Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 2 der Predigtreihe „Sünde“

 

 

 „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde; denn ich erkenne meine Missetat, und meiner Sünde ist immer vor mir. An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan, auf dass du recht behaltest in deinen Worten und rein dastehst, wenn du richtest.

Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen. Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt, und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.

Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich schneeweiß werde. Lass mich hören Freude und Wonne, dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast. Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden, und tilge alle meine Missetat.

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.“


Liebe Gemeinde,
was für ein Gebet! So intensiv, so persönlich, so ganz ohne Netz und doppelten Boden – und doch zugleich auch: so fremd für uns, so irritierend und so gar nicht passend zu dem, was unsereiner hier und heute zu beten pflegt!

Von Sünde ist die Rede, von Missetat, und dann von einem Sühnegeschehen, das einer großen Reinigung gleichkommt. So pflegen wir heute nicht mehr zu beten. Bei uns geht es um einiges weniger spektakulär zu, weniger massiv. Allein diese Grundhaltung des Beters dürfte uns kaum noch bestimmen: wie er sich da so stark selber geißelt und an den Pranger stellt. Und wie er Gott so inständig um seine eigene Erneuerung anfleht. Wir beklagen in unseren Gebeten eher allgemeine Missstände und weniger unsere eigenen Missetaten. Wir bitten Gott, er möge das Leid wenden, aber wir benennen kaum mehr uns selber als verantwortlich dafür, dass so viel auf Erden gelitten wird.

Und der Gipfel der Reserve unsererseits gegenüber diesem Psalm dürfte da erreicht sein, wo der Beter meint feststellen zu müssen: „Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünde empfangen.“ In der Tat, dieser Vers 7 des Psalms 51 hat es in sich; er hat eine Wirkungsgeschichte nach sich gezogen, die sicher zum Schwierigsten und auch zum Problematischsten gehört, was in Kirche und Theologie jemals gelehrt worden ist.

„Als Sünder geboren – von meiner Mutter in Sünden empfangen“ – hier liegt das begründet, was später die Lehre von der „Erbsünde“ genannt wurde, eine Lehre, die der Rede von der Sünde überhaupt sozusagen die Krone aufsetzt. Denn hier wird ja letzten Ende nichts Anderes gesagt als dies: Sünde ist nicht nur das, was ich hier und da falsch mache; sie ist nicht nur die sich von Fall zu Fall ereignende Übertretung der Gebote Gottes. Sondern sie ist viel mehr: sie ist eine Macht, die mich so prägt, wie mein Erbgut mich prägt, also wie das mich prägt, was mir die Gene meiner Mutter und meines Vaters mit in die Wiege gelegt haben.

Und diese Vorstellung hat dramatische Konsequenzen: denn mit alledem bin ich ja auf einmal gar nicht mehr frei zu entscheiden, ob ich nun Sünden begehe oder vermeide. Ich begehe sie mit derselben Zwangsläufigkeit, wie ich die Gesichtszüge meiner Mutter trage oder in gewissen Reaktionen die Abstammung von meinem Vater einfach nicht verbergen kann.

Aber daran schließt sich natürlich sofort die nächste und alles entscheidende Frage an: ja wenn das denn tatsächlich so sein sollte, dass ich die Veranlagung zur Sünde gleichsam geerbt habe – wie kann man mich dann überhaupt noch für meine Sünden bestrafen wollen? Ich bin dann doch eigentlich gar nicht mehr wirklich dafür verantwortlich! Ich habe doch gar keine Freiheit, mich für sie oder gegen sie zu entscheiden, ebenso wenig wie ich mich für meine Gesichtszüge oder meinen Charakter entscheide! Was ich auf diese Weise erbe, haftet mir unwiderruflich an! Es ist ein Erbe, das ich gerade nicht ausschlagen kann! Sondern das ich an mir trage, das ich dann bestenfalls annehmen und mit dem ich irgendwie leben muss!

Um das Dilemma auf den Punkt zu bringen: entweder ich bin frei in meinen Entscheidungen – dann mag ich mit Recht auch Strafe zu fürchten haben, aber dann kann es keine „Erbsünde“ geben! Oder aber es gibt sie – dann jedoch kann man mich für meine Verfehlungen nicht zur Verantwortung ziehen!

Der Psalm jedoch scheint diese logisch doch eigentlich so klare Alternative nicht mitzumachen, denn da heißt es eben auf der einen Seite: „Siehe, ich bin als Sünder geboren“, und auf der anderen Seite heißt es aber auch: „Du (Gott) behältst recht in deinen Worten und stehst rein da, wenn du richtest (das heißt: wenn du mich für meine Verfehlungen zur Rechenschaft ziehst)!“

Und zu allem Überfluss ging dann noch ein so berühmter Theologe wie der Kirchenvater Augustin hin und machte aufgrund dieses Verses 7 den Ursprung der Sünde im Geschlechtsverkehr fest, so als würde dabei und dadurch das Böse von Generation zu Generation weitergegeben. Diese Lehre Augustins hat erheblich dazu beigetragen, dass Sexualität in der Kirche lange hin als etwas Schmutziges galt – irgendwo zwar leider notwendig zur Fortpflanzung der menschlichen Rasse, aber doch bitte nichts, was am Ende noch Spaß machen und als gute Schöpfungsgabe Gottes die Menschen erfreuen könnte!

Nun sind wir über diese Zeit und Anschauung inzwischen hoffentlich hinaus und können feststellen: Nichts im Psalm rechtfertigt die Meinung, der Geschlechtsverkehr sei das eigentlich Schmutzige und die Sünde „Transportierende“. Aber es bleiben auch so noch mehr als genug Probleme:

Zunächst: stimmt das denn überhaupt, wenn der Psalm die menschliche Natur so grundsätzlich als der Sünde unterworfen kennzeichnet? Kennt nicht jeder von uns Menschen, die genau das nicht ausstrahlen, die vielmehr ganz im Gegenteil nichts als Wohltäter auf Erden sind?

Und zum Zweiten: „in Sünden geboren“ – das hieße ja: schon die Neugeborenen wären mit einem solchen Makel behaftet, der ihre gesamte Existenz wie mit einem negativen Stempel versehen erscheinen ließe! Ist diese Vorstellung nicht einigermaßen absurd? Ist es das, was wir jungen stolzen Eltern im Hinblick auf ihr Kind als Botschaft mit auf den Weg geben wollen?

Wie gehen wir nun mit alledem um? Offen gefragt: Legt es sich uns als aufgeklärten modernen Zeitgenossen zu Beginn des 3. Jahrtausends nach Christus nicht wirklich nahe, solche dogmatischen Zöpfe endlich abzuschneiden und ein Menschenbild zu vertreten, demzufolge unsereiner wirklich als frei und damit allerdings auch in Gänze als verantwortlich zu gelten hat für das, was er tut und lässt?

An dieser Stelle freilich bin ich mit allem Nachdruck der Meinung: Vorsicht! Erheben wir uns nicht zu schnell über das, was da vor Jahrhunderten und Jahrtausenden formuliert worden ist! Mit der menschlichen Freiheit zum Guten und zum Bösen ist das ja nun wirklich gar nicht so einfach und selbstverständlich. Denken wir zunächst an etwas relativ Harmloses: an unsere „guten Vorsätze“, die wir immer wieder zu fassen pflegen, besonders zum Jahreswechsel. Warum müssen wir die denn jedes Jahr neu fassen? Wenn sie wirklich ernst gemeint sind, dann müsste doch einmal genügen, oder? Jedenfalls sofern wir wirklich die Freiheit zum Guten und zum Bösen haben! Dann ist gar nicht einzusehen, weshalb wir ständig sozusagen „rückfällig“ werden und einfach nicht imstande sind durchzuhalten, was wir uns doch so ernsthaft vorgenommen haben! Oder sollte es am Ende mit dieser Freiheit doch gar nicht so weit her sein?

Unser optimistisches Bild von uns selbst wird noch brüchiger, wenn wir an die wirklich ernsten Dinge im Leben denken: aus dem juristischen Bereich, der ja von Berufs wegen mit der Übertretung von Geboten beschäftigt ist, wissen wir: mit der Freiheit des Menschen zum Guten und zum Bösen ist es gar keine so klare Angelegenheit: da handelt mancher Verbrecher „im Affekt“, wie das dann heißt, oder er ist aufgrund seiner Herkunft, seiner Erziehung oder seines Lebensschicksals gar nicht voll schuldfähig und erhält die berühmten „mildernden Umstände“, die seine Strafe maßgeblich verringern oder verändern. Nun mag man streiten, ob solche mildernden Umstände zu häufig geltend gemacht werden – aber wollte jemand wirklich ernsthaft bestreiten, dass es sie in der Rechtsprechung grundsätzlich geben muss?

Ich denke, es liegt eindeutig auf der Hand: die Freiheit zum Guten und zum Bösen ist zunächst etwas sehr Abstraktes; am Ende kommt es immer auf die konkrete Situation an, in der jemand steckt und aus der heraus er handelt. In den seltensten Fällen sind wir wirklich Herr der Lage; meistens spielen viele ganz verschiedene Faktoren eine Rolle, die unsere Entscheidungen so oder so ausfallen lassen. Und man kann nun tiefsinnig darüber werden, wie hoch der Anteil der echten freien Entscheidung ist, die wir dabei fällen. Ich meine jedenfalls im Hinblick auf die wirklich wichtigen Entscheidungen, die ich in meinem Leben bisher zu fällen hatte: ich sollte diesen Anteil nun wirklich nicht überschätzen.

Aber nun lauert gerade an diesem Punkt die nächste Gefahr: wo die persönliche Freiheit der Entscheidung zum Guten und zum Bösen so stark infrage gestellt erscheint, da scheint es auch mit unserer Verantwortung für unsere Taten nicht mehr weit her zu sein. Mildernde Umstände wirken eben strafmildernd, und nicht selten führen sie sogar zum Freispruch! Sollte das nun auch vor Gott im Hinblick auf unsere Sünden gelten, dass es da nach dem Motto zuginge: wir können ja letztlich nichts dafür, also kann uns auch niemand für irgendetwas zur Rechenschaft ziehen!?

Diese Konsequenz zieht der Psalm nun gerade nicht – ebenso wenig, wie das für ein menschliches Gericht infrage käme! „Du, Gott, stehst gerecht da, wenn du richtest!“, bekennt der Psalmbeter, und ich stelle ihn mir an dieser Stelle zutiefst bewegt, ja verzweifelt vor! Die Sünde ist für ihn zwar eine Macht, die ihn gefangen zu nehmen droht, aber zugleich ist und bleibt er das handelnde Subjekt, das alle Verantwortung für seine Taten trägt!

Liebe Gemeinde, der Widerspruch, mit dem wir hier konfrontiert werden, ist und bleibt ärgerlich, weil er eben nicht logisch befriedigend aufgelöst werden kann. Umso beeindruckender finde ich es, dass er in der Bibel zum Ausdruck kommt. Denn gerade in diesem Widerspruch spiegelt sich eine tiefe menschliche Erfahrung. Eine Erfahrung, die wir heute ebenso machen können wie die Menschen damals: wir werden schuldig aneinander, immer wieder, und das, obwohl wir uns in der Regel sicherlich Mühe geben, genau das zu vermeiden. Aber immer wieder stellen sich da gewisse Reflexe ein, die uns wider besseres Wissen handeln lassen: der Reflex, selbst nicht zu kurz kommen zu wollen, der Reflex des Neides auf andere, der Reflex der Eitelkeit, die nur das Ihre sucht, und Ähnliches mehr. Und schon ertappen wir uns bei einem Handeln, das wir selber im Grunde doch ablehnen würden! (Wenn wir in zwei Wochen über den Bibeltext des Paulus aus Römer 7 nachdenken, werden wir dieses Phänomen noch genauer unter die Lupe nehmen!)

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch die Erfahrung: ich muss gerade stehen für das, was ich getan oder gelassen habe. Ich kann mich nicht rausreden mit Hinweis auf die Macht der Sünde, die mir gar keine Chance ließ, anders zu handeln, als ich gehandelt habe. Ja es macht nicht zuletzt dies die menschliche Würde aus, dass unsereiner verantwortlich ist für das, was er tut oder lässt, anders als ein Tier, das seinen Instinkten folgt und deshalb auch nicht vor Gericht gestellt werden kann!

So stehen in unserem Psalm 51 beide Erfahrungen in all ihrer Widersprüchlichkeit nebeneinander. Aber es ist nun doch noch interessant, wie sie das tun: nämlich in Form eines Bekenntnisses. Der Beter hat nicht etwa eine Abhandlung über die Zerrissenheit der menschlichen Natur verfasst, sondern er spricht von sich selber in der ersten Person. Wie weit das, was er da schreibt, verallgemeinert werden darf, kann dabei offen bleiben. Immerhin ist sein Gebet, sein Bekenntnis, Anlass für uns, zu fragen, ob wir nicht auch von uns Ähnliches sagen könnten oder gar müssten. Ich für meinen Teil würde diese Frage nachdrücklich bejahen! Deshalb bin ich froh, dass mir hier jemand sozusagen eine „Sprachhilfe“ gibt, um meine eigenen Erfahrungen in dieser Sache in Worte zu fassen! Und wer weiß: vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich?!

Soviel jedenfalls ist deutlich – und hier können wir nahtlos an die Geschichte des sogenannten „Sündenfalls“ vom ersten Teil unserer Predigtreihe anknüpfen: „Sünde“, das ist nicht etwas, das ich mal so eben tun oder auch lassen kann! Sie ist vielmehr wie eine Droge: wer einmal daran schnuppert, riskiert, dass sie Besitz von ihm ergreift und dass er sich darin heillos verstrickt. Haben Sie bemerkt, dass in der Bibel häufig gar nicht von „den“ Sünden im Plural als von den vielen Verfehlungen die Rede ist, sondern meist und im letzten entscheidenden Sinne von „der“ Sünde im Singular? Sie erscheint fast personifiziert; solch eine Macht, solch ein Sog geht von ihr aus!

Und weil das so ist, darum ist es der Sünde gegenüber auch nicht mit naiven Appellen getan nach dem Motto: nun lass es doch einfach bleiben! Sondern nur das ist angemessen, was der Psalmbeter hier bittet: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach Deiner großen Barmherzigkeit!“ Und nachher: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gibt mir einen neuen, beständigen Geist...!“
Nicht dass der Beter damit der Übernahme seiner eigenen Verantwortung entgehen wollte! Aber er stellt sie in einen Horizont, ohne den er mit all dem, was ihn da so belastet, gleichsam erdrückt, zum Scheitern verurteilt wäre!

Und letzten Endes ist der Psalm, der ja nun soviel Not, ja geradezu Ausweglosigkeit zur Sprache bringt, an dieser Stelle geradezu tröstlich: in aller Zerrissenheit zwischen Erbsünde und Verantwortung, ja mit alledem richtet sich der Beter nirgendwo anders hin als an Gott selber, von dem er Hilfe und Zuwendung erhofft. Sollte uns unsere Zerrissenheit genauso zu schaffen machen, dann wäre uns nur zu wünschen, dass wir uns an dieselbe Adresse wenden! Denn von Gott her und mit dem Vertrauen auf ihn werden solche Zerrissenheiten und Widersprüche zwar sicher nicht im Handumdrehen beseitigt, aber wir können lernen, getrost, getröstet mit ihnen zu leben! Vielleicht können wir gar nicht weiter kommen als bis hierher. Aber das wäre bereits sehr viel! Amen.