Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 3 der Predigtreihe „Sünde"

 


„Die Schriftgelehrten und die Pharisäer brachten eine Frau zu Jesus, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

Liebe Gemeinde!
Es gibt in der Bibel bekanntlich sehr schwierige Texte. Und dann gibt es Texte so wie diesen hier, die sind faszinierend einfach zu verstehen – ja so einfach, dass genau dies wieder zum Problem werden kann. Weil wir dabei über die Details, über „Nuancen“ hinwegzulesen pflegen in der Annahme: ich kenne das ja sowieso schon alles. Dann jedoch sind wir in Gefahr, nur uns selbst und unsere Klischees zu reproduzieren. Und umso weiter entfernt sind wir vom Text. – Nun, ich hoffe, das passiert uns heute morgen nicht.

Denn herkömmlich verstehen wir diesen bekannten Bibeltext doch ungefähr so: Die Pharisäer und Schriftgelehrten sind die Bösen, die Frauenfeinde, die Heuchler, die so tun, als hätten sie niemals irgendetwas verbrochen und die mit alledem die Frau fertigmachen und Jesus provozieren wollen.

Die Frau dagegen ist bei dieser Sicht der Geschichte eine sicherlich nicht so ganz gesetzestreue, dafür aber eigentlich sehr liebe Frau, ein Opfer, dem leider von den Männern übel mitgespielt wird.

Jesus schließlich ist der großzügige und souveräne Held der Geschichte. Er durchschaut die unlauteren Absichten der Pharisäer und Schriftgelehrten und tritt der armen Frau zur Seite. Er blamiert die bösen Pharisäer und rettet mit einer genialen Bemerkung das Leben ihres Opfers. – Soweit, etwas zugespitzt, das Klischee!

Wir als Menschen des beginnenden 3. Jahrtausends, denen sowohl eine liberale Sexualmoral zueigen ist als auch eine wachsende Sensibilität im Hinblick auf die Rechte der Frauen, wir stehen natürlich ganz und gar auf Seiten dieser Frau, freuen uns über das Ende der Geschichte sowie nicht zuletzt auch darüber, wie diese menschenverachtenden und zugleich verlogenen Repräsentanten der Religion hier blamiert werden.

Aber wie das so ist: unsere Klischees werden dieser Geschichte nicht gerecht. Sie enthält nämlich bei genauerem Hinsehen so Einiges, das uns wohl eher irritieren als freuen dürfte: zunächst: es besteht überhaupt kein Anlass für uns, die Pharisäer und Schriftgelehrten von vornherein für blutrünstige Frauenfeinde zu halten. Vielmehr sind sie bestrebt, das Gesetz, die Tora, zur Anwendung zu bringen. Ihr Respekt vor diesem für ihren Glauben fundamental wichtigen Gotteswort ist es, der sie auf den Plan ruft, nachdem sie die Ehebrecherin offenbar in flagranti erwischt haben.

Nun heißt es in der Tat außerdem noch im Bibeltext, sie seien zu Jesus gekommen, um ihn zu „versuchen“, also um ihn auf die Probe zu stellen und je nachdem bei den übergeordneten religiösen Autoritäten anzuschwärzen. Allerdings ist es sehr fraglich, ob dieses Halbsätzchen wirklich ursprünglich zu dieser Geschichte gehört hat. Denn es findet sich in unterschiedlichen Bibelhandschriften auffälligerweise an unterschiedlichen Stellen. Deshalb besteht zumindest die Möglichkeit, dass wir es hier mit einer späteren Eintragung in den Text zu tun haben, die die Pharisäer und Schriftgelehrten in ein schlechtes Licht rücken will. Vielleicht war es ja tatsächlich ganz einfach so, dass sie das Gesetz des Mose zur Anwendung bringen wollten. Das ist in diesem Fall zwar eine hoch fragwürdige Angelegenheit, aber wenn wir meinen, wir hätten dabei etwas zu kritisieren, dann richten wir bitte unsere Kritik an die richtige Adresse: an die Bibel selber und nicht an die Pharisäer und Schriftgelehrten, so als hätten sie sich diese drakonische Strafe für Ehebruch willkürlich ausgedacht.

Und weiter: der zentrale und wichtigste Satz der ganzen Geschichte ist doch wohl das berühmte Wort, das Jesus an die Pharisäer und Schriftgelehrten richtet: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Dieses Wort ist geradezu sprichwörtlich geworden, und wir schätzen es, weil Jesus damit die Rettung dieser Frau bewirkt. Aber ich behaupte: dieses Wort ist hochproblematisch. Warum?

Nun, zunächst steht es in krassem Widerspruch zu dem Bibelwort, auf das sich die Pharisäer und Schriftgelehrten berufen können: in 5. Mose 22,22 steht klipp und klar: eine verheiratete Frau, die mit einem anderen Mann schläft, soll sterben. (Und der Mann übrigens auch!) Da ist keine Rede davon, dass etwa nur solche Richter dieses Gebot exekutieren dürften, die selber gänzlich sündlos wären! Nein, es wird überhaupt nicht darauf reflektiert, wie es mit den Sünden der Richter oder Vollstrecker steht. Sie haben zu tun, was ihr Auftrag ist.

Und das leuchtet doch auch ganz grundsätzlich ein: wenn nur der befugt sein sollte, ein Gerichtsurteil zu sprechen und dann auch zu vollstrecken, der selber in jeder Hinsicht eine lupenreine Weste hat – ja dann müssten wir vermutlich das Justizwesen insgesamt abschaffen! Hätte der Richter sein Auto falsch geparkt, wäre er damit ja schon für seinen Beruf disqualifiziert! So ähnlich wie man auch nicht länger Gottesdienste feiern dürfte, wenn dabei die Voraussetzung zu erfüllen wäre: der Pfarrer, der da predigt, der da den Anspruch erhebt, Gottes Wort zu verkündigen, ja sogar im Namen Gottes Sünden zu vergeben, der muss zuvor selber ein sündloser Mensch sein! Keine Chance, kann ich da nur sagen! (Und, gleichsam in Klammern: vielleicht ist das ja auch gerade gut so! Kaum etwas erscheint mir schlimmer als das, was ich die „Tyrannei der Unschuldigen, der in jeder Hinsicht Reinen“ nennen möchte!)

Erinnern wir uns doch daran, was wir in den ersten beiden Teilen der Predigtreihe immer wieder gesehen haben: „Sünde“, das ist nicht der eine oder andere Fehltritt, den Menschen sich hier oder da mal leisten. „Sünde“, das ist vielmehr eine Macht, aus deren Verfügungsbereich unsereiner eben nicht mal so einfach aus eigener Kraft entkommen kann! Nächste Woche werden wir dazu noch mehr hören. Und die Justiz kann auch nicht solange mit dem Fällen und der Vollstreckung eines Urteils warten, bis am Richterpult lauter Engel sitzen! So ergibt sich die Rückfrage an Jesus: „Wie soll unter den Bedingungen, die du da formulierst, jemals Recht gesprochen werden? Führst Du nicht mit deinem Wort an die Pharisäer und Schriftgelehrten zum einen das konkrete Gebot des Mose und zum anderen sogar die gesamte menschliche Rechtsprechung ad absurdum?“

Die Antwort Jesu auf diese Rückfrage hätte mich wirklich brennend interessiert! Leider hat niemand unter den Anwesenden so gefragt. Leider – oder sollte ich nicht doch besser sagen: „zum Glück“? Denn jetzt sind wir am entscheidenden Punkt. Die Pharisäer und Schriftgelehrten müssen ja nun irgendwie auf Jesu berühmtes Wort an sie reagieren. Die Rückfrage wäre so eine Form der Reaktion, eine naheliegende und nachvollziehbare sogar. Aber sie reagieren anders. Sie gehen weg, einer nach dem anderen; man hört förmlich, wie sie die Steine fallen lassen, wie die zum Zerreißen gespannte Atmosphäre sich verändert. Ja es heißt: „die Ältesten gehen zuerst weg“, auf Griechisch die „Presbyter“ – bekanntlich immer die besonders weisen, die den anderen ein gutes Vorbild sein sollen und gerade hier offensichtlich im Sinne des Erzählers auch sind.

Was bedeutet nun diese Reaktion der Pharisäer und Schriftgelehrten auf Jesu berühmtes Wort? Nun, zunächst bedeutet es, dass sie Jesus verstanden haben! Dass er sie überzeugt hat und sie die Konsequenzen daraus ziehen! Was auch immer das Neue Testament also an Pharisäern und Schriftgelehrten auszusetzen haben mag: unbelehrbar sind sie jedenfalls nicht! Das ist nicht wenig! Für manch Anderen wäre man ja froh, wenn immerhin das schon mal gelten würde!

Wovon aber hat Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten denn überzeugt? Davon, dass Rechtsprechung nun eben doch nicht einfach bedeutet, einer Tat die Strafe schablonenhaft und mit mathematischer Präzision auf dem Fuße folgen zu lassen. Sondern dass der Richter seine eigene Menschlichkeit einschließlich aller Schwächen, ja sogar einschließlich aller Schuld, die er selber trägt, bedenken soll, bevor er über andere urteilt.

Und an dieser Stelle kann ich Jesu Wort in der Tat nur verstehen, wenn ich darin eine Infragestellung, ja eine klare Ablehnung der Todesstrafe und damit auch dieses Mosegesetzes erblicke, zumindest für den Zusammenhang, um den es hier geht: Ehebruch – aber vermutlich noch weit darüber hinaus. Denn die Todesstrafe straft unwiderruflich, setzt einen Schlusspunkt, hinter den es kein Zurück mehr gibt. Jesus dagegen will Zukunft eröffnen – übrigens ganz im Einklang mit anderen Passagen des Alten Testaments, die gegenüber einem so harten Gesetz wie hier allzu leicht in den Hintergrund geraten: So fragt Gott zum Beispiel beim Propheten Ezechiel rhetorisch (18,23): „Habe ich etwa Gefallen am Tode des Gottlosen und nicht vielmehr daran, dass er sich von seinem Wandel bekehre und am Leben bleibe?“ Ganz in dieser Linie liegen Jesu Worte.

Wir werden hier Zeugen einer innerbiblischen Auseinandersetzung: auf der einen Seite das Gesetz, das aus guten Gründen versucht, Ordnungen wie hier konkret die Ordnung der Ehe zu bewahren, dabei jedoch in Gefahr gerät, Rechtsprechung mit Prinzipienreiterei zu verwechseln nach dem Motto der alten Lateiner: „Fiat justitia, pereat mundus!“ – zu deutsch: „Es komme die Gerechtigkeit, auch wenn darüber die Welt zugrunde geht!“ Auf der anderen Seite die Vergebung, die Zukunft eröffnen will, wobei sie natürlich in die Gefahr kommen kann, die Sünde nicht ernst zu nehmen.

Jesus entscheidet sich in dieser Auseinandersetzung für die letztere der beiden Alternativen. Dabei kann er die dabei gegebene Gefahr nicht ausschließen, aber er weiß zumindest darum: denn nachdem er der Frau zugesichert hat, auch er habe an ihrer Verdammung kein Interesse, fügt er immerhin noch ein Sätzchen hinzu: „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“ Also nicht etwa: „Es war auch wirklich nicht so schlimm, was du da getan hast!“ Nein, Jesus redet das Verschulden der Frau nicht etwa klein! Vielmehr appelliert er an sie, sich künftig anders zu verhalten.

Nun könnten wir etwas spitzfindig nach den ersten beiden Predigten der Reihe fragen: Ist die Frau überhaupt in der Lage, der Sünde künftig wirklich zu entgehen? Wird die Sünde sie nicht immer wieder einholen? Vor allem: gesetzt den Fall, die Frau wird gewissermaßen „rückfällig“ – wird dann die Vergebung möglicherweise hinfällig? Kommt es dann doch noch zur hier gerade noch einmal abgewendeten Verdammung?

Liebe Gemeinde: beides wird von Jesus nicht gesagt und andererseits auch nicht bestritten. Solche Fragen sind nicht sein Thema. Denn wer so fragt, denkt wiederum nur in der quasi-mathematischen Logik, die die Pharisäer und Schriftgelehrten jedenfalls zu Anfang der Geschichte vorexerziert haben. Jesus nimmt dagegen eine völlig andere Perspektive ein. Sein unausgesprochener Grundsatz, seine Zielvorstellung lautet: diese Frau soll Zukunft haben, und zwar eine Zukunft, die besser ist als die Vergangenheit, aus der sie herkommt. Wie bringe ich sie da hin, dass sie zu einer solchen Zukunft findet? Dieses Ziel kann er nur erreichen, indem er die Frau annimmt, statt sie zu verdammen, und indem er ihr dann allerdings auch einen Appell mitgibt im Hinblick auf ihre künftige Lebensführung.

Was machen wir nun unter den Bedingungen unseres Lebens mit dieser Geschichte? Ich entnehme ihr die Aufforderung: prüfe dich selber gut, ehe du andere Menschen beurteilst oder gar verurteilst. Ob die Konsequenz dann immer die ist, dass ich stumm weggehe wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, sei noch dahingestellt. Noch einmal: in unserer Welt wird es ohne Beurteilen und leider auch immer wieder Verurteilen nicht gehen. Aber ich entnehme der Geschichte weiter: hinter solchem Beurteilen und Verurteilen darf nicht die Motivation stehen, einem Menschen sein Leben zu nehmen. Unbeschadet  der großen Unterschiede zwischen uns im Hinblick auf unsere guten und schlechten Taten meine ich: soviel Solidarität und sogar Respekt unter uns sündigen Menschen sollte schon herrschen, dass wir uns nicht das Leben als solches streitig machen wollen.

Schließlich können und sollen wir uns ja auch in die Rolle der Frau versetzen: sie erlebt hier einen Jesus, der sie annimmt, ohne sie auf ihre Vergangenheit festzulegen, der ihr vielmehr die Möglichkeit verschafft, neu anzufangen. Dann jedoch entlässt er sie in ihre eigene Verantwortung. In beidem, in der Annahme wie in dem Appell, kann sie sich als Mensch gewürdigt finden.

Liebe Gemeinde, ich habe diese Geschichte in meine Predigtreihe zum Thema „Sünde“ hineingenommen, weil uns hier so deutlich wie sonst kaum irgendwo dieser Ruf zur Prüfung unserer selbst begegnet, verbunden mit dem, was das Handeln Jesu grundsätzlich kennzeichnet: er nimmt uns Menschen so, wie wir sind, auch mit der Sünde, die wir begehen, aber er lässt uns um unsretwillen nicht so, wie wir sind. Diese Sünde, die wir tun und die uns zugleich im Griff hat – sie ist ihm nicht gleichgültig, eben weil wir ihm nicht gleichgültig sind. Und so hören wir von Jesus hier sowohl einen grenzenlosen Zuspruch als auch einen ebenso grenzenlosen Anspruch. Ich meine: für beides haben wir allen Anlass, grenzenlos dankbar zu sein. Amen.

Predigt-Archiv

In unserem Archiv haben wir über 500 Predigten aufbewahrt. Alle Predigten wurden in den Predigtstätten der Kottenforstgemeinde von unseren Pfarrern, Vikaren und Gastpredigern in den Jahren  2003 bis 2016 gehalten. Die Predigten eines Jahres sind in jeweils in einer pdf-Datei zusammengefasst, die nach Stichworten durchsucht werden kann.