Liebe Gemeinde,
erwischen Sie sich selbst auch manchmal dabei, wie sie vor sich hin singen,
vielleicht bei der Hausarbeit, oder beim Duschen? Vielleicht wenn Sie zu Fuß unterwegs sind? Oder auf dem Marktplatz stehen? Wobei: Auf dem Marktplatz singt man eigentlich nicht so einfach? Das wäre ja zu seltsam, inmitten all der Menschen um einen herum, die da in aller Einkaufshektik um einen herumschwirren. Wobei, von dem Lied, das wir heute in unserer Predigt wegen der nachfolgenden Gemeindeversammlung nur kurz ein wenig näherbetrachten wollen, wird uns überliefert, dass die Magdeburger es auf dem Marktplatz öffentlich gesungen haben. Vielleicht war dies ja die eigentliche Geburtsstunde des „Flashmobs“, eine mehr oder wenige spontane künstlerische Inszenierung in einem banalen öffentlichen Raum. Auf Flugblättern hatte man dieses Lied 1524 unter die Leute gebracht, dies es dann nahmen und zu singen anfingen.
Aber warum gerade bitte dieses Lied? Vielleicht, weil es eine Sprache hatte, die die Menschen verstanden. Mag sein, denn Martin Luther war es wichtig, dass man bei der Dichtung von Psalmliedern nicht sklavisch an den Worten des Textes klebt, sondern den Sinn hervorhebt und mit der Sprache nah bei den Menschen ist.

So schreibt Martin Luther in einem Brief an Georg Spalatin, dem Beichtvater des Kurfürsten Friedrich: „Neue und modische Worte sähe ich gern vermieden;
denn um die Gemeinde zu gewinnen, muss man ganz schlichte und volkstümliche, doch zugleich saubere und geeignete Worte wählen, und der Sinn sollte klar und möglichst Psalm nah wiedergegeben sein. Deshalb muss man frei verfahren und den angenommenen Sinn ohne Rücksicht auf den Wortlaut
durch andere geeignete Worte übertragen.“

Für die Menschen damals, war die Sprache dieses Liedes eingängig, schlicht und volkstümlich, ebenso, dass sie Menschen erreicht. Wie ist das eigentlich mit unserer heutigen Musik? Ist es uns wichtig, dass wir mit ihr die Menschen erreichen oder dass sie qualitativ hochwertig ist? Ich erinnere mich an eine Gemeinde in den USA, die sich dazu entschloss, ich ihrer Kirche geistliche Gesänge zur Countrymusik zu machen, weil sie erkannt hatte, dass die meisten Menschen ihrer Gemeinde, diese Musik mehr mochten als alles andere.
Zu schlicht? Zu einfach? Manchmal bilden diese beiden Aspekte, die Menschen erreichen zu wollen und qualitativ hochwertige Musik zu machen nämlich Gegensätze und dann müssen wir wählen, ob wir die Schlichtheit von Liedern als Armut bezeichnen und sie belächeln oder ob wir ihnen auch Raum geben und uns freuen, wenn durch sie Menschen im Glauben angesprochen werden.
Aber kehren wir zurück zu unserem Lied. Warum haben die Menschen in Magdeburg damals dieses Lied angestimmt, noch dazu auf dem Markt?
Vielleicht hören wir noch einmal kurz hinein in dieses Lied, dass wir eben gesungen haben, und lassen es uns noch einmal zu singen.

Lied 1. +2. Strophe

Vielleicht hat man dieses Lied so gern und öffentlich gesungen, weil in ihm Martin Luther die Rechtfertigungslehre knapp und umfassend auf den Punkt bringt, ganz so wie es auch Paulus in der eben gehörten Stelle aus dem Römerbrief tut. Dieser Psalm, den Luther hier vertont, ist eigentlich ein Bußpsalm. Wir haben ihn eben zu Beginn des Gottesdienstes gebetet. Und wer Buße hört, dachte - zumindest damals – an Bußleistung, an den Kauf von Ablässen, an etwas, das man tun muss unter großer Furcht, um von Gott Vergebung zu erhalten. Vor diesem Hintergrund kommt das Bußlied Luthers ganz anders daher. Das wird schon an der Melodie deutlich. Die „tiefe Not“ findet ihren Ausdruck in der ersten Notenzeile, wenn die Melodie von einem H in einer Quinte hinunterfällt auf das tiefe E, dem tiefsten Ton des Liedes, um sich dann im wieder hoch zu schwingen hinauf zum D wie Deus, sprich zu dem Gott, an dessen Erbarmen alles liegt. Aber dieser Gedanke, dass vor Gott niemand „bleiben kann, wenn er das Unrecht ansieht“ – ein Gedanke, der Martin Luther ein paar Jahre zuvor noch verzweifeln ließ – hat melodisch betrachtet alles Bedrückende verloren. Die Achtelnoten zu Beginn jeder Zeile und inmitten der dritten Liedzeile, wirken tänzerisch beschwingt.
Der, der sich hier an den Gott wendet, vor dem man eigentlich vergehen müsste, hat alle Angst verloren. Wollten wir die weiteren Strophen mit kurzen Stichworten zusammen fassen, könnten wir sagen:

(2) Bei Gott gilt nur die Gnade, darum ist unser Tun umsonst.
(3) Weil dem so ist, hoffen wir allein auf Gott.
(4) Wenn also Nacht wird in unserem Leben, müssen wir nicht verzweifeln.
(5)Denn wo viel Sünde ist, ist von Gott her noch viel mehr Gnade.

Ein Bußlied ist es, aber keins das traurig daherkommt, sondern tröstlich beschwingt erklingt, nicht hektisch, sondern so, dass man über dieser trostreichen Botschaft beim Singen nachsinnen kann. Ach, wenn diese alten, langsam und doch leicht tanzenden schlichten Lieder uns wieder dazu führen würden, dass wir sie nachsummen, nachsingen und im Singen die Botschaft von der Liebe und Güte Gottes in unserem Leben Raum gewinnen würde. Es war gut, dass die Menschen diese trostreichen Klänge auf dem Marktplatz in Magdeburg anstimmten. Aber es würde schon ausreichen, wenn wir wieder wagen würden, den trostreichen Glaubensliedern eines Martin Luthers oder auch eines Paul Gerhardts wieder Platz in unserem Leben einzuräumen. Was machen wir denn, liebe Gemeinde, wenn uns das Leben in tiefe Nöte führt, wenn es Nacht wird um uns, wenn wir spüren, dass wir mit unserem Tun an unsere Grenzen kommen? Grübeln? Den Kopf zerbrechen? Entspannen? Oder zumindest versuchen zu entspannen? Ablenken? Das Singen von geistlichen Liedern wäre eine gute Medizin, ein altes Hausmittel sozusagen, das gegen Trübsinn wirkt und das die Sorgen vertreibt, weil es unseren Blick weitet, weil es unseren Blick weglenkt von uns weg von dem Kreisen um unsere Not, und hin auf Christus, den guten Hirten. Wären Sie Konfirmanden, würde ich ihnen am liebsten als Aufgabe geben, die dritte Strophe des Liedes zu lernen. Ach machen Sie’s doch einfach. Lernen Sie die Melodie zu summen, und lesen Sie den Text immer dann, wenn es Sie im Alltag nach unten zieht. Und wenn Sie dies machen, fangen Sie irgendwann an zu singen. Und wenn Sie diese Worte singen, werden sie in ihnen und um Sie herum klingen und schwingen, und dann werden diese Wortschwingungen ihre Seele bewegen, und dann können Sie diese Botschaft von der Güte Gottes auf einmal nicht nur hören, sondern vielleicht auch glauben, glauben, dass man auf Gott hoffen und seiner Güte vertrauen kann, und das diese Botschaft ein Trost ist, der einem hilft auszuharren. Und das kann manchmal das einzige sein, was man in der Tiefe tun kann: Ausharren und warten, bis Hilfe kommt.
Darum lassen Sie uns mit diesem Lernen gleich beginnen, indem wir die Strophen 3-5 singen, auf dass der Trost dieses Liedes zu unserem Trost werde.

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