: Hans Jonas nimmt Abschied von der Vorstellung von Gott als Allmächtigem, um Gott als Liebenden zu retten. Dass er beides zugleich sein könne, sieht Jonas durch „Auschwitz“, wo übrigens auch seine Mutter ihr Leben verlor, widerlegt. Und nun das alles Entscheidende: in dieser aufs Höchste angespannten Situation erscheint Jonas der liebende und mit seinem Volk Israel in den Gaskammern sterbende Gott erstrebenswerter als der allmächtige Gott, der die Möglichkeit hätte, sich dem abgrundtief Bösen in den Weg zu stellen, dies jedoch aus welchem Grunde auch immer nicht tut. – Und ich sehe noch heute vor meinem inneren Auge, wie Hans Jonas, dieser faszinierende kleine Mann von damals bereits 81 Jahren, nach seinen Ausführungen tränenüberströmt das Podium verließ und einen Moment brauchte, bis er seine Fassung wiedergefunden hatte. –
      
      Woher kommt das Böse? Hans Jonas antwortet klar und deutlich: vom Menschen. Und Gott kann es nicht aus der Welt schaffen. Wobei eben diese Unfähigkeit in moralischer Hinsicht nun Gottes letzte Ehrenrettung darstellt.
      
      Liebe Gemeinde, bei allem hohen Respekt: ich stimme Hans Jonas hier nicht zu. Und ich denke: auch in der Bibel ist der Sachverhalt komplizierter. Lassen Sie mich eine Passage lesen aus dem Buch des Propheten Amos, Kapitel 3, die Verse 3-6 (ich lese die Übertragung von Jörg Zink):
      
    „Wandern denn zwei miteinander, es sei denn, sie hätten sich getroffen? Brüllt denn ein Löwe im Wald, es sei denn, er hätte seinen Raub? Gibt ein Junglöwe Laut aus seiner Höhle, es sei denn, er habe ein Opfer geschlagen? Fällt ein Vogel zur Erde, es sei denn, ein Fangnetz erfasste ihn? Oder schnellt eine Falle von der Erde, es sei denn, sie habe etwas gefangen? Bläst man etwa die Posaune in der Stadt, und das Volk erschrickt nicht? Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tut?“
      
      Soweit der Bibeltext: Fragen über Fragen. Aber nicht etwa, weil der, der sie stellt, ein Informationsdefizit hätte. Nein: was wir hier finden, ist eine Sammlung sogenannter rhetorischer Fragen, die ihre Antwort immer schon bei sich führen. Und wie lautet diese Antwort? Kurz gesagt: alles, was geschieht, hat einen Grund, eine Ursache: wenn 2 miteinander wandern, dann haben sie sich natürlich zuvor getroffen. Wo eine Falle zuschnappt, dann muss irgendetwas dort hineingeraten sein. Ja und dann der Vers, der es mehr als alle anderen in sich hat: Wenn ein Unglück geschieht, dann hat auch dieses seine Ursache. Und diese Ursache ist keine andere – als Gott selbst! Diese Feststellung soll sich also genauso von selber verstehen wie die anderen genannten?! Und das, obwohl sie von Gott so ziemlich das Gegenteil dessen sagt, was gemeinhin so mit ihm in Verbindung gebracht wird!! Wie sollen wir nun damit umgehen?
      
      Werfen wir einen Blick auf den Propheten Amos: er ist der erste der sogenannten Schriftpropheten im Alten Testament. Gott hat ihn berufen, um dem Volk Israel Gottes Strafe anzukündigen für alles, was sich das Volk an Verbrechen, an Übertretungen des göttlichen Gebotes geleistet hatte. Einer wie Amos ist kein Leisetreter: mit beißender Kritik prangert er insbesondere die sozialen Missstände an: die Unterdrückung der Armen im Nordreich des 8. Jahrhunderts vor Christus.  Amos geißelt sein Volk verbal, und er kündigt ohne Umschweife an, dass Gott es bald sehr real geißeln wird. Dass sich niemand darauf berufen möge, zum erwählten Volk zu gehören: wenn der meint, daraufhin Gottes Gebot vernachlässigen zu können, wird sich das Privileg seiner Angehörigkeit zum Volk Gottes geradezu gegen ihn kehren. Er meine nur ja nicht, Gott werde ihm zu Hilfe kommen, wenn das Nordreich nun bald durch die Assyrer bedrängt werde; im Gegenteil: Gott selber wird es sein, der sich der Assyrer bedient, um Gericht über sein aus dem Ruder gelaufenes Volk zu halten!
      
      Es geht also um Gott, den Richter alles Bösen. Hier berührt sich unser heutiger Predigttext mit dem des letzten Sonntags, wo wir ja auch sahen, wie Gott vom leidenden Psalmsänger förmlich angefleht werden kann, er möge endlich Rache üben. All das mag uns sehr fremd sein, aber soviel ist klar: das Böse, das Gott hier tut oder das zu tun er hier aufgerufen wird – es hat seinen Grund in dem Bösen, das einem Unschuldigen angetan worden ist und das nun nach Vergeltung ruft.
      
      Aber da kann man ja nun mit Fug und Recht einwenden: damit ist noch lange nicht das Problem des Bösen überhaupt gelöst! Ja man kann fragen, ob Strafe für das Böse überhaupt selber böse genannt zu werden verdient. Wie aber ist es mit dem Bösen, für das es nun schlechterdings keine Begründung gibt? Das einen Menschen überfällt, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen? Das große Erdbeben von Lissabon aus dem Jahre 1755 war es, das diese Frage in der beginnenden Neuzeit auf breiter Front wachgerufen hat. Und natürlich steht erst recht alles, was Hans Jonas mit dem Begriff „Auschwitz“ meint, auch in dieser Linie. Wir können auch den Tsunami vor gut einem Jahr hier nennen. Und mir drängen sich natürlich vor allem die furchtbaren Erinnerungen an Rwanda 1994 auf.
      
      Bei all diesen Ereignissen bleibt uns jeder Hinweis darauf, hier vollziehe sich womöglich ebenfalls Gottes Gericht an den Opfern dieser Katastrophen, hoffentlich im Halse stecken! Er wäre an Zynismus ja gar nicht mehr zu überbieten, zumal er ja in aller Regel von solchen Menschen gegeben wird, die selber nicht zu den Betroffenen zählen.
      
      Und doch regt sich jetzt in mir ein Einwand: was sollte eigentlich diese neuzeitlichen Katastrophen so radikal und grundsätzlich von den in der Bibel beschriebenen und als Gottesgericht gedeuteten Katastrophen unterscheiden? Wenn denn tatsächlich der Sieg der Assyrer über Israels Nordreich im 8. Jahrhundert vor Christus als Gericht Gottes an Israel zu verstehen sein soll: wird da nicht eine Kollektivstrafe über ein ganzes Volk verhängt, wo die Schuldigen doch immer nur Einzelne sein können? Wenn Amos dies geißelt, die Reichen hätten damals die Armen unterdrückt – nun gut: aber eben diese Armen werden doch genauso von der Katastrophe betroffen, die nun in Gestalt der Assyrer über das Land hereinbricht! Ja erfahrungsgemäß werden die Armen durch Katastrophen welcher Art auch immer noch viel mehr betroffen als die Reichen! Da hätte Gott der Richter dann ja wohl alles andere als „saubere Arbeit“ geleistet...
      
      Nein, jede Deutung einer Katastrophe hat ihre enormen Tücken. Und keine Deutung kann eine Katastrophe als Gottes Handeln verständlich machen, so dass unsereiner sagen würde: Ach so, na jetzt verstehe ich, warum Gott das gemacht hat. Nachdem du mir das so schön erklärt hast, empfinde ich das auch wirklich in allen Details als berechtigt!
      
      Nein: da mag es äußerlich aufweisbare Gründe und identifizierbare Verantwortliche geben, aber die Opfer sind eigentlich immer zum allergrößten Teil die Falschen. Was Rwanda 1994 angeht, so fallen mir innerhalb einer politischen Analyse schon diverse Gründe und Verantwortliche ein, die diese Katastrophe herbeigeführt haben. Aber wenn dann jungen Schwangeren die Bäuche aufgeschlitzt und Kleinkinder massakriert werden, spätestens dann verstummt jede Analyse. Was bleibt, ist die pure Barbarei. Und wo bleibt Gott?
      
      Wir werden also erneut zurückgeworfen auf die Theodizeefrage: „Warum lässt Gott das Böse zu?“ ja wir werden noch weiter zurückgeworfen auf die Frage nach dem Ursprung des Bösen: unde malum? – Woher kommt das Böse? Von Gott oder nicht von Gott? Wenn aber nicht von Gott, von wo dann? Ist er nicht der alleinige Schöpfer? Und selbst wenn man sagt: Gott hat uns Menschen eben frei erschaffen, und wir können unsere Freiheit eben auch zum Bösen einsetzen, zum Gegenteil dessen, was Gott will – selbst wenn man das sagt, dann bleibt eben doch noch genügend Böses auf der Welt übrig, für das wir schlechterdings keinen Menschen verantwortlich machen können. Da kommt es dann tatsächlich dahin, dass sich die Alternative von Hans Jonas förmlich aufdrängt: Gott kann nur entweder der Allmächtige oder der Allgütige, Allliebende sein. Und Hans Jonas sowie mancher Andere entscheidet sich für die Güte und die Liebe und gegen die Allmacht: so ist Gott ihm immer noch erträglicher, als wenn er andersherum entschiede.
      
      Ich deutete vorhin schon an: ich kann das nicht mitvollziehen. Warum nicht? Weil ich keinen Grund sähe, auf so einen Gott noch länger zu hoffen, auf ihn zu vertrauen, an ihn zu glauben als den Grund und das Ziel meines Lebens. Die moralische Ehrenrettung, die ihm bei Jonas und anderen heutzutage zuteil wird, sie wird erkauft um den Preis dessen, dass diese Liebe sich offensichtlich nicht durchsetzen kann, nicht nur jetzt im Moment nicht, sondern am Ende überhaupt nicht. Sie wird vergehen wie die Opfer in den Gaskammern und Schlachthäusern. Und da frage ich Sie, liebe Gemeinde: wem wäre mit einer solchen Liebe geholfen? Sie könnte nicht Gegenstand unseres Glaubens sein, allenfalls einer wehmütigen Sehnsucht, die doch weiß, dass sie nie zufriedengestellt wird und die deswegen bald in die pure Verzweiflung übergeht.
      
      Die Bibel weist uns einen anderen Weg. Wir sehen es bei Amos, und wir sehen es an anderen Stellen: sie versucht keine moralische Ehrenrettung Gottes, sondern in manchen Passagen geht sie so weit, ihn sogar für solche Ereignisse verantwortlich zu machen, die im glatten Gegensatz zu dem stehen, was er an anderer Stelle selber gebietet. So übrigens auch in unserem Lesungstext. Das mag uns schockieren oder gar anwidern. Aber ich halte es für aufrichtiger, als wenn man Gott immer gern und ausschließlich für das Gute in der Welt in Anspruch nähme, aber alles Böse systematisch von ihm fernhielte. Mit welchem Recht täten wir das? Die Bibel tut das nicht: dort artikulieren sich nicht nur wohl abgewogene Reflexionen über Gottes Güte und Liebe, sondern auch die Schreie zu Gott klagender, ja Gott anklagender Psalmisten wie die, die wir letzten Sonntag gehört haben. Ich sage Ihnen klipp und klar: mir ist eine Vorstellung von Gott lieber, die mich angesichts manches Bösen an den Rand der Verzweiflung führt, aber mir die Hoffnung auf eine einmal sich ereignende endgültige Vernichtung alles Bösen durch eben diesen Gott ermöglicht – diese Vorstellung ist mir lieber als eine, die mir einen gänzlich „lieben“ Gott präsentiert, ohne Ecken und Kanten, ja auch ohne manchen Anlass, an ihm irre zu werden, einen durch und durch gütigen und lieben Gott also, der jedoch außerstande wäre, seiner Liebe den nötigen Nachdruck zu verschaffen.
      
      Es ist uns nicht verheißen, alles und jedes, was Gott tut, nachvollziehen und verstehen zu können. Und doch gestehe ich Ihnen: ich bin froh, dass das so ist. Ein jederzeit nachvollziehbarer und verständlicher Gott wäre nur auf den ersten Blick erstrebenswert. Denn er wäre entzaubert. Er würde kein Geheimnis mehr bergen. Und im selben Moment wäre er – nicht mehr Gott. Nein, liebe Gemeinde, es bleibt dabei: wir werden Gott nicht immer verstehen. Und sollten doch nicht versuchen, diesen schwer auszuhaltenden Zustand mit einem Schlag durch den gordischen Knoten lösen zu wollen. Sondern wir sollten vor so manchem Leid lieber zugeben: es bleibt uns unverständlich. Ja es lässt uns gegen Gott revoltieren – und doch zugleich an der Hoffnung festhalten, dass Gott selbst eines Tages alle Knoten lösen wird. Gegen Gott an Gott glauben – anders könnte ich es jedenfalls nicht!
      
      Martin Luther hat in seinem Leben häufig diese Spannung empfunden: die Spannung zwischen seinem Glauben an den Gott der Liebe und der Erfahrung der seelischen Not, der Anfechtung, die vieles nicht mit dem in Einklang brachte, was auf der Seite des Glaubens doch gelten sollte. Diese Spannung hat Luther in ein Bild gebracht: er spricht vom verborgenen Gott und vom offenbaren Gott. Ersterer ist der Gott, den er nicht verstand, den er fürchtet und an dem er irre zu werden droht; letzterer ist der Gott, bei dem er Trost, Stärkung Zuspruch findet. Und er sagt: immer wenn ich dem verborgenen Gott zu verfallen drohe, flüchte ich mich förmlich zum offenbaren Gott.
      
      Ich finde dieses Bild faszinierend. Zunächst, weil Luther es sich ja nicht leicht macht: er verfällt nicht der Versuchung, den verborgenen Gott etwa nicht mehr „Gott“ zu nennen. Und obwohl es manchmal den Anschein hat, als zerfiele Gott für ihn in dieser Begrifflichkeit geradezu in 2 Götter, betrachtet er den verborgenen und den offenbaren Gott immer als zwei Seiten im einen Gott selber, zwei Seiten freilich, die einander in der Tat in höchster Spannung gegenüberstehen – doch genau dadurch wird diese Gottesvorstellung dem Leben gerecht, das ja seinerseits auch oft zum Zerreißen angespannt ist.
      
      Ein letzter Gedanke: Luther bezieht das Bild vom verborgenen und vom offenbaren Gott ganz besonders auf Jesus Christus am Kreuz. Da tritt uns ja äußerlich betrachtet der verborgene Gott in besonders krasser Form entgegen. Nichts als Leid, unverschuldetes Leid, Schmerz, Blut und Tod gibt es da zu sehen. Und zu hören gibt es den verzweifelten Schrei des Psalmisten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Und doch sagt das Neue Testament ganz deutlich: Gott ist es, der Jesus so „dahingegeben“ hat. Also einmal mehr: Gott an der Wurzel des grausamen Geschehens. Aber das Neue Testament sagt noch mehr: es spricht von Gott, der sich mit diesem Gekreuzigten identifiziert, der sich sein Leiden und seinen Tod sozusagen zueigen macht: „Siehe, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“ Und das Neue Testament sagt noch etwas: drei Tage später heißt es: „Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Anders gesagt: der Tod hat nicht das letzte Wort; die Liebe setzt sich durch und kommt zum Ziel.
      
      Ich gebe ja gern zu: das ist alles sehr verwirrend: zuerst: Gott gibt Jesus in den Tod; dann: Gott identifiziert sich mit dem, den er da in den Tod gegeben hat; schließlich: Gott erweckt den, den er in den Tod gegeben und mit dem er sich identifiziert hat, zu neuem, unzerstörbarem Leben. – Warum das alles? Ginge das nicht alles auch etwas weniger verwirrend, etwas einfacher?
      
      Offensichtlich nicht, liebe Gemeinde. Gott macht es jedenfalls nicht einfacher. Er fügt sich nicht unseren Erwartungen, dafür aber fügt er am Ende alles so zusammen, dass es stimmt. Es ist sicherlich eine furchtbare Vorstellung, Gott als Täter des Bösen oder zumindest als zeitweise bewusst passiv gegenüber dem Bösen anzunehmen. Aber ich meine: noch furchtbarer wäre die Vorstellung, das Böse geschehe gleichsam autonom, niemandem verpflichtet als sich selbst. Was wissen wir, was es noch für „Blüten“ triebe, wenn es nicht gleichsam in der Klammer der Allmacht Gottes geschähe? Wenn es selber allmächtig aufträte, ohne dass es eine Aussicht gäbe, es werde von irgendwoher auch einmal wieder begrenzt? Das wäre für mich die Horrorvorstellung schlechthin. Ihr gegenüber möchte ich an meinem Glauben festhalten: an meinem Glauben gegen Gott an Gott. Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.