Jesus: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“
Jesus als Kriegstreiber?!

Teil 5 der Predigtreihe: „Und das steht in der Bibel?
Empörendes und Verstörendes aus dem Alten und dem Neuen Testament“

 


Liebe Gemeinde,
      Jesus Christus spricht: - nach dieser Einleitung erwarten wir vielleicht alles Mögliche, aber sicher nicht das, was Gegenstand unseres heutigen Nachdenkens sein soll:

      „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu stiften, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“
      
      Soweit unser heutiger Predigttext. Jesus als Kriegstreiber?!  Ja wie sollte der Jesus, der hier spricht, eigentlich noch derselbe sein, der die Worte aus der Lesung vorhin gesprochen hat? Der Prediger der Feindesliebe?
      
      Nun, die Bibel überliefert uns beides: die Lesung und den Predigttext. Das Wort von der Feindesliebe und das vom Schwert. Beides steht sogar im selben Evangelium, dem des Matthäus, nur wenige Kapitel voneinander getrennt. Irgendwie scheint es also zumindest nach Auffassung des Evangelisten Matthäus doch zusammen zu gehen. Aber wie? Lassen Sie uns heute das so gewaltsam klingende Wort einmal genauer unter die Lupe nehmen.
      
      Es gibt eine Auslegung dieses Wortes, die darin den Beleg dafür erblickt, Jesus sei im Grunde seinem Selbstverständnis nach ein politischer Revolutionär gewesen. Eigentlich habe er die gewaltsame Befreiung von der römischen Zwangsherrschaft gewollt. So sei es letztlich auch konsequent, dass die Römer ihn als politischen Aufrührer hingerichtet haben. Er sei also letzten Endes ein gescheiterter Revolutionär, dessen Ideen sich jedoch bis heute in Worten wie diesem hier mit dem Schwert widerspiegeln.
      
      Aber diese Auslegung wird heute nicht mehr häufig vertreten. Schließlich spricht Jesus ja hier auch nicht vom Kampf gegen die Römer, sondern davon, wie Familien zerbrechen. Das Wort „Schwert“ muss ja nicht unbedingt wörtlich zu verstehen sein; es kann auch im übertragenen Sinne schlimm genug sein.
      
      Nein, mir erscheint am ehesten plausibel, dass sich in diesem Wort Jesu eine Erfahrung der frühen Christenheit ausdrückt, die wir heute freilich kaum noch kennen: wenn da in der ersten Generation der Kirche jemand Christ wurde, dann bedeutete das einen tiefen Einschnitt in sein Privatleben. Dann verließ er nämlich die Glaubensgemeinschaft seiner Vorfahren und seiner Familie. Mochte er auch seiner Volkszugehörigkeit nach Angehöriger des Judentums bleiben – in religiöser Hinsicht hatte er einen Schritt aus der jüdischen Gemeinde hinaus getan. Dasselbe gilt natürlich für die sogenannten „Heidenchristen“, die ihrerseits aus ihren religiösen Wurzeln ausbrachen.
      
      Und dann meine bitte niemand, das sei doch eigentlich nicht so gravierend! Von wegen! Vielleicht mag das von heute aus so aussehen. Unter den Bedingungen der Antike war es das keinesfalls. Und sogar heute hege ich ein gewisses Misstrauen, wenn ich manchmal von Eltern den Satz höre: „Mein Kind soll religiös ganz selbständig entscheiden, wo es hingehören soll.“ Das klingt natürlich schön aufgeklärt und liberal. Wer würde schon nach außen hin dies vertreten, dass er sein Kind bevormunden und konsequent unter die elterliche Autorität zwingen wollte? Trotzdem bin ich von dieser Haltung kaum einmal so richtig überzeugt. Seien wir doch mal ehrlich: wir Eltern haben im allgemeinen schon durchaus genaue Vorstellungen davon, wie sich unsere Kinder verhalten sollen. Und ich sage sogar: das ist auch gut und richtig so; nur wenn wir an dieser Stelle – neudeutsch gesprochen: ein „input“ geben, nehmen wir unsere elterliche Verantwortung wahr! Dann können und sollen sich die Kinder ja auch durchaus an uns reiben und werden schon auch ihre eigenen Vorstellungen entwickeln. Aber tun wir doch nicht so, als sei uns das alles egal!
      
      Ja vielleicht können manche Leute von der religiösen Autonomie ihrer Kinder nur deshalb so locker reden, weil ihnen bei Lichte betrachtet der Glaube gar nicht so wichtig ist, weder ihr eigener Glaube noch dann konsequenterweise auch der ihrer Kinder! Dieser Verdacht mag nicht immer zutreffen, aber so ganz kann ich ihn in mir nicht von der Hand weisen!
      
      Das von mir so genannte religiöse „input“ muss nicht in der Kindertaufe bestehen; nein: es gibt durchaus Eltern, die ihre Kinder nicht taufen lassen und sie dennoch auch in religiösen Dingen sehr verantwortungsvoll erziehen. Aber das input kann in der Taufe bestehen, und Sie, liebe Familie Möseler, haben sich sehr bewusst dazu entschieden. Wir setzen Ihre Leonie heute ganz bewusst in die christliche Gemeinschaft hinein. Ihr Taufspruch bringt in einer der schönsten biblischen Formulierungen überhaupt Gottes Schutz über uns Menschen zum Ausdruck: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ (Psalm 139,5) Es wird Ihre Aufgabe als Eltern und Paten sein, Ihrem Kind im Laufe der Zeit immer wieder in Wort und Tat Anstöße zu geben, die ihm helfen, sich dieses Wort und alles, wofür es steht, mehr und mehr zueigen zu machen. Leonie wird dann schon noch ihre eigenen Schritte in bezug auf den Glauben gehen. Aber der „input“ ist und bleibt wichtig.
      
      Nun aber zurück zu Jesu Wort vom Schwert, das mitten in die Familien fährt. Hier spiegelt sich die Erfahrung der frühen Kirche, was es bedeutete, wenn der christliche Glaube irgendwo auf fruchtbaren Boden fiel. Da war dann eben gerade nicht, wie bei Leonie Möseler, Kontinuität in der Familie gegeben, sondern ein erheblicher Konflikt!
      
      Und hier darf man ja getrost mal die Frage stellen: ist ein solcher Konflikt eigentlich die Sache wert? Insbesondere wenn er denn tatsächlich solche Formen annimmt, von denen hier immerhin andeutungsweise die Rede ist: mehr oder minder Krieg zwischen den Familienmitgliedern? Wäre es nicht – wie wir das auszudrücken pflegen: „um des lieben Friedens willen“ besser, es bliebe alles beim alten Glauben, und dieser würde weiter überliefert von Generation zu Generation, ohne je infragegestellt zu werden? Und dann sollten wir schon ganz eindeutig  und ehrlich fragen: wäre es für die Weltgeschichte nicht vielleicht besser gewesen, es hätte nie die Massenbewegung „Kirche“ gegeben? Nicht den Streit in den Familien der Antike, nicht die gewaltsamen Auseinandersetzungen im Namen des Glaubens und so weiter und so fort?
      
      Dieses Problem wird in einem bestimmten Zusammenhang auch heute noch heiß diskutiert: wenn es um die Frage der christlichen Mission geht: soll die Kirche das wirklich machen: rausgehen in die Welt und einen neuen Glauben zu Völkern tragen, die doch allesamt ihre traditionelle Religion haben? Hat denn da noch nicht genug Entfremdung stattgefunden: in Afrika, in Lateinamerika, in Asien? Ja ging mit Mission nicht häufig genug eine allumfassende Entwurzelung von Völkern einher? Denn der christliche Glaube kommt ja niemals sozusagen keimfrei, steril irgendwohin. Nein, er wird begleitet von kulturellen Elementen, von Mentalität und Lebensart derer, die ihn bringen. Und am Ende fällt es sehr schwer, den Glauben einerseits und all seine – wie man das in der Apotheke nennen würde: „Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen“ andererseits genau voneinander zu unterscheiden!
      
      Nun sind es gerade Zeugnisse von Menschen aus Afrika, die mich dann doch sehr vorsichtig machen, all diese Fragen allzu schnell mit „Ja“ zu beantworten und die Ausbreitung des christlichen Glaubens für einen großen Schaden zu halten. In Afrika habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Leute getroffen, die genau das erlebt haben, wovon Jesus hier redet: Menschen, die den christlichen Glauben als etwas Neues, in ihren Familien bislang nicht Dagewesenes kennengelernt haben und die sich dennoch bewusst für ihn entschieden haben. Menschen, die durchaus auch harte Konflikte in Familie und Umgebung erlebt haben, die aber zugleich diesen Glauben als eine solche Bereicherung für sich erfahren durften, dass sie eben nicht einfach „um des lieben Friedens willen“ auf diese Bereicherung verzichten wollten.
      
      Diese Erfahrung haben wir, die wir hier und heute zusammengekommen sind, vermutlich kaum so gemacht. Wir sind halt nicht Christen der ersten Generation einer Gesellschaft. Und doch gebe ich uns Zweierlei zu bedenken: zum einen: bei mancher Kritik an Christentum und Kirche: wäre es uns tatsächlich eine angenehme Vorstellung, der christliche Glaube wäre nicht in unseren Lebensraum gekommen? Schwer zu sagen jedenfalls, ob es dann besser weitergegangen wäre, als es weitergegangen ist! Die archaischen germanischen Mythen mit ihren Götterkämpfen und Menschenopfern wirken auf mich jedenfalls, soweit ich davon gehört habe, auch nicht gerade vertrauenerweckend! Und es dürfte kein Zufall sein, dass das Christentum hier wie anderswo auf der Welt als dermaßen befreiend empfunden wurde, dass es den alten Glauben schließlich verdrängte!
      
      Und das Andere: wenn wir auch in puncto christlicher Glaube kaum die Situation kennen, dass man darüber in Konflikt mit seiner gesamten Umgebung geraten kann: in manch anderer Hinsicht kennen wir das doch sehr wohl: der eine zieht seine Berufswahl gegen heftigen Protest seiner Eltern durch; jemand anders die Wahl seines Partners oder seiner Partnerin; mancher macht auch die Erfahrung, mit seiner politischen Meinung quer zu stehen zu mehr oder minder allen anderen um ihn herum. Und würden wir nun sagen: das darf es alles „um des lieben Friedens willen“ nicht geben? Soll ich mir einen Beruf, einen Partner, eine Partei aufzwingen lassen, nur weil meine Umgebung das so will? Nicht dass wir die Einwände der anderen nicht hören und bedenken sollten! Aber die wirklich wichtigen Entscheidungen im Leben, die treffe ich doch wohl höchstpersönlich; da gilt eben nicht „der liebe Frieden“, sondern der Weg, den ich für mich als richtig erkannt habe – und sonst gar nichts!
      
      Und das ist nun der erste entscheidende Punkt für unsere Stellung zu dem harten Wort Jesu: können wir dies anerkennen, dass es so etwas gibt: eine Situation, wo du lieber das „Schwert“ in deiner Umgebung akzeptierst, sogar in deiner allerengsten Umgebung, in deiner Familie, als auf etwas zu verzichten, das du für dein Leben als entscheidend kennen gelernt hast? Denn dieser Stellenwert ist es in der Tat, liebe Gemeinde, den Jesus Christus für sich bei uns beansprucht. Gleich nach unserem heutigen Predigttext, da spricht Jesus die Worte: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ – Unglaublich anmaßend, was Jesus hier sagt, nicht wahr? Aber drunter geht es nicht, wenn wir nach „Religion“ fragen, nach dem Glauben,  nach dem, was uns trägt im Leben und im Sterben! Wenn wir das Glück haben, dass unsere engste Umgebung unseren Glauben teilt oder zumindest toleriert, dann sollen wir uns daran freuen. Wenn es aber in diesen fundamentalen Fragen gravierende Konflikte gibt, dann ist es mit Kompromissen „um des lieben Friedens willen“ nicht getan!
      
      In diesem Zusammenhang kommen wir nun aber an den zweiten entscheidenden Punkt: seit der Reformationszeit ist dem Wort Jesu eine besondere Deutung zuteil geworden, und zwar hat man das „Schwert“ als ein sogenanntes „passives Schwert“ verstanden und Wert darauf gelegt, dass es auch nicht anders verstanden werden darf! Das heißt folgendes: Jesus bringt das Schwert nicht in dem Sinne, als brächte er es sozusagen „aktiv“ in die Familien hinein. Es ist also nicht etwa so, als wollte er dort Zerstörung anrichten. Sondern er meint: „Dadurch, dass ihr Christen werdet, zieht ihr die Aggressionen Eurer Umgebung auf euch. Dann wird das Schwert im wörtlichen oder übertragenen Sinne gegen euch gezückt. Ihr werdet möglicherweise von euren engsten Angehörigen ausgestoßen und verfolgt werden. Es tut mir leid, aber das kann ich euch nicht ersparen. Das ist nun mal die Konsequenz, wenn ihr euch mir anschließt.“ Und gleich im Anschluss an die Worte unseres heutigen Predigttextes entfaltet er diesen Gedanken unter dem Stichwort der Kreuzesnachfolge.
      
      Also nicht: ich treibe bewusst einen Keil zwischen euch und eure Angehörigen. Wohl aber: es wird sich so ergeben, dass so ein Keil zwischen euch und den anderen stehen wird. Weil ich nämlich tatsächlich etwas Neues bringe, das Widerspruch und Widerstand wecken wird.
      
      Spätestens hier dürfte klar sein: wer meint, Kreuzzüge oder ähnliche Gräuel etwa mit Hinweis auf dieses Wort Jesu rechtfertigen zu können, der missbraucht es. Wäre es so gemeint, so müsste ich mich jedenfalls gänzlich davon distanzieren. Dann wäre es nun wirklich nicht mehr vereinbar mit den Worten der Lesung aus der Bergpredigt zur Feindesliebe. Die Kirche hat in der Tat aktiv Gewalt geübt, und nicht zu knapp, ja! Und sie tut es mancherorts immer noch, vielleicht heutzutage weniger im Sinne von physischer Gewalt, aber gewiss nicht selten durch seelische Gewalt – was kaum weniger schlimm ist. Halten wir hier bitte klipp und klar fest: das ist nicht die Botschaft, die Jesus uns hier mitgibt. Vielleicht hat er seine Worte missverständlich gewählt. Dann hat die Auslegung die Pflicht, sie in der Zusammenschau mit seinen anderen Worten gerade zu rücken. Und so ein anderes Wort finde ich zum Beispiel gerade in der Bergpredigt, wo auch das Gebot der Feindesliebe steht: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.“ – Ein Wort des Trostes, gerichtet von Christus an Christen in der Verfolgung aufgrund ihres Glaubens. Wenn wir im Lichte dieses Wortes das Wort vom Schwert hören, dann hören wir es richtig.
      
      Was Jesus uns hier mitgibt, ist nun also deutlich: einen höchst nüchternen, in gewisser Hinsicht schonungslosen Einblick in die Konsequenzen dessen, was es bedeuten kann, Christ werden und Christ bleiben zu wollen. Ja ich möchte meinen: wo eine Gesellschaft den christlichen Glauben überhaupt nicht mehr als provokant und in gewisser Hinsicht als störend empfindet, da macht die Kirche vermutlich etwas falsch. Immerhin hat Jesus sie als das Salz der Erde bezeichnet und nicht als ihren Zuckerguss oder als das Schmieröl der herrschenden Verhältnisse. Also: Salz ja, Zuckerguss und Schmieröl nein – aber auch nicht: eine „Überdosis“ Salz, die jedes Gericht ungenießbar macht. Ich gebe zu: es ist häufig eine enorme Gratwanderung, in dieser Herausforderung das richtige Maß, den richtigen Ton zu finden.
      
      Und an dieser Stelle möchte ich etwas sagen zu dem Thema, das in diesen Tagen wie kaum ein anderes die Medien bestimmt: zum sogenannten „Karikaturenstreit“: da druckt eine dänische Zeitung 12 Karikaturen des Propheten Mohammed ab. Ich habe sie mir im Internet angesehen: Geschmackssache; ganz furchtbar kann ich sie nicht finden. Entsprechende Karikaturen Christi hätten bei uns jedenfalls vermutlich keinen großen Wirbel entfacht. Nun aber ist der Wirbel da: nachdem zunächst, als die Karikaturen schon im vergangenen September erschienen waren, die Muslime in Dänemark protestierten, kam nun eine Protestwelle ins Rollen, die die Welt so noch nicht erlebt hat. Die geballte Wut radikaler Muslime ergießt sich über Institutionen des Westens in islamischen Ländern. Dabei ist das Ganze sehr offensichtlich nicht der spontane Volkszorn – der, wie wir aus unserer eigenen Geschichte wissen, kaum einmal wirklich spontan irgendwo auszubrechen pflegt –, nein: hier wird von bestimmten Regierungen bewusst antiwestlich gesteuert.
      
      Und doch: auch die große Masse der friedlichen Muslime, die inzwischen deutlich gegen die Gewalt der Radikalen Stellung bezogen haben, auch sie äußern sich verletzt und gekränkt über die Karikaturen. Denn für sie gilt der Grundsatz: Mohammed karikiert man nicht. Punkt. Noch von keinem überzeugten Muslim habe ich gehört oder gelesen, ihm seien die Karikaturen schlicht egal.
      
      Was ist nun zu tun? Was folgt aus dieser Bestandsaufnahme? Der Publizist Henryk Broder forderte jüngst in einer nächtlichen Talkrunde: Alle großen westlichen Zeitungen sollten die Karikaturen nachdrucken, zum Zeichen der Solidarität mit der dänischen Zeitung Jyllands Posten, und um den Druck der islamischen Proteste von ihr und von Dänemark wegzunehmen und auf alle zu verteilen. So habe man es bei Salman Rushdie damals ja auch gemacht. Jyllands Posten selber erwägt in diesen Tagen, gleichsam zum Ausgleich demnächst die 12 Karikaturen über die Judenvernichtung abzudrucken, die eine iranische Zeitung nun im Gegenzug zu den 12 Karikaturen Mohammeds in einem Wettbewerb prämieren will.
      
      Und hier schalte ich die Frage dazwischen: könnte sich nicht Henryk Broder ebenso wie Jyllands Posten auf Jesu Wort berufen: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“?? So nach dem Motto: Pressefreiheit ist eine Errungenschaft der liberalen westeuropäischen Staaten, und die sind maßgeblich christlich geprägt. Also zeigt sich hier eine Facette des Schwertes, das der christliche Glaube in die Welt gebracht hat. Statt nun irgendwie klein beizugeben, sollten wir dieses Schwert vielmehr stark machen und die Karikaturen verteidigen – zum Beispiel indem wir Broders Vorschlag oder auch der neuen Idee von Jyllands Posten mit den zu erwartenden Karikaturen über die Judenvernichtung folgen. Läge diese Konsequenz nicht in der direkten Linie, die Jesus mit dem Wort vom Schwert zu ziehen beginnt?
      
      Das, liebe Gemeinde, sehe ich gänzlich anders. Jesus befiehlt uns nicht, das zu verspotten und lächerlich zu machen, was anderen Menschen heilig ist. Wenn so etwas bei uns tolerabel erscheint – nun denn. (Wobei ich immerhin dies hinzufügen möchte: auch ich habe mich durch gewisse Karikierungen Jesu schon verletzt gefühlt !) Jedenfalls: wenn es um Heiligtümer anderer geht, dann gebietet Jesus uns keineswegs, damit verächtlich umzugehen. Das „Schwert“, das er bringt, ist eben das „passive“, wie die Reformatoren sagten: es besteht darin, dass sich mit Sicherheit Konflikte ergeben werden, wenn jemand als Christ es ablehnt, manche Dinge für heilig zu halten, die genau das für andere Menschen, zum Beispiel für Muslime sind. Aber das „Schwert“ Jesu besteht nicht darin, sich über derlei Dinge nun lustig zu machen und sie durch den Kakao zu ziehen. Paulus sagt zu den Korinthern: „Alles ist erlaubt, aber es dient nicht alles zum Guten!“ – Ja, solche Karikaturen sind erlaubt und werden es juristisch gesehen auch bleiben. Aber man muss nicht alles tun, was erlaubt ist – dann nämlich, wenn es andere tief verletzt, ohne selber einen noch größeren Nutzen mit sich zu bringen.
      
      Wenden wir uns lieber den Dingen zu, die zumindest bei manchen Formen des Islam wirklich Anlass zu Protest bieten: Stichwort Zwangsheiraten; Stichwort Ehrenmorde usw.! Aber auch hier nicht, um zu karikieren, sondern um Leid zu lindern, das hier mit religiöser oder sei es auch nur pseudoreligiöser Begründung verursacht wird! Und um das zur Geltung zu bringen, was wir von unserem christlichen Glauben her als wahr und unverzichtbar erkannt haben! An solchen und anderen Stellen liegen noch genügend „Schwerter“ bereit, um mit Jesus zu sprechen, die die Auseinandersetzung bestimmen werden und wohl leider auch bestimmen müssen!
      
      Liebe Gemeinde, Jesus macht es uns nicht leicht. Ich hätte mir sein Wort vom „Schwert“ auch unmissverständlicher gewünscht. Aber Jesus ist kein Kriegstreiber, und ich denke inzwischen, es ist durchaus möglich, dieses Wort in Jesu ansonsten so stark von Begriffen wie Liebe oder Frieden geprägte Verkündigung einzuzeichnen. Seine Botschaft weckt gerade durch diese Begriffe zu allen Zeiten und an allen Orten auch Widerstände. Da ist es dann mit Zurückweichen nicht mehr getan. Aber genau darauf will Jesus uns vorbereiten und uns nicht zuletzt auch seinen Schutz gegenüber allen „Schwertern“ zusagen. Und da hoffe ich doch sehr, dass wir uns diese seine Botschaft gerne gesagt sein lassen! Amen.
    

Predigten aus den Jahren 2004 bis 2016 finden Sie im Archiv