Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

„Schwerter zu Pflugscharen!“ / „Pflugscharen zu Schwertern!“
Ja was denn nun? Widersprüche in der Bibel

Teil 3 der Predigtreihe: „Und das steht in der Bibel?
Empörendes und Verstörendes aus dem Alten und dem Neuen Testament“

 


Liebe Gemeinde,
    „Aus der Bibel kann man ja alles herauslesen!“ – so lautet ein bekanntes Urteil nicht weniger Menschen hier und heute, ein Urteil, das sie dazu veranlasst, die Bibel möglichst gar nicht erst aufzuschlagen. Ein begründetes Urteil? Oder vielleicht eher ein Vorurteil? Liegt das Problem wirklich in der Bibel? Oder brauchen manche Leute nur einen Vorwand, um ihr Desinteresse an diesem – zugegeben: recht dicken und in mancher Hinsicht unhandlichen Buch begründen zu können?

    Allerdings: wenn man sich zusätzlich zu diesem unhandlichen Buch das Theologengezänk seit 2000 Jahren vor Augen führt, so scheint das genannte Urteil über die Bibel tatsächlich recht gut begründet zu sein. Es ist wirklich nicht immer einfach mit diesem sogenannten „Buch der Bücher“! Manchmal ist es ja zum Verzweifeln: auf welche Frage hätte insbesondere ein evangelischer Theologe schon mal eine klare, eindeutige Antwort, ohne Wenn und Aber? Kein Wunder, wenn der Kirche die Leute weglaufen! Anderswo, da kriegt man klar gesagt, wo’s lang geht: bei der katholischen Kirche immerhin ein Stück weit; bei Sekten und Gurus dann so richtig. Bei uns Evangelischen dagegen: dieses ständige „einerseits – anderseits“. Das ist nicht wirklich prickelnd, oder?

      Und unser heutiges Thema, die beiden Bibelstellen, die über unserem heutigen Gottesdienst stehen, sie scheinen den Kritikern Recht zu geben: „Schwerter zu Pflugscharen!“ So steht es in Jesaja 2,4 – „Pflugscharen zu Schwertern!“ So hören wir in Joel 4,10. Nach dem 1 – 0 für die Friedensbewegung sozusagen der Ausgleich des Militärs? Oder umgekehrt? Und wie geht es weiter? Wer wird den Siegtreffer erzielen? Oder endet das Spiel unentschieden? Dieses Ergebnis jedoch stellt bekanntlich niemanden so richtig zufrieden, beim Fußball nicht, und im Hinblick auf die Bibel sicher auch nicht. Da lob ich mir den Basketball: dort wird solange verlängert, bis ein Sieger ermittelt ist. – Wie aber mag es in puncto Bibel zugehen?
      
      Gerade in Fragen von Krieg und Frieden ist bei der Kirche ein neuralgischer Punkt getroffen. Wie hat es da nicht geknallt in den 80er Jahren – gottseidank nicht zwischen den Supermächten, wohl aber sozusagen „intern“, auch „kirchenintern“, und das nicht zu knapp zwischen Befürwortern und Gegnern von Nato-Doppelbeschluss und Nachrüstung! Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Die Friedensbewegung beschuldigte Regierung und Bundeswehr, das Risiko einer atomaren Katastrophe in Kauf zu nehmen; gerade wer in der Kirche für militärische Stärke zur Abschreckung des Warschauer Paktes eintrat, galt leicht als unchristlich.  Umgekehrt warf man der Friedensbewegung vor, sie sei naiv und liefere uns geradewegs an den Kommunismus aus; Worte wie „Pazifismus“ und „Gutmensch“ wurden wie Schimpfwörter verwendet. Und irgendwie berief sich jedenfalls im kirchlichen Raum jeder auf die Bibel. Die Bergpredigt konkurrierte mit Römer 13, und Jesaja 2,4 mit Joel 4,10. So betrachtet, wirkte das biblische Zeugnis sehr schwach; jeder schien darin das finden zu können, was er eh längst wollte.
      
      Und schon sehen wir: die Bibel zu zitieren, das kann ein äußerst gefährliches Unterfangen sein. Ja, man kann sie für die eigenen Interessen einspannen; sie gibt offensichtlich Material für die verschiedensten Positionen her. Umso wichtiger, dass wir uns nicht jedweden Umgang mit der Bibel angedeihen lassen und auch selber nicht egal wie damit umgehen. Ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat, ein Schlagwort – das reicht nicht! Das sei jedem Zeugen Jehovas an der Tür gesagt, der uns vielleicht mit irgendwelchen Bibeltexten dieses und jenes weismachen will. Und es sei auch jedem gesagt, der etwas zu Krieg und Frieden beisteuern will. Zur Zeit ihrer Entstehung, da überzeugte die Bibel auch nicht dadurch, dass jemand das Etikett oben drauf geklebt hätte: Gottes Wort. Nein, sie konkurrierte mit anderen Worten, mit anderen Weltanschauungen, und die Frage ist damals wie heute dieselbe: entspricht das, was da steht, den Erfahrungen, die wir in unserem Alltag machen? Die Bibel wurde damals in bestimmte Situationen und Zusammenhänge hinein geschrieben, und heute wollen diese Situationen und Zusammenhänge mitbedacht werden, wenn wir uns daran machen zu sehen, ob die Bibel auch zu uns hier und heute spricht. Machen wir uns also ans Werk: ich lese Jesaja 2,1-4:
      
      „Dies ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Israel: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.
      Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen: Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“
      
    Jesaja 2 beschreibt eine Vision des Propheten für die Zukunft: mag das Volk Israel auch jetzt noch in erbittertem Streit mit seinen Nachbarvölkern liegen, ja mag es auch noch schwerste Bedrückung durch sie vor sich haben – eines Tages wird alles anders kommen und gut werden: die nichtjüdischen Völker, die jetzt noch Israel entgegenstehen, sie werden zum Berg Zion nach Jerusalem kommen, um Gottes Weisung entgegenzunehmen. Und daraufhin werden sie alles Kriegerische ablegen und zum Frieden finden. Schwerter zu Pflugscharen: eine großartige endzeitliche Vision, geradezu paradiesische Zustände sind es, die der Prophet uns hier vor Augen malt.

    Ganz anders bei Joel 4: ich lese zunächst die Verse 9-11:

    „Rufet dies aus unter den Heiden! Bereitet euch zum heiligen Krieg! Bietet die Starken auf! Lasst herzukommen und hinaufziehen alle Kriegsleute! Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße! Der Schwache spreche: Ich bin stark! Auf, alle Heiden ringsum, kommt und versammelt euch!“

      In der Tat: Gott fordert die sogenannten „Heiden“, also die nichtjüdischen Völker auf, aus den Werkzeugen des täglichen Lebens Waffen für den Krieg zu schmieden, um nach Jerusalem in den Kampf zu ziehen. Es ist die Rede vom „heiligen Krieg“, für den sie sich rüsten sollen. Dieses Wort macht uns frösteln. Unselige Bilder aus unserer Zeit ziehen vor unseren Augen auf. Und wir sind ratlos: nach der wunderschönen Vision des Jesaja – warum jetzt diese Kehrtwendung? Ist sie Ausdruck sozusagen der vielzitierten „Realpolitik“, dieses neudeutschen Wortes, das bereits zu einer Art deutschem Exportschlager wurde und unübersetzt als Fremdwort Eingang in andere Sprachen gefunden hat? Nach dem Motto: Jesaja ist ein Träumer; unter den Bedingungen dieser Welt muss sich nun einmal rüsten, wer nicht überrollt werden will?!

    An dieser Stelle, liebe Gemeinde, ist es wichtig, das Joelwort eben nicht isoliert, sondern in seinem Zusammenhang zu hören: da ruft Gott die Völker zur Aufrüstung, in der Tat. Aber wie heißt es dann genauer in den folgenden Versen:

      „Die Heiden sollen sich aufmachen und heraufkommen zum Tal Joschafat; denn dort will ich sitzen und richten alle Völker ringsum! (...) Aber seinem Volk wird der HERR eine Zuflucht sein und eine Burg den Israeliten.“

    Soweit der Prophet Joel. Das heißt doch nun aber: Gott ruft die Völker mitnichten aus dem Grunde zu den Waffen, weil sie ihr Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen sollten! Nein, Gott bereitet gerade sein Gericht über diese Völker vor und will demgegenüber seinem Volk Israel Zuflucht bieten. Es ist lange genug und über Gebühr von diesen Völkern gequält worden. – Und auf einmal wird es sonnenklar: dieser Ruf zu den Waffen ist die blanke Ironie, ja echter Zynismus! Er ist nichts Anderes als die absichtliche Verkehrung der Jesajavision in ihr Gegenteil, etwa so: „Ich, Gott, werde Gericht über euch Heiden halten! Was? Das glaubt ihr nicht? Na wenn ihr meint: dann geht doch hin und bewaffnet euch bis an eure Zähne, rüstet auf, so gut ihr könnt und tretet zum Kampf an! Ich sage euch: Ihr werdet nichts zustande bringen; mein Gericht wird euch treffen – verlasst euch drauf!“ –

    Die Verdrehung des Jesajawortes geschieht also in ironischer Absicht, um deutlich zu machen: Gott wird Untaten, die an seinem Volk Israel begangen werden, nicht ungesühnt lassen. Auch wenn zeitweise alles dagegensprechen mag: er lässt sein Volk nicht im Stich und das heißt auch: er weist die anderen Völker in ihre Schranken und straft sie, wenn sie Gottes Volk bedrohen.

    Und auf einmal gewinnen die Worte aus Joel 4 einen völlig neuen Klang. Als sicherheitspolitisch orientierte Handlungsanweisung für friedensethische Fragen heute können sie jedenfalls nicht in Anspruch genommen werden.

    Die Militärs scheinen damit schachmattgesetzt; die Friedensbewegung reibt sich vielleicht schon die Hände. „Schwerter zu Pflugscharen!“ Dieser Ruf bei Jesaja hat dann ja wohl gewonnen gegen seine eigene Verdrehung bei Joel! Oder?! Nun: ganz so einfach liegen die Dinge immer noch nicht. Hören wir die Texte bitte ganz genau: „Schwerter zu Pflugscharen!?“ – als Aufruf, als Appell steht das hier bei Jesaja jedenfalls nicht. Er ruft niemanden auf – anders als Joel in seiner zynischen Ironie. Nein: was Jesaja formuliert, ist eine Vision, ja eine endzeitliche Vision. Sie ist kein Imperativ, kein ethischer Appell, weder zu Zeiten Jesajas noch heute. Diese Vision reflektiert nicht die politische Großwetterlage, sie räsoniert nicht über Methoden der Umsetzung des Geschauten. Sie entspricht eher der berühmten Rede von Martin Luther King 1964 in Washington, die ja bekanntlich mit den Worten begann: „I have a dream!“ Träume lassen sich leider nicht im Hauruckverfahren in unserer Wirklichkeit „herstellen“.

    Und doch: ebenso wie Martin Luther King ja nun beileibe nicht nur geträumt hat, sondern aktiv wurde, ebenso haben auch die Worte Jesajas eine Bedeutung, die über die bloße Vision hinausgeht und unser Handeln hier und jetzt betrifft. Wer als Bild endzeitlichen Friedens die Gemeinschaft der Völker am Zion vor Augen hat, der kann nicht mehr achselzuckend-resignierend militärische Hochrüstung für selbstverständlich halten. Erst recht kann es ihm schlechterdings auch hier und heute nicht etwa um militärische Hegemonie für das eigene Volk, für die eigene „Seite“ gehen. Denn eine solche steht der Idee der Völkergemeinschaft nun einmal entgegen.

      Es ist eine nicht hoch genug zu würdigende Errungenschaft des Propheten Jesaja, dass er dieses friedliche Zusammenkommen der Völker am Berg Zion an den Horizont der Weltgeschichte malt. Es hätte ja auch ganz anders kommen können: „Israel über alles“ hätte da stehen können. So steht es dort aber nicht. Ja es wird klar und deutlich gesagt: die Völker werden, obgleich sie nicht das eine besondere erwählte Volk sind, einen direkten Zugang zu Gott bekommen! Das sei all denen eine Warnung, die ihr Volk vor allen anderen Völkern ansiedeln. Es ist zu hoffen, dass unser Volk vom „Deutschland, Deutschland, über alles“ ein für alle Mal kuriert ist. Aber ich erlaube mir hinzuzufügen: „God’s own country“ klingt in diesem Zusammenhang auch nicht gerade angemessen! Von radikalnationalistischen oder religiös-fundamentalistischen Konzepten ganz zu schweigen!
      
      Es ist todtraurig und eine Schande sonders Gleichen, dass gerade am Berg Zion solche Konzepte auf allen Seiten eine Gemengelage haben entstehen lassen, die von der Vision des Jesaja denkbar weit entfernt ist, seit den Wahlen in Palästina vor einigen Tagen wohl noch mehr als bereits zuvor. So wird es uns mit brutaler Deutlichkeit vor Augen gemalt, dass wir eben noch nicht unter paradiesischen Bedingungen leben. Umso wichtiger, dass wir die Vision lebendig erhalten, gerade jetzt, wo am Zion alle Seiten bis an die Zähne gerüstet einander mit abgrundtiefem Misstrauen gegenüberstehen und diese Situation von sich aus wohl nicht den Funken einer Hoffnung freisetzt, es könne ja alles auch einmal ganz anders kommen! –
      
      Wir sehen also: Jesaja 2 und Joel 4 stehen nicht gleichsam 1 zu 1 einander gegenüber, nein: Jesaja 2 ist die grundlegende Vision; Joel 4 eine bewusste situationsbezogene provokative Verdrehung davon. Ja in Jesaja 2 heißt es: „Er (Gott) wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen...“ Man könnte also geradezu Joel 4 innerhalb von Jesaja 2 wiederfinden: zuerst vollzieht Gott an den Völkern sein Gericht; dann kommen sie zur Besinnung, und das zieht eine allgemeine Abrüstung im großen Stil nach sich.
      
      Liebe Gemeinde: spüren Sie das Gefälle, das nun in der Tat unumkehrbare Gefälle, in dem die beiden Texte auf einmal zueinander stehen? Ich behaupte: bei genauerer Lektüre biblischer Texte merkt man an vielen Stellen: es stimmt einfach nicht, dass man alles Beliebige dort herauslesen kann – jedenfalls dann nicht, wenn man den Texten und ihren jeweiligen Ursprungssituationen gegenüber ehrlich bleibt. Wer aufrichtig und auch kritisch gegenüber seinen eigenen Lieblingsmeinungen an die Lektüre der Bibel geht, der wird in ihr durchaus ein „Geländer“ finden, an dem er sich festhalten kann! Und die dadurch gewonnene Stabilität lässt uns dann häufig auch für solche Dinge einen Ort entdecken, die im ersten Moment widersprüchlich erscheinen.
      
      Und ich meine: damit ist nun durchaus auch für die so schwierige Friedensfrage etwas gewonnen. Wer von der Vision des Jesaja her lebt, hat gewissermaßen einen Horizont gewonnen, der für ihn auch das friedenspolitische Tagesgeschäft hier und heute bestimmt. So jemand kann sich schlechterdings nicht mit dem status quo der Hochrüstung einfach abfinden. So wenig er auf der einen Seite zum Phantasten werden darf, der meint, Frieden sei im Hauruckverfahren durch einseitiges Entgegenkommen an Tyrannen und Diktatoren zu erzielen, so wenig darf er auf der anderen Seite alles das für „normal“ halten, was sich im Hinblick auf Krieg und Frieden auf der Erde so ereignet.
      
      Und was wir momentan da alles so erleben, klingt für mich häufig dermaßen pragmatisch-kaltschnäuzig, dass ich denke, wir haben allen Grund der Welt, die Jesajavision wiederzuentdecken. Nicht als unmittelbare Handlungsanweisung gegenüber Schurkenstaaten. Wohl aber als den erwähnten Horizont, der uns nicht gestattet, uns mit Krieg und Unterdrückung als etwas „Normalem“ abzufinden.
      
      Der Ost-Welt-Konflikt ist vorbei, Gott sei Dank. Aber was haben wir nicht an neuen Konflikten „gewonnen“! Dass Staaten wie Irak, Iran und Nordkorea dabei erhebliche Verantwortung tragen, dürfte unter uns keines großen Kommentars bedürfen. Aber wir wissen, dass sich dabei auch westliche Staaten, namentlich die USA, zum Teil gegen jedes Völkerrecht militärisch betätigen. Folter geschieht selbst in Gefängnissen demokratischer Staaten, und der noch beim Irakkrieg so zurückhaltende französische Präsident redet in der letzten Woche ganz offen über Möglichkeiten eines atomaren Erstschlages durch sein Land gegen terroristische Staaten! – Liebe Gemeinde: empfinden wir diese Dinge eigentlich wirklich als skandalös? Hier und da regt sich etwas Protest, ja. Aber aufs Ganze gesehen fürchte ich, wir sind dabei, total zu resignieren oder abzustumpfen gegenüber den Herausforderungen, die der Frieden heute stellt! Und dieses Verdienst hat die Friedensbewegung der 80er Jahre immerhin: sie hat einer solchen Resignation, einer solchen Abstumpfung gewehrt! Auch wenn ihre Vorschläge sicher in mancher Hinsicht um einiges zu simpel waren, als dass sie in eine verantwortliche Politik hätten umgesetzt werden können. Ich meine jedenfalls: wer keine Vision wie die des Jesaja als Horizont seines Denkens und Sehnens im Hinblick auf den Frieden vor Augen hat, der wird in seinem kaltschnäuzigen Pragmatismus die Welt bestimmt nicht friedlicher machen.
      
      Als ich mir diese Predigtreihe überlegte, da konnte ich noch nicht wissen, dass gerade kurz vor diesem Sonntag Johannes Rau sterben würde. Aber die Nachricht seines Todes hat mir gerade ihn noch einmal sehr deutlich als einen Menschen vor Augen geführt, der auch als Berufspolitiker keinem kaltschnäuzigen Pragmatismus verfallen ist. Der vielmehr jemand war, der aus dem Horizont seines Glaubens heraus gelebt und auch Politik gemacht hat. Ich weiß nicht, was speziell die Vision des Jesaja ihm bedeutet hat. Aber er war unter den derzeitigen Politikern sicher ein Beispiel par excellence dafür, wie die Grundsätze des christlichen Glaubens diesen Horizont, diese Grundlage bieten können, von dem aus dann die vielfältigen Sachfragen der Tagespolitik angegangen werden.
      
      Wie gesagt: da ist es dann nicht mit dem Zitat eines Bibelwortes getan, sondern für Sachfragen braucht es Sachverstand. Und ausgerechnet Johannes Rau, der bekanntlich durchaus das war, was man „bibelfest“ nennt und der gern aus der Bibel zitiert hat – er hat das nie im Sinne von Totschlagargumenten für Fragen der Tagespolitik getan, die den Sachverstand hätten ersetzen sollen, sondern hat sich um einen solchen gemüht. Ein solcher Sachverstand aber braucht, wenn es nicht technokratisch zugehen soll, so ein Fundament, das ein letztes Ziel vor Augen malt, auf das wir zugehen. Für die Fragen des Friedens ist die Vision des Jesaja der Bibel zufolge dieses letzte Ziel.
      
      So erspart die Vision uns nicht die schwere Mühe um tragfähige Lösungen für konkrete Probleme. Aber sie erinnert uns an das Ziel, zu dem Gott uns hinführen will. Und das heißt: sie verleiht uns Hoffnung. Und ebendies: Hoffnung verleihen, das will die Bibel von A bis Z. Bei allen scheinbaren oder echten Widersprüchen ist dies eine Grundkonstante, die sich immer wieder artikuliert und von der her alles in den Blick genommen werden will. Die Widersprüche werden dadurch nicht sämtlich ausgeräumt. Aber sie werden erträglich; sie lassen uns insbesondere die Bibel wieder zuversichtlich zur Hand nehmen – dieses „Buch der Bücher“, aus dem man eben nicht „alles herauslesen“ kann, aus dem man vielmehr innerhalb alles dessen, was es dort herauszulesen gibt, immer wieder die Botschaft der Hoffnung findet, bei Jesaja und auch sonst. Amen.