Evangelische Kirchengemeinde am Kottenforst

Teil 1 der Predigtreihe „Sünde“

 

 

Liebe Gemeinde!
„Weder verstaubt noch hochnotpeinlich: „Sünde“ – eine Grundvokabel der Bibel“. So habe ich meine diesjährige Predigtreihe überschrieben. Ich lade Sie ein, sich gemeinsam mit mir mit einem Wort zu befassen, das sicherlich zu den schillerndsten und zugleich schwierigsten Wörtern der Bibel und des Glaubens gehört.

Dieses Wort kommt bei uns ja wirklich fast ausschließlich entweder als „verstaubt“ oder als „hochnotpeinlich“ vor. Ja es gibt dieses Wort in unserer Alltagssprache so gut wie nur noch in allen möglichen und unmöglichen Verzerrungen: da erweist sich der eine als „Parksünder“, während ein anderer mit reichlich Übergewicht an der Kuchentheke seine Sünde begeht. So Mancher erzählt von seinen „Jugendsünden“, mehr mit Stolz als etwa mit wirklicher Reue. Fast wehmütig trauert er ihnen hinterher, statt sie etwa zu bedauern. Zarah Leander fragte vorzeiten mit erotisch-sonorem Bariton: „Kann denn Liebe Sünde sein?“, während gewisse Karnevalisten in eher dümmlich-alkoholisiertem Ton längst wissen: „Wir sind alle kleine Sünderlein, ’s war immer so, ’s war immer so!“ Und dabei fühlen sie sich offensichtlich pudelwohl.

Doch es gibt auch die ernster gemeinten Varianten: Klassisch ist das Motiv der Sünde in Form von Sex – vor der Ehe, außerhalb der Ehe; moderner ist die Rede vom „Ökosünder“, der als Autofahrer oder wie auch immer seine Umwelt schädigt.

Eines freilich haben alle diese Arten und Weisen, von der Sünde zu sprechen, gemeinsam: stets geht es um eine Verfehlung, die ich nicht nur gegenüber einem Menschen begehe, der dadurch geschädigt wird, sondern es ist dabei immer auch eine weitere, eine dritte Instanz mitgedacht, die mich bei meiner Verfehlung beobachtet und von der ich in irgendeiner Form Strafe zu erwarten habe. So hat das Wort einen hochmoralischen Klang – und ausgerechnet auf diese Weise kommt Gott mit ins Spiel.

Aber gerade deshalb finde ich ein Weiteres interessant: so moralisch aufgeladen dieses Wort „Sünde“ auch sein mag: wirklich bedeutungsschwer ist es eben nicht! Nach dem 11. September 2001 hat bei uns meiner Erinnerung nach keine Zeitung, kein Fernsehbericht dieses Wort benutzt, um gerade damit das furchtbare Geschehen zu betiteln. Da war dann die Rede von einer „abgrundtief verwerflichen Tat“, vom „unfassbar Bösen“, nicht jedoch von der Sünde. Wo es wirklich ernst wird, sprechen ausschließlich die besonders frommen Kreise von „Sünde“ – , das klingt dann jedoch ziemlich zwanghaft, und wahrscheinlich hat das Wort dann gerade deshalb für die Alltagssprache ausgedient.

Das jedoch finde ich schade, ja richtig fatal. Denn in der Bibel ist „Sünde“ nicht ohne Grund ein ganz zentrales Wort. Wo wir es nur noch als Karikatur kennen – sei es in der moralisch-zwanghaften oder in der lächerlich-verniedlichenden Form –, da entgeht uns Entscheidendes, was unser Glaube zu den elementaren Vorgängen zwischen Gott, Mensch und Welt zu sagen hat. Und ich will mich bemühen, in dieser Predigtreihe davon etwas wiederzugewinnen.

Lassen Sie uns heute auf den biblischen Text hören, der als Geschichte vom „Sündenfall“ berühmt wurde – und das, obwohl gerade in dieser Geschichte das Wort „Sünde“ gar nicht vorkommt! Es ist das Kapitel 1. Mose 3:

Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: „Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ Da sprach das Weib zu der Schlange: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rührt sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!“ Da sprach die Schlange zum Weibe: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“

Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

Und sie hörten Gott, den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühle geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes, des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: „Wo bist du?“ Und er sprach: „Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?“ Da sprach Adam: „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“ Da sprach Gott der HERR zum Weibe: „Warum hast du das getan?“ Das Weib sprach: „Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.“

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: „Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren aus dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“

Und zum Weibe sprach er: „Ich will dir Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.“

Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“

Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Und Gott der HERR sprach: „Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!“

Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Liebe Gemeinde, es scheint, als erzähle diese Geschichte eine Begebenheit aus grauer Vorzeit. Doch das stimmt nicht. Gerade diese ersten Kapitel der Bibel erzählen nicht, was damals war, sondern was heute ist. Die „Urgeschichte“ erzählt, was ganz ursprünglich zum Leben dazugehört. Und das ist zuhöchst ernüchternd: wir leben wahrlich „jenseits von Eden“, unter Bedingungen des Leides, des Schmerzes, des immer neuen Kampfes um unser Überleben. In unserer westlichen Welt mag das ein wenig aus dem Blick geraten sein. Der Kampf mag heute anders aussehen als damals. Aber alles, was der Text sagt, gilt im Grunde nach wie vor: unser Verhältnis zur Tierwelt ist schwer gestört – heute fast immer zu Lasten der Tiere! Weiter: zum Leben bedarf es der Arbeit, und die wird von uns häufig nicht weniger mühselig empfunden als von Menschen anderswo oder zu anderen Zeiten. Sodann: das Kinderkriegen ist nach wie vor ein äußerst schmerzhafter Akt; darüber können auch die Erleichterungen der modernen Medizin nicht hinwegtäuschen. Schließlich: die im Text beschriebene Spannung zwischen Mann und Frau – wer von uns kennte sie nicht aus dem eigenen Erleben? Ja auch die Scham, die Sorge davor, „nackt“ dazustehen, im wörtlichen oder auch im übertragenen Sinne – auch das ist uns nicht unbekannt, FKK hin oder her. Und wenn sich auch Vieles im Detail heute anders darstellt als zu der Zeit, in der unser Text entstand: auch wir werden eines Tages wieder zu der Erde, „von der wir genommen sind“, wie es hier heißt.

Aber nun formuliert der Text nicht nur, was heute ist. Nein, er maßt sich an zu wissen: eigentlich hatte es anders sein sollen. Ja es „war“ auch einmal anders. Sicher nicht im Sinne eines Zeitpunktes. Aber in dem Sinne, dass es zwischen Menschen, Tieren und Gott „einmal“ eine Situation gab, die nicht durch Spannung, sondern durch komplette Harmonie gekennzeichnet war. Adam und Eva im Paradies, gänzlich ungetrübt, in voller Gemeinschaft mit den Tieren und auch mit Gott.

Was ist es nun, das diese Harmonie zerstört hat? – Hier sind wir bei dem, was die Bibel „Sünde“ nennt: ein einziges Gebot hatte Gott den ersten Menschen gegeben, und genau das übertreten sie. Und fortan ist nichts mehr, wie es anfangs war. Alles hat sich geändert, wirklich alles, durch das Essen der berühmten verbotenen Frucht! – Was soll das? Warum diese gar nicht radikal genug vorstellbaren Konsequenzen im Anschluss an diese Lappalie?

Hier, liebe Gemeinde, sind wir am entscheidenden Punkt angekommen. Nicht wahr: die Szenerie ist doch wirklich geradezu provozierend harmlos: Eva lässt sich von der Schlange zum Essen einer Frucht verführen! Na denn! Ist das jetzt so schlimm? Das soll der große „Sündenfall“ sein, der den Verlust des Paradieses nach sich zieht? Wäre da nicht – sagen wir: so ein richtig brutaler Mord überzeugender? – Nun, der erste Mord kommt gleich ein Kapitel später, wo Kain seinen Bruder Abel umbringt. Aber der „Sündenfall“ mit dem Hinauswurf aus dem Garten Eden passiert eben doch schon hier, und Auslöser dafür ist tatsächlich nichts Anderes als das Essen dieser Frucht.

Das Ganze erscheint noch weniger gravierend, wenn wir bedenken: Eva hat sich diese Übertretung des Gebotes ja nicht selber ausgedacht. Nein, die Schlange hat ihr in all ihrer Boshaftigkeit diesen Floh ins Ohr gesetzt, der sie an Gottes Gebot zweifeln ließ. Wenn schon eine Schuldzuweisung, so müsste die Adam und Eva gegenüber doch denkbar gering ausfallen! Eine Bagatelle, nun in der Tat nach dem Motto: „Wir sind alle kleine Sünderlein!“ – oder?

Nun, liebe Gemeinde, was wir hier geschrieben vorfinden, ist beileibe keine Panne, kein Regiefehler, sondern volle Absicht. Weil sich gerade in der Harmlosigkeit dieses Vorgangs in 1. Mose 3 bereits genau das zeigt, was dann später noch viel schlimmere „Blüten“ getrieben hat: unsere Meinung, Gott habe uns etwas vorenthalten, das wir uns nun selber beschaffen müssten; unser Bestreben, es besser wissen zu wollen als Gott selber; und aus alledem resultierend: unsere Bereitschaft, Gottes Gebot zu übertreten. Das einzige Gebot, das er Adam und Eva gegeben hat! Und das zu übertreten es nicht den geringsten Anlass gab! Sie hatten ja genug zu essen, ach was: mehr als genug: ein Schlaraffenland umgab die beiden!

Doch das scheint irgendwie ganz tief in unsereinem drin zu sitzen: da können wir sorglos irgendwo existieren, mit tausend Freiheiten. Aber das eine Verbotene ist es, das einen unstillbaren Hunger in uns erzeugt, einen Reiz, den wir nicht unterdrücken können. Ganze Quadratkilometer herrlich grüne Wiese werden langweilig, wenn darin vielleicht ein Quadratmeter Rasen liegt mit dem Schild: „Betreten verboten!“ Die Sündenfallgeschichte hält uns den Spiegel vor: wir Menschen ertragen es nicht, irgendeine Grenze gesetzt zu bekommen. Für uns muss es ständig „schneller, höher, weiter“ gehen. Zum Mond, ja inzwischen zum Mars wollen wir ebenso, wie wir das Bruttosozialprodukt steigern wollen. Weltrekorde sind dazu da, überboten zu werden. Das Guinness-Buch der Rekorde wartet, kaum dass es erschienen ist, immer schon auf seine nächste Auflage. Nach dem Spiel ist bekanntlich vor dem Spiel, und kaum dass die Nobelpreise 2005 vergeben sind, beginnen die Spekulationen, wer sie wohl 2006 bekommen mag. Summa summarum: eine stets selbstgenügsame Menschheit ist schlicht nicht vorstellbar.

Und nun ist das ja ein echtes Dilemma: denn es wäre unserer Welt ja auch nicht damit gedient, wenn wir einfach selbstgenügsam dasäßen. Und zwar gerade deshalb, weil wir eben nicht mehr im Paradies leben!! Dort ist es tatsächlich nicht nötig, gut und böse zu unterscheiden, weil es gar kein Böses gibt! Aber diese naive Existenz jenseits von gut und böse ist eben nicht die unsrige! Wir sind ständig gefordert, zu entscheiden, was gut und was böse ist. Ja sogar Gottes Gebote sind unter den Bedingungen unseres Lebens gar nicht so einfach: nehmen wir z.B. das vielleicht grundlegendste Gebot des menschlichen Zusammenlebens: „Du sollst nicht töten!“ Das klingt ja ganz eindeutig. Aber wie steht es denn mit einem Recht auf Notwehr? Wie mit polizeilicher oder im Extremfall militärischer Gewalt? Da wird es ganz schön schwierig! Ständig müssen wir entscheiden!

Auf der anderen Seite: sehnen wir uns eigentlich wirklich „zurück“ ins Paradies? Irgendwie wirkt diese naive Harmonie im Schlaraffenland doch auch – mit Verlaub: langweilig, oder? Und so nimmt es auch nicht Wunder, dass unser Kapitel 1. Mose 3 immer wieder auch ganz anders interpretiert wurde, als ich es bisher getan habe: da ist der „Sündenfall“ das Ereignis der menschlichen Reifung, vom fremdbestimmten Kind hin zum autonomen Erwachsenen! In den Epochen der Menschheitsgeschichte, die von Fortschrittsglauben und Optimismus gekennzeichnet waren, hat diese Interpretation große Bedeutung gehabt.

Nun denke ich: das sehen wir heute wieder anders. Ernüchterung hat sich breitgemacht. Wir haben erlebt und erleben es immer stärker, wie sehr jeder sogenannte „Fortschritt“ flankiert wird durch „Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen“, die das Ganze höchst zweifelhaft erscheinen lassen. Wir nehmen in unserer Zeit wieder viel deutlicher wahr, dass wir tatsächlich in einer Welt leben, die durch und durch vom Bösen bedroht ist. So dass wir unsere menschliche Existenz empfinden als ein Dilemma: einerseits tatsächlich frei und fähig zur Unterscheidung von Gut und Böse, andererseits immer zugleich verstrickt in das Böse, das wir einfach nicht loswerden, ja dem wir immer wieder anheimfallen. Und das ist beides in seinem widersprüchlichen Zusammenspiel für die biblische Vorstellung von „Sünde“ charakteristisch.

An diesem Punkt entlarven sich alle klischeehaften Verzerrungen dieses Reizwortes als oberflächlich: wir sind keine „kleinen Sünderlein“, denen gegenüber der Herrgott immer mal wieder großzügig ein Auge zudrückt. Wo „Sünde“ derart banal verstanden wird, da hat jemand noch überhaupt keine Ahnung, welche Macht von ihr ausgeht.

Und diese Ahnung fehlt ebenso dem Moralisten, der uns ständig aufruft, dieses zu tun und jenes zu lassen. Zum einen ist so jemand schon deshalb so abstoßend, weil er uns ja ständig den Eindruck vermittelt: ich stehe schon auf der richtigen Seite; nun sieh du also auch mal zu, dass du dahin gelangst! Zum anderen hat der Moralismus bekanntlich so etwas Miesmacherisches, scheint eine merkwürdige Freude daran zu entwickeln, jede Lebensfreude gerade zu unterdrücken. Um alles das geht es in 1. Mose 3 jedenfalls nicht. Dort geht es nicht um Moral, sondern um die Rahmenbedingungen unseres Lebens, die wir nicht mal so eben kraft unseres eigenen Willens verändern können! Als ob es unser eigener Entschluss wäre, uns aus der Zerrissenheit unserer Existenz mal so locker zu verabschieden!

Nein: 1. Mose 3 zeigt uns nüchtern und deutlich: wir leben nicht mehr im Paradies, und wir können und sollen es auch nicht wiederherzustellen versuchen. Wir brauchen aber auch nicht am verlorenen Paradies zu verzweifeln: immerhin wird nicht nur berichtet, dass Gott Adam und Eva aus dem Garten Eden verjagt, sondern es wird auch erzählt: er macht ihnen Felle, damit sie nicht länger nackt und das heißt: schutzlos dastehen. Und er weist ihnen ihren neuen Lebensraum an. Einen Lebensraum, bitte sehr!! Wo sie doch eigentlich die Todesstrafe hatten erleiden sollen! Nun, in gewissem Sinne haben sie die auch erlitten: sie haben ihre Idylle ein für alle Mal verloren. Aber Gott weist ihnen einen neuen Lebensraum an: die Erde, die sie bebauen sollen, die Familie, in der sie sich fortpflanzen werden. Sie haben tatsächlich die Fähigkeit gewonnen, Gut und Böse zu unterscheiden, und diese Fähigkeit werden sie künftig zum Überleben auch bitter nötig haben! All das ist mit Mühe verbunden, mit Schmerzen, aber es gewährt die Erhaltung des Lebens.

Und dann erlaube ich mir und uns noch einen kleinen Blick über den Tellerrand: die jüdisch-christliche Tradition hat die Erinnerung an das Paradies immer aufrechterhalten. Nicht als ein Ziel, das wir unter den Bedingungen unserer irdischen Existenz je erreichen könnten. Nein, die Sünde ist zu mächtig über uns, als dass wir dazu je imstande wären. Aber wir sollen doch zugleich die Hoffnung haben, dass nicht diese Sünde das letzte Wort über uns sprechen wird. Diese uns so tief beherrschende Macht, dieser unser Zwang, alle uns gesetzten Grenzen überschreiten zu sollen – er wird eines Tages überwunden werden. Der Garten Eden wird uns wieder beherbergen. Diese Hoffnung hat für uns Christen mit Jesus Christus zu tun, nach dem wir uns nennen. In einem bekannten Weihnachtslied singen wir alljährlich von dieser Hoffnung, und das werden wir auch am Ende dieses Gottesdienstes tun.

Und doch: noch leben wir unter den Bedingungen, die der Sündenfall entstehen ließ. Aber immerhin: wir leben! Gott hat uns nicht einfach preisgegeben. Ja er gibt uns Raum, Lebensraum, Entscheidungsräume. Mitten in dieser durch die Sünde beherrschten Welt dürfen wir weiterleben! Das ist kein leichtes Leben. Und es ist auch nicht der Gipfel dessen, was wir erhoffen dürfen. Aber es ist auch nicht wenig. Amen.